00:00Da beschwert man sich einmal bei seinen Kollegen über eine möglicherweise zu passive KI in
00:10Civilization 7 und schon holt einen das Karma ein.
00:18Songhai Krieger im Süden, Songhai Reiter im Westen und der ganze Norden voll mit Einheiten
00:24von Machiavellis Machapahit.
00:26Die KI macht ernst und hat Ziel und Zeit gut gewählt.
00:31Der Hauptschlag erfolgt gegen unsere verwundbarste Grenzsiedlung und gleichzeitig steht unsere
00:37Armee irgendwo in der Neuen Welt, um dort reiche Gebiete für die Spanische Krone zu
00:42erobern.
00:43Zum Glück sind Spaniens Taschen aber tief und so kaufen wir eben ein paar Tertio Einheiten,
00:50um die Front wenigstens ein paar Runden zu halten, während das ganze Reich sofort auf
00:55Kriegswirtschaft umgestellt wird und die Konquistadoren schnell nach Hause segeln.
01:00Als der über 300 Jahre Krieg wird das Gemetzel in die Geschichte eingehen und mehr als 35
01:07Runden verschlingen.
01:08Am Ende aber geben unsere Feinde auf, Sparta wurde dem Erdboden gleichgemacht, Athen am
01:15Verhandlungstisch annektiert und wir sind hochzufrieden.
01:19Denn da, endlich, hat die KI mal einen richtigen Kampf geboten und uns das Spiel damit gerade
01:27noch eingefangen, bevor wir schon hart mit ihm ins Gericht gehen wollten.
01:31Denn mit Interface, Spielerführung und Balance hat Civilization 7 auch sonst einige Baustellen,
01:38interessanterweise aber nicht da, wo wir sie vermutet hätten, bevor wir vor ein paar Tagen
01:43Zugang zu Civilization 7 bekommen haben.
01:47Denn tatsächlich hat Civilization 7 eher Probleme mit dem Polish und weniger mit den
01:52vielen neuen Konzepten, die den neuesten Teil der 4X Serie ungewöhnlich weit von der Grundformel
01:58wegführen.
01:59Wenn ihr bislang noch gar nicht wisst, worum es bei Civilization 7 geht oder was es im
02:05Detail alles anders macht als seine Vorgänger, dann schaut doch mal bei unseren drei Videos
02:10zu den drei Zeitaltern vorbei, in die das Spiel jetzt eingeteilt ist.
02:16Die Links findet ihr in der Videobeschreibung.
02:20Natürlich werden wir dann nochmal alle relevanten Informationen in einem eigenen Testvideo zum
02:25Release zusammenfassen, hier und jetzt beschränken wir uns aber auf unsere Eindrücke nach rund
02:3130 Stunden mit der Vollversion, von der wir euch bis zum 3.
02:36Februar allerdings nur das erste und zweite Zeitalter zeigen dürfen.
02:41Und auch die unangekündigten Herrscher und Völker dürfen wir noch nicht verraten.
02:46Aber auch so gibt's genügend Themen, allen voran den umstrittenen Zivilisationswechsel
02:52am Ende jedes Zeitalters.
02:54Und der ist tatsächlich Emotionstechnisch ein wenig schwierig, sowohl beim eigenen Spielgefühl
03:02und fast noch mehr bei den Gegnern.
03:04Wenn wir zum Beispiel die neue Welt erkunden und da auf Augustus als Oberhaupt der Inka
03:10treffen, dann passt das einfach nicht so richtig zusammen.
03:14Fairerweise muss man allerdings auch sagen, dass es schon früher keinen rechten Sinne
03:18gab, dass die Anführer ewig leben oder in den falschen Epochen auftauchten.
03:23Doch abgesehen von der Immersion schafft der Wechsel dafür viele Möglichkeiten.
03:30Wir hatten tatsächlich von Anfang an Spaß am Herumexperimentieren mit den unzähligen
03:35Kombinationen aus Anführern und Zivilisationen, die sich gegenseitig befruchten können.
03:41Überhaupt stellte sich bei uns durch die vielen Neuerungen beim Gameplay ein Gefühl
03:45des Entdeckens ein.
03:47Ihr bekommt hier nicht einfach nochmal dasselbe wie jedes Mal.
03:52Und das wird am deutlichsten bei den Zeitaltern.
03:55Das Spiel ist jetzt in drei Abschnitte unterteilt, die alle mit eigenen Mechaniken daherkommen
04:01und euch durch die sogenannten Vermächtnispfade eine spielmechanische Rahmung für eure Ziele
04:07geben, ohne euch sklavisch in eine Richtung zu zwängen.
