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00:00Der Untergang der Titanic
00:01Im Jahre 1912 erlebte die Menschheit ihre erste technische Großkatastrophe.
00:08Die Titanic, das damals größte, modernste und schönste Schiff,
00:13ist auf ihrer ersten Fahrt von England nach Amerika auf einen Eisberg gestoßen und gesunken,
00:20sodass immerhin über 1300 Menschen den Tod fanden.
00:25Das hat damals die Öffentlichkeit sehr beunruhigt.
00:28Niemand konnte verstehen, warum ausgerechnet dieses tolle Schiff
00:34bei seiner ersten Fahrt von England nach Amerika auf den Eisberg stoßen musste und sinken musste.
00:41Es gab deswegen eine sehamtliche Untersuchung,
00:44und diese hat ergeben, dass die Titanic ausschließlich deswegen gesunken ist,
00:50weil sie unklug geführt wurde.
00:53Und zwar hat der Kapitän Eugen Smith in dem Versuch,
00:57den Geschwindigkeitsrekord für die schnellste Atlantiküberquerung aufzustellen,
01:02eine Route gewählt, die nördlicher als sonst üblich war,
01:06obwohl dringend vor Eisbergen gewarnt wurde.
01:10Er tat dies in der Überzeugung, dass wenn er nur ein paar Mann in den Mastkorb schicken würde,
01:15diese ihm schon rechtzeitig sagen würden, wenn ein Eisberg naht.
01:20Und da die Titanic trotz ihrer Größe relativ wendig war,
01:24war er sich sehr sicher, noch rechtzeitig ausweichen zu können.
01:28Was er nicht so richtig bedacht hat, war,
01:32dass Eis ungefähr dasselbe spezifische Gewicht wie Wasser hat
01:36und dass dadurch bei einem Eisberg maximal ein Achtel oberhalb der Wasseroberfläche herausragen,
01:45während sieben Achtel unterhalb der Wasseroberfläche verborgen bleiben.
01:50Wenn man jetzt mit einem großen Schiff mit Tiefgang ankommt,
01:55dann kann es sein, dass man schon lange unterhalb der Wasseroberfläche auf den Eisberg stößt,
02:01obwohl es oberhalb der Wasseroberfläche so aussieht,
02:05als ob der Eisberg noch weit entfernt wäre.
02:08Und genau so ist es bei der Titanic gewesen.
02:11Sie ist unterhalb der Wasseroberfläche auf den Eisberg gestoßen,
02:15dort auf der ganzen Länge aufgerissen worden und deswegen so schnell gesunken.
02:22Was hat das alles mit der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit zu tun?
02:28Ähnlich wie bei einem Eisberg verläuft der größte Teil einer Suchtentwicklung
02:33unterhalb des in unserem Lande normalen Alkoholkonsums.
02:39Der Betroffene und sein Umfeld haben daher den Eindruck,
02:42dass alles normal und ungefährlich sei,
02:46während in Wirklichkeit sich schleichend ein Suchtproblem nähert.
02:51Erst zu einem relativ späten Zeitpunkt wird der Betroffene mit seinem Alkoholkonsum
02:57erstmals sichtbar oberhalb der Wassergrenze auffallen.
03:03Und jetzt wird plötzlich sein Umfeld ihn als Alkoholiker bezeichnen
03:08und einen großen Druck auf ihn ausüben, dass er mit seinem Trinken aufzuhören habe.
03:14Das ist für den Betroffenen nicht nachvollziehbar.
03:17Zu Recht wird er sagen,
03:19noch vor wenigen Tagen habt ihr mein Trinken für normal gehalten,
03:24jetzt plötzlich soll ich Alkoholiker sein, da ist doch kein großer Unterschied.
03:28Tatsächlich ist der Unterschied gering, außer,
03:33dass der Betroffene oberhalb der Wasseroberfläche angelangt ist
03:37und damit sein Trinken für sein Umfeld nicht mehr normal erscheint.
03:42Wie früh oder wie spät einem Betroffenen bewusst wird,
03:48dass er ein Alkoholproblem hat,
03:50hängt also entscheidend von dem Wasserspiegel des in seinem Umfeld geltenden Alkoholkonsums ab.
03:59Und hier kann man drei Situationen unterscheiden.
04:04Auf der einen Seite gibt es sogenannte Abstinenzkulturen.
04:09In diesen ist jeder Alkoholkonsum verboten.
04:13Beispiele sind Saudi-Arabien, Iran, Irak,
04:18in denen der Islam Staatsreligion ist
04:21und daher der überwiegende Teil der Bevölkerung keinen Alkohol trinkt.
