- 8 hours ago
Der Kick (2006) [Full Movie] [Full Series]Full EP - Full
Category
🎥
Short filmTranscript
00:04:40what he said. He threw me a little bit of a kiss, like he always made it.
00:04:45He told me always, where he went.
00:04:47Because he knew that I want to know.
00:04:49I'm going to die and the time, or I sleep in the car.
00:04:52In the summer, that's a small event.
00:04:57And when he came on Sunday, I called him on Monday.
00:05:02Maybe his phone is set up, or he didn't load it,
00:05:06or he forgot the PIN.
00:05:10Also, wenn er kein Geld drauf hat, dann hat er es mir eigentlich immer gesagt.
00:05:13Da hat er sich ein fremdes Handy genommen.
00:05:15Na ja, es sind Ferien, wer weiß, wo der ist.
00:05:18Ich habe mir jetzt direkt keine Sorgen gemacht.
00:05:22In Potzlo, da ist er aufgehoben.
00:05:24Da kann ihm nichts passieren.
00:05:28Nur als er dann am Wochenende immer noch nicht da war, da war mir ganz mulmig.
00:05:34Und da bin ich dann montags früh nach Templin gefahren, um ihn als FAMIS zu melden.
00:05:41Und dann passierte gar nichts.
00:05:59Verhör Marcel Schönfeld.
00:06:03Ich wurde an dieser Stelle belehrt, dass ich gegen meinen Bruder Marco das Recht der Aussageverweigerung habe.
00:06:08Ich mache davon keinen Gebrauch.
00:06:10Ich will die volle Wahrheit sagen.
00:06:13Familienname?
00:06:14Schönfeld.
00:06:15Vorname?
00:06:16Marcel.
00:06:18Geburtsort?
00:06:19Prenzlau, Uckermark.
00:06:20Beruf?
00:06:21Ohne.
00:06:23Azubi.
00:06:25Geburtsdatum?
00:06:2530. März 1985.
00:06:28Ehrenämter?
00:06:29Was?
00:06:32Schule?
00:06:34Abschluss der 8. Klasse der Gesamtschule in Ramzow.
00:06:38Beschuldigtenvernehmung 18.11.2002.
00:06:41Beginn 2.45 Uhr.
00:06:44Mit dem Gegenstand der heutigen Beschuldigtenvernehmung wurde ich vertraut gemacht.
00:06:48Über meine Rechte als Beschuldigter wurde ich aufgeklärt.
00:06:51Mir wurde an dieser Stelle mitgeteilt, dass ich in dem dringenden Verdacht stehe, an der Tötung eines Menschen beteiligt gewesen
00:06:57zu sein.
00:06:58Ich kann dazu folgende Aussage machen.
00:07:00Es stimmt, dass ich dabei war, als eine Person zu Tode kam.
00:07:05Um wen handelt es sich dabei?
00:07:08Um den Marinus Schöberl aus Gerswalde.
00:07:11Waren Sie an dieser Handlung allein beteiligt?
00:07:13Außer mir waren noch mein Bruder Marco Schönfeld und der Sebastian Fink beteiligt.
00:07:18Schildern Sie bitte, was passiert ist.
00:07:21Es war der 12. Juli.
00:07:24Nachmittags kam mein Kumpel Sebastian mit der Idee, dass wir noch nach Strelow fahren sollten,
00:07:28um dort den Hans-Joachim Gefeuer aus Haft entlassen worden.
00:07:30Und die beiden kannten sich noch aus hier, Sternburger.
00:07:33Dieser wurde durch die anwesenden Personen geleert.
00:07:36Nach ca. einer Stunde war der Kasten leer.
00:07:38Dann holten wir einen zweiten.
00:07:41Kurz zuvor war auch Marinus Schöberl mit seinem Fahrrad auf den Hof von Achim Viebranz gefahren gekommen.
00:08:09Achim Viebranz, Dorfbewohner.
00:08:15Wo? Geh ich ehrlich zu?
00:08:18Hab zur dritte Klasse dreimal wiederholt.
00:08:21Nach acht Jahren haben sie mich hier aus der Schule entlassen.
00:08:23Die, wo schlauer waren, die sind dann nach Warnitz gekommen.
00:08:26Und ich hab von der lieben Lehrerin, also von meiner Geschichtslehrerin Haik,
00:08:30so ein Buch geschenkt bekommen als Abschiedsgeschenk.
00:08:33Also, so was sie damals so gemacht haben, so von früher aus der Steinzeit.
00:08:36Also so Fallen stellen, also so Vogelfallen stellen und dann so Bogen bauen.
00:08:42Und dann so, ja, mit Binsen, also alles so aus Binsen, ja, so Boote bauen.
00:08:47Ja, das wollte ich den Kindern zeigen.
00:08:49Dann sind wir zur Muschelstelle gefahren.
00:08:51Weißt du, wer am schlauesten war?
00:08:52Herr Marinus.
00:08:53Dann haben sie gleich alles abgekickt und die anderen dann so hinterher.
00:08:56Und dann haben wir das so von unten so zusammengetüdelt, so Binse an Binse.
00:08:59Und dann hat man richtig so einen Indianerkan.
00:09:01Ey, ich hab fast 20 Dinger mit den Kindern gebaut die Woche, ja.
00:09:03Die haben gepaddelt, die Dinger, ja.
00:09:04Die haben gepaddelt, die sind nicht unterher gegangen.
00:09:06Und die haben sich gefreut, die Kinder, ja.
00:09:07Das war richtig so eine Kanuflotte, war das bei uns da unten, ja.
00:09:12Also, der Marinus und der Nancy haben fast alle zusammen gemacht, ja.
00:09:15Da waren die dann auch so 15, 16.
00:09:17Da sind sie dann öfters auch mal zu mir gekommen.
00:09:19Und wenn ich wusste, dass die kommen, dann hab ich einfach mein Ehebett an die Wand geschoben,
00:09:23hab ich eine Decke drin geschmissen und dann,
00:09:26den können sie da drin machen, was sie wollten.
00:09:29Und ich hab dann mit meiner Seglinde, bin ich dann in die Wohnstube,
00:09:32da haben wir Fernseher gekickt.
00:09:33Ja, was willst du machen als Arbeitsloser?
00:09:37Also, den Marinus, den hat die Nancy noch nie überlebt.
00:09:41Der hat zwar einen Freund jetzt aus Berlin, aber die hört sich jeden Abend, ja.
00:09:44Jeden Abend hört sie sich die Gespräche an, wo sie vom Marinus bekommen hat, ja.
00:09:48Also, hat sie alles gespeichert auf dem Handy, ja.
00:09:51Und dann der Bruder, der Patrick, der hat das Zimmer nebenan, der sagt dann immer,
00:09:55Oh, Papa, kann ich bitte bei Oliver ins Zimmer schlafen?
00:09:58Ja, die Nancy heult schon wieder wie eine Sau.
00:10:01Sind ja so dünne Wände.
00:10:06Also, wenn die zwei Brüder, ja, wenn die jetzt, wenn die mir jetzt hier da in die Pfoten laufen würden,
00:10:11ja.
00:10:11Ich würde mit dem Kopf einen Balken einschlagen, ja, wenn die zwei jetzt hier da vor mir stehen würden.
00:10:14Das kannst du glauben, ja.
00:10:17In der Nacht da, wo sie den Marinus tot gemacht haben, ja, da waren wir unten in der alten Brennerei,
00:10:23haben wir so gequatscht und am Schleppdach.
00:10:25Ja, das waren so Nachbarn von nebenan, ja.
00:10:29Da haben wir eben gezwitschert.
00:10:30Dann kamen dann irgendwann der Marco und der Marcel und der Sebastian Fink, den kannte ich nicht.
00:10:36Und dann irgendwann kam auch der Marinus, ja.
00:10:38Und dann haben wir da so bei mir so Karten gespielt.
00:10:40Fängt auf einmal der Marco an zu stänkern, ja.
00:10:42Dann hat er gesagt, so, hier bei mir wird Karten gespielt, hier wird Mensch ehrlich gespielt
00:10:46und da draußen, da bellt mein Hund, der da haftet, weil das ist mein Baby.
00:10:50Aber gestänkert und geschlagen wird hier nicht, ja.
00:10:52Und dann hat er gesagt, so, nun will ich noch ein bisschen Fernsehen gucken, muss Ritze.
00:10:55Dann haben wir das Bier noch so ausgesoffen.
00:10:58Und dann kam der Marinus und sagte so, Achim, hast du ne Zigarette?
00:11:04Dann hat er gesagt, du, das ist meine letzte.
00:11:08Dann hat er gesagt, die rauchen wir jetzt zusammen.
00:11:12Ja, und dann sind wir so raus auf Treppe, haben wir die Kippe geraucht zu paar Züge.
00:11:18Ja, das war dann so, kann man so sagen, seine Henker-Zigarette.
00:11:28Und dann, wenn man sich anhört, was diese Jugendlichen da für ein Umfeld haben.
00:11:34Die sitzen mit diesem alkoholkranken Menschen unter dem sogenannten Schleppdach und saufen.
00:11:41Es wird darum gestritten, wer von welchem Schnaps was abgebissen hat und wer wie viel abbekommen hat.
00:11:46Da kann man natürlich fragen, wo waren die Eltern?
00:11:50Warum lassen die ihre Kinder da sitzen?
00:11:52Und wenn man dann diese traurigen Gestalten gesehen hat, dort vor Gericht,
00:11:57ein Zeuge nach dem anderen.
00:11:59Frühere Rinder und Schweinezüchter, dann arbeitslos alle, dem Alkohol verfallen.
00:12:05Die dann da sitzen, allen Ernstes erklären, sie können sich an nichts erinnern, weil sie so alkoholgeschädigt sind.
00:12:12Dann da irgendwas erzählen.
00:12:14Womöglich noch Lügen oder Mauern.
00:12:16Hast du nichts gesehen, musst du auch nichts sagen.
00:12:18Obwohl einige von ihnen bei den Quälereien von Marinus anwesend waren und nichts getan haben.
00:12:27Die konnten uns nicht sagen, es tut uns leid oder wir haben ein schlechtes Gewissen.
00:12:32Da kam nichts.
00:12:34Dem Dorf fehlt der zivilisatorische Standard.
00:12:37Man kümmert sich nicht umeinander.
00:12:39Es hat niemanden belastet, den Rucksack, das Fahrrad oder das Ladegerät von Marinus zu finden.
00:12:46Keiner hat etwas getan.
00:13:01Matthias Mucho, Freund von Marinus.
00:13:04Ich frag mich immer noch, warum ist der nicht einfach abgehauen?
00:13:10Ich denk mal, die haben den echt so lange abgefüllt, bis sie den schleifen mussten.
00:13:13Denn ansonsten, ich weiß es nicht.
00:13:16Ich hab den Marinus ja kurz vorher noch gesehen.
00:13:18Zusammen mit den Schönfeldbrüdern.
00:13:20Ja kurz bevor sie zum Viehbrand sein gegangen sind.
00:13:23An seinem letzten Abend da.
00:13:25Ey, zwei Minuten vorher, Mann.
00:13:26Da beim Club, da ist eine Kastanie.
00:13:27Da sind die uns grad so entgegengekommen.
00:13:29Ich mein, da denkst du dir nichts bei.
00:13:33Nachdem der Marinus weg war, da wurde sein Rucksack gefunden.
00:13:36Mit dem Ladegerät vom Handy.
