00:00Der im Mai erschienene Rollenspieltitel Tainted Grail The Fall of Avalon ist wie ein Pfeil unseres
00:10Helden. Ihr seht ihn nicht kommen und dann lässt er euch nicht mehr los. Zumindest wenn ihr auf
00:16Rollenspiele wie bei Bethesda steht. Uns geht das schon seit dem Early Access Start vor zwei
00:21Jahren so, wo sich bereits abgezeichnet hatte, wie viel Spaß das Spiel macht und woher es
00:27seine Inspiration zieht. Aussehen, Spielgefühl, ja sogar das Schlösserknacken könnten so direkt
00:33aus Skyrim stammen. Über eine Dekade nach dessen Veröffentlichung ist das für die Grafik jetzt
00:40nicht unbedingt ein Kompliment, beim ganzen Rest aber schon. In Tainted Grail verspüren wir nämlich
00:46wieder genau diesen Sog, der uns tagelang am Bildschirm hält, um finstere Löcher zu erkunden,
00:51fachkundige Items herzustellen und fiese Gegner in Käse zu verwandeln. Aber keine Sorge, Tainted
01:00Grail streut den absurden Humor genau wie Bethesda in seinen Spielen nur als kleine Gags am Rande ein.
01:07Ansonsten geht es recht düster zu im Reich von Avalon. Die Welt baut auf einem gleichnamigen
01:13Brettspiel von 2019 auf und mischt die Arthussage und Folklore der britischen Inseln mit düsterer Fantasy,
01:21die ein wenig an Dark Souls erinnert. Im Kern geht es darum, den Niedergang von Avalon zu verhindern.
01:27Das wird von einer tödlichen Seuche, internen Machtkämpfen und einer unberechenbaren Urkraft,
01:33der sogenannten Wirtnis, bedroht, die die Menschen in den Wahnsinn treibt oder zu Monstern diffamiert.
01:40Wie in besten Bethesda-Tagen startet ihr das Abenteuer dann erstmal als Gefangener. Ihr seid
02:02nämlich mit dem roten Tod infiziert, gegen den die Priester des Inselspitals eine Heilung suchen und
02:09dabei ein wenig zu blutig für euren Geschmack vorgehen. Und hier eine kurze Warnung. Weil das
02:15für das Grundverständnis der Ausgangslage und sogar spielmechanisch relevant ist, spoilern wir
02:21jetzt gleich den rund 90-minütigen Prolog des Spiels. Wenn ihr davon gar nichts hören wollt,
02:26springt jetzt bitte zu Minute 3,16. Auf eurer etwas aus den Fugen geratenen Flucht lernt ihr dann
02:34auch ruckzuck euren künftigen Begleiter kennen, der sich noch im Prolog als ein Seelenfragment des
02:39vor 600 Jahren gestorbenen König Arthus herausstellt. Der hat einst die Menschen auf der Flucht vor der
02:46Plage aus ihren Heimatländern nach Avalon geführt und in einem langen Krieg gegen die feindseligen,
02:51dort lebenden Urwesen eine Zukunft erstritten. König Arthus bittet euch nun, seine Seele wieder
02:58zusammenzusetzen, um ihm eine Rückkehr nach Avalon zu ermöglichen und das dahin siegende Königreich
03:04zu retten. In dem greift nicht nur die aus den Heimatländern mitgebrachte Plage um sich,
03:09auch die von Merlin aufgestellten Menhere versagen zusehends darin, die Wirdnis zurückzutreiben.
03:15Die ganze Gemengelage ist noch deutlich vielschichtiger als das, aber wir wollen euch hier auch nicht zu
03:22viel verraten. Denn die Story ist, ganz im Gegensatz zum großen Skyrim, wirklich hervorragend und
03:28trägt das Spiel über die gesamte Spielzeit, die sich je nach Spielweise so zwischen 30 und 60 Stunden bewegt.
