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  • vor 9 Stunden

Kategorie

Menschen
Transkript
00:02Wir haben eine Arbeitsstelle tatsächlich schaffen können für Kevin. Kevin ist 26,
00:08ist 60 Prozent schwerbehindert. Den haben wir mit Förderung vom Arbeitsamt hier einstellen
00:13können. Die Förderung läuft leider zum 1.9. aus und wir wissen noch nicht, wie wir in den Job
00:18weiter finanzieren sollen. Da fehlen uns halt dann einfach die Mittel ohne Förderung. Und
00:23das ist im Moment gerade unser Thema, was uns enorm unter den Fingernägeln brennt. Kevin ist
00:28ganz toll. Der geht auch ganz toll mit den Pferden um. Und wenn man Kevin hilft, hilft man letztendlich
00:35dadurch auch den Pferden, wenn wir ihn hier am Hof wirklich erhalten können. Vielleicht durch mehr
00:39Mitglieder, mehr Patenschaften, Spenden, wie auch immer. Wir leben ausschließlich von Spenden. Wir
00:45sind gemeinnützig anerkannt. Wir sind inzwischen seit fünf Jahren ein kleiner Verein. Wir nehmen
00:50zehn Euro jeden Monat Mitgliedsbeitrag und wir vergeben Patenschaften für unsere Tiere, denn der
00:57Pate kann dann auch gerne kommen, sein Pferd besuchen, putzen, kuscheln, eine Runde spazieren
01:01gehen. Das ist alles möglich. Oder einfach hier die fantastische Umgebung und die Ruhe auf dem Hof
01:06genießen. Ja, und wir freuen uns natürlich über jede Spende, die reinkommt, egal ob es
01:10finanzieller Art ist oder ob es eine Sachspende ist. Wir bekommen viele gebrauchte Pferdedecken
01:15zum Beispiel oder Futter, was ein anderes Pferd verschmäht. Das kriegen wir hier auf alle Fälle bei den
01:2136 Mäulern, die wir stopfen müssen, immer unter. Also zum einen mag ich es draußen zu arbeiten, das
01:28schätze ich sehr. Ich mache auch körperliche Arbeit. Ich merke, dass ich gerade 20 mehr bin. Aber trotz
01:37allem mag ich es gerne auch körperlich zu arbeiten, viel an der frischen Luft zu sein, den Umgang mit den
01:42Pferden. Ich glaube, ich hätte keinen Kontakt mehr zu Pferden. Tatsächlich hätte ich jetzt den Job nicht mehr.
01:48Und dadurch, dass mein Pferd eben gestorben ist und zwei Kinder bei uns Einzug gehalten haben in die
01:55Familie, hat sich mein Leben komplett verändert. Und ich glaube, ich hätte, wie gesagt, keinen Kontakt
02:01mehr zu Pferden, was schade wäre. Die meisten Ställe sind eher für die Reiter da und dieser Stahl ist für
02:08die
02:08Tiere da. Das ist natürlich jetzt nicht immer so, aber überwiegend ist es einfach in klassischen
02:12Reitstellen. Die Pferde stehen da, um geritten zu werden. Und hier sind die Pferde, um Pferd sein zu dürfen.
02:19Das ist hier nicht dieser klassische Betrieb. Man kommt, zieht sein Pferd aus der Box, macht es
02:26fertig, geht in die Reithalle. Es ist nicht so dieses Kommen und Gehen. Ich bin jetzt allerdings auch nur vormittags
02:34da.
02:34Nachmittags ist wahrscheinlich noch mal eine ganz andere Frequenz. Aber es ist bedeutend ruhiger hier.
02:42Ja, genau. Wir sehen ja auch, in welcher Verfassung die Pferde hier ankommen. Und die verändern sich nicht nur vom
02:48Körperlichen, sondern die verändern sich halt auch seelisch. Und wenn man dann sieht, wie dieser
02:54Wandlungsprozess stattfindet und die Tiere sich auch total anschließen. Und das vergehen oftmals nur wenige
02:59Wochen. Du wirst hier Viren von neuen Pferden auf dem Hof begrüßt. Jetzt bekommen wir gerade eine Gänsehaut.
03:04Und das ist einfach, es ist einfach so toll. Und auch, hier laufen Hunde über den Hof, hier laufen Katzen
03:11über den Hof. Es ist kein Unfrieden. Jeder kommt hier mit jedem klar. Also die Katzen liegen auch bei den
03:18Pferden mit in den Boxen. Und das ist einfach, es ist ein magischer Ort. Und so stelle ich mir eigentlich
03:24ein Paradies vor, wo alle irgendwo friedlich miteinander leben können. Und auch diese Kraft,
03:31die einem zurückgegeben wird von den Pferden, das kann einfach nur paradiesisch sein. Manchmal haben
03:37wir eine Einweisung von einem Tierarzt und der sagt, ja, mach mal noch mal zwei, drei schöne Monate. Und
03:43dieses Pferd lebt hier wirklich noch mal Jahre. Und das ist halt einfach eine Sache. Das müssen die
03:48Pferde merken, anders lässt sich das nicht erklären. Ja, Malaba war ein ganz süßer, dunkler
03:55Shetty-Wallach, der schon letzten Winter, also immer mal wieder mit Rehen zu kämpfen hatte und letzten
04:03Winter halt extrem. Und jetzt hat er wieder so einen Schub gehabt, stand längere Zeit in der Box. Und die
04:12letzten Tage haben festgestellt, dass er nicht mehr so richtig fressen wollte, nicht mehr so richtig getrunken
04:16hat. Und die Nase fühlte sich auch schon ganz kalt an. Also wenn man, wenn man so merkt, dass so
04:21langsam
04:21das Leben aus dem Körper war, ist das irgendwie schon, ja, sehr traurig. Und das ist halt so, ja, sehr,
04:29sehr
04:29berührend, wenn man so mitbekommt, wie letztendlich das, ja, was ich vorhin dachte, das Leben halt so langsam
04:37aus dem Körper geht. Und bin sehr froh, dass wir die Möglichkeit haben, den Tieren dann natürlich durch den Tierarzt
04:43helfen zu können.