00:13:39Ich hab die Hoffnung irgendwie nie aufgegeben.
00:13:42Ey, ich hab immer gedacht, ich seh den wieder.
00:13:44Naja, hab den gern gehabt.
00:13:46Den Bengel.
00:13:49Er war zwar auf die eine Art und Weise mal ein Arschloch.
00:13:52Klar, aber so bin ich auch.
00:13:54Ich mein, ich bin auch mal ein Arschloch.
00:13:55Aber man kommt doch immer wieder zu sich.
00:13:58Und ich hätte auch zu Marinus wieder gefunden.
00:14:00Der Marinus, Mann, der war genauso wie ich.
00:14:02Das nimmt sich nicht viel, echt im Ernst.
00:14:05Der hat auch gern mal einen gekifft wie ich.
00:14:07Der hat gern mal einen gesoffen wie ich.
00:14:09Klar, der ging ja auch zur Schule wie ich.
00:14:11Der hat genauso viel Scheiße gebaut insgesamt wie ich.
00:14:13Das war so ein Jugendlicher wie ich, sag ich mal.
00:14:18Ich hab auch Träume gehabt so.
00:14:21Herr Marinus kommt an mein Fenster.
00:14:23Ich geh ran, mach das Fenster auf.
00:14:25Sag so, ey Alter, wie siehst du denn aus?
00:14:28Komm erst mal rein.
00:14:30Boah, und geh mal duschen, ey, du stinkst.
00:14:33Und dann iss mal was.
00:14:34Iss mal was.
00:14:36Iss mal was, Mann.
00:14:37Und dann wirst du wieder groß und stark.
00:14:38Und wenn du willst, fahren wir dich übermorgen.
00:14:40Oder egal wann, irgendwann fahren wir dich wieder nach Hause.
00:14:47Am November war dann das Fest beim Club.
00:14:50Und da hat Marcel gesagt, ich weiß, wo Marinus ist.
00:14:54Keine Ahnung, war wohl der Suff oder so.
00:14:57Jedenfalls hab ich das da gepeilt.
00:15:01Tags drauf dann, hab ich zum Dani gesagt, du Dani, hier.
00:15:07Ich glaub, der Marinus, der war wirklich nicht weg gewesen.
00:15:09Der war die ganze Zeit hier.
00:15:11Und der, hä, wo denn?
00:15:13Ich sag, oben beim Schweinestall.
00:15:17Und der, wo denn da genau?
00:15:19Da bei der Jauchegrube.
00:15:22Was ist?
00:15:23Kommst du mitgucken, ob das stimmt?
00:15:26Dann sind wir hochgegangen zu dritt.
00:15:30Ich hab angefangen zu buddeln.
00:15:33Der Marinus, der hat so ne Hose angehabt, so eine wie ich jetzt an hab, nur in grün.
00:15:36Die hat er da auch angehabt im Grab.
00:15:39In der Grube.
00:15:43In meinem T-Shirt, da hab ich dann...
00:15:50Der Kopf, der war als erstes frei schon.
00:15:55Ich hab die Arme rausgebuddelt.
00:15:59Brustkorb dann.
00:16:03Und da merk ich irgendwie mit der Schippe, dass da sowas elastisch ist.
00:16:07Kann keine Haut sein.
00:16:09Hab ich nachgeguckt.
00:16:12War das ein Shirt mit Knochen?
00:16:15Hast du nicht gesehen?
00:16:19Ja, und da hab ich gedacht, das kann er sein.
00:16:28Jutta und Jürgen Schönfeld, Eltern von Marco und Marcel.
00:16:45Ja, als wir gehört haben, was die beiden da oben gemacht haben im Stall da.
00:16:52Abends um Elfe, da waren die hier.
00:16:54Hat's geklingelt an der Tür.
00:16:56Ich zur Tür hin, stehen da mehrere Polizisten.
00:16:59Wo ist der Marcel, haben sie gefragt.
00:17:02Ich sag, der ist nicht da, den hab ich nach Buko ins Internat gefahren.
00:17:04Was wollen sie denn?
00:17:07Das können wir ihnen nicht sagen.
00:17:08Pufftür zu und weg waren sie.
00:17:10Der Marcel wusste, dass sie ihn abholen.
00:17:12Der war da in Buko und hat sein Bett noch nicht bezogen.
00:17:14Nischt.
00:17:15Saß da auf seinem Bett und hat gewartet.
00:17:19So abends losgefahren waren von Potsdor, der Marcel und ich.
00:17:22Da sind wir oben am Stall vorbei.
00:17:24Das ist die normale Route nach Buko.
00:17:27Die Polizei war da.
00:17:29Alles hell beleuchtet.
00:17:31Ich hab mich schon gewundert, was da oben los ist.
00:17:35Der Marcel saß neben mir.
00:17:36Haben wir Musik gehört.
00:17:38Der war ganz ruhig.
00:17:40Schon am Nachmittag, da war der ganz anders.
00:17:43Ich hab ihn gefragt, Marcel, wie sieht's aus?
00:17:45Wollen wir los nach Buko?
00:17:47Wann wollen wir los?
00:17:48Und er, ist egal, Papa.
00:17:51Wir können jetzt fahren, wir können auch später fahren.
00:17:56Richtig so wie früher, war der ganz entspannt.
00:17:59Also, wir konnten uns das erst gar nicht erklären.
00:18:01Na, der Druck war weg.
00:18:03Der Druck war raus.
00:18:04Dieser Druck, den er in sich hatte.
00:18:07Als wir im Buko ankamen, hab ich gesagt, bis Freitag,
00:18:09hab ich mich verabschiedet.
00:18:12Er wusste das.
00:18:14Er wusste, die Jugendlichen, mit denen er da gebuddelt hat,
00:18:16nach der Leiche, der wusste, die sind nach der Polizei gegangen.
00:18:19Der Marcel hat gesagt, dass er uns damit nicht belasten wollte.
00:18:23Ich hätte damit auch gar nicht leben können.
00:18:26Anzeigen hätte ihn auch nicht können.
00:18:32Ich kann das nicht glauben.
00:18:35Bis zum heutigen Tag, ich kann das nicht glauben.
00:18:37Ich wollte das nicht glauben.
00:18:39Ich weiß überhaupt nicht, was er noch glauben soll.
00:18:41Erst hab ich immer gedacht, dass ich dem Marco...
00:18:45Aber der Marco, der hat von Anfang an gesagt,
00:18:49ich hab damit nichts zu tun, ich hab nichts gemacht.
00:18:53Am Anfang, da hab ich gedacht, ich werd verrückt.
00:18:57Wie sie den Marcel da geholt haben.
00:19:00Wenn ich allein im Haus war, dann hab ich Stimmen gehört.
00:19:02Von meinem Vater.
00:19:04Der ist lange tot.
00:19:06Und von Marcel.
00:19:10Aber ich kämpfe.
00:19:13Ich will, dass die beiden irgendwann wiederkommen.
00:19:16Der Marco und der Marcel.
00:19:19An den Marcel, an den klammere ich mich.
00:19:21Das ist ja jetzt, wie wenn du einem nach der Entbindung das Kind wegnimmst.
00:19:26Der Marco hat den Heik schon früher verloren.
00:19:28Der hat sich seine eigene Welt aufgebaut.
00:19:30Die gibt's gar nicht.
00:19:32Das fing mit 13 an.
00:19:34Wir haben nichts falsch gemacht.
00:19:37Wir haben unsere Kinder gut erzogen.
00:19:40Die Kinder stehen an erster Stelle.
00:19:41Erst dann kommt der Partner.
00:19:44Es bleiben unsere Kinder.
00:19:46Natürlich haben sie Mist gemacht.
00:19:48Aber es bleiben unsere Kinder.
00:19:50Wir haben sie ja nicht hochgeschickt in den Stall.
00:19:53Wir haben sie ja nicht hochgeschickt in den Stall.
00:20:21Aus Sicht der Staatsanwaltschaft kann ich feststellen, die Täter Marco und Marcel Schönfeld
00:20:26sowie Sebastian Fink hatten ein dumpfes rechtsextremistisches Gedankengut
00:20:32und den unbedingten Willen, das in Gewaltform auszuleben.
00:20:36Am Tatabend war weder ein Jude noch ein Asylbewerber
00:20:40noch sonst irgendjemand, auf den das Feindbild zutraf, vorhanden.
00:20:44Und daher musste hier ein Kumpel als Notopfer herhalten,
00:20:48weil ihnen kein Besserer begegnete.
00:20:51Aus unserer Sicht hat das Opfer Schöber sein eigenes Todesurteil unterschrieben,
00:20:57indem es gesagt hat, ich bin Jude.
00:20:59Hätte er zu diesem Zeitpunkt gesagt, spinnt ihr nicht rum?
00:21:03Ich bin's doch, euer Kumpel Marinus.
00:21:05Ich glaube nicht, dass der Tötungsakt dann über die Bühne gegangen wäre.
00:21:12Das ist kein Vorwurf, sondern einfach eine Feststellung.
00:21:17Bevor er sich als Jude bekannte, da geilte man sich, ein unschöner Ausdruck,
00:21:22aber vielleicht passt er hier an seinen blond gefärbten Haaren und seinen Hip-Hop-Hosen auf.
00:21:28Der Tötungsakt wurde erleichtert, da das Opfer Schöberl aus Sicht der Täter auf einer geringeren geistigen Stufe stand.
00:21:37Man kann in die Reihe potenzieller Opfer neben Asylbewerbern auch behinderte Menschen einreihen.
00:21:44Und das traf auf Marinus Schöberl zu. Er stotterte. Besonders, wenn er aufgeregt war.
00:22:03Der Marcel, der war mit dem Marinus ja sogar befreundet. Der war ja auch bei uns gewesen.
00:22:10Der Marinus, der hatte so einen Sprachfehler. Aber sonst war das eigentlich ein ganz ruhiger Junge.
00:22:18Um den Jungen tut's mir auch leid. Aber die Eltern, die haben sich nie um ihr Kind gekümmert.
00:22:25Das Schlimmste ist ja, dass er geklaut hat immer, überall.
00:22:28Ja, jetzt ist es so. Jetzt sagen die Leute, können sie den Schuppen wieder offen stehen lassen.
00:22:31Vorher, wo der Marinus unterwegs war, da ging das nicht, war immer alles weg gewesen.
00:22:35Robert's rausgeholt und so ne Sachen. Die Schwalbe von Marcel.
00:22:39Ja, jetzt vermuten wir langsam, dass der Marinus das war.
00:22:42Ja, weil er als einziger auf einmal ankam und gezeigt hat, wo die Schwalbe ist.
00:22:46Das wusste ja sonst kein Mensch. Wir haben vorher alles abgesucht.
00:23:06Warum haben Sie auf Marinus Schöberl eingeschlagen?
00:23:08Weiß ich nicht.
00:23:12Getan hat er mir an dem Abend nix.
00:23:15Ich habe ihn nur geschlagen, weil es alle gemacht haben.
00:23:19Hatten Sie persönlich etwas gegen Marinus Schöberl?
00:23:22Nein.
00:23:25Der Marinus, der hat mir mal vor fünf Monaten mein Moped geklaut.
00:23:29Das hat mir mein Papa geschenkt.
00:23:31Ich habe das selber aufgebaut.
00:23:33Das hat er mir gegenüber zugegeben.
00:23:36Deswegen habe ich ihm da in der Nacht auf die Fresse gehauen.