04:26Im Bild des Eisbergs ist also das ganze Wasser abgelassen
04:31und der ganze Eisberg von Beginn an sichtbar.
04:35Unter diesen Umständen fahren natürlich kaum Schiffe auf den Eisberg,
04:40weil sie rechtzeitig sehen, dass dort ein Hindernis naht.
04:44Entsprechend mag es zwar in diesen Ländern vereinzelt Menschen geben,
04:49die Alkohol trinken,
04:50aber eine Alkoholabhängigkeit kann dort beim besten Willen nicht entstehen,
04:56weil der Betroffene schon lange vorher von seinem Umfeld
05:01für seinen Alkoholkonsum kritisiert und damit korrigiert wird.
05:06Als nächstes gibt es sogenannte Trinkkulturen.
05:11In Trinkkulturen herrscht ein sehr hoher Alkoholkonsum.
05:15Das heißt, die Mehrheit der Bevölkerung trinkt regelmäßig, häufig täglich Alkohol.
05:22Beispiele hierfür sind die Länder des Mittelmeerraums,
05:26Italien, Griechenland, Spanien, Portugal und das ehemalige Jugoslawien.
05:32In all diesen Ländern herrscht also ein sehr hoher Alkoholkonsum.
05:38Bildlich gesprochen ist der Wasserspiegel um den Eisberg sehr hoch.
05:42Aber die Regeln sind sehr klar,
05:46wie viel man trinkt, wann man trinkt und wann man besser nicht trinkt.
05:51Das heißt, das Wasser ist hoch, aber es ist glasklar,
05:55es ist taghell, keinerlei Wind und von daher kann man die Untiefen sehr gut sehen.
06:04Unter diesen Umständen fahren natürlich nur wenige Schiffe auf einen Eisberg.
06:10Entsprechend gibt es in diesen Ländern zwar einen sehr hohen Alkoholkonsum,
06:15aber vergleichsweise wenig alkoholabhängige,
06:19weil die Betroffenen rechtzeitig lernen,
06:22wie sie vernünftig mit Alkohol umzugehen haben.
06:26Ich möchte Ihnen zwei Beispiele geben, die verdeutlichen, was ich meine.
06:31Nehmen wir Italien.
06:33In Italien herrscht ein sehr hoher Alkoholkonsum,
06:37aber das Trinken von Schnaps außerhalb von Mahlzeiten alleine
06:43ist dort ein untrügliches Zeichen, dass es sich um einen Alkoholabhängigen handelt.
06:49Man würde sofort sagen, schau den an, der ist nicht normal.
06:53Hier in Deutschland wäre es völlig egal,
06:56ob man Schnaps zu Mahlzeiten trinkt oder alleine oder in Gesellschaft.
07:01Niemand macht sich darüber Gedanken.
07:04Noch klarer ist in Italien der Umgang mit dem Rausch.
07:09Selbst für einen jungen Mann ist einen Rausch zu haben
07:13ungefähr so toll, wie wenn er sich vor anderen in die Hose gemacht hätte.
07:17Keine Frau wird ihn mehr anschauen.
07:20Alle werden sagen, wenn er schon zu dumm ist, um richtig zu trinken,
07:24dann taugt er auch sonst nichts.
07:25Er wird als Versager abgelehnt werden.
07:28Das ist bei uns ganz anders.
07:30Wenn ein junger Mann bei uns einen Rausch hat,
07:33dann wird man sagen,
07:34Hui, Hui, Hui, hast du den gesehen?
07:36Natürlich finden auch wir nicht alles gut, was jemand im Rausch anstellt.
07:41Aber andererseits ist er auch entschuldigt.
07:45Sonst ist er ja nicht so.
07:47Daraus kann ein Mensch bei uns nur wenig lernen.
07:52Und dann gibt es schließlich noch die gestörten Trinkkulturen.
07:56Zu den gestörten Trinkkulturen gehört eindeutig Deutschland.
07:59Aber hierzu gehört auch Russland und die USA.
08:03Also wenigstens in der Hinsicht gehören wir noch zu den Großmächten.
08:07Eine gestörte Trinkkultur bedeutet,
08:10dass wiederum die Mehrheit der Bevölkerung regelmäßig Alkohol trinkt.
08:15Also wiederum ist der Wasserspiegel um dem Eisberg sehr hoch.
08:20Aber anders als bei den Trinkkulturen sind die Regeln nicht klar.
08:25Das heißt, es ist sehr trübe Suppe, es ist nachts, es hat Nebel und es hat Sturm.
08:32Und unter diesen Umständen fahren natürlich viele Schiffe auf den Eisberg,
08:37weil sie ihn nicht rechtzeitig sehen können.