05:14Ein Paradies, das steht im Internet über diesen Hof. Diesen Satz habe ich im Kopf, während ich hier
05:20ankomme. Nach ein paar Schritten durch das Gatter schnuppern die Hunde an mir und wollen spielen. Ich
05:27sehe die Pferde auf der Koppel stehen und ich verstehe sofort, was damit gemeint ist. Hier zwischen den
05:33Weiden tickt die Zeit irgendwie anders. Die Natur gibt den Takt vor, nicht die Uhr. Man hört die Tiere,
05:40sieht das Leben auf dem Hof und spürt, hier muss gerade überhaupt nichts schnell gehen. Die Pferde
05:48haben hier einen Ort gefunden, an dem sie alt werden dürfen. Ein Ort, an dem sie bleiben dürfen. Und ich
05:55merke, mir tut dieser Ort gut. Pferde, die hier aufgenommen werden, können hier bleiben bis zu ihrem
06:02letzten Weg. Sie müssen hier nicht mehr funktionieren. Und ich sehe ihnen an, wie gut ihnen das tut. Es ist
06:11eine Ruhe voller Leben, keine dumpfe Stille. Ich erwische mich bei dem Gedanken, genau danach sehne ich mich
06:18auch. Nicht ständig funktionieren müssen, nicht sofort weiter müssen. Einfach mal da sein, ohne Druck, frei.
06:27Je länger ich hier bin, desto klarer wird mir. Das Paradies ist vielleicht ganz anders, als wir es
06:34uns im Kopf oft ausmalen. Das Paradies muss nicht perfekt sein, heil, ohne Brüche, ohne Ballast. Die
06:42Wagnadenhof ist gerade deshalb so besonders, weil hier eben nicht alles perfekt ist. Die Tiere bringen
06:49ihre Geschichten mit. Sie sind alt, manche haben Verletzungen hinter sich oder brauchen intensive
06:54Pflege. Sie tragen die Spuren von dem, was war. Dazu kommt, diese Ruhe fällt nicht vom Himmel. Sie
07:03kostet Kraft und Menschen kümmern sich jeden Tag darum. Frühs Aufstehen, Füttern, Misten, medizinische
07:09Versorgung, lauter Handgriffe, die leicht übersehen werden. Es braucht unglaublich viel Geduld und Kraft,
07:17diesen Ort zu erhalten. Hinter diesem Frieden stehen Menschen, die Verantwortung übernehmen. Jeden Tag aufs
07:25Neue. Auch dann, wenn es anstrengend wird. Ich glaube, ich hatte lange ein falsches Bild vom Paradies.
07:34Irgendwas Makelloses, schön und heil, ohne Brüche, ohne das, was schwer geworden ist. Aber wie hätte ich
07:43selbst so einem Bild jemals gerecht werden sollen? Niemand kommt ohne Geschichte durchs Leben. Wir
07:50schleppen Erfahrungen und Narben mit uns herum, die uns geprägt haben. Manche sieht man sofort,
07:57andere bleiben versteckt. Ein Ort, an dem alles perfekt ist? Ich glaube, da würde ich mich vielleicht
08:05gar nicht zu Hause fühlen. Ich müsste mich ja ständig verstellen, um überhaupt reinzupassen. Dieser
08:12Gnadenhof zeichnet ein anderes Bild. Er zeigt, ein Leben ist nicht weniger wert, wenn es lange gedauert
08:20hat oder Verletzungen trägt. Das, was zerbrochen ist, verliert nicht automatisch seinen Wert. Schwäche ist
08:28kein Grund, jemanden aufzugeben. Genau deshalb ist dieser Name dieses Ortes so stark. Gnadenhof. Da steckt
08:38das Wort Gnade drin. Hier muss sich niemand seinen Platz verdienen. Und vielleicht gilt das ja nicht
08:44nur für Tiere. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe geben. In
08:53der
08:53Bibel lädt Jesus gerade nicht die Leute ein, deren Leben perfekt läuft. Seine Einladung gilt denen, die
09:00schwer tragen, die müde sind, die das, was war, nicht einfach abschütteln kann. Dieser Gnadenhof zeigt uns
09:08etwas von dem Blick, mit dem Gott auf uns schaut. Gott fragt nicht zuerst, was leistest du? Was lieferst du
09:15ab? Er
09:17fragt, was brauchst du? Ich nehme dieses Rage vom Gnadenhof mit in meinen Alltag. Wo darf ich einfach
09:26sein? Und wo kann ich einem anderen Menschen genau das ermöglichen? Denn die Einladung steht. Kommt her zu
09:35mir, ohne Bedingung. Für Menschen mit Geschichte, mit Lasten, mit allem, was sie eben so mitbringen. Bei Gott
09:45müssen wir nichts beweisen. Wir dürfen da sein. Wir sind gesehen. Wir sind wertvoll.
10:01Noch sehen wir zum Himmel, den Kopf in den Wolken und fragen, wann du wiederkommst. Statt jetzt loszugehen und
10:14mit Hände zu reichen, du brichst auf mit uns. Was sehen wir zum Himmel, den Kopf in den Wolken und
10:27fragen, wie es gestern war.