00:23:44Birgit Schöberl.
00:23:47Meine Tochter, die hat den Rucksack nach Haus gebracht.
00:23:50Zwei Wochen danach war aber nur das Ladegerät drin.
00:23:55Also keine Badehose oder Handtücher oder Wechselsachen.
00:24:00Die Polizei war da.
00:24:03Die haben den Rucksack bloß angeguckt.
00:24:05Haben drin geguckt und dann haben sie ihn dagelassen.
00:24:10Und weil ja jetzt die Schule bald wieder losging,
00:24:12da habe ich den Rucksack gewaschen und dem Marinus seine Schulsachen reingelegt.
00:24:17Und dann immer dieses Angeruf auf der Wache.
00:24:21Warum hat denn da keiner reagiert, als da jemand aus Potsdam gesagt hat,
00:24:25da ist frisch aufgebuddelt oben am Stall.
00:24:27Gesucht haben die nicht.
00:24:29Mein Junge, der ist kein Ausreißer.
00:24:34Ich mache mir auch Vorwürfe manchmal, ja.
00:24:38Wenn ich ihn nach Bayern gelassen hätte, dann wäre das nicht passiert.
00:24:43Der Marinus hatte Schwierigkeiten in der Schule.
00:24:45Und da habe ich gesagt,
00:24:47Freundchen, wenn du dich jetzt nicht am Riemen reißt,
00:24:49dann fährst du nicht runter zur Wencke nach Bayern.
00:24:51Dann bleibst du in den Ferien hier.
00:24:54Ja, und dann hat er es aber nicht hingehauen.
00:24:56Und dann habe ich gesagt,
00:24:59so, jetzt bleibst du hier.
00:25:01Ich weiß es nicht.
00:25:06Immer wenn es klingelt, denke ich immer, er sagt mit seiner tiefen Stimme,
00:25:09Mutti mach auf.
00:25:10So wie er es immer sagt.
00:25:14Da sitze ich abends am Fenster und denke,
00:25:18der kommt.
00:25:18Irgendwann da kommt er.
00:25:21Da habe ich gewartet.
00:25:23Da sitze ich unten auf der Bank, warte.
00:25:27Ich gehe ja nicht mal einkaufen.
00:25:29Ich denke, du musst ja da sein, wenn er kommt.
00:25:4918. November.
00:25:52Das war mein Geburtstag.
00:25:55Da kommen zwei Polizisten zur Tür rein.
00:25:57Und die fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut.
00:26:01Und dann da war es.
00:26:03Haben sie gesagt, dass sie Marinos gefunden hatten.
00:26:06Hier in Potzloh.
00:26:10Unser Vater, der wurde ganz blass.
00:26:11Da musste ich mich erst mal um den kümmern.
00:26:13Und die haben später noch einen Hausarzt gerufen.
00:26:16Der hat eine Beruhigungsspritze gekriegt, dann ging es wieder.
00:26:18Dann sind sie gegangen.
00:26:21Dann waren wir allein.
00:26:25Da konnte auch keiner Fliege was zu Leide tun.
00:26:28Der war ja nicht mal schmal und schmächtig.
00:26:31Der war gut gebaut und groß.
00:26:33Und wenn er ein bisschen zurückhaltend war.
00:26:35Das ist noch lang kein Grund, sich über ihn lustig zu machen.
00:26:38Auch wenn er in der Schule keine Perle war.
00:26:41Handwerklich war der begabt.
00:26:42Ja, das war quasi der Mann im Haus.
00:26:45Wenn mal was kaputt war.
00:26:48Montags, da wollte er die Stube räumen, wie er von Potzloh kommen sollte.
00:26:52Der wollte noch so viel machen.
00:27:00Wie sie den behandelt haben.
00:27:03Wie sie den behandelt haben, das verfolgt mich auch in der Nacht.
00:27:07Wenn ich ihn da höre, wie er nach mir ruft und schreit, dass ich ihm helfen soll und ich kann
00:27:10nichts tun, ich...
00:27:13Dann muss ich jedes Mal aufstehen.
00:27:15Da kann ich nicht mehr schlafen.
00:27:18Das bringt mich um.
00:27:35Ich will zu meiner Vernehmung vom 18. November 2002 folgende Ergänzung machen.
00:27:40Weil ich aus Angst nicht die volle Wahrheit gesagt habe.
00:27:44Nachdem wir den zweiten Kasten Bier in der Wohnung Viebranz geleert hatten, gingen wir noch in die Wohnung Spiering.
00:27:50Es war circa 0.30 Uhr, als wir, damit meine ich meinen Bruder Marco, den Sebastian Fink, Marinus und ich
00:27:57dort angekommen sind.
00:27:59Frau Spiering und ihr Lebensgefährte schliefen bereits.
00:28:03Sebastian Fink schlug gegen die Scheibe, diese ging dabei zu Bruch.
00:28:07Die Haustür war verschlossen.
00:28:09Mein Bruder Marco drückte diese Gewalzer mit der Schulter auf.
00:28:13Im Schlafzimmer weckten wir dann die beiden.
00:28:16Dann gingen wir hinunter auf die Veranda und tranken Schnaps.
00:28:20Dann fing mein Bruder irgendwann an, Marinus zu beschimpfen und fragte und sagte immer wieder, ob und dass dieser ein
00:28:27Jude sei.
00:28:29Marinus antwortete dann irgendwann ja, dass er ein Jude sei.
00:28:37Dann ging es richtig los.
00:28:39Mein Bruder fing dann an, Marinus kräftig in die Fresse zu schlagen.
00:28:43Mindestens zwei bis drei Mal.
00:28:45Dann füllte er einen Plastebecher mit Klaren und Bier.
00:28:48Diesen sollte der Marinus trinken.
00:28:49Das gelang ihm aber nicht.
00:28:52Beim zweiten Versuch musste er brechen und übergab sich über den Tisch.
00:28:56Der Fink nahm ihn dann und schleppte ihn nach draußen, vor die Eingangstür.
00:29:02Marinus war so betrunken, dass er dort liegen blieb.
00:29:07Nach ca. 30 Minuten holte der Fink ihn wieder rein und setzte ihn in der Veranda auf einen Stuhl.
00:29:12Dann fing mein Bruder und er abwechselnd an, auf ihn einzuschlagen.
00:29:16Jeder versetzte ihm mindestens zwei bis drei Faustschläge ins Gesicht.
00:29:20Beim letzten Schlag des Sebastian Fink fiel Marinus mitsamt seinem Stuhl hinüber.
00:29:25Der Fink setzte ihn wieder auf und schlug ihn erneut in die Fresse.
00:29:31Dann musste Marinus erneut kotzen.
00:29:34Fink nahm ihn wieder und schleppte ihn nach draußen, vor die Eingangstür.
00:29:37Dort hat er ihn auf den Boden geworfen.
00:29:39Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt auch draußen.
00:29:43Fink öffnete dann seinen Hosenstall und fing an, auf Marinus zu pissen.
00:29:47Erst auf den Brustbereich und dann ins Gesicht.
00:29:50Marinus war zu diesem Zeitpunkt bei Bewusstsein und bat den Fink,
00:29:54dass er damit aufhören soll.
00:29:56Nachdem der Fink sich ausgepinkelt hatte, nahmen wir beide Marinus
00:30:00und schleppten ihn wieder zurück in die Veranda.
00:30:04Dann war ca. eine halbe Stunde lang Ruhe.
00:30:06Wir tranken den Rest vom Schnaps.
00:30:09Dann fing mein Bruder wieder an, den Marinus zu beschimpfen
00:30:12und sagte immer wieder, dass er zugeben soll, dass er ein Jude sei.
00:30:17Frau Spiering sagte dann, er solle doch zugeben, dass er ein Jude sei, denn wer bestimmt Ruhe.
00:30:22Marino sagte dann auch irgendwann immer wieder, ja, ich bin ein Jude.
00:30:26Ruhe war dann aber nicht.
00:30:28Nach diesen Äußerungen schlugen wir abwechselnd zu dritt auf ihn ein
00:30:31und beschimpften ihn alle drei mit den Worten, du Penner, du Jude, du Assi und so weiter.
00:30:36Bürgermeister.
00:30:37Bürgermeister 1.
00:30:39Potzlo ist ein ganz normales Dorf.
00:30:41Wir haben hier einen Taubenzüchterverein, eine freiwillige Feuerwehr.
00:30:44Es ist noch nicht lange her, da wurden wir zum schönsten Dorf des Jahres gewählt.
00:30:49Vor der Wende hatten wir 500 Einwohner, jetzt 600.
00:30:53Das ist doch auch was.
00:30:55Bürgermeister 2.
00:30:57Ich gehe davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt, wo die beiden Schönfeld-Brüder an diesem...
00:31:04Ich glaube einfach, dass der Marinos zur falschen Zeit am falschen Ort war.
00:31:08Das hätte ebenso gut einen anderen treffen können.
00:31:10Die wollten an dem Abend einfach einen aufklatschen.
00:31:13Ja, wie das heute so ist unter Jugendlichen.
00:31:15Heute machen wir Fez und da muss einer dran glauben.
00:31:18So nach dem Motto.
00:31:48So nach dem Motto.
00:31:50Der Urner anlässlich der Urnenbeisetzung von Marinus Schöberl, 16.
00:31:54Geboren am 04.09.1985 in Wolfen.
00:31:58Gestorben am 12.07.2002 in Potzloh.
00:32:03Beigesetzt am 04.12.2002, Gerswalde, 13 Uhr.
00:32:10Marinus Schöberl wurde von unmenschlichen Kreaturen zu Tode gesteinigt.
00:32:15Kreaturen, deren Feind die Liebe, die Sprache, das Leben war und wohl weiter sein wird
00:32:22von Kreaturen des Todes.
00:32:27Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
00:32:34Liebe Familie Schöberl, liebe Freunde von Marinus, die Fragen nehmen kein Ende.
00:32:41Warum?
00:32:43Eltern, Geschwister, Bekannte machen sich schwerste Vorwürfe.
00:32:47Warum haben wir uns den Tätern nicht mutig in den Weg gestellt?
00:32:52Stattdessen haben wir es zugelassen, dass Irrgeleitete, zum Teil gänzlich verkommene jugendliche Glatzenträger
00:32:59ihren giftigen Ungeist ungeniert durch unsere Gemeinden tragen konnten.
00:33:04Und dass sie dafür noch den Applaus einiger Leute einheimsten.
00:33:07Und sei es der Applaus des betretenen Schweigens.
00:33:11Warum hat es niemand bemerkt, dass Marinus in dieser Juli-Nacht durch das komplette Dorf Potzlo getrieben wurde?
00:33:18Haben denn alle geschlafen?
00:33:20Oder waren sie betrunken?
00:33:23Oder einfach barbarisch?
00:33:32Marcel Schönfeld.
00:33:38Ich hatte eine schöne Kindheit.
00:33:43Da sind wir nach Potzlo gezogen, da war ich neune.
00:33:46Und zu Anfang, da haben wir immer so Baumhäuser gebaut.
00:33:50Oben am Kuhstall und dann auch nach Zücherund, da hatten wir auch welche.
00:33:56In die ersten, da haben wir nur so Decken drin gepackt.
00:33:59Und dann irgendwann hatten wir so richtig so Bungalow aus Holz.
00:34:03So mit Aussicht auf den See, in so einem Busch.
00:34:07So mitten auf der Wiese haben wir Feuerstelle gemacht und dann haben wir da Bungalow hingestellt.
