00:01Heute protestiert Alicia Conejero für bezahlbare Wohnungen in Barcelona.
00:06Die Mieten in ihrer Heimatstadt sind in den letzten zehn Jahren um circa 70 Prozent gestiegen, laut Stadtverwaltung.
00:13Vor allem in Spaniens Touristenhochburgen treibt die Wohnkrise landesweit Zehntausende auf die Straße.
00:22Mich machen die Touristenwohnungen wirklich wütend, denn durch sie stehen für uns Einheimische die Ferienwohnung nicht mehr zur Verfügung.
00:30Die Rentnerin macht sich Sorgen um ihre Stadt. Junge Menschen könnten sich hier keine Zukunft mehr aufbauen, sagt sie.
00:37Die Einwohner teilten sich Barcelona schon lange gefühlt mit der ganzen Welt.
00:41Millionen Touristen kommen jedes Jahr und auch bei Experts, die länger bleiben, ist die Stadt beliebt.
00:48Wohnraum wird immer knapper und teurer, Einwohner aus ihren Vierteln verdrängt.
00:52Sozial Schwächere trifft das besonders hart.
00:59Deshalb hat die Stadt Barcelona 54 solcher Wohnungen aus recycelten Schiffscontainern gebaut, um Wohnungssuchende wie Nadia temporär aufzufangen.
01:09In meiner alten Wohnung wollten sie den Mietvertrag nicht erneuern.
01:16Es ging da nicht um Mietschulden oder so.
01:18Das ganze Gebäude wurde von Investoren, Gaia-Fonds gekauft, um es zu Touristen herzurichten.
01:25Unser Zuhause.
01:26Meine Kinder hatten dort ihre Zimmer, sind dort zur Schule gegangen.
01:30Seit zwei Jahren lebt Nadia Ciaivi-Caduri hier mit ihren beiden Kindern.
01:36Es ist ein Dach über dem Kopf, immerhin.
01:39Sie arbeitet in der Übersetzungsbranche, doch als Alleinerziehende mit nur einem Gehalt,
01:44habe sie hier keine Chancen auf eine normale Wohnung, sagt sie.
01:49Ich arbeite mit Kollegen aus vielen verschiedenen Ländern.
01:52Und klar, die Preise, die die zahlen können, sind extrem lukrative Vermieter.
02:00Deshalb vermieten die ihre Wohnung nicht für 1.000 Euro im Monat an mich und meine Kinder,
02:06wenn ein Tourist dafür um die 3.000 Euro bezahlen kann.
02:11Und das machen die.
02:16Die Stadt Barcelona bekommt die Wohnungskrise seit Jahren nicht in den Griff.
02:22Die Tourismusbranche dagegen boomt.
02:24Deshalb hat sich die Stadtverwaltung nun zu einem radikalen Schritt entschlossen.
02:28Die stellvertretende Bürgermeisterin Laia Bonet ist stolz,
02:32dass Barcelona als Pionier in ganz Europa in dieser existenziellen Notlage ein Ultimatum stellt.
02:39November 2028.
02:42Von diesem Moment an bräuchte jede weitere touristische Vermietung von Wohnungen eine neue Lizenz.
02:49Aber wir sagen, in Barcelona wird es die nicht mehr geben.
02:5210.000 Wohnungen sollen so zusätzlich frei werden.
02:59Paula Ginestar vermietet selbst eine Wohnung an Touristen.
03:03Komm rein.
03:07Willkommen.
03:08Sie ist gegen das Ultimatum der Stadt.
03:11Für sie und ihren Partner sei die Wohnung eine zusätzliche finanzielle Absicherung.
03:15Was da gemacht wird, ist Missbrauch. Wir werden quasi enteignet.
03:21Denn Paula würde ab 2028 keine neue Lizenz bekommen.
03:25Sie findet das ungerecht.
03:27Die Stadt müsste zwischen kleinen privaten Vermietern und großen Unternehmen,
03:31die mit hunderten Wohnungen spekulieren, unterscheiden.
03:34Grundsätzlich sieht sie aber auch Handlungsbedarf.
03:36Die Mieten sind abgedreht.
03:39Hier in Barcelona, in Madrid, auch in Valencia fängt das jetzt an.
03:42Es ist einfach verrückt.
03:44Aber ich glaube wirklich nicht, dass die Ferienwohnungen daran schuld sind.
03:49Nebenan in der Reinigung sieht man das ähnlich.
03:52Bettwäsche und Handtücher der vielen Touristen sind für Yadisa Duya Yamani
03:57ein lukratives Geschäft hier im beliebten Bezirk Borblasek.
04:02Darauf möchte sie nicht verzichten.
04:03Weil sie alles in 24 Stunden haben wollen.
04:07Und das ist, was mich interessiert.
04:10Dass alles in 24 Stunden gemacht werden soll oder in einer Stunde.
04:13Dann verlange ich doppelt oder dreifach so viel.
04:16Und das rechnet sich für mich.
04:20Tourismus ist ein Geschäft mit Nebenwirkungen.
04:25Das Arbeiterviertel Borblanou liegt 20 Minuten vom Zentrum entfernt.
04:30Lukrative Lage.
04:30Deshalb ist es auch kein Arbeiterviertel mehr.
04:35Aber mit weniger als 2000 Euro Netto-Durchschnittsgehalt
04:38können viele die Wohnung nicht mehr bezahlen.
04:41Deshalb unterstützt Rentnerin Alicia Conejero das Ultimatum 2028.
04:45Für jemanden mit einem spanischen Gehalt ist es unmöglich, so eine Wohnung zu mieten.
04:53Außerdem werden die Wohnungen nicht langzeitvermietet.
04:56Eher saisonal, für elf Monate.
04:58Das bedeutet, dass die Miete nach elf Monaten auch erhöht werden kann.
05:02Oder man wird rausgeworfen.
05:06Alicia hat Glück.
05:07Sie wohnt in einem von drei Gebäuden der Wohngenossenschaft Sostasivik,
05:12finanziert durch Mitglieder und Projektgelder.
05:17Die Genossenschaft bietet lebenslanges Wohnrecht ohne Mieterhöhungen.
05:22Sie zahlt für eine kleine Wohnung ca. 600 Euro.
05:27Weitere Wohnhäuser seien geplant, um die Krise in den Griff zu bekommen.
05:31In drei Jahren sind hier vier Kinder geboren, vier Babys.
05:36Das leuchtet ein.
05:37Die jungen Bewohner können hier ihr Leben planen.
05:41Sie haben die Sicherheit, dass sie hier nicht rausgeworfen werden.
05:43Sie können leben.
05:45Und vor allem können sie die Wohnung hier zahlen.
05:49Alicia hofft, dass Barcelona ein Zuhause für seine Einwohner bleibt.
05:54Touristen seien natürlich weiter willkommen.
05:57Die Stadt kämpft um ihr Gleichgewicht.
06:01Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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