10:30Statt uns umzuschauen, auch sehen wird glauben, du bist heute da, weil du uns nahe bleibst.
10:46Und an unserer Seite, weil du uns nahe bleibst. Bis ans Ende der Welt, weil du uns nahe bleibst.
11:04Und an unserer Seite, weil du uns nahe bleibst. Bis ans Ende der Welt.
11:29Was sehen wir zum Himmel, den Kopf in den Wolken und fragen, wann du wiederkommst. Statt jetzt loszugehen und
11:42bis ans Ende der Welt.
11:49Was sehen wir zum Himmel, den Kopf in den Wolken und fragen, wie es gestern war.
11:58Statt uns umzuschauen, aussehen wird glauben, du bist heute da, weil du uns nahe bleibst und an unserer Seite.
12:17Weil du uns nahe bleibst, bis ans Ende der Welt, weil du uns nahe bleibst und an unserer Seite.
12:37Weil du uns nahe bleibst, bis ans Ende der Welt.
12:50Noch sehen wir zum Himmel den Kopf in den Wolken und fragen, wie es gestern war.
13:06Vielen Dank, dass ihr dabei wart und ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.
13:10Entweder beim nächsten Mal Lifeline unterwegs oder bei einem unserer Gottesdienste aus Lübeck.
13:15Bis dahin segne uns der barmherzige und gnadenreiche Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.
13:29Bis dahin.
14:09Und hier lohnt es sich, bei einem Gedanken innezuhalten, der viele überrascht.
14:13Wir sind gewohnt, die Evolution als etwas unvorstellbar Langsames zu denken.
14:18Jahrmillionen, Dinosaurier, die allmähliche Verwandlung der einen Lebewesen in andere.
14:24Etwas aus dem Lehrbuch ohne Bezug zu unserem Alltag.
14:27Doch der Kartoffelkäfer zeigt die Evolution live, im Maßstab einer einzigen Gartensaison.
14:34Jede Behandlung des Feldes ist ein Akt der Selektion.
14:37Sie selbst, mit eigenen Händen, mit ihrer Spritze, sieben die Schwachen aus und lassen die Stärksten übrig.
14:44Und züchten so in ihrem eigenen Beet eine immer widerstandsfähigere Käferrasse heran.
14:49Es klingt paradox, aber je eifriger und blinder man den Käfer mit ein und demselben Mittel bekämpft,
14:56desto schneller züchtet man einen Käfer heran, dem dieses Mittel nichts anhaben kann.
15:01Der Mensch wird, ohne es zu wollen, zum Züchter seines eigenen Feindes.
15:07Und als wären all die aufgezählten Fähigkeiten nicht genug, gibt es noch eine Tatsache,
15:12die das vertraute Bild vom hilflosen gestreiften Käferchen auf der Kartoffel endgültig auf den Kopf stellt.
15:18Der Kartoffelkäfer kann fliegen.
15:21Und er fliegt gut, über Entfernungen von bis zu mehreren Kilometern in einem Flug.
15:27Das bedeutet, selbst wenn sie ihr Feld perfekt behandelt und darauf jeden Käfer bis zum letzten vernichtet haben,
15:34kommen eine Woche später seelenruhig fremde Käfer auf den freien Platz geflogen.
15:38Vom Nachbargrundstück, vom Waldrand, von einer verwilderten Parzelle ein paar Straßen weiter.
15:45Das ist kein Parasit, den man ein einziges Mal von einem Ort vertreiben und dann erleichtert aufatmen kann.
15:51Das ist eine Art, die das Gebiet ganz und gar eingenommen hat und nicht vorhat, es zu verlassen.
15:58Und nun sehen wir uns an, was genau der Käfer mit der Pflanze macht.
16:02Denn das ist eine eigene Geschichte.
16:04Davon, wie genau, methodisch und gnadenlos er arbeitet.
16:09Der erwachsene Käfer und seine Larven ernähren sich von den Blättern der Kartoffel.
16:13Aber nicht wahllos.
16:15Sie beginnen an der Spitze des Strauchs und arbeiten sich methodisch nach unten.
16:19Zuerst fressen sie die jungen Blätter ab, die saftigsten, mit dem höchsten Wasser- und Nährstoffgehalt.
16:25Dann gehen sie zu den Älteren über.
16:28Der Strauch verliert dabei nicht einfach Blätter, er verliert die Fähigkeit zur Photosynthese.
16:33Und die Logik ist hier gnadenlos einfach.
16:36Keine Blätter, keine Photosynthese.
16:39Keine Photosynthese, keine Nahrung für die Knollen unter der Erde.
16:43Die Knollen hören auf zu wachsen.
16:45Bei starkem Befall stirbt die Pflanze, ohne überhaupt eine Ernte gebildet zu haben.
16:50Ein einzelner Käfer frisst in seinem ganzen Leben recht wenig grüne Masse.
16:55Buchstäblich ein paar Gramm.
16:57Klingt nicht dramatisch, aber hier ist der Haken.
17:00Die Larve auf der letzten Stufe vor der Verpuppung frisst um ein Vielfaches gefräßiger als das erwachsene Tier.
17:08Gerade die Larven richten den Hauptschaden auf dem Feld an.
17:11Und gerade sie sind am schwersten rechtzeitig zu bemerken.
17:15Denn sie sitzen an der Unterseite des Blattes, dem flüchtigen Blick verborgen.
17:19Die Larven selbst durchlaufen vier Entwicklungsstadien.
17:22Frisch geschlüpft ist sie winzig, dunkel, fast unsichtbar.
17:27Nach ein paar Tagen häutet sie sich und wird größer.
17:30Dann noch einmal.