00:34:11Und dann so haben wir Bretterboden reingebaut.
00:34:14Und dann so Couch und Sessel.
00:34:20Potzlo kenne ich noch von früher.
00:34:23Mein Opa, der war aus Pinot, der war Treckerfahrer bei der LPG.
00:34:26Der hat mir meinen ersten Schnaps eingeschenkt.
00:34:28Da war ich 11.
00:34:29Konnte nicht mehr geradeaus gehen.
00:34:32Und dann, nachher haben wir dann alle so angefangen zu saufen, so mit 12, 13, mit den Kumpels.
00:34:40Angefangen haben wir so mit Bier.
00:34:43Und dann aber auch bald so härtere Sachen, so Goldi-Goldbrand und Whisky.
00:34:48Und wo ich dann so ein bisschen dabei war, so ein halber Kasten Bier am Abend und eine Flasche Goldi.
00:34:56Das haben wir immer in der Kaufhalle gekauft.
00:35:00Das war der einzige Laden in Potzlo.
00:35:01Die haben nichts gesagt, wenn wir unter 18 waren.
00:35:06Und wenn ich kein Geld hatte, dann vom Vater.
00:35:11Der hat auch immer was gehabt.
00:35:15Im Schlafzimmer.
00:35:19Schlafzimmer immer offen.
00:35:23Schnaps.
00:35:28Meine ersten Stiefel hatte ich mit 12, von meinem Bruder, von Marco.
00:35:32Mit Stiefel, da kriegst du mir ansehen.
00:35:35Und zu Anfang haben sie mich immer fertig gemacht.
00:35:37Anfang 8. Klasse.
00:35:38Wegen der Stiefel.
00:35:39Springer Stiefel.
00:35:41Die anderen aus der Klasse, die haben immer so Hip-Hop-Sachen angehabt.
00:35:44Und dann immer so eine Sprüche.
00:35:46Scheiß Fascho.
00:35:47Hatte ich überhaupt keinen Bock mehr auf Schule.
00:35:48War ich 15.
00:35:51Die Schlabberhosen.
00:35:54Da verschwimmt immer alles so.
00:35:59Aber wenn ich Probleme hatte, dann konnte ich immer zu ihm hingehen.
00:36:04Also zu meinem Bruder.
00:36:05Der war ein paar Jahre älter.
00:36:07Hat mir immer geholfen.
00:36:10Und dann war der plötzlich weg.
00:36:14Im Knast.
00:36:22Na, wie der Marco da 1999 in den Knast gekommen ist, das war für unseren Marcel ja auch ganz schlimm.
00:36:30Aber der hat das mehr so für sich genommen.
00:36:33So.
00:36:35In der Zeit war der so mit Drogen.
00:36:38Und wenn er die genommen hat, dann war der immer lustig.
00:36:40Hat er die ganze Zeit gelacht.
00:36:42Dann hab ich immer gedacht, na betrunken ist der nicht, weil der triechst ja, wenn Alkohol drin ist.
00:36:47Aber die Pupillen waren immer so weit gewesen.
00:36:50Dann hatte ich immer so eine Angst, dass der irgendwo liegt und keiner weiß, wo der ist.
00:36:54Und ich weiß auch nicht, wo der ist.
00:36:57Und dann kommt noch die Angst um mich selber dazu.
00:36:59Weil Schmerzen waren nicht, die Wünsche kämen, ja.
00:37:02Und das wurde nicht besser.
00:37:04Bin ich zur Ohrenärztin?
00:37:06Tumor.
00:37:07Aber ich dachte, innerlich, meine Welt bricht zusammen.
00:37:11Ja, jetzt geht nichts mehr.
00:37:13Jetzt kannst du nichts mehr.
00:37:16Ich mein, hast ja nur so viel vor.
00:37:18Die Kinder brauchen einen noch.
00:37:19Jetzt geht nichts mehr.
00:37:20Ich konnte gar nichts.
00:37:20Ich konnte nicht mehr mehr alleine gehen.
00:37:22Gar nichts ging.
00:37:31Wie meine Mutter da, so zu Anfang, wie sie das so gesagt hat, mit Tumor, da hab ich eigentlich erst
00:37:40mal gar nicht begriffen.
00:37:44Dann sind wir dann da hin, nach der Operation, war meine Mutter quasi fertig.
00:37:52Ich war gelähmt.
00:37:56Die konnte so gar nicht mehr aus dem Glas trinken.
00:38:00Konnte nur noch so aus der Flasche trinken.
00:38:01Aber von der Operation war der Mund so schief und da ist ja alles so rausgelaufen.
00:38:10Ich bin dann da nicht mehr hin ins Krankenhaus.
00:38:13Ich wollte, ich hab, ich hab das nicht hingekriegt.
00:38:18Was ist, wenn die das nicht überlebt?
00:38:20Das hatte ich gedacht.
00:38:23Nur das.
00:38:25Verhör Marcel Schönfeld.
00:38:32Fühlen Sie sich in der Lage, der Vernehmung zu folgen?
00:38:35Ja.
00:38:36Ich bin bereit, weiter wahrheitsgemäß auszusagen.
00:38:41Bei den Spierings rauchten wir dann noch eine.
00:38:46Sebastian, Marco und ich verließen dann das Haus und waren bereits auf unseren Fahrrädern Richtung Hauptstraße unterwegs,
00:38:53als mein Bruder Marco sagte, dass wir umdrehen sollten, um den Marinus zu holen.
00:38:58Dieser war zu dem Zeitpunkt, als wir ihn verlassen hatten, betrunken auf der Veranda.
00:39:03Mein Bruder sagte, dass die Spierings ihre Ruhe haben wollten und dass wir ihn aus diesem Grunde nicht dalassen konnten.
00:39:10Also drehten wir um und fuhren zurück.
00:39:14Marinus war zu diesem Zeitpunkt auf dem Sofa auf der Veranda und hatte sich ausgezogen.
00:39:20Er wollte zunächst nicht mitkommen.
00:39:22Mein Bruder und Sebastian Fink schlugen erneut auf ihn ein und zwangen ihn dann, sich seine nasse grüne Hose, sein
00:39:28T-Shirt, Jacke und Schuhe anzuziehen.
00:39:31Mein Bruder nahm ihn dann auf seinem Fahrrad mit.
00:39:35Marinus saß auf der Stange und heulte.
00:39:39Richtung Potzlo sagte mein Bruder denn, dass wir noch Richtung Schweinestall abbiegen sollten, um dort den Marinus noch ein bisschen
00:39:45Angst einzujagen.
00:40:13Das war 2002.
00:40:16Da haben wir so, haben wir gesoffen, waren wir besoffen so.
00:40:20Bin ich eingeschlafen, dann hat da Martin mit so einem Kumpel, haben sie mich bemalt.
00:40:29I love you, Mutter, mit wasserfestem Filzer auf dem Unterarm.
00:40:34Bin ich aufgewacht, hab ich das gelesen.
00:40:38Hab ich Martins Eltern beschimpft.
00:40:41Und dann der Martin sagt ja so, ich soll meine Mutter ficken und so eine Sachen.
00:40:47Dann bin ich gleich mit Schere auf dem Los.
00:40:49Und dann er hat da mir so vier, fünf Dinger in die Fresse geballert.
00:40:56Zwei Zähne kaputt.
00:40:58Einer abgebrochen.
00:41:01Kiefer gebrochen.
00:41:05Jochbein gebrochen.
00:41:07Schädel-Hirntrauma.
00:41:10Nase auch.
00:41:11Konnte gar nicht mehr zurückhauen.
00:41:20Der Marcel, der hat ja unterwegs auch zusammenbrechen und verbluten können.
00:41:23So wie der Martin den zusammengeschlagen hat.
00:41:26Das war ja ein Glück, dass der überhaupt noch nach Hause gekommen ist.
00:41:31Der Marcel, der hat sich nie geprügelt.
00:41:33Der hat sich nie gewehrt.
00:41:38Genau so gut hat einer von unseren Jungs das Opfer sein können.
00:41:46Erzieher, Bildungseinrichtung.
00:41:48Und in der Zeit, wo dieser Kumpel den Marcel da Krankenhausreif geschlagen hat,
00:41:53da hat er mir auch zum ersten Mal von seinem Bruder erzählt.
00:41:56Ich frage ihn, wie, einen Bruder hast du auch?
00:41:59Und er, ja, da erzähle ich aber eigentlich nie was drüber.
00:42:05Ich frage ihn, wieso nicht?
00:42:06Ist er älter wie du? Lebt er nicht mehr bei euch zu Hause?
00:42:09Und er, der ist älter, der ist im Knast.
00:42:13Aha, frage ich, wieso ist er im Knast?
00:42:16Also, eigentlich will ich mit dem Marco überhaupt nichts mehr zu tun haben.
00:42:20Wenn es nach mir ging, dann müsste er überhaupt nicht mehr rauskommen aus dem Knast.
00:42:23Das wäre das Allerbeste.
00:42:26Wenn der erfährt, dass ich Haare gefärbt und Drogen genommen habe,
00:42:32der geht über Leichen.
00:42:47Heiko Gäbler, Lehrling.
00:42:52Verändert hat der Marcel sich dann ganz schnell.
00:42:54Hat er gesagt, wenn sein Bruder aus dem Knast kommt, dann wollen sie auf Party gehen.
00:42:57Hat er mir gefragt, ob ich ihm eine Glatze schere.
00:43:00Dachte ich noch, naja, vielleicht stören denen die langen Haare, war ja warm, was auch mal.
00:43:05Ich habe eine Haarschneidemaschine mit Aufsatz.
00:43:07Drei Millimeter, sechs Millimeter, neun Millimeter, zwölf Millimeter.
00:43:10Und der wollte? Null Millimeter.
00:43:14Sonntagmittag ist er dann angekommen, so mit Fred Perry Teehemd und Springerstiefeln, war schon komisch gewesen.
00:43:20Also war so mit Ehrenzeichen, das Fred Perry Ehrenzeichen, also so ein Ehrenkranz.
00:43:26Normalerweise ist es mit 88.
00:43:2888 für Heil Hitler.
00:43:31Na und an dem Abend da, haben wir dann wieder Feuer gemacht, unten bei uns am See, gab es da
00:43:35so eine Negerin bei uns.
00:43:36Sagt er, hier, ab mit dir auf den Scheiterhaufen.
00:43:39Negerverbrennung, Neger brennen gut.
00:43:41Da dachte ich, was hat der denn?
00:43:44Wieso will er denn die jetzt auf den Scheiterhaufen tun?
00:43:46Alice hieß die.
00:43:47Ich war nie besonders in der interessiert.
00:43:49Die war eigentlich nichts besonders.
00:43:54Der Marcel ist ein Mitläufer.
00:43:55Der denkt nicht nach.
00:43:57Ich würde die Alice ausweisen, weil sie ein Mischling ist.
00:44:00Ausweisen, abschieben.
00:44:01Ich will mit so einem nichts zu tun haben.
00:44:04Ich meine, die ist ja hier geboren, da kannst du nichts machen.
00:44:07Und wenn die jetzt zurückgeht, da wo der Vater herkommt, aus Mosambik oder wo der her ist,
00:44:10dann ist er da ja auch fremd.
00:44:11Das ist ja auch scheiße.
00:44:13Ich meine, das heißt doch vorher was zu machen.
00:44:18Nicht erst, wenn die ganzen Kinder da sind.
