Zum Player springenZum Hauptinhalt springen
  • vor 12 Minuten
Mit „Eine Nacht mit Lady Macbeth“ hat Autorin und Regisseurin Magdalena Marszałkowska ein Stück über Einsamkeit, Sexualität und echte Begegnung geschrieben – mit Witz und ohne falsche Betroffenheit. Andrea Nitsche und Valentin Schuster tragen den Abend: Nitsche als Mona, die ganz anders ist, als sie scheint, und Schuster als Fabian, der selbst im Rollstuhl sitzt und seine Figur nie zum „Fall“ werden lässt.

Wir zeigen Ausschnitte aus der Vorstellung im Theater Experiment in Wien und aus dem Publikumsgespräch danach: Wie das Stück entstanden ist, warum Nicken das Schlimmste ist, was man tun kann – und warum ausgerechnet Lady Macbeth. Es war vorläufig die letzte Vorstellung; das Ensemble sucht nun Gastspielbühnen.
Transkript
00:06ARD Text im Auftrag von Funk
00:08Viel Spaß beim Feiern!
00:11Ciao!
00:30Alter, sag herzlichen Glückwunsch!
00:35Hör mal, hör mal, hör mal!
00:36Wir hätten da eine Sache, weißt du, wir bleiben noch ein paar Tage in den Bergen.
00:44Häng ihn an!
00:47Ich bin die Mona und du bist wahrscheinlich der Fabian!
00:52Hör an!
00:57Ich bin hier, um jeden deiner Wünsche zu erfüllen!
01:01Ich bin dein Geburtstagsgeschenk!
01:05Geburtstagsgeschenk!
01:06Ich werde alles tun, damit du dich wie im siebten Himmel fühlst!
01:10Wir haben da gefunden, es war bei meiner Geburtstagsfeier 2022, Magda und Valdi waren eingeladen
01:17und bei der Verabschiedung sagte der Valdi zur Magda,
01:22Am Abendstück lernt man mal ein Anstieg über Menschen wie mich!
01:35Schreib doch mal ein Stück über Menschen wie mich!
01:38Ja!
01:38Er sagt so, ja natürlich, mache ich kein Problem!
01:41Und dann erst zu Hause nackt bin ich mir so, hm, wie mache ich das?
01:47Das ist natürlich der Satz, wenn Valentin gesagt hat, über Menschen wie mich hat mir da sofort so ein bisschen
01:54wehgetan,
01:56weil er sich selbst in diesem Satz so schugladiert hat, so ausgegrenzt hat und ich dachte mir so ein Kapitel.
02:18Ich habe nur verdammt verstanden. Könntest du vielleicht deutlicher?
02:24Redet mir auch nicht!
02:27Okay, das habe ich jetzt verstanden!
02:29Aber ehrlich gesagt verstehe ich dich trotzdem nicht!
02:31Also ich verstehe was du sagst, aber nicht was du meinst!
02:35Ja, ich habe nichts mitzureden gehabt, aber zugehört!
02:38Und es war dann so, dass ich, wie man das halt beim Casting so macht, man begrüßt jede Person, die
02:43dort ist,
02:44man möchte ja höflich und nett sein und ich begrüße auch den Valentin und habe genau nichts verstanden
02:49und habe mir dann auch noch gedacht, das wird spannend, wenn wir zwei dann zusammenspielen
02:55und genau so passt dann auch und ich weiß noch, wie ich nervös war und bei der Probe, wie ich
02:59erkannt habe,
02:59okay, ich spiele seine Mutter und innerhalb kürzester Zeit war es aber so, dass der Valentin mich verstanden hat,
03:06aber ich brauche ihn.
03:08Also für mich ist die, wir sagen immer, er spricht Wallisch, er hat einfach einen eigenen Dialekt
03:14und den muss man halt zuhören und wenn man ein bisschen zuhört, dann versteht man es auch.
03:18Für mich ist es so, dass der Walli, also ich setze einfach die Silben in meinem Kopf zusammen,
03:24für mich sind es einfach Silben, die der Walli sagt und die kombiniere ich halt dann zu dem Satz.
03:29Und es ist nicht immer so, dass ich ihn verstehe, aber dann frage ich halt nach
03:36und manchmal frage ich halt auch zehnmal nach.
03:37Also das war irgendwie höfliches Nicken, dass er hasst.