03:52Allein schon deswegen empfehlen wir Tainted Grail, völlig unabhängig von den Kritikpunkten,
04:03von denen es durchaus ein paar gibt. Ein weiterer guter Grund für die Empfehlung ist das aus Skyrim
04:09bekannte süchtig machende Gameplay. Das gewinnt zwar keinen Innovationspreis, motiviert uns aber wieder
04:16die Welt zu erkunden, entliegende Winkel abzugrasen und auch noch den grünen Apfel vom Teller des
04:22Gefängniswärters zu mobsen. Dieses grundsolide Gameplay teilt Tainted Grail auf drei große Gebiete
04:28auf. Allzu viel Überschneidung zwischen diesen Open-World-Blasen gibt es nicht, hin und wieder
04:35schickt euch eine Quest aber auch mal zurück in ein vorheriges Gebiet. Und apropos Quests, die NPCs in
04:42diesem Spiel haben ziemlich großen Gesprächsbedarf und das obwohl die alle voll vertont sind. Das
04:49allerdings nur auf Englisch, stellt ihr auf Deutsch bekommt ihr lediglich zusätzliche Untertitel.
04:54Vom Missionsdesign her haben die Aufgaben allerdings eher wenig zu bieten und sind genau wie die Grafik
05:01auf dem Stand von 2011 stehen geblieben. Eine Dynamik, wie ihr sie vielleicht aus Spielen wie The
05:06Witcher 3 kennt, fehlt hier. Questgeber schicken euch los und warten dann stur auf
05:12eure Rückkehr. Kaum jemand wechselt hier mal seine Position oder verändert seinen Zustand.
05:17Das gilt so auch für die Spielwelt, in der sich nichts nachhaltig verändert. Eliminiert ihr zum
05:23Beispiel in einer Quest einen Totenbeschwörer, der einen Friedhof unsicher macht, spawnen danach
05:28trotzdem alle paar Tage neue Skelette. Sehr gestört hat uns das allerdings nicht, weil es dennoch so viel
05:34Spaß macht, die Welt abzugrasen und sich um die kleinen und großen Probleme der Leute zu kümmern.
05:40Das liegt vor allem daran, dass euch das Spiel für eure Mühen belohnt. Ihr findet abseits der Wege
05:46besonderen Loot, sammelt zusätzliche Erfahrungen und erfahrt viel mehr über die super interessante
05:52Spielwelt. Und außerdem sind da auch immer wieder inszenatorische Highlights dabei. Denn während die
06:10normale Open World streckenweise aussieht, als hätten ein paar Amateure eine Skyrim-Mod gemacht, sind alle Szenerien und
06:17Dungeon-Abschnitte, die ein wenig tiefer in die Geschichte von Avalon eintauchen, designtechnisch
06:22und inszenatorisch richtig gut.
06:25Dazu trägt auch der mit mehreren echten Songs bestückte Soundtrack bei, von denen wir hier im Video aber
06:31vorsichtshalber nicht viel zeigen, um keine automatischen Copyright-Claims abzubekommen.
06:36Gerade diese eigentlich nordisch angehauchten Titel schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Damit und durch die
06:44vielen tollen Designs hebt sich Tainted Grail deutlich von durchschnittlichen Fantasy-Welten ab.