17:32Im vierten Stadium ist es schon eine auffällige, wohlgenährte, orange-rote Larve von etwa einem Zentimeter Länge, die man schwer
17:40übersieht.
17:40Nur hat sie zu diesem Zeitpunkt den größten Teil des Schadens bereits angerichtet.
17:46Der gesamte Weg vom Ei bis zum erwachsenen Käfer dauert bei warmem Wetter etwa drei Wochen.
17:52Drei Wochen und eine neue Generation ist bereit, selbst Eier zu legen.
17:56In einem Sommer wechseln im gemäßigten Klima zwei vollständige Generationen.
18:01In südlicheren, heißeren Gegenden manchmal drei.
18:05Und jetzt führen wir die Arithmetik langsam zusammen.
18:08Ein überwintertes Weibchen legt im Frühling etwa 400 Eier.
18:13Nehmen wir an, die Hälfte davon sind Weibchen der nächsten Generation, das sind 200.
18:19Jedes dieser 200 legt wieder je mehrere hundert Eier.
18:23Bis zum Ende des Sommers können aus einem einzigen überwinterten Tier theoretisch mehrere zehntausend Käfer hervorgehen.
18:30Das gilt natürlich unter idealen Laborbedingungen.
18:34Ohne Verluste, ohne Räuber, ohne Behandlungen.
18:37In Wirklichkeit sind die Verluste enorm und bis zum Schluss überlebt ungleich weniger.
18:43Aber selbst wenn man die theoretische Zahl durch 10 teilt, jagt der Rest noch immer Angst ein.
18:49Deshalb kommt das Zögern beim Schutz des Feldes so teuer zu stehen.
18:53Ein verpasster Tag mitten im Flug bedeutet nicht einen Käfer.
18:57Es bedeutet potenziell hunderte neuer Gelege.
19:00Und wo wir gerade bei den Gelegen sind, hier ein Detail, das sehr viele übersehen.
19:06Das Weibchen legt die Eier ausschließlich an die Unterseite des Blattes.
19:10Nicht an die Oberseite.
19:12Nicht an den Stängel.
19:14Nur unten.
19:15Und auch das ist kein Zufall, sondern eine durchdachte Strategie.
19:19Von unten sind die Eier vor direkter Sonne geschützt, vor Regen und, was für den Menschen
19:25mit der Spritze am wichtigsten ist, vor den meisten Giften, die sich bei der Behandlung
19:29auf der Oberseite des Blattes ablagern.
19:32Wenn sie den Strauch von oben behandeln, bleibt das Gelege an der Unterseite völlig unversehrt.
19:38Genau deshalb drehen erfahrene Gärtner beim Absammeln von Hand jedes Blatt um und betrachten
19:44es von der Rückseite, statt den Strauch nur von außen zu bewundern.
19:48Dort, an der Unterseite, verstecken sich die dichten, orangefarbenen Eihäufchen, ordentlich
19:54aufrecht zusammengesetzt.
19:56Übersehen sie ein einziges solches Gelege und in drei Wochen beginnt alles von vorn.
20:02Und nun, da wir die Biologie des Käfers verstehen, sein Gift, seine Zählebigkeit und seine Gelege,
20:09können wir endlich zur zentralen, praktischen Frage zurückkehren, die ich am Anfang versprochen
20:14habe.
20:14Warum gerade verbrennen?
20:17Warum nicht zertreten, nicht vergraben, nicht über den Zaun werfen?
20:21Die Antwort ist keine Volksweisheit und kein Aberglaube.
20:25Es ist Biologie und Chemie zugleich und die Gründe sind genau drei.
20:30Erster Grund, die Eier.
20:32Die Eier des Kartoffelkäfers sind von einer dichten Schutzhülle umgeben.
20:37Diese Hülle bewahrt sie vor mechanischer Einwirkung deutlich besser, als es auf den ersten Blick scheint.
20:42Wenn sie ein Gelege mit dem Finger oder dem Fuß zerdrücken, sterben tatsächlich ein
20:47Teil der Eier.
20:49Aber ein Teil, besonders die am Rand des Häufchens oder unter anderen Eiern, wird nur verformt,
20:55ohne abzusterben.
20:57Die Hülle federt, der Keimling im Inneren bleibt geschützt.
21:00Ein zerdrücktes Gelege sieht vernichtet aus, ist es aber nicht immer.
21:05Zweiter Grund, die Larven und eben jenes Pflanzengift.
21:08Die Larve stirbt beim Zerdrücken, anders als das Ei, zuverlässig, das stimmt.
21:13Aber ihr Inhalt, einschließlich des angereicherten Gifts, bleibt auf der Erde liegen.
21:18In kleinen Mengen ist das nichts.
21:20Aber wenn man Tag für Tag auf demselben Stück hunderte Larven zerdrückt, sammelt sich das
21:25Gift nach und nach in der oberen Bodenschicht an.
21:29Für die künftige Ernte ist das nicht tödlich, aber auch nicht harmlos.
21:32Der Stoff schwächt einen Teil der Bodenmikroorganismen, die die fruchtbare Schicht bilden.
21:38Sie bekämpfen den Käfer und vergiften nebenbei nach und nach ihre eigene Erde.
21:43Doch der wichtigste Grund ist der dritte und er betrifft den Erwachsenenkäfer.
21:48Ein zerdrückter, erwachsener Käfer gibt ein Wehrsekret ab.
21:52Eine scharfe, unangenehme Flüssigkeit, die er in freier Natur als letzte Verteidigungslinie
21:58gegen kleine Räuber einsetzt.
21:59Für den Menschen ist diese Flüssigkeit harmlos, sie riecht nur übel.