04:11Ihr müsst den Aufgaben also nicht folgen, doch wenn ihr es tut, bekommt ihr kleine Vorteile,
04:17die ihr ins nächste Zeitalter mitnehmt.
04:20Die sind gerade so wertvoll, dass sie als Belohnung funktionieren, sind aber nicht so
04:26stark, dass sie das Spiel schon vorentscheiden.
04:29Dahinter steckt der Gedanke, Civ auch über die Hälfte der Spielzeit hinaus interessant
04:34zu gestalten, sodass mehr Spieler tatsächlich mal eine Partie auch beenden.
04:39Nach über 30 Stunden können wir sagen, dass das zumindest teilweise schon gut funktioniert.
04:46Denn auf der einen Seite wertet das System die einzelnen Spielabschnitte deutlich auf.
04:51Durch eigene Mechaniken, zum Beispiel Religionsverbreitung oder die Schatzflotten im Zeitalter der Entdeckungen,
04:59baut jede Phase eine eigene Identität und damit ein eigenes Spielgefühl auf.
05:05Und das gefällt uns bislang echt gut.
05:08Auf der anderen Seite fühlten wir uns aber trotzdem in der zweiten Hälfte des Spiels
05:13dann doch hin und wieder auch ein wenig zu übermächtig.
05:17Tendenziell neigt das Spiel nämlich dazu, ähnlich wie Humankind die Erträge eurer
05:23Siedlungen etwas zu schnell eskalieren zu lassen.
05:25Solche Systeme sind anfälliger für Balance-Probleme, weil hochspezialisierte Strategien nun mal
05:32schneller außer Kontrolle geraten können.
05:34Und gerade bei der Balance hapert es bei Civilization 7 noch.
05:39Natürlich haben die Entwickler noch ein paar Wochen Zeit, doch ob das genug sein wird,
05:44muss sich zeigen.
05:45Neben kleineren Problemen, wo hier und da ein Wert nicht passt, stimmt das Pacing bislang
05:51nur auf der Standardgeschwindigkeit.
05:53Bei der Marathon-Einstellung kommt das Ende eines Zeitalters viel zu schnell, sodass selbst
05:59die KI auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad keinen der Vermächtnispfade auch nur annähernd
06:04abschließen kann.
06:05Und ähnlich problematisch ist auch die Spielerführung.
06:08Statt dem aktuellen Genre-Standard zu folgen und wie etwa Old World oder Crusader Kings
06:143 eine Kontextualisierung mit stapelbaren Menüs sozusagen direkt vor Ort anzubieten,
06:21bekommt ihr von Civilization 7 nur ein oberflächliches Glossar, das zu oft keine hilfreichen Antworten
06:28parat hat.
06:29Immer wieder ist in diesem Spiel unklar, was es meint, wo und ob relevante Informationen
06:35zu finden sind und warum gerade etwas nicht geht.
06:39Da fehlt es einfach an wichtigen Hinweisen und Erklärungen.
06:43Dass das Interface weiterhin wie eine Ansammlung von Platzhaltern wirkt, hilft dabei auch nicht
06:50gerade.
06:51Und dass nun die Spielerführung ausgerechnet in diesem Spiel mit seinen vielen Neuerungen
06:57bislang so stiefmütterlich behandelt wird, ist absolut unverständlich und vor allem
07:03schade.
07:04Denn gerade in der Einarbeitungsphase schadet das dem ansonsten echt positiven Gesamteindruck.
07:09Zudem gehört zum Beispiel die neue Währung Einfluss.
07:13Die ergibt allein schon vom Konzept her viel mehr Sinn als die ganze Diplomatie in Teil
07:196.
07:20Denn den Einfluss nehmt ihr nicht für irgendwelche abstrusen Entscheidungen im Weltkongress her,
07:25sondern beeinflusst damit Beziehungen, nutzt ihn für Spionage, handelt Verträge zum beiderseitigen
07:31Vorteil aus und erhöht euer Handelslimit.
07:35Außerdem könnt ihr den Einfluss auch offensiv einsetzen und die Kriegsmüdigkeit verändern,
07:40die sich unmittelbar auf die Kampfstärke eurer Truppen auswirkt.
07:44Und nicht zuletzt bindet ihr damit die neuen unabhängigen Staaten an euch, die jetzt wie
07:50eine Mischung aus den alten Barbarendörfern und Stadtstaaten funktionieren.