00:44:20Sonst passiert weiß ich was.
00:44:21Ich meine, Türken sind ja ganz schlimm.
00:44:22Wir haben hier neun Millionen Ausländer.
00:44:24Das ist hart, wa?
00:44:25Ich bin immer so einer, dass jeden in sein Land, wo er geboren ist.
00:44:32Alice, die ist ja hier geboren.
00:44:35Lass jeden, wo er ist.
00:44:37Ey, das bringt doch nichts, wenn die jetzt hier alle auf einem Haufen sind.
00:44:39Und alle wieder zurück.
00:44:41Ausweisen, abschieben.
00:44:42Knallhart sagen, ja?
00:44:43Juden auch.
00:44:46Juden gehören ja zu jedem Land.
00:44:48Jedes Land hat ja seine Juden.
00:44:51Deutsche sind das nicht.
00:44:53Hier, das war ja nicht dem Hitler alleine seine Idee, die ganzen Juden umzubringen.
00:44:57Das war ja hier der Himmler, ja?
00:44:59Der hat das ja organisiert.
00:45:01Also, der Hitler, der hat ja gar nicht groß gewusst davon, ja?
00:45:04Ja, und wenn da so einer anfängt, ja, dann kann man ja mitmachen, oder?
00:45:08Ja, ich hab meinen eigenen Kopf.
00:45:13Klar trag ich mein Fred Perry-T-Hemd mit 88.
00:45:17Ist ja wohl was anderes, was man im Kopf hat oder was man auf dem Leib trägt, oder?
00:45:20Heil Hitler.
00:45:22Da denkt man an die Zeit des Reiches.
00:45:25Dass man deutsch denkt.
00:45:28Dass man dazu steht, dass man deutsch denkt.
00:45:32Deutsch denken.
00:45:32An die Zukunft denken.
00:45:36Für die Familie da sein.
00:45:39Arbeiten.
00:45:43Dritte Beschuldigtenvernehmung Marcel Schönfeld.
00:45:49Beginn 13.10 Uhr.
00:45:52Hatten Sie früher direkte Kontakte zur rechten Szene?
00:46:00Was?
00:46:02Hatten Sie früher direkte Kontakte zur rechten Szene?
00:46:07Das war vor drei Jahren.
00:46:09Ich war rechts, weil mein Bruder rechts war.
00:46:12Nachdem dieser in den Knast gekommen ist,
00:46:14hab ich mich den anderen angepasst.
00:46:16Die Situation in Prenzlau hatte sich verändert.
00:46:19Viele ehemalige Rechte waren jetzt Hip-Hopper oder Technos.
00:46:23Denen hab ich mich angepasst.
00:46:25Welchen Einfluss hat Ihr Bruder auf Sie?
00:46:29Mein Bruder bezeichnet sich als nationaler Rechter.
00:46:32Und dass er Deutschland beistehen muss.
00:46:34Und dass alle Scheinasylanten verschwinden müssen.
00:46:38Teilen Sie diese Auffassung Ihres Bruders?
00:46:41Nein.
00:46:42Ausländer sind ja auch Menschen wie wir.
00:46:45Und wenn ich nach Polen fahre,
00:46:46dann bin ich da ja auch Ausländer.
00:46:49Herr Schönfeld,
00:46:51tun Sie alles, was Ihr Bruder Ihnen sagt.
00:46:55Und wenn mein Bruder sagt,
00:46:58pöble den an oder schlage den,
00:47:00dann mach ich das nicht.
00:47:02Kleinere Gefälligkeiten schonen,
00:47:03wie Zigaretten holen.
00:47:09Ausbilder, Erziehungseinrichtung.
00:47:11Also,
00:47:13für mich ist der Marcel ein ganz normaler Jugendlicher,
00:47:15der nach Orientierung gesucht hat.
00:47:17Der Marcel kommt zu mir.
00:47:19Ich frag ihn,
00:47:21Mensch, wie siehst Du denn aus?
00:47:22Wo sind denn Deine langen Haare?
00:47:24Mensch, lass Dir die bloß wieder wachsen.
00:47:26Und er
00:47:27ist eine Wette gewesen.
00:47:30Also die Glatze,
00:47:31die hat er dann ein paar Tage gehabt.
00:47:32Oder eine Woche.
00:47:33Aber ich lege auf solche Dinge keinen Wert.
00:47:36Ich möchte nicht irgendwie ein Feindbild schaffen.
00:47:39Ich lehne es ab,
00:47:39Marcel jetzt als Rechten zu bezeichnen.
00:47:41So ist er meiner Meinung nach nie gewesen.
00:47:44Leute wie Marcel,
00:47:45die legen doch auf Politik keinen großen Wert.
00:47:48Da kann ich nicht einfach sagen,
00:47:49Du bist ein Nazi.
00:47:51Was der da zu Alice gesagt hat.
00:47:53Nigger auf den Scheiterhaufen,
00:47:54die brennen besser wie Dachpappe.
00:47:56Also, da steht er doch nicht dahinter.
00:47:57Das ist doch einfach nur blöd dahergesagt.
00:47:59Heute finde ich es toll,
00:48:01rote Schnürsenkel zu tragen.
00:48:02Und morgen ziehe ich mir irgendwelche anderen rein.
00:48:04Und übermorgen,
00:48:05da finde ich es auf einmal unheimlich toll,
00:48:06mit einer Schlafanzughose rumzurennen.
00:48:34Wie kamen Sie auf die Idee,
00:48:36dass er in diese Kante beißen sollte?
00:48:39Die Idee war mir plötzlich in den Kopf gekommen.
00:48:42Ich habe circa ein halbes Jahr vor der Tat
00:48:44im Fernsehen einen Film gesehen.
00:48:45Es handelt sich hierbei um American History X.
00:48:49Darin wird eine gleichartige Szene dargestellt.
00:48:51Ein Nazi nimmt einen angeschossenen Neger
00:48:54bei den Haaren
00:48:55und legt ihn mit dem Gesicht auf die Bordsteinkante.
00:48:57Dann springt er mit voller Wucht
00:48:59auf den Kopf des Negers.
00:49:01Ich forderte Marinus denn auf,
00:49:04erneut in die Kante zu beißen.
00:49:05Das tat dieser auch.
00:49:07Dann brannten bei mir alle Sicherungen durch
00:49:09und ich sprang mit beiden Füßen
00:49:11auf den Kopf von Marinus.
00:49:13Zu diesem Zeitpunkt
00:49:14trug ich meine schwarzen Springerstiefel
00:49:16mit weißen Schnürsenkeln, Größe 43.
00:49:19Die stehen jetzt bei mir zu Hause
00:49:20auf der Bodentreppe.
00:49:22Danach war schlagartig Ruhe.
00:49:42Der Herr Platzeck, der Ministerpräsident,
00:49:45war da ein paar Tage,
00:49:46nachdem sie Marinus gefunden hatten.
00:49:50Er hat gesagt,
00:49:51er kann nicht mehr für uns tun,
00:49:52er kann uns nur sein Mitgefühl aussprechen.
00:49:57Was nützt uns das Mitgefühl?
00:50:00Denken die Leute vielleicht,
00:50:01bloß weil der Platzeck da war,
00:50:02dass wir irgendwie unterstützt worden sind.
00:50:05Auf die Besuche,
00:50:06da hätte ich gut verzichten können.
00:50:09Es wird so viel Wirbel gemacht.
00:50:11So viel Wirbel.
00:50:16Und dann wird man noch
00:50:17als Sozialfall hingestellt.
00:50:19Ja, es kam ein Schreiben
00:50:21vom Wohnungsamt.
00:50:21Wir sind ja jetzt
00:50:22einer weniger bei uns.
00:50:23Wir leben auf zu viele Quadratmeter.
00:50:25Wir haben kein Anrecht mehr
00:50:26auf die Wohnung,
00:50:27schreiben die.
00:50:28Wir sollen uns nach
00:50:29einer anderen umgucken.
00:50:32Wir können ja nicht mal
00:50:33die Beerdigung bezahlen.
00:50:35Ja, wir können
00:50:36den Grabstein nicht bezahlen.
00:50:39Ist nur ein Deutscher
00:50:40weniger wert wie ein Ausländer.
00:50:42Der Platzeck,
00:50:43der legt doch auch Grenze hin
00:50:44bei den Ausländern
00:50:45ans Mahnmal oder sonst wohin.
00:50:47Warum hatten wir
00:50:48für unseren Jungen
00:50:48nicht mehr übrig gehabt?
00:50:50Oder für die ganzen
00:50:51jugendlichen Deutschen,
00:50:52die alle umgebracht werden?
00:50:55Da tun sie nichts.
00:51:17Was meint ihr, was damals los war
00:51:19hier in Pozloh?
00:51:20So, in den 60ern.
00:51:22Oh!
00:51:23Ja, da war hier eine Gaststätte.
00:51:25Hoppla.
00:51:27Die ist jetzt zu.
00:51:28Hier gegenüber von der Straße
00:51:30da war noch eine Gaststätte.
00:51:34Da war mal Kino drinne.
00:51:36Jeden Sonntag.
00:51:37Da kam der Filmvorführer.
00:51:39Da kommt mal Kino gucken.
00:51:42Für 25 Pfennig Eintritt.
00:51:45Ja.
00:51:46Sind wir hingegangen.
00:51:49Äh, Seehausen?
00:51:50Warnitz.
00:51:52Da war Freilichkino gewesen.
00:51:55Da mussten wir gar nichts bezahlen.
00:51:56Da haben wir gewartet,
00:51:57bis Düster ist.
00:51:58Haben wir uns ringengeschlichen.
00:52:01Meitanz war gewesen.
00:52:02Ernte Dank wurde gefeiert
00:52:03auf dem großen Platz.
00:52:05Tanz im Saal.
00:52:06Richtung Kirchesunden.
00:52:08Großes weißes Haus.
00:52:09Da war früher
00:52:09ein Lebensmittelladen drin.
00:52:10Der Henke.
00:52:12Der Henke wohnt immer noch da.
00:52:14Der Laden, der ist jetzt raus.
00:52:16Stückchen die Straße runter.
00:52:18War noch ein Lebensmittelladen.
00:52:19Der Schlecht.
00:52:20Nee, doch Sprung.
00:52:23Der, der Paul ist schlecht.
00:52:25Der hatte eine dritte Gaststätte
00:52:26hinten bei der LPG.
00:52:28Da hatten wir noch
00:52:29einen Bäcker hatten wir,
00:52:30einen Fleischer hatten wir,
00:52:31einen Friseur.
00:52:33Der hat immer so einen weißen
00:52:35Anzug angehabt.
00:52:35Da habe ich als Kind gedacht,
00:52:36es wäre ein Arzt.
00:52:37Habe ich mir nie die Haare
00:52:38schneiden lassen.
00:52:40Der alte Herr Wilde.
00:52:43Ja, später war da noch
00:52:44eine Sparkasse drin.
00:52:46Aber heute alles nichts mehr.
00:52:48Von 700 Leuten von der LPG
00:52:50sind zwei übrig geblieben.
00:52:52Die paar Leute,
00:52:53die noch hier sind,
00:52:53die können sie wegtreiben,
00:52:55können sie ihren
00:52:55Naturreservat aufmachen.
00:52:581994 sind wir nach Potsdam
00:52:59gezogen.
00:53:01Ja, schwierig.