03:42Es ist viel besser, fünfmal zu fragen, was meinst du, oder zu sagen, ich verstehe dich nicht,
03:48oder Text zu nicken und das zu übersetzen, als einfach höflich nicken, so aha, aha, aha.
03:56Das machen Menschen, weil für denen unangenehm ist, glaube ich, einfach zu sagen,
04:00kannst du bitte wiederholen, ja.
04:03Wenn man mit Walli kommunizieren will, es ist überhaupt nicht schwer.
04:07Man muss nur aktiv zuhören, sich ein bisschen gewohnen an diesem Dialekt.
04:16Ja.
04:16Es ist für mich nicht viel schwieriger als Schweizerdeutsch zum Beispiel, ja.
04:20Da stehe ich auch noch vor.
04:22Da muss ich mich auch konzentrieren.
04:24Doch wenn man will, dann geht das.
04:28Ja, also ich glaube, wir haben die ersten zwei Wochen nur Text besprochen und angeschaut
04:33und manchmal habe ich meinen Senf.
04:36Also zum Beispiel bei, der Fabian sagt sehr oft, ich weiß nicht.
04:41Aber ich habe gecheckt schon beim ersten oder zweiten so Text vorlesen,
04:48dass eben diese Ziehschlauten so viel schwieriger für ihn sind und alle Vokale einfacher so gehen.
04:56Deswegen haben wir, ich weiß nicht, keine Ahnung.
05:04Also da habe ich natürlich, mir war es auch wichtig, dass er nicht so sein Körper jedes Mal so strapazieren
05:15muss
05:16und das Publikum eventuell auch ihn besser versteht.
05:21Eigentlich war das auch mein Ziel, dass nach ersten, sagen wir, zehn bis 15 Minuten
05:30das Publikum fängt an, ihn besser zu verstehen, ja.
05:34Das ist fast wie eine Einführung in Wallisch, in sein Dialekt.
05:42Guck mal, ich bin mehr in der Arbeit, verstehst du?
05:46Ich will dir nur meine Rechnungen bezahlen, den scheiß Strom und den scheiß Gas.
05:51Weißt du, was die Heizung momentan kostet? Weißt du das überhaupt?
05:54Zeigst du deine Rechnungen eigentlich selbst?
05:56Ich schon. Und dafür muss ich schwer hacken oder es ist nicht einfach.
05:59Oh nein, das ist überhaupt nicht einfach. Oder glaubst du, dass es einfach ist?
06:04Genau, mein Freund, das ist nicht einfach. Und du, du bist nicht einfach.
06:08Du bist ein junger, hübscher Mann, der sich aus irgendeinem Grund wie ein bockiges Kind verhält.
06:12Wie ein Arschloch. Ich liebe jede... Ich liebe jede Rolle, die ich spielen darf.
06:19Das sind aber meistens kleine Rollen. Sehr kleine Rollen. Meistens ohne Text.
06:26Aber mein Traum... Mein Traum wäre Lady Macbeth. Eine einsame Frau, sehr einsam. Aber stark.
06:38Eigentlich eine geile Sache. Na klar.
06:46Aber in Shakespeare ist es auch so, dass Lady Macbeth dramaturgisch gesehen, sie übernimmt eben diese männliche Part.
06:54Also sie ist die aktive Part, weil der Macbeth selbst, sagen wir das auf Deutsch, ist eine Flasche.
07:03Also er weiß nicht, er würde gerne erzählen das, aber nein. Und sie muss dann... Ja.
07:09Und in diesem Stück ist es auch so dramaturgisch, dass der Fabian, dadurch, dass er, sagen wir, Beeinträchtigungen hat, ist
07:18schon von Anfang an eine passive Part.
07:21Und die Mona kommt eben als diese aktive Figur, die die ganze Action sozusagen in der Wirkung bringt.
07:30Wobei es immer klar sein muss, Walli ist nicht Fabian.
07:35Es gibt Themen, die vom Walli in diesem Stück sind, aber die beiden sind eindeutig nicht dieselbe Person.
07:41Aber so vorne. Ich bin übrigens auch keine Sexarbeiterin.
07:45Ich war schon wieder ja, aber Sexarbeiterin nein. Auch nicht Sextelefon, also sorry.
07:49Nein. Aber ich wäre sicher gut.
07:58Ja, ja, ja.
08:01Ich weiß nicht, wenn man auch Möglichkeiten.
08:03Ja, ja, wenn sie sich auch damit klappen sollte.
08:05Dann habe ich eine Möglichkeit.
08:07Oder zu viel eine dritte Mahnung, dann...