08:41Entsprechend gibt es in den gestörten Trinkkulturen auch besonders viele Alkoholabhängige,
08:48weil einfach keine klaren Regeln bestehen, wie man mit Alkohol vernünftig umzugehen hat.
08:55Damit Sie verstehen können, wie gestört unsere Trinkkultur ist,
09:01möchte ich Ihnen jetzt die fünf Trinkregeln benennen,
09:04nach denen sich der Alkoholkonsum in unserem Lande organisiert.
09:08Und Sie werden sofort merken, dass man diese Regeln selbst als Alkoholiker einhalten kann.
09:16Das heißt, diese Regeln schützen nicht vor der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit.
09:22Die erste Trinkregel heißt, regelmäßiger Alkoholkonsum ist normal.
09:28Das bedeutet, die Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land trinkt regelmäßig Alkohol.
09:35Lediglich ungefähr 15% trinken überhaupt keinen Alkohol.
09:41Das bedeutet, selbst in seiner schlimmsten Suchtphase fällt ein Alkoholiker rein statistisch weniger auf,
09:50als wenn er jetzt plötzlich aufhört, Alkohol zu trinken.
09:54Man kann in unserem Land auch relativ viel Alkohol trinken, ohne aufzufallen.
10:00Im Schnitt trinkt jeder Bundesbürger fast 10 Liter reinen Alkohol pro Kopf pro Jahr.
10:08Das wird Ihnen nicht viel sagen, denn reinen Alkohol haben Sie hoffentlich nie getrunken.
10:14Das setzt sich zusammen aus ungefähr 110 Litern Bier,
10:20ungefähr 24 Litern Wein und ungefähr 6 Litern Schnaps.
10:26Dabei sind alle Kinder und Babys mitgerechnet.
10:30Die haben natürlich nichts getrunken.
10:32Für die haben wir Erwachsene mitgesorgt.
10:36Die zweite Trinkregel heißt, Alkohol gehört dazu.
10:40Das bedeutet, es gibt in unserem Land eine Vielzahl von Situationen,
10:45in denen man nicht auffällt, wenn man Alkohol trinkt.
10:49Zwar gibt es keinen Trinkzwang, wie etwa in Russland oder in Polen,
10:54wo man den Gastgeber fürchterlich beleidigt, wenn man den Wodka ablehnt.
10:58Aber es gibt viele Situationen, in denen man weniger auffällt,
11:04wenn man Alkohol trinkt, als wenn man keinen Alkohol trinkt.
11:08Welche sind die fünf häufigsten Trinksituationen?
11:12Als allererstes Geselligkeit.
11:15Wenn man mit Freunden zusammen ist, wenn man etwas zu feiern hat,
11:20dann ist es normal, dass Alkohol getrunken wird.
11:23Stellen Sie sich vor, Sie feiern ein großes Fest, laden alle Ihre Freunde ein.
11:28Niemand wird Sie ansprechen, wenn Sie viel Alkohol ausschenken,
11:33etwa sagen, hey, hey, hey, das ist doch eine Droge.
11:36Aber stellen Sie sich vor, Sie feiern ein ebenso großes Fest,
11:41ohne jeden Alkohol, nur mit Wasser und Kaffee.
11:44Jetzt wird man Sie fragen, sag mal, bist du krank?
11:48Willst du uns etwas sagen?
11:50Weil das wäre nicht normal.
11:53Die zweithäufigste Trinksituation ist das Fernsehen.
11:58Man hat untersucht, zu welcher Tageszeit in der Woche
12:01wird in Deutschland am meisten Alkohol pro Stunde getrunken.
12:04Und das ist am Samstagabend.
12:07Da sitzt vor allem der deutsche Mann vom Fernseher,
12:11in der einen Hand das Glas Alkohol,
12:14in der anderen Hand die Zigarette und treibt Sport, schaut Bundesliga.
12:19Entsprechend sind alle Fernsehsendungen mit besonders hoher Einschaltquote
12:24fest in der Hand der Alkoholindustrie.
12:27Das können Sie an der Werbung erkennen.
12:29Zum Beispiel Krombacher bei Tatort,
12:32Bittburger bei der Sportschau oder Krombacher bei Formel-1-Rennen.
12:38Es wird heute mehr Alkohol zu Hause vom Fernseher getrunken als in Kneipen.
12:44Aber natürlich wird auch sehr viel Alkohol in Deutschland in Kneipen getrunken.
12:49Das ist die dritthäufigste Trinksituation.
12:51Entsprechend ist Alkohol auch wegen des hohen Umsatzes relativ preiswert.