22:04Aber sie enthält chemische Signale, die andere Käfer auf ihre Weise lesen.
22:09Der genaue Mechanismus wird hier noch erforscht und ehrlich gesagt, das ist kein endgültig
22:14bewiesenes Gesetz, sondern eine Beobachtung.
22:17Aber Feldbeobachtungen registrieren immer wieder dieselbe Gesetzmäßigkeit.
22:22Auf das massenhafte Zerdrücken von Käfern in einem offenen Beet folgt nicht selten, dass
22:28sich in den nächsten Stunden noch mehr ihrer Artgenossen auf eben diesem Fleck einfinden.
22:33Gärtner, die die Käfer direkt im Beet zerdrücken, beschreiben es oft so.
22:37Du zerdrückst und zerdrückst und eine Stunde später sind sie wieder zuhauf da, wie aus dem
22:42Nichts.
22:44Möglicherweise ist genau das jener Nebeneffekt des chemischen Signals.
22:48Und nun löst das Feuer alle drei Probleme auf einen Schlag.
22:52Eier, Larven, erwachsene Tiere.
22:55Alles wird vollständig und endgültig vernichtet.
22:59Keine Sekrete, keine Giftspuren im Boden, keine an den Rändern des Geleges überlebenden
23:04Keimlinge.
23:05Die richtige Technik ist einfach.
23:07Käfer, Eier und Larven sammelt man in irgendein Gefäß, eine Blechdose, einen alten Eimer.
23:12Dazu gibt man am besten auch befallene Blätter mit den Gelegen an der Unterseite.
23:16Und das Ganze verbrennt man.
23:19Ist offenes Feuer auf dem Grundstück nicht möglich, übergießt man das Gesammelte mit
23:23einer starken Salzlösung oder mit Petroleum.
23:26Das Salz entzieht den weichen Geweben das Wasser und Larven und Eier sterben zuverlässig.
23:31Petroleum zerstört die Schutzhülle.
23:34Die gesammelten Käfer aber in den Komposthaufen oder einfach über den Zaun zu werfen, das
23:39ist ein verbreiteter und ärgerlicher Fehler.
23:41Der Käfer ist unglaublich zählebig.
23:44Bei passender Temperatur und Feuchtigkeit kommt ein erwachsenes Tier sogar nach mehreren
23:49Minuten in scheinbar aussichtslosen Bedingungen wieder zu sich.
23:52Hinter dem Zaun wacht er auf und kehrt zurück.
23:55Im Kompost überwintert er und begrüßt sie im nächsten Frühling.
23:59Man könnte meinen, jetzt sei alles klar.
24:02Sammeln, verbrennen, klug behandeln und die Sache ist erledigt.
24:06Doch hier liegt das eigentliche Paradox dieser Geschichte.
24:09Trotz jahrzehntelangen Kampfes, chemisch, mechanisch, biologisch, wie auch immer, gibt der
24:15Kartoffelkäfer nicht nur keine Stellung auf, er erweitert weiter sein Reich und steht in
24:20genau diesem Moment an der Schwelle von Gebieten, in die man ihn bisher nicht gelassen hat.
24:25Und wenn man die Karte seiner Ausbreitung genauer betrachtet, offenbart sich eine unangenehme
24:30Wahrheit.
24:31Die Verbreitungskarte des Kartoffelkäfers ist im Grunde eine Karte menschlicher Tätigkeit.
24:37Der Käfer erobert die Gebiete nicht selbst, er folgt uns.
24:41Ein paar Kilometer in einem Flug, das ist alles, wozu er aus eigener Kraft fähig ist.
24:46Alles Übrige erledigen wir für ihn.
24:49Autos, Züge, Lastwagen mit Kartoffeln, Touristen mit Setzlingen.
24:54Der Käfer reist als blinder Passagier.
24:56In Erdklumpen an den Wurzeln, in Kisten mit Ernte, in der Erde, die an den Rädern der
25:02Landmaschinen klebt.
25:03So überwindet er die hunderte und tausende Kilometer, die er auf eigenen Flügeln nie
25:08bewältigen würde.
25:09Wir empören uns über seinen Vormarsch und kutschieren ihn selbst um die Welt.
25:14Bis heute hat der Käfer praktisch den gesamten europäischen Teil der riesigen Räume östlich
25:20seiner europäischen Heimat erobert und zieht weiter.
25:23Über den großen Gebirgsriegel kam er erst relativ spät, schon gegen Ende des vorigen
25:28Jahrhunderts.
25:29Der Grund ist einfach und menschlich verständlich.
25:32Früher war der Güterverkehr zentralisiert und kontrolliert, dann wurde er chaotisch und
25:38der Käfer nutzte die sich öffnende Lücke umgehend.
25:41Inzwischen wird er immer häufiger in neuen, immer östlicheren Regionen erfasst und in
25:46einzelnen warmen Jahren auch noch weiter.
25:49Und die Klimaforscher warnen, mit der Erwärmung des Klimas werden sich die nördlichen und östlichen
25:54Grenzen seines Reiches immer weiter verschieben.
25:57Die Logik ist wieder biologisch.
26:00Der Käfer braucht eine Temperatur über 10 Grad, um aus dem Winterschlaf zu erwachen und
26:05über 15, um sich normal fortzupflanzen.
26:08Je mehr solcher warmen Tage es in einst kalten Gegenden gibt, desto sicherer fühlt sich
26:14der Käfer dort.
26:15Die Erwärmung öffnet ihm buchstäblich neue Türen.
26:18Es gibt auf dem Planeten Gebiete, in die er bislang nicht vorgedrungen ist und in die
26:23man ihn auf keinen Fall lassen will.