06:49Und obendrein sind überall Fragmente der Arthussage richtig clever eingewoben. Zum Beispiel gibt es
07:00immer noch eine Tafelrunde, in der die Namen der ersten Ritter wie Titel weitergegeben werden. Und so
07:06lauft ihr zum Beispiel einem Sir Galahad über den Weg, der seinen Beinamen der Lautere, allerdings im
07:12Sinne von Läutern auslegt und einfach jeden auf den Scheiterhaufen schickt, stört was gegen ihn oder
07:17Kamelot zu sagen hat. Richtig gut ist auch, dass ihr in der Hauptquest immer wieder weitreichende
07:23Entscheidungen treffen könnt. So bestimmt ihr über das Schicksal der drei Regionen, über einzelne
07:28Charaktere und das Ende. Zum Schluss wertet das Spiel das dann aus und belohnt euch mit einem
07:34Zusammenschnitt. Dieses Ende war dann allerdings in der ganzen Handlung der einzige Moment, der ein
07:39bisschen mehr hätte bieten dürfen. Zum einen können sich da je nach euren Entscheidungen die Teilenden ein
07:46bisschen widersprechen und ergeben dann nicht arg viel Sinn. Und zum anderen entlässt euch das Spiel
07:52zwar nicht mit einem Cliffhanger, beantwortet viele Fragen aber nicht so richtig. Da wäre eine
07:57Fortsetzung also durchaus möglich. Zuvor sollte das rund 50-köpfige Team des polnischen Entwicklers
08:04Questline aber noch Arbeit in Bugfixing und Polish stecken. Besonders hinten raus häufen sich nämlich
08:11Probleme wie fehlende Audiozeilen und verpackte Hitboxen. Und überhaupt ist das Spiel ein wenig
08:17frontloaded, hat also mehr Inhalt in der ersten Hälfte. Besonders das dritte Gebiet, der Norden der
08:24kampfwütigen Dalriata Stämme, konnte uns nicht mehr auf die gleiche Weise abholen. Zwar sind einzelne
08:31Szenerien und Quests immer noch beeindruckend, die normale Open World dazwischen wirkt aber zunehmend wie
08:36eine leere, schnell zusammengezimmerte Kulisse. Außerdem ist das ganze Schneesetting mit Wikingern
08:43doch schon sehr ausgenudelt. Besonders lästig wachen hier auch die langen Laufwege zwischen den
08:49Mach dies für uns und bring mir das Quests, die sich ein wenig zu sehr nach Zeitfüller angefühlt haben.
08:55Hier wird dann übrigens auch besonders augenfällig, wie wenig Eigenleben die Mobs in diesem Spiel haben.
09:02Gegner werden mehr oder weniger zufällig in der Welt verteilt und stehen dann oft einfach nur rum,
09:08bis sie eben angegriffen werden. Und das bringt uns zu Kampf und Charakter.
09:12Wie ihr schon im Video gesehen habt, erwartet euch da ganz normale Rollenspielkost aus der
09:18Ego-Perspektive, die ihr wahlweise auch umschalten könnt. Ihr spezialisiert euch also auf Nahkampf,
09:25Bogenschießen oder Magie und verfeinert das noch über weitere Talentbäume. Wir haben uns zum
09:31Beispiel einen schleichenden Scharfschützen zusammengebaut, der extrem viel Schaden mit
09:36dem ersten unbemerkten Schuss macht. Groß in Nebenfähigkeiten wie Alchemie oder Handel
09:41konnten wir allerdings nicht investieren, dafür bekommt ihr einfach nicht genügend Talentpunkte.
09:46Denn zumindest auf den höheren Schwierigkeitsgraden braucht ihr die,
09:50um euren Charakter unmittelbar stärker zu machen. Wann hittet euch einen Bossgegner,
09:55bringen euch auch noch so viele Tränke nichts. Aber wirklich notwendig ist das eh nicht,
10:01ihr könnt euch auch so alles herstellen, was ihr braucht, wenn ihr genügend Zeit mit dem
10:05Sammeln von Ressourcen verbringt. Und bis auf Nahrung, Tränke und in unserem Fall Pfeile gibt es
10:11da sowieso nicht so arg viel Sinnvolles, außer mal ein Relikt in eine Waffe einsetzen oder eine
10:17Rüstung verbessern. Der ganze Aspekt des Loots ist überhaupt ein wenig mau. Vor allem für den
10:23Bogenschützen haben wir kaum nützliche Ausrüstung gefunden, zumal das Spiel das Ganze auch ungeschickt
10:29angeht. Eine Mischung aus geizigem Tragelimit und unverhersehbaren Attributsvoraussetzungen für
10:35das Ausrüsten von Waffen und Rüstungen haben immer wieder dazu geführt, dass wir einen Gegenstand
10:40erstmal nicht benutzen konnten und dann im großen Sammelinventar unserer Truhe vergessen haben.