07:54Einen solchen könnt ihr bekämpfen und auflösen oder seinen zu zerren werden, dadurch einen
08:01einzigartigen Bonus ergattern und ihn bei Bedarf und mit genügend Einfluss in euer
08:07Reich integrieren.
08:08Ein bisschen blöd ist da nur, dass auch diese unabhängigen Staaten mit jedem Zeitalter
08:15verschwinden und, falls vorhanden, an freien Positionen neu generiert werden.
08:21Dadurch können abgehängte Nationen des vergangenen Zeitalters auch diplomatisch von vorn beginnen.
08:27Gleichzeitig geht aber auch das Gefühl von Kontinuität in der Welt verloren, was allgemein
08:32der einzige echte Nachteil der Zeitsprünge und der Veränderungen zwischen den Zeitaltern ist.
08:38Da das Spielgeschehen so plötzlich unterbrochen wird und selbst Kriege einfach beendet und dabei
08:45auch sonst noch vieles zurückgesetzt wird, fühlt sich der Bruch sehr künstlich an.
08:50Aus spielmechanischer Sicht ergibt das Sinn, der Atmosphäre schadet es aber ein wenig.
08:56Außerdem werden dadurch Technologien hinten raus in einem Zeitalter recht nutzlos,
09:01weil ihr die Vorteile nur noch ein paar Runden lang genießen könnt.
09:05Denn nach dem Zeitalterwechsel startet dann sowieso wieder jeder auf demselben technologischen Stand.
09:12Ein super Ausgleich für solche Immersionsprobleme ist dafür die Spielgrafik.
09:17Civilization ist einfach richtig hübsch.
09:21Alle Modernisierungen, Wunder, Gebäude und Spezialdistrikte werden dieses Mal direkt
09:27auf der Karte als eigene, wahnsinnig detaillierte Modelle angezeigt.
09:32Vor allem aus mittlerer und naher Distanz bringt das mit Abstand die schönsten Städte des Genres
09:38hervor. Allerdings geht mit der realistischeren Grafik, wie schon bei Humankind oder ARA
09:44History Untold, auch eine schlechtere Lesbarkeit auf der normalen, herausgesummten Ansicht einher.
09:51Wenn da zwei Gebäude pro Stadtdistrikt beieinander stehen, verschwimmt das von oben zu einem relativ
09:58gleichförmigen Häusermischmasch. Der ganze Stadtbau geht dabei übrigens ohne die gewohnten
10:03Handwerker von Stadten, aber die haben wir jetzt ehrlicherweise auch nicht so sehr vermisst.
10:08Der Ausbau der Städte ist allerdings mit vielen in ihrer Funktion recht ähnlichen Gebäuden ein
10:14bisschen überfrachtet, wodurch die einzelnen Bauentscheidungen ein wenig an Gewicht verlieren.
10:20Super ist dafür wiederum die Mechanik des Überbauens alter Strukturen, denn das produziert
10:26nicht nur Events, sondern sorgt neben optischen Veränderungen auch für zusätzliche Entscheidungen
10:31rund um das Platzmanagement in der Stadt. Und dass nicht jede Siedlung überhaupt als Stadt zählt,
10:37sondern auch als unterstützende Gemeinde für eure Machtzentren dienen kann, verleiht dem
10:42Ganzen noch zusätzliche Tiefe. Insgesamt steckt in diesem neuen Civilization also wirklich eine
10:48Menge drin. Und nebenbei, es lief bei uns rein technisch auf unserem Testsystem auch wunderbar
10:55und sogar mit kürzeren Rundenberechnungszeiten als bei Civilization 6. Ob es zum Release dann
11:02aber auch die Masse der Fans überzeugen wird, hängt wohl von Dreierlei ab. Kriegen die Entwickler das
11:09Feintuning vor allem bei der Spielerführung und dem Balancing noch hin? Wird die Postmoderne also
11:16ein mögliches viertes Zeitalter kostenlos nachgereicht oder als DLC verkauft? Und werden
11:23die Spieler so viele Neuerungen überhaupt annehmen? Wir können auf Basis unserer Spielerfahrung
11:30bislang nur raten, den Änderungen gegenüber grundsätzlich offen zu bleiben, denn sonst entgeht
11:36euch da ein wirklich frisches Spielerlebnis. Gleichzeitig gilt aber auch, bei einem Preis
11:41von 70 Euro für die Basis-Version muss Firaxis auch beim finalen Polishing abliefern. Und ob
11:49sie das noch komplett so hinkriegen, sehen wir dann bei Release.
Kommentare