26:25Ein ganzer abgelegener Inselkontinent mit einzigartiger verletzlicher Natur, eine Reihe
26:31von Ländern im Osten Asiens, dort gelten strenge Quarantänesperren für die Einfuhr von Kartoffeln
26:36und jeglichem Pflanzmaterial und es ist wichtig zu verstehen, worauf diese Sperren beruhen.
26:43Nicht auf Zäunen und nicht auf Grenzen im üblichen Sinne, sondern auf der akribischen
26:47Kontrolle von allem, was die Schranke passiert.
26:50Jede Kiste mit Gemüse, jeder Sack mit Saatgut, jede Lieferung von Technik, an deren Rädern
26:56Erde von einem befallenen Feld geblieben sein könnte.
26:59Denn wir kennen ja schon das wichtigste Geheimnis des Käfers.
27:03Er reist kaum selbst, ihn kutschiert der Mensch.
27:06Dem Käfer den Weg zu versperren heißt nicht, das Insekt selbst zu sperren, sondern jenen
27:11unsichtbaren Güterstrom, in dem es als Blinderpassagier mitfährt.
27:15Dieser abgelegene Kontinent ist ein Sonderfall.
27:18Sein Ökosystem ist so eigentümlich und wehrlos gegen Fremde, dass das Auftauchen eines Schädlings
27:24dieser Klasse zu einer wahren Katastrophe würde.
27:27Die dortige Natur hat sich in Isolation entwickelt, abgeschnitten vom Rest der Welt und hat schlicht
27:33keine fertige Antwort auf einen Eindringling mit einem solchen Repertoire an Fähigkeiten.
27:39Der Käfer fehlt dort bis heute und das ist kein glücklicher Zufall, sondern das Ergebnis
27:44einer ununterbrochenen, penibel betriebenen Quarantäne-Kontrolle, die nicht einen Tag
27:49nachlässt.
27:51Eines der größten Länder Asiens hielt den Käfer lange an seinen Westrändern fest, wo
27:56er schon Ende des vorigen Jahrhunderts durchgesickert war, doch in den letzten Jahren rückte er ins
28:01Landesinnere vor.
28:02Und das bereitet den dortigen Landwirten ernste Kopfschmerzen.
28:06Denn der Maßstab des Kartoffelanbaus dort ist kolossal, was bedeutet, dass sich die Futterstraße
28:12für den Käfer über tausende Kilometer ins Landesinnere zieht.
28:16Und jetzt zu dem, woran man in Gesprächen über den Kartoffelkäfer fast nie denkt.
28:21Wie man ihn doch in Schach halten kann, wenn die Chemie allein verliert.
28:26Da die Gifte auf lange Sicht versagen, suchen die Wissenschaftler die Handhabe gegen den Käfer
28:31in der Natur selbst.
28:32In der Heimat, in den Bergen, hat er natürliche Feinde.
28:36Bestimmte Raubwanzen, parasitische Fliegen, mikroskopische Würmer, Pilzkrankheiten.
28:42Das Problem ist, man kann diese Räuber nicht einfach auf die neuen Kontinente verfrachten.
28:47Es gibt keinerlei Garantie, dass sie sich nicht, nachdem sie mit dem Käfer fertig sind,
28:52selbst in eine neue Plage verwandeln.
28:54Die Geschichte kennt zu viele Fälle, in denen sich der eingeführte Retter als schlimmer erwies
28:59als das Übel, gegen das man ihn rief.
29:02Wirklich vielversprechend erwiesen sich dagegen Bakterien.
29:05Es gibt ein Bodenbakterium, das ein Eiweiß produziert, das gerade für die Larven bestimmter
29:11Käfertypen giftig ist, dabei aber harmlos für Menschen, Vögel und die meisten übrigen
29:16Insekten.
29:18Präparate auf seiner Grundlage setzt man heute als Ersatz für chemische Gifte ein.
29:23Ihre Wirkung ist mäßig, dafür aber stabil und, das Wichtigste, an dieses Bakterieneiweiß
29:29hat sich der Käfer bis heute nicht anpassen können.
29:32Bislang.
29:33Dieses Wort muss man hier jedes Mal wiederholen, denn wenn man unseren Helden kennt, wird er
29:39früher oder später versuchen, auch diese Hürde zu umgehen.
29:42Doch es gibt noch eine Methode.
29:44Primitiv einfach und doch erstaunlich zuverlässig.
29:48Und die kannten schon die Agronomen des vorigen Jahrhunderts.
29:51Sie wandten sie nur nicht immer richtig an.
29:53Es ist die Fruchtfolge auf dem Feld.
29:56Eine Idee, die viele tausend Jahre alt ist.
29:59Pflanze nicht Jahr für Jahr dieselbe Pflanze auf denselben Platz.
30:04Erinnern Sie sich?
30:05Der Käfer überwintert genau dort, wo die Kartoffel wuchs.
30:08Im Herbst gräbt er sich direkt unter den Sträuchern in den Boden und im Frühling steigt er empor,
30:14in der Erwartung, dass das Futter wieder in der Nähe ist, am selben Ort wie zuvor.
30:18Wenn sie aber die Kartoffel über den Winter auf ein anderes Stück verlegt haben,
30:23findet sich der erwachte Käfer auf nacktem Boden wieder.
30:26Kein Futter.
30:28Er muss es suchen und das kostet Zeit und Kraft.
30:31Ein Teil der Population stirbt, ohne Nahrung gefunden zu haben, ein Teil fliegt zu den Nachbarn.
30:37Der Befall ihres konkreten Stücks sinkt bei kluger Fruchtfolge um ein Vielfaches.