00:53:03Ich bin damit gar nicht
00:53:04klargekommen, weil zuvor
00:53:06waren wir in Prenzlau und
00:53:08nun waren wir auf dem Dorf.
00:53:10Ich bin nirgendwo hingegangen.
00:53:12Ich bin nicht mal in die
00:53:13Kaufhalle gegangen.
00:53:14Ich habe auch keine Leute
00:53:16gesehen.
00:53:16Ich war praktisch nur hier
00:53:17auf dem Gehöft.
00:53:18Ich weiß auch nicht,
00:53:19warum die alle hier so sind.
00:53:20Wir waren ja alle mal
00:53:21fremd hier.
00:53:22Die Hälfte sind Umsiedler.
00:53:24Nach dem Krieg sind sie
00:53:25bekommen.
00:53:26Aus Polen, nicht?
00:53:28Pauman auch, ja?
00:53:30Ostpreußen?
00:53:31War ich mit Marco und Marcel
00:53:32auf dem Dorf, wo wir hier
00:53:33keinen kannten.
00:53:35Der Marco ist damit
00:53:36gar nicht klargekommen.
00:53:37Der Marcel schon.
00:53:38Der Marco nicht.
00:53:51Marco Schönfeld.
00:54:04Meine Mutter, die hat als
00:54:07Köchin gearbeitet.
00:54:11Oft so Samstag, Sonntag.
00:54:18Und als Kind bin ich viel bei
00:54:22meinem Opa gewesen, bin ich mit
00:54:23auf dem Trecker gesessen.
00:54:27Mit dem konnte ich Pferde
00:54:30stehlen.
00:54:34Und wenn ich schlafe, dann soll
00:54:39aussehen wie Oma Ami, wo der
00:54:41storm ist.
00:54:45Sonst
00:54:47wüsste ich eigentlich nicht viel
00:54:48von früher.
00:55:00Gutachter.
00:55:03Herr Marco S. ist bereits mehrfach
00:55:05strafrechtlich in Erscheinung
00:55:07getreten.
00:55:08In der Auskunft des
00:55:09Bundeszentralregisters vom
00:55:1012.01.2001 finden sich 17
00:55:13Eintragungen.
00:55:15Dabei lag ein Schwerpunkt auf
00:55:16Diebstählen, Fahren ohne
00:55:17Führerschein und Trunkenheit im
00:55:19Straßenverkehr.
00:55:20Darüber hinaus sind
00:55:21Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung,
00:55:24Betrug, Nötigung, Vollrausch und
00:55:26Körperverletzungen aufgeführt.
00:55:281999 wird Marco S. nach
00:55:31mehreren Verwarnungen zu drei
00:55:33Jahren Haft ohne Bewährung
00:55:34verurteilt und am 3.
00:55:36Juli 2002 aus der Haft
00:55:38entlassen.
00:55:39Neun Tage vor dem Mord in
00:55:41Potzloh.
00:55:42Vier Wochen später raubt Herr S.
00:55:44einen Kfz, in dem er den
00:55:46Halter gewaltsam aus dem
00:55:47Fahrzeug stößt.
00:55:48Mit diesem Kfz fährt er nach
00:55:49Prenzlau.
00:55:51Zusammen mit zwei Begleitern
00:55:52trifft er dort zufällig auf den
00:55:54Schwarzafrikaner Neil Du
00:55:55White, den er ohne äußerlichen
00:55:58Grund krankenhausreif schlägt.
00:56:00Er wird dafür vom Landgericht
00:56:02Neuruppin im Oktober 2002 abermals
00:56:05zu drei Jahren Haft verurteilt.
00:56:07Im November 2002 wird er in der
00:56:10Haft mit dem Mordvorwurf an
00:56:12Marino Schöberl konfrontiert.
00:56:14Er verweigert dazu jede
00:56:15Aussage.
00:56:21Also der Marco hat noch nie
00:56:22gelogen, das steht fest.
00:56:26Das hat man ihm immer gleich
00:56:27angesehen, wenn der was
00:56:28gemacht hat.
00:56:29Das kann ich hundertprozentig
00:56:31sagen, dass der Marco ehrlich war
00:56:32und noch ist.
00:56:34Wir haben den zur
00:56:35Gewaltlosigkeit erzogen.
00:56:37Bei uns, da hat noch nie
00:56:39einer zurückgeschlagen.
00:56:40Und der Marco auch nicht.
00:56:44Jedenfalls nicht, wenn er
00:56:44nüchtern ist.
00:56:48Der Marco, der ist jetzt
00:56:50jemand, der schlägt zurück im
00:56:51Suff.
00:56:52Aber sonst ist das der liebste
00:56:53Mensch.
00:56:54Und das sagt er selber.
00:56:55Der liebste Mensch.
00:56:58Der Marco war auf dem
00:56:59Fahrrad unterwegs.
00:57:01Sind ihm so sieben, acht
00:57:03Leute entgegengekommen.
00:57:03Haben sie ihn zusammengeschlagen.
00:57:05Dann haben die einen toten Aal
00:57:07aus dem See gezogen.
00:57:09Haben sie ihn umgebunden.
00:57:11Ihn ins Wasser gejagt.
00:57:14Dann
00:57:15musste er sich ausziehen.
00:57:18Aal wieder umgebunden.
00:57:20Ist er nackig vor denen
00:57:21gehockt.
00:57:23Musste er sich einen
00:57:24runterholen.
00:57:27Und die haben gegrölt und
00:57:29alles.
00:57:30Wenn er das nicht gemacht
00:57:31hätte, dann das musste er
00:57:32machen.
00:57:33Ja, das war dann die
00:57:35Begrüßung für unseren
00:57:36Marco.
00:57:37Willkommen in Potslow.
00:57:38Das war 1994.
00:57:39Da war der 14.
00:57:42Uns gegenüber hat er da
00:57:43überhaupt nichts erzählt.
00:57:44Ja.
00:57:44Hat da alles in sich
00:57:45reingefressen.
00:57:47Wie hat er das erst zwei
00:57:48Jahre später erzählt?
00:57:48Da saßen wir hier in der
00:57:49Küche.
00:57:49Und dann hat er gesagt,
00:57:51Mensch Marco, irgendwas
00:57:53hast du doch.
00:57:54Dann hat er gesagt, ja
00:57:56Mutti, aber ich will
00:57:57darüber nicht reden.
00:57:58Dann hat er gesagt, Mensch
00:57:58komm.
00:58:00Ja, und dann hat er sich
00:58:01so eingetrunken und dann
00:58:02ist er damit rausgerückt.
00:58:04Dann hat er geweint.
00:58:08Und er hat gesagt, wieso
00:58:09bist du denn nicht früher
00:58:10gekommen?
00:58:11Er hat mir doch angezeigt.
00:58:12Er hat ihn auch so in den
00:58:13Arm genommen, aber der
00:58:16Marco ist eben so einer, der
00:58:17lässt sich nicht drücken.
00:58:18Der hat sich seine Welt
00:58:18aufgebaut.
00:58:19Da lässt er keinen ran.
00:58:23Mein Vater, der hat mir das
00:58:26erzählt, kurz bevor er gestorben
00:58:29ist.
00:58:29Da haben wir hier gesessen, da
00:58:30hat er mir erzählt, was er
00:58:31mitgemacht hat als kleiner
00:58:33Junge im Weltkrieg.
00:58:34Dass der Russen dann kamen.
00:58:37Im drinnen zauß der Russe und
00:58:38will meinem Großvater die
00:58:39Uhr abnehmen.
00:58:41Der hat gesagt, er rückt
00:58:42nicht raus.
00:58:44Wollten sie ihm die Uhr mit
00:58:45Gewalt abnehmen, aber er hat
00:58:46sie nicht rausgerückt.
00:58:48Und dann wurden sie
00:58:49stranguliert.
00:58:50Beide.
00:58:50Mein Großvater und meine
00:58:52Großmutter.
00:58:53Vor den Augen von meinem
00:58:54Vater, der muss alles mit
00:58:55angesehen haben.
00:58:56Schreie gehört und so
00:58:57eine Sachen.
00:58:59Kurz vor Ende des Krieges war
00:59:01das.
00:59:02Nach dem Krieg, hier alles
00:59:04aufgebaut in Potslow.
00:59:05Hof, Wirtschaft.
00:59:07Und dann 1960 kam die
00:59:09Enteignung.
00:59:11Wurde Vieh rausgeholt aus dem
00:59:12Stall, Kühe und Rinder.
00:59:14Wurde eine Genossenschaft
00:59:15raus.
00:59:16Musste man unterschreiben, was
00:59:17an Pferden rausgegangen ist.
00:59:19Das hieß jetzt Volkseigentum.
00:59:21Das gehört jetzt allen.
00:59:23Es war nur eine Umschreibung
00:59:24dafür, dass wir es gar nicht
00:59:25mehr hatten.
00:59:26Doch.
00:59:27Ein Schwein hatten wir zum
00:59:28Schlachten.
00:59:30Das war aber auch alles.
00:59:33Was wirst du dich dagegen wehren?
00:59:36Die Wut, die saß drin bei
00:59:38meinem Vater.
00:59:39Das ist klar, aber er hat sich
00:59:41nichts anmerken lassen.
00:59:43Nie war es gesagt, mir
00:59:45gegenüber nicht.
00:59:46Nie.
00:59:54Was passierte, nachdem Sie
00:59:55Marinos Schöberl auf den
00:59:56Kopf gesprungen sind?
00:59:57Mein Bruder schrie dann,
00:59:59Scheiße, wir haben einen
00:59:59umgebracht.
01:00:00Und er sprach auch davon, dass
01:00:02wir den jetzt verbuddeln
01:00:03müssen.
01:00:04Am Ausgang Richtung
01:00:05Jarregrube hin befand sich ein
01:00:07Schaufelblatt ohne Stiel.
01:00:09Warum haben Sie keinen Arzt
01:00:11oder die Polizei verständigt?
01:00:12Ich hatte große Angst vor
01:00:14meinem Bruder und vor dem
01:00:15Sebastian Fink.
01:00:16Die beiden hätten mich
01:00:17windelweich geschlagen.
01:00:19Außerdem hatte ich Angst vor
01:00:20Bestrafungen, weil ich mich
01:00:22mitschuldig fühlte.
01:00:23Vorhalt.
01:00:25Ihre Erklärung erscheint
01:00:26bezüglich der Verletzungen
01:00:27des Marinos und anderen
01:00:29Aussagen unglaubwürdig.
01:00:31Möchten Sie Ihre Aussage
01:00:32diesbezüglich überdenken?
01:00:36Sie haben recht.
01:00:39Nachdem ich auf den Kopf von
01:00:40Marinos gesprungen war,
01:00:42röchelte dieser noch und war
01:00:44noch leicht bei Bewusstsein.
01:00:46Mein Bruder schrie dann aber,
01:00:47dass wir keinen Arzt mehr
01:00:48anrufen könnten und das war
01:00:49den jetzt endgültig um die Ecke
01:00:51bringen müssen.
01:00:53Waren Sie alle drei damit
01:00:54einverstanden?
01:00:56Von meinem Bruder kam die Idee.
01:00:58Ich war damit einverstanden.
01:01:04Ja, sind wir damals viel mit den
01:01:07Kindern nach Berlin gefahren.
01:01:08Nach Vorderwende.
01:01:11Nö, alles mit Zug.
01:01:13Tierpark und überall ein bisschen
01:01:15rumgeguckt.