12:58Manchmal kostet ein Glas Wasser mehr als ein Glas Bier.
13:03Die dritthäufigste Trinksituation sind Mahlzeiten.
13:07Hier kommt es darauf an, welche.
13:10Ab dem zweiten Frühstück, sagen wir gegen halb elf,
13:14kann man in Deutschland unauffällig Alkohol trinken.
13:17Man muss nur ein bisschen Essen in der Hand halten und kauen.
13:21Beim Mittagessen wird niemand etwas sagen und abends erst recht nicht.
13:25Die dritthäufigste Trinksituation ist leider immer noch der Arbeitsplatz.
13:32Ungefähr jeder zehnte Arbeitnehmer trinkt täglich während der Arbeit Alkohol.
13:39Und das ist nicht nur in der Gastronomie oder auf dem Bau so,
13:44sondern leider auch im Industriebereich oder in Behörden.
13:49Wenn Sie diese fünf Trinksituationen zusammennehmen,
13:53dann kann man also über den Tag verteilt immer wieder Alkohol trinken, ohne dass man aufhält.
14:01Wir sagen dann, dass der persönliche Trinkanlass maskiert ist unter dem sozialen Trinkmotiv.
14:09Die Betroffenen haben das Gefühl, immer nur mitgetrunken zu haben,
14:13obwohl sie vielleicht schleichend ein Suchtproblem entwickelt haben.
14:18Die dritte Trinkregel lautet Alkohol tut gut.
14:23Das bedeutet, die Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land ist der Meinung,
14:28dass es eine angenehme Wirkung hat, wenn man Alkohol trinkt.
14:32In repräsentativen Studien ergab sich, dass die Mehrheit der Bevölkerung annimmt,
14:38Alkohol bewirke, dass man sich in Gesellschaft wohler fühlt.
14:42Alkohol erleichtere den Kontakt mit Leuten, die man noch nicht kennt.
14:46Alkohol sei eine angenehme Möglichkeit, sich zu entspannen.
14:50Alkohol stärke das Selbstvertrauen.
14:52Oder durch Alkohol sei man humorvoller und einfallsreicher.
14:57Das heißt, selbst wenn jemand den Alkohol nicht mehr nur trinkt, weil er ihm schmeckt,
15:04sondern weil er seine Wirkung sucht oder braucht, tut er nichts Unnormales.
15:09Wir alle trinken den Alkohol immer auch wegen seiner Wirkung.
15:15Die vierte Trinkregel ist besonders interessant.
15:19Sie lautet Trinke so viel wie dein Nachbar.
15:23Das heißt, es gibt in unserem Land einfach keine klaren Hinweise,
15:27wie viel man trinken soll oder wann es zu viel ist,
15:31sondern, die Regel lautet ausschließlich, mach es so wie der neben dir.
15:37Wenn der viel trinkt, dann trinke auch eher mehr.
15:41Und wenn der nichts trinkt, dann trink eben auch nichts.
15:45Für einen Alkoholiker bedeutet dies aber,
15:49dass er im Verlauf seiner Abhängigkeitsentwicklung,
15:52ohne dass es ihm bewusst ist,
15:55sich immer mehr zu solchen Leuten hingezogen fühlt, die auch viel trinken.
15:59Unter diesen hält er sich aber wieder an die Trinkregel
16:04und hat das Gefühl, dass er alles richtig macht.
16:08Manchmal fragen wir Patienten zu Beginn der Behandlung,
16:11waren sie eigentlich der Einzige,
16:13der in ihrem Umfeld zu viel getrunken hat?
16:16Und die meisten antworten uns,
16:18nö, es ist sowieso eine Gemeinheit, dass bloß ich hierher muss.
16:21Man könnte eigentlich alle meine Kumpels auch in Behandlung schicken.
16:25Und das ist meistens nicht gelogen.
16:29Die fünfte Trinkregel lautet schließlich,
16:32Alkoholtrinken ist Privatsache.
16:35Ganz allgemein herrscht in unserem Land die Überzeugung,
16:38dass man sich in den Alkoholkonsum von anderen Menschen
16:42besser nicht einzumischen habe.
16:44Jemand zu sagen, hör mal, ich finde, du trinkst zu viel,
16:48oder ich mach mir Sorgen, du könntest abhängig sein,
16:51ist mindestens so schwer, wie jemand zu sagen,
16:54hör mal, du stinkst, wasch dich doch bitte.
16:57Hinter dem Rücken des Betroffenen wird viel getuschelt.
17:00Ihm selber wird aber meistens über lange Zeit nichts gesagt.
17:05Man sagt sich, nein, da mische ich mich nicht ein,
17:07das muss er selber wissen.