10:46Dem Levelsystem, dem Loot und auch ein paar der Gegnertypen fehlt es insgesamt also ein wenig an
10:53Balance, was zwar die Spielerfahrung nicht entscheidend beeinträchtigt, aber trotzdem besser
10:58sein könnte. Tainted Grail bietet aber auch ein paar richtig coole Spielfeatures. Allein schon
11:03sowas Einfaches, wie das wir außerhalb des Kampfes ewig sprinten können, ist einfach echt viel wert.
11:09Und noch etwas kreativer ist das Feature der Wirtnacht. Immer mal wieder steigt da ein
11:15eindrucksvoller Mond auf und schafft eine zugleich faszinierende, als auch beklemmende Atmosphäre.
11:21Da ist dann eure Sicht erheblich eingeschränkt, dafür lassen umgenietete Gegner in dieser Phase
11:27aber Essenzen fallen, die ihr an eurem fast überall aufschlagbaren Lagerfeuer verwenden könnt,
11:32um ein paar zufällige Items zu erhalten oder auch einen kurzfristigen Schnellreisepunkt einzurichten.
11:38Das Beste am Lagerfeuer ist allerdings, dass ihr von Zeit zu Zeit mit einer Art Geisterversion von
11:44König Arthus reden könnt, der dann das aktuelle Spielgeschehen oder irgendwelche Umstände kommentiert.
11:50Das ist jedes Mal ein kleines Atmosphäre-Highlight, weil ihr da von dem richtig guten Sprecher immer
11:56interessante Hintergrundinformationen bekommt und das eine tolle Brücke zwischen dem eher
12:01normalen Fantasy-Alltag der Leute und der hochtrabenden Vorgeschichte schlägt.
12:06Schade ist nur, dass das Spiel nach dem ersten Gebiet plötzlich vergisst, dass es dieses Feature
12:26hat und es dann auch nie mehr vorkommt. Auch das wirkt etwas, als wäre das Spiel hinten raus ein
12:32wenig zusammengeschnitten worden, um nach zwei Jahren im Early Access mal fertig zu werden.
12:37Da hätten sich die Entwickler lieber das sehr aufgesetzt wirkende Housing sparen sollen,
12:41mit dem wir uns nie ernsthaft beschäftigt haben, schon allein weil wir da für lange Zeit kein
12:46Gold übrig hatten. Letztendlich konnten uns weder diese Probleme noch das etwas unfertige dritte
12:52Gebiet die Freude an Tainted Grail nehmen, einfach weil es trotzdem eine so befriedigende Spielerfahrung
12:59bietet. Dass dabei deutlich von Bethesda abgekupfert wurde, stört uns da gar nicht groß. Wir begrüßen
13:05sogar eher, dass jemand verstanden hat, was Spiele wie Oblivion und Skyrim so stark gemacht hat. Denn
13:11das scheint Bethesda zuletzt selbst ein wenig vergessen zu haben. Und dann kommt da bei Tainted
13:17Grail The Fall of Avalon obendrauf noch eine außergewöhnlich gute Story dazu. Das alles zusammen
13:23zeigt mal wieder, was für ein gutes Händchen unsere Nachbarn aus Polen für Rollenspiele haben.
13:29Erhältlich ist das rund 44 Euro teure Spiel übrigens auf GOG und Steam mit Steam Deck-Kompatibilität,
13:35sowie auf der Xbox Series X und S, sowie der PlayStation 5. Und Mod-Support ist auch geplant.
13:43Und damit entlassen wir euch mit einer klaren Empfehlung aus eurem Eid, dieses Video auch wirklich
13:50bis zum Ende anzusehen.
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