08:09Ja, ja, ja, wenn die Mahnung zu viel werden, dann...
08:12Aber so.
08:13Ja, ja.
08:14Darf ich was sagen und du kannst sagen, ob es falsch ist?
08:20Ja.
08:21Was eh auch in unserem Stück vorkommt, ist, dass viele Menschen glauben,
08:26dass ein junger Mann, der im Rollstuhl sitzt, eine Sprechbeeinträchtigung hat, auch geistig behindert ist.
08:31Und deswegen nicht verfolgenommen wird.
08:34Das ist ein starkes Thema, oder?
08:36Ja, das...
08:39Das...
08:40Das...
08:40Der...
08:43Der...
08:43Überall.
08:44Und...
08:45Ja, das ist so das Stärkste, würde ich sagen, für mich.
08:50Immer...
08:51Alle...
08:52Alle...
08:53Na, Fabian?
08:55Du bist weniger alleine als ich.
08:57Ja.
08:58Wirklich.
08:59Ich habe keine Freunde.
09:01Nicht mal solche, die mir nutzloses Geschenk machen würden.
09:04Und ich habe zwei gesunde Beine.
09:07Sind übrigens ziemlich geil, oder?
09:09und mich versteht jeder und trotzdem ich finde man muss alles dramatisieren und alles normalisieren
09:23dabei proben wir das so, dass bei dieser Tanzszene, wie wir geprobt haben, da habe ich einfach mal vergessen, dass
09:31er nicht jede Bewegung machen kann
09:43was natürlich sehr erfrischend, glaube ich, für Wally war und da habe ich auch mit deiner Mama gesprochen, Wally's Mutter
09:52hat mir auch gesagt, dass es für sich sehr erfrischend war
09:54entweder ist das Inklusionstheater, wo alles so oder ist das auf einmal ein normales, also ich verstehe den Unterschied nicht
10:04Theater ist Theater, Arbeit ist Arbeit
10:07ich höre dir zu, ich sehe dich, sag keine verdammte scheiß Heuschrecke
10:17ich habe heute in deinem Haus unten eine Heuschrecke an der Wand geobachtet, sie war groß, grün, sehr schön
10:23sie ist dann da drauf und runter gegrabbelt, nach links und nach rechts
10:26sie hat einen Weg nach draußen gesucht, einen Spalt in der Wand, ein Loch oder so
10:32ich habe die Hauste aufgemacht
10:33der Weg war frei, sie hätte sich nur noch umdrehen müssen
10:37hat sie nicht
10:39genau, hat sie nicht
10:40sie war so von der Wand überzeugt, dass sie sich nicht umdrehen wollte
10:52du bist die Heuschrecke und die Wand gleichzeitig
11:12dein Angesicht beim Tannen ist wie ein Buch, wo viele Geschichten stehen
11:17ja
11:18du brauchst keine Wand, an der du kleben musst
11:20oh, ich danke
11:23ich gehe jetzt
11:24soll ich die Tür offen lassen?
11:26ja, bitte
11:39eine Nacht mit Lady Macbeth
11:41ein Stück über Einsamkeit, Sexualität und echte Begegnung und über das Zuhören
11:45Magdalena Marsaukowska erzählt davon mit Witz und ohne falsche Betroffenheit
11:50ihre Figuren dürfen lachen, streiten, verletzen und werden gerade dadurch menschlich
11:55getragen wird der Abend von Andrea Nitsche und Valentin Schuster
11:58Nitsches Mona
11:59bemüht, verletzlich, herrlich, schräg
12:02Schusters Fabian
12:03nie bemitleidenswert, nie ein Fall
12:06sondern eigenwillig, witzig, widersprüchlich
12:08dass Fabian von einem Schauspieler gespielt wird, der selbst im Rollstuhl sitzt, ist keine Geste
12:13es ist künstlerische Substanz
12:16und nach wenigen Minuten versteht man ihn, wenn man nur zuhört
12:19inklusives Theater
12:21nicht als Alibi, sondern als hochkarätige Kunst
12:24Im Theaterexperiment war es vorläufig die letzte Vorstellung
12:27Jetzt sucht das Ensemble neue Bühnen
12:30Man kann jedem Haus nur raten, zugreifen
12:33Es war großartig
12:35Und der junge Mann hat so ein nettes, schönes Lachen
12:41Ja
12:41Ja
12:42Ja
12:42Ja
12:42Ah, das stimmt.

Empfohlen