17:09Weil aber niemand etwas sagt,
17:11denkt der Betroffene lange Zeit,
17:13so schlimm kann es doch nicht sein,
17:15sonst hätte jemand etwas gesagt.
17:17Und dadurch gehen häufig viele wichtige Lebensjahre verloren.
17:23Fassen wir zusammen.
17:25Die fünf Trinkregeln in Deutschland schützen nicht vor der Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit,
17:31weil sie über eine lange Zeit der Suchtentwicklung
17:35immer noch problemlos eingehalten werden können,
17:38sodass der Betroffene und sein Umfeld das Gefühl haben,
17:42dass alles in bester Ordnung ist.
17:44Weil diese Regeln aber für Frauen weniger gelten,
17:49trinken auch Frauen in unserem Land weniger
17:52und entwickeln auch seltener eine Alkoholabhängigkeit.
17:57Vor allem aber, wenn sie ein Alkoholproblem entwickeln,
18:01begeben sie sich früher in Behandlung,
18:03weil sie früher mit den Trinkregeln in Konflikt kommen.
18:08Zurecht können sie sich fragen,
18:10wozu soll ich das alles wissen?
18:12Ich will doch jetzt aufhören zu trinken.
18:15Was hat das also alles mit ihrer Behandlung zu tun?
18:18Es sind zwei wichtige Dinge.
18:22Zum einen, wenn sie verstehen wollen,
18:26warum sie ein Suchtproblem entwickelt haben
18:28und nicht vielleicht jemand, den sie kennen,
18:31der auch viel getrunken hat,
18:32dann nützt es nichts,
18:35wenn sie sich nur die Spitze des Eisbergs anschauen,
18:38also was in den letzten ein, zwei Jahren
18:41ihres Alkoholkonsums schiefgelaufen ist,
18:44sondern dann müssen sie sich den ganzen Eisberg anschauen,
18:49das heißt, wie alles vor zehn oder 15 Jahren
18:52schleichend angefangen hat.
18:55Das bedeutet bildlich gesprochen,
18:57sie müssen das ganze Wasser um den Eisberg ablassen,
19:01damit sie den Beginn von Anfang an sehen können.
19:06Das Wasser ablassen heißt aber,
19:09dass sie sich von diesen fünf Trinkregeln,
19:12die ich Ihnen gezeigt habe,
19:13trennen müssen.
19:14Denn wenn sie die für richtig halten,
19:17dann wird ihnen der größte Teil ihrer Suchtentwicklung
19:20harmlos und normal vorkommen.
19:23Sich von diesen fünf Trinkregeln zu trennen,
19:27bedeutet aber, anders über Alkohol zu denken
19:31als die Mehrheit der Bevölkerung.
19:34Das heißt, sie würden plötzlich zu einer Minderheit gehören,
19:39zur Minderheit der Abstinenzler.
19:42Deutschland ist leider kein sehr tolerantes Land.
19:45Minderheiten haben es in unserem Land nicht leicht.
19:48Und das ist etwas,
19:51worauf sie sich vorbereiten müssen.
19:54Möglicherweise werden sie im Moment
19:55sehr unterstützt von ihren Angehörigen.
19:58Alle klopfen ihnen auf die Schulter
19:59und sagen, toll, dass du eine Behandlung machst.
20:02Aber machen wir uns nichts vor.
20:04Auf die Dauer, wenn sie keinen Alkohol trinken,
20:08werden sie auffallen,
20:10weil sie sich unnormal verhalten.
20:12Und früher oder später
20:14wird auf sie Druck ausgeübt werden.
20:17Man wird sagen, komm, trink doch mal einen mit.
20:19Du musst es ja nicht so wie früher machen.
20:21Ein bisschen wird schon gehen.
20:23Hier könnte es sinnvoll sein,
20:26dass sie von anderen Minderheiten lernen.
20:28Alle Minderheiten in Deutschland
20:30sind sehr gut organisiert.
20:32Sie haben Treffpunkte, sie haben Vereine,
20:35sie halten zusammen.
20:37Das könnte ein Grund sein,
20:39warum sie sich einer Selbsthilfegruppe anschließen,
20:42damit sie wenigstens nicht allein
20:45gegen den Strom schwimmen müssen.
20:46Denn es war leider viel leichter,
20:50mit der Mehrheit Alkohol zu trinken,
20:52als plötzlich als Abstinenzler
20:55gegen den Strom zu schwimmen.
20:58Darauf müssen sie sich vorbereiten.
21:02I.
21:02Ich.
21:03Ich.
21:10Ich.
21:11Untertitelung des ZDF, 2020