01:01:16Herr Marco, der war ja immer für
01:01:18die Tiger und Leoparden.
01:01:21Das Geld, das haben wir gehabt
01:01:22damals zu DDR-Zeiten.
01:01:24Ich hab hauptsächlich in der
01:01:25Zimmerei mitgearbeitet,
01:01:26Dachstühle gemacht und so
01:01:27ne Sachen.
01:01:29Samstag, sonntags, gearbeitet.
01:01:32Schwarz, sozusagen.
01:01:35Da hat in der DDR keiner nachgefragt,
01:01:36hauptsache du warst montagsfrüh
01:01:37wieder pünktlich auf der Arbeit.
01:01:40Insgesamt kam ich auf sieben Tage.
01:01:4264 Stunden die Woche.
01:01:44Das ging so bis 86, 87.
01:01:48Da konnten wir überall hinfahren.
01:01:50Der Papa hat gut verdient.
01:01:53Die Wochenendearbeit, die hat gut
01:01:54Geld eingebracht.
01:01:56Der Zusgehalt von der Firma,
01:01:57da hatte ich durchschnittlich
01:01:593000 Osmark, war auf die Hand.
01:02:01Da konnten wir leben wie Gott in
01:02:02Frankreich.
01:02:03Haben wir Urlaub gemacht in Warnitz,
01:02:05Betriebsbungalow, bis 10 Kilometer
01:02:07von Potslow.
01:02:08Wir haben viel unternommen für die
01:02:10Kinder damals, sehr viel.
01:02:12Wenn die einen Wunsch hatten, dann
01:02:14wurde der erfüllt.
01:02:25Gutachter, Schule und berufliche
01:02:27Entwicklung.
01:02:28Herr Marco S. gibt an, er habe in den
01:02:31ersten drei Klassen immer nur Einser
01:02:32gehabt.
01:02:33Seine Lieblingsfächer seien Deutsch,
01:02:35Mathematik und Sport gewesen.
01:02:37Er sei erst mit sieben Jahren
01:02:38eingeschult worden.
01:02:39Warum, wisse er nicht.
01:02:41Er sei auf einer Sprachheilschule
01:02:43gewesen.
01:02:44Dabei habe er eigentlich nie einen
01:02:45Sprachfehler gehabt.
01:02:47Ab und zu habe er sich mit
01:02:49Mitschülern geprügelt, dann habe
01:02:50es schon mal einen Verweis
01:02:51gegeben.
01:02:52Nach der Sprachheilschule sei er
01:02:54dann auf die Gesamtschule
01:02:55gekommen, in der vierten Klasse.
01:02:57Dort seien sie über 20 Kinder
01:02:59gewesen und er sei sofort sitzen
01:03:00geblieben.
01:03:02In der fünften, sechsten Klasse
01:03:03dann habe er die Schule
01:03:05geschmissen.
01:03:12Sandra Birke, Freundin von Marco.
01:03:16Es ist Zeit zu rebellieren, es ist Zeit
01:03:20um aufzustehen, denn den Missstand in
01:03:23meinem Lande will ich nicht länger mit
01:03:25ansehen.
01:03:26Deshalb steh auf, du deutsches Volk, hast viel schlimmes Leid hinter dich gebracht.
01:03:34Ist deine Heimat, dein Land, dein Tod, Deutschland braucht dich jetzt in seiner Not.
01:03:43Und Marco saß auf Sessel bei Kumpels, das war Silvester 1997 Teltow.
01:03:52Total betrunken schon, hat der sich nur gefreut.
01:03:55Ich fand den total doof.
01:03:56Er, nur gegrinst, nur gelacht, der fand alles lustig.
01:03:59Und ich habe gedacht, was ist das denn für einer?
01:04:01Ja, und dann, ja, dann ging es irgendwie los.
01:04:05Ich fand, ich fand seine Art so niedlich.
01:04:08Der, der hat gestottert und dann musstest du nur sagen langsam und dann, dann war okay.
01:04:14Ja, und wenn wir so in der Gruppe waren, dann war er eigentlich so der ruhigste.
01:04:18Und wenn, wenn es mir nicht gut geht, weiß auch nicht, aber
01:04:23dann, dann hat er gemerkt.
01:04:25Dann hat er mich auch in den Arm genommen.
01:04:29Der Marco hat weiche Hände.
01:04:34Das hat ja kein Mensch begriffen, ja.
01:04:36Da ist er ja mitten Morgen mit dem, mit dem Kopf durch die Glastür, so mittendurch, ja.
01:04:39Und dann hat er, hat er war so in Rage, dann hat er, hat er gedacht, dass wir die Täter
01:04:44sind, ja.
01:04:44Dass wir die Bösen sind.
01:04:45Ist er so auf uns zu und hat...
01:04:48Doch, gebrüllt hat er und die Augen verdreht und...
01:04:51Hat alles zusammengeschlagen?
01:04:53In der Veranda, ja.
01:04:54Mit der Faust hat er auf die Möbel draufgeschlagen, war die Lehne abgewesen.
01:04:57Und ich hab gesagt, das ist doch nicht unser Marco.
01:05:02Und bevor hier was passieren tut, ich rufe die Polizei.
01:05:08Nachher ist er dann freiwillig mitgekommen.
01:05:11Am nächsten Tag, da hat er nichts mehr gewusst davon.
01:05:14Ich hab zu Marco gesagt mit seiner Glatze.
01:05:16Marco, wir mussten früher als Jugendliche alle KZ-Besuch machen.
01:05:22Das war so in der DDR Pflichtprogramm.
01:05:24Wir mussten uns angucken in der Schule, nackt unter Wölfen.
01:05:27Da ist keiner von den Nazis mit einer Glatze rumgelaufen.
01:05:30Die haben alle einen vernünftigen Haarschnitt gehabt.
01:05:32Die einzigen, die mit der Glatze rumgelaufen sind, das waren die Kommunisten, nicht?
01:05:35Und die Juden, die so umgebracht haben.
01:05:39Aber was willst du machen?
01:05:40Der hat an seiner Sache festgehalten.
01:05:43Und ich sag mal, solange die da oben an den Rädern drehen,
01:05:45da wird sich auch nichts ändern.
01:05:47Da werden immer mehr Jugendliche nach rechts rüber gehen.
01:05:50Hat doch kaum einer was zu tun von denen.
01:05:52Hier in Potsdam, da ist die Hälfte arbeitslos.
01:05:54Von den Jugendlichen, da hat kaum einer Arbeit.
01:05:57Und unsere Jungs, die braucht auch keiner mehr, wenn sie mal rauskommen.
01:06:01Von mir will ich erst gar nicht reden.
01:06:04Bin arbeitsunfähig.
01:06:05Ich hab 30 Jahre gearbeitet.
01:06:08Krieg keinen Cent im Moment.
01:06:10Rückenprobleme.
01:06:12Bewucherung im Rückenmark.
01:06:13Wenn ich auf der Leiter stehe, ich kann gar nichts mehr.
01:06:18Wir müssen Kredite abbezahlen.
01:06:20Da bleiben uns unterm Strich 130 Euro.
01:06:23Mein Mann kriegt einen Brief vom Amt, dass ich zu viel Rente kriege.
01:06:2714,53 Euro zu viel.
01:06:29Deswegen kriegt mein Mann keine Unterstützung vom Amt.
01:06:31Das ist doch so eine Sauerei.
01:06:33Die verarschen einen hier.
01:06:36Und man kommt sich richtig gedehnt.
01:06:39Noch früher war ich derjenige, der das Geld nach Hause gebracht hat.
01:06:42Wie die Frau da vom Amt angerufen hat, da hat er sich aufgeregt.
01:06:45Hat er abends Kreislaufkollaps gehabt.
01:06:47Hat er so auf dem Rücken gelegen und so zur Decke gestarrt.
01:06:51Ja, als wie wenn er eine Leiche gelegen hat.
01:06:53Dann hab ich ihn so gerüttelt und geschüttelt und dann ist er auch wieder zu sich gekommen.
01:06:56Aber dann hab ich gesagt, so nun ruf ich einen Arzt.
01:07:01Aber man steht dann da wie gelähmt.
01:07:04Man kommt nicht mal mehr zum Telefon.
01:07:08Da komm ich nicht drüber weg, dass man weg ist vom Fenster.
01:07:19Sandra Birke, Freundin von Marco.
01:07:23Der Marco ist 1999 in den Knast gekommen.
01:07:25Ich bin in den Auer eingefahren.
01:07:27Hab irgendeine Eule, die war bei uns in der rechten Szene, aber war mit so einem Fitchi verheiratet.
01:07:33Ja, hab ich überhaupt nichts mehr kapiert.
01:07:34Und dann hat es geknallt.
01:07:37Ich hatte irgendwie 2,8 Promille und keine Ahnung, was wir mit der Eule gemacht haben.
01:07:41Dann wird es ein bisschen doller und dann haben wir irgendwie so Nasenbein zerschlagen.
01:07:44Ich hab den drei Jahre bekommen.
01:07:46Und ich hab mir dann, so schnell es ging, nach Luca auferlegen lassen zu Marco.
01:07:51Und der hat auch schon gewartet jeden Tag.
01:07:53Dann hab ich mir Arbeit geben lassen in der Küche.
01:07:55Er sich auch.
01:07:56Dann ist er gekommen, hat das Essen geholt, hat es auf Station verteilt und ist mit einem leeren Kübeln zurückgekommen.
01:08:02Und ich könnte ihn dann so in den Arm nehmen, so 20, 25 Minuten war so das Längste.
01:08:06Und die anderen haben uns beneidet.
01:08:09Du siehst ihn jeden Tag.
01:08:11Ja.
01:08:13Wir wollten ja eigentlich da zu Marcos Eltern da unter das Dach ziehen.
01:08:17Also der Marco wollte mit seinem Vater da die Wohnung unter dem Dach renovieren.
01:08:21Und seine Mutter, die fand mich ja schon immer toll.
01:08:25Also der Marco ist schon meine große Liebe.
01:08:28Also auch nach dem, was da im Stall passiert war.
01:08:31Ich hab nie gesagt, dass ich den nicht mehr liebe oder dass es nicht mehr weitergeht.
01:08:36Kinder wollten bei zwei.
01:08:38Also ich bin jetzt 26, will jetzt auch mal anfangen.
01:08:40Mit 40 will ich dann auch keine mehr.
01:08:42Und er auch.
01:08:43Und wenn es dann klappt mit der Arbeit,
01:08:46und dann,
01:08:49dann wollte er noch seinen Führerschein machen.
01:08:52Und ich wollte auch noch meinen Führerschein machen.
01:08:55Ja, das sind halt so die Wunschträume.
01:08:58Und dann,
01:09:01ich war noch in Lukau einmal,
01:09:03hatten wir Sondersprecher.
01:09:05Hat er meine Hand genommen?
01:09:07Hat er gesagt,
01:09:10Sandra, willst du mich heiraten?
01:09:12Einfach so.
01:09:14Willst du mich heiraten?
01:09:23Ja,
01:09:24Ja, als ich da,
01:09:29da am 3. Juli 2002 aus der Haft entlassen wurde,
01:09:35da hat meine Schwester angerufen.
01:09:40Hat sie gesagt,
01:09:43komm nach Bremen,
01:09:44da gibt's Arbeit und alles.
01:09:49Ich bin dann nicht nach Bremen gefahren.
01:09:51Ich bin dann nach Lukau.
01:09:57Zu Sandra.