30:42Der Käfer frisst weder Weizen, noch Erbsen, noch Mais.
30:46Und ein Jahr ohne Kartoffel auf diesem Platz wird für die örtlichen Käfer zu einem Jahr,
30:51das viele von ihnen schlicht nicht überleben.
30:54Auf einem großen Feld funktioniert das hervorragend.
30:57Auf einem kleinen privaten Garten ist es schwieriger.
31:00Das Grundstück ist winzig, der Käfer fliegt mühelos von den Nachbarbeeten herüber.
31:06Aber selbst ein teilweises Verschieben der Anpflanzungen senkt die Belastung.
31:10Und man kann weitere Kniffeln zufügen.
31:12Frühe Kartoffelsorten bilden ihre Ernte aus, bevor die zweite, zahlreichste Käfergeneration ihren Höhepunkt erreicht.
31:20Tiefes Umgraben im Herbst hebt die überwinternden Käfer näher an die Oberfläche, wo der Frost ihnen den Rest gibt.
31:27Das Abdecken des Bodens mit Stroh schafft ein günstiges Umfeld für Raubinsekten, die auf die Larvenjagd machen.
31:33Und stark riechende Pflanzen, neben der Kartoffel gesetzt, Ringelblume, Koriander, Basilikum,
31:40bringen den Käfer teilweise aus dem Konzept, wenn er nach dem Geruch seine Beute sucht.
31:45Keiner dieser Kniffe ist ein Allheilmittel, aber zusammen bilden sie eine Barriere.
31:50Und all das zusammen, Fruchtfolge, Bakterienpräparate, Absammeln von Hand,
31:56und richtige Pflanztermine, abschreckende Pflanzen, fügt sich zu einem einheitlichen System,
32:02das Fachleute integrierten Pflanzenschutz nennen.
32:05Nicht ein einzelnes Wundermittel, sondern eben ein System.
32:09Der Käfer verschwindet dabei nirgendwo hin, aber seine Zahl lässt sich auf jenem Niveau halten,
32:14auf dem man mit ihm leben kann.
32:16Und hier möchte ich das sagen, was mir in dieser ganzen Geschichte das Wichtigste scheint.
32:21Das Gespräch über den Kartoffelkäfer biegt fast immer auf eine Frage ein.
32:26Wie wird man ihn los?
32:27Wie vernichtet man ihn?
32:29Wie besiegt man ihn endgültig?
32:32Doch das ist, wenn man darüber nachdenkt, die falsche Frage.
32:35Die richtige lautet anders.
32:38Wie hält man ihn unter Kontrolle?
32:40Denn ihn zu vernichten ist unmöglich, und das muss man einfach hinnehmen.
32:44Er ist schon hier.
32:46Er ist längst so fest in das lebendige System riesiger Räume zweier Kontinente eingefügt,
32:51wie die Ratte in die Stadt.
32:53Eine Entscheidungsschlacht, nach der man den Sieg verkünden und auseinander gehen könnte,
32:58wird es nicht geben.
32:59Mehr noch, die Versuche der totalen Ausrottung, mit massiven Behandlungen,
33:04mit dem Überschwemmen der Felder mit Giften, schlagen auf uns selbst zurück.
33:08Mit dem Käfer sterben Bienen und andere Bestäuber, Raubinsekten, Bodenlebewesen.
33:14Und das Problem wird am Ende nur noch bösartiger.
33:39Der vernünftige Weg ist kein Vernichtungskrieg, sondern Steuerung.
33:44Den Käfer nicht über jene Schwelle der Zahl schreiten lassen,
33:48hinter der die Ernteverluste unerträglich werden,
33:51und ihn in Grenzen halten, in denen die Kartoffel wächst
33:54und das lebendige System ringsum nicht zerfällt.
33:58Das verlangt Wissen, verlangt einen systematischen Ansatz
34:02und verlangt den Verzicht auf den verlockenden Traum vom schnellen, endgültigen Sieg.
34:07Denn einen schnellen Sieg wird es hier nicht geben.
34:10Der Käfer selbst hat das offenbar früher begriffen als wir.
34:13Und bevor wir zum Finale kommen, lohnt es sich noch ein paar Fakten über dieses Wesen zusammenzutragen,
34:19solche, die das Porträt des Gegners endgültig vervollständigen.
34:24Der Käfer kann sich totstellen.
34:26Bei einer plötzlichen Berührung oder unerwarteten Gefahr
34:29zieht er die Beinchen an und fällt herab, völlig regungslos.
34:33Das ist ein Reflex.
34:35Ein Vogel, der bewegte Beute jagt, verliert an dem erstarrten Klümpchen jedes Interesse.
34:41Der Käfer liegt da, der Vogel zieht ab,
34:44der Käfer steht, als wäre nichts gewesen, wieder auf und setzt sein Mahl fort.
34:48Genau deshalb töten Sie ihn nicht,
34:50wenn Sie ihn vom Strauch auf den Boden schütteln und kein Glas zur Hand haben.
34:54Sie schenken ihm jene Sekunde, sich totzustellen,
34:58und dann kriecht er seelenruhig zum Strauch zurück.
35:02Der Käfer riecht das Kartoffelkraut auf eine Entfernung von mehreren Dutzend Metern.
35:07Besondere Rezeptoren an seinen Fühlern erfassen die flüchtigen Stoffe,
35:11die die Pflanze absondert.
35:13Im Grunde hat der Käfer im Kopf einen eingebauten chemischen Navigator,
35:17eingestellt auf genau ein Ziel, ein Nachtschattengewächs zu finden.
35:21Er sucht nicht aufs Geratewohl, er geht dem Geruch nach, wie man dem Licht nachgeht.
35:27Und nun eine interessante und beinahe höhnische Folge.
35:31Ein frisch umgegrabenes Beet oder ein beschädigter Strauch
35:35zieht die Käfer schneller an als ein unberührter.
35:38Eine verletzte, gestresste Pflanze sondert diese Duftstoffe intensiver ab
35:42und gibt dem Käfer damit unfreiwillig ein Signal,
35:46ich bin hier, komm her.
35:47So entsteht ein grausamer Teufelskreis.
35:51Der Käfer benagt den Strauch, der Strauch riecht durch die Verletzung stärker,
35:55auf den verstärkten Geruch fliegen neue Käfer, sie nagen noch heftiger
35:59und der Ruf wird nur lauter.
36:02Das Unglück ruft buchstäblich das Unglück herbei.
36:06Und das Letzte, was man vor dem Finale verstehen muss.
36:08Der Kartoffelkäfer ist eine invasive Art, also ein Wesen, das dorthin geraten ist,
36:15wo es zuvor nicht war und das veränderte, was es vorfand.
36:18Doch er ist nicht der Erste und nicht der Letzte in dieser Reihe.
36:22Das Schema ist immer dasselbe und funktioniert mit erschreckender Zuverlässigkeit.
36:27Eine Art gelangt in eine neue Umgebung, findet dort eine leere, von niemandem besetzte Nische,
36:33beginnt sich ohne jene natürlichen Bremsen zu vermehren, Räuber, Krankheiten, Konkurrenten,
36:39die sie in der Heimat im Zaum hielten und wird zur Plage.
36:44Die Kaninchen, die einen ganzen Kontinent in eine versenkte Ödnis verwandelten,
36:49Fische, die man in fremde Flüsse setzte und die alles Lebendige ringsum auffraßen,
36:54Pflanzen, die die heimische Flora erstickten.
36:57All diese Geschichten haben dasselbe Drehbuch
36:59und der Kartoffelkäfer ist nur einer der hartnäckigsten seiner Helden.
37:03Der Unterschied liegt allein darin, dass man den Käfer kaum rechtzeitig bemerken kann.
37:08Er ist klein, er ist still und wenn du begreifst, dass er gekommen ist,
37:13hat er bereits seine ersten hunderte Eier gelegt.
37:16Doch das ernüchtert im Fall des Kartoffelkäfers besonders.
37:19Er kam nicht von selbst. Wir haben ihn gebracht.
37:23Die Kartoffel ist eine amerikanische Pflanze
37:25und gerade der Mensch verbreitete sie über die ganze Welt.
37:29Der Käfer folgte einfach der Kartoffel.
37:32Genauso wie er jedem anderen Nachtschattengewächs gefolgt wäre,
37:35hätten wir uns entschieden, gerade dieses über den Planeten zu verbreiten.
37:39Der Käfer wählte nicht, auf welche Erde er kommt.
37:42Er wählte das Futter.
37:44Und das Futter haben wir um die Welt gefahren.
37:47Dieser Gedanke ist unbequem, aber er ist treffend.
37:50Drei Viertel eines Jahrhunderts haben die Menschen auf zwei Kontinenten gegen diesen Käfer gekämpft.
37:56Mit Gläsern, mit Giften, mit Flugblättern und Ablieferungssoll, mit Quarantänen und Plakaten.
38:02Der Krieg geht auch heute weiter.
38:05Jeden Sommer auf jedem winzigen Gartenfleck von einem Ende des Festlands bis zum anderen.
38:10Und jeden Sommer kommt der Käfer aus der Erde, frisst, legt Eier, häutet sich, fliegt auf, überwintert erneut und kommt
38:19wieder heraus.
38:21Erinnern Sie sich an jenes Flugblatt aus den frühen 50ern mit dem Flugzeug und der drohenden Unterschrift?
38:27Dort wurde versprochen, den vom Himmel abgeworfenen Saboteur zu vernichten.
38:32In den drei Vierteljahrhunderten, die seitdem vergangen sind, hat man ihn nirgendwo vernichtet.
38:37Weder hier, noch in Europa, noch sonst wo.
38:40Im Gegenteil, er hat sein Reich erweitert, eine Resistenz gegen ein halbes hundert Gifte entwickelt
38:47und ist bis zu den fernsten östlichen Grenzen gelangt.
38:50In den 50ern erklärte man ihn zum Spion und Staatsfeind.
38:54Gegen einen gestreiften Käfer von einem Zentimeter Länge warf man Karikaturen, Plakate, Radio, Schulstunden,
39:02die ganze Macht einer riesigen Propagandamaschine.
39:06Der Käfer las keine Flugblätter.
39:08Der Käfer fraß einfach weiter Kartoffeln.
39:11Ein Lebewesen, das weniger als ein halbes Gramm wiegt.
39:14Ohne Klauen, ohne Schnelligkeit, ohne einen Tropfen Gift im Biss.
39:19Es jagt nicht, greift nicht an, verteidigt sein Revier nicht.
39:23Es frisst nur, vermehrt sich, passt sich an und versteht zu warten.
39:29Das reichte aus, um alle Armeen, alle Gifte und allen Hass zu überdauern,
39:34die der Mensch in 200 Jahren gegen es geworfen hat.
39:38Er frisst bis heute Kartoffeln.
39:40Vielleicht gerade jetzt.
39:42In ihrem Garten.
39:55Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen.
40:02Dann wird euch alles andere dazugegeben.
40:06Und dann wird euch merchandise.
40:06Wir müssen oft wiedererurufeieren.
40:06Jetzt will ich deles auch noch mehr.
40:06Vielen Dank.
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