01:09:58Im Knast.
01:10:04Aber wenn ich nach Bremen gefahren wäre,
01:10:07dann wäre das im Stall nicht passiert.
01:10:32Die Vernehmung wurde nochmals um 9 Uhr unterbrochen.
01:10:35Um 9.40 Uhr wird sie fortgesetzt.
01:10:40Mein Bruder Marco und ich suchten dann nach einem passenden Gegenstand,
01:10:44mit dem wir den Marinos töten können.
01:10:46Im Nebenstall fand ich einen Stein.
01:10:48Es handelt sich hierbei um einen weißen Gasbetonstein,
01:10:52circa 30 mal 30 Zentimeter groß.
01:10:55Ich nahm diesen Stein und trug ihn zu der Stelle,
01:10:57an der Marinos lag.
01:10:59Mit beiden Händen hob ich den Stein über meinen Kopf
01:11:03und warf ihn mit voller Wucht auf den Kopf von Marinos.
01:11:06Das tat ich zweimal.
01:11:08Mein Bruder fühlte dann an seinem Arm den Puls
01:11:11und sagte, dass er hin wäre.
01:11:14Dann sprach er auch davon,
01:11:16dass wir den jetzt verbuddeln müssen.
01:11:17Er holte das Schaufelblatt
01:11:19und gab es dem Fink.
01:11:21Fink fing dann an,
01:11:22bei der Jauchegrube ein Loch zu buddeln.
01:11:24Ich half ihm dabei.
01:11:26Nachdem es uns tief genug erschien,
01:11:30holten mein Bruder und ich den Marinos.
01:11:32Mein Bruder nahm ihn an den Füßen,
01:11:34ich nahm ihn an den Armen.
01:11:35Dann warfen wir ihn mit dem Rücken
01:11:37zuerst in das Loch.
01:11:40Dann guckten noch seine Füße raus.
01:11:42Der Fink zog ihm die Schuhe aus
01:11:44und warf diese circa 15 Meter weit
01:11:47in ein Maisfeld.
01:11:50An der Stelle,
01:11:51an der Marinos gelegen hatte,
01:11:52befand sich ein großer Blutfleck.
01:11:55Und den Gang zur Jauchegrube hin
01:11:58zog eine Blutspur.
01:12:00Diese deckten wir alle drei mit Kies ab.
01:12:04Nachdem nichts mehr zu sehen war,
01:12:06fuhren wir auf unseren Fahrrädern nach Hause.
01:12:09In der Wohnung sprachen wir dann darüber,
01:12:11was eigentlich passiert war
01:12:13und wie wir uns verhalten sollten.
01:12:15Also wenn die Polizei uns nach dem Aufenthalt
01:12:17von Marinos befragen sollte,
01:12:18dann sollte ich sagen,
01:12:20dass ich nicht wisse,
01:12:21wo er abgeblieben sei.
01:12:22Dann haben wir uns schlafen gelegt.
01:12:31Na ja, wir haben telefoniert.
01:12:33Wir haben ja viermal die Woche telefoniert.
01:12:36Da wusste ich noch nicht,
01:12:37was sie da im Steuer gemacht hatten.
01:12:39Und da hat Marco immer gesagt,
01:12:41dass er damit nicht klarkommt,
01:12:43dass ich hier bin und er woanders.
01:12:46Das hat er immer wieder gesagt.
01:12:48Sandra, ich komme wieder zurück im Knast.
01:12:50Ich komme wieder zurück.
01:12:52Dann habe ich gesagt,
01:12:53Mensch, komm, Marco,
01:12:54das ist doch jetzt nicht mehr lange.
01:12:55Das dauert doch jetzt nicht mehr lange.
01:12:56Jetzt komme ich doch im Januar
01:12:57in offenen Vollzug, Mann.
01:12:58Und dann komme ich doch auf Urlaub.
01:13:00Und dann, Mann,
01:13:01das schaffen wir doch auch noch.
01:13:02Wir haben doch schon so viel geschafft.
01:13:03Das ist doch nur noch ein halbes Jahr.
01:13:04Mann, das schaffen wir doch jetzt auch noch.
01:13:06Dann sagt er,
01:13:07ich schaffe es nicht ohne dich.
01:13:09Ich will nicht ohne dich.
01:13:10Ich kann nicht ohne dich.
01:13:11Es ist alles scheiße ohne dich.
01:13:12Ich komme wieder zurück.
01:13:14Ich komme wieder zurück.
01:13:21Ich habe drei Jahre gesessen.
01:13:25Ich hatte so eine Aggression aufgebaut.
01:13:29Die mussten raus.
01:13:35Das hätte jeden treffen können.
01:13:39Marinos, den hatte ich von vorher.
01:13:41Wenn ich gegen den was gehabt hätte,
01:13:42dann hätte ich vorher schon was machen können.
01:13:47Ein Jude habe ich auch schon zu viel gesagt
01:13:49und habe den deswegen auch nicht umgebracht.
01:13:54Ich wollte den nicht umbringen.
01:13:55Ich habe den auch nicht umgebracht.
01:14:01Ich wollte ihn nur
01:14:06quälen und ärgern.
01:14:08Das ist eben aus der Situation entstanden.
01:14:10Und dann macht man das eben,
01:14:14weil es Spaß macht
01:14:15und weil man auch nicht weiß,
01:14:16was man sonst machen soll.
01:14:20Da war auch nichts abgesprochen.
01:14:27Ich habe das auch nicht kapiert,
01:14:30wieso mein Bruder da jetzt
01:14:32den in die Kante beißen lässt.
01:14:34Aber ich habe natürlich auch nichts dagegen unternommen.
01:14:40Und für mich war das auch ein Schock,
01:14:43wie der Marcel denn da
01:14:46da draufgesprungen ist.
01:14:53Das Bild habe ich heute noch vor Augen.
01:14:58Wie denn der da aussah.
01:15:03Wie der da so zur Seite gekippt ist.
01:15:08Da ist überhaupt nichts mehr erkannt im Gesicht.
01:15:24Einen alten Anzug.
01:15:27Wenn der nicht mehr passt,
01:15:28den kannst du wegwerfen.
01:15:29Aber Kinder sind da, sag ich.
01:15:32Egal was kommt,
01:15:33ich kämpfe bis auf den letzten Tropfen.
01:15:37Also wenn der Marcel aus dem Knast rauskommt,
01:15:39dann wollen wir oben die Wohnung fertig haben.
01:15:41Also mit Bad und allem.
01:15:43Ich meine, wir sagen das auch dem Marco,
01:15:45aber dem interessiert das natürlich nicht so im Moment.
01:15:48Das ist ja auch verständlich.
01:15:49Also das dauert ja auch noch lange.
01:15:50Das ist ja noch lange bis dahin.
01:15:52Und dann,
01:15:54so mit richtigem Küchentrakt,
01:15:55also so mit Eherd und Kühlschrank,
01:15:58so amerikanisch,
01:15:59wie man das jetzt im Fernsehen sieht.
01:16:00Also wo die Küche in der Stube drin ist.
01:16:04Und so,
01:16:05ja,
01:16:05Loft heißt es.
01:16:08Und dann kann der Marcel da oben,
01:16:10kann er sich zurückziehen,
01:16:11kann er Musik anmachen.
01:16:13Wenn er runterkommen will,
01:16:14kann er runterkommen.
01:16:17Na, im Moment ruht es.
01:16:19Weil mit dem Rücken von meinem Mann
01:16:20und mit meinem Schwindel nach der Operation,
01:16:22da kommen wir da beide gar nicht hoch.
01:16:26Und der
01:16:28Marcel schickt uns Geld aus dem Knast.
01:16:32Sonst könnten wir gar nicht besuchen gehen.
01:16:34Der sagt,
01:16:35Mutti, das mache ich doch gerne.
01:16:37Der hat 220 Euro.
01:16:38Wir haben weniger,
01:16:39obwohl wir im Prinzip mit allem fast ganz unten sind.
01:16:44Na ja,
01:16:45so,
01:16:46so ein bisschen was,
01:16:47was die Waage über Wasser hält.
01:16:50Dass man
01:16:52das Gefühl hat,
01:16:53dass das Leben nicht ganz umsonst ist.
01:16:57Ähm,
01:16:59na,
01:16:59sonst wäre es ja wirklich sinnlos,
01:17:01wenn da keiner wäre.
01:17:03Für wen
01:17:05macht man das denn sonst?
01:17:06Für wen sonst?
01:17:10Sehr geehrtes Gericht,
01:17:11sehr geehrte drei Anwälte,
01:17:13im Namen meiner Familie
01:17:15und vor mir als Mutti von Marinos
01:17:16bitte ich Sie,
01:17:17mit diesem Pokerspiel aufzuhören.
01:17:20Ich kann das nicht mit ansehen.
01:17:22Haben Sie als Anwälte
01:17:23eigentlich ein Gewissen?
01:17:27Denken Sie an die unbeschreibliche Qual
01:17:29und die Angst
01:17:30und die Schmerzen,
01:17:31die Marinos erleiden musste.
01:17:33Er ist das Opfer,
01:17:34nicht diese Bestien.
01:17:36Die tun das wieder.
01:17:38Das sind tickende Zeitbomben.
01:17:40Einmal Mörder,
01:17:41immer Mörder.
01:17:43Ich habe Hass,
01:17:44Wut und Verachtung
01:17:45für diese Bestien.
01:17:46Die verdienen kein anderes Wort.
01:17:49Die wussten genau,
01:17:50was sie taten
01:17:51in ihrer Kaltblütigkeit.
01:17:53Suchen Sie keine Schlupflöcher,
01:17:55sondern führen Sie sich vor Augen,
01:17:57dass dieser Mord eingeplant war
01:17:59und dass keine Reue
01:18:00oder Bedauern gezeigt wird.
01:18:03Diese Familie Schönfeld
01:18:05hat eine glückliche Familie zerstört.
01:18:08Denken Sie an Marinos Schwestern.
01:18:11Die haben ihn geliebt.
01:18:12Ich weiß,
01:18:12wie unsere Töchter leiden.
01:18:15Unsere jüngste Tochter,
01:18:16die wird noch lang
01:18:16in Betreuung bleiben müssen.
01:18:19Denn der Tag vor Gerichte
01:18:20war wie am ersten Tag.
01:18:23Sie sagte zu mir,
01:18:25so muss es in der Hölle sein.
01:18:29Und jetzt,
01:18:30verehrtes Gericht
01:18:31und Sie drei Anwälte,
01:18:32jetzt hören Sie mal genau zu,
01:18:34denn jetzt erzähle ich Ihnen mal
01:18:35was über unseren Sohn Marinos.
01:18:37Der Marinos war ein
01:18:38lieber und netter Junge.
01:18:40Er wurde in der Familie
01:18:41mit dem Spitznamen Blase gerufen.
01:18:43Der hatte ein Beschützerinstinkt
01:18:45unserer Enkelin Maya gegenüber.
01:18:48Spielte mit ihr,
01:18:49reparierte ihr Fahrrad.
01:18:52Und am meisten vermisse ich ihn.
01:18:55Er hat mich oft lachend
01:18:56in den Arm genommen und gesagt,
01:18:58na meine kleine Mutti
01:18:59und mich dabei festgedrückt.
01:19:02Diese Bestien verdienen keine Gnade.
01:19:06Die müssten so umgebracht werden
01:19:07wie unser Sohn.
01:19:10So,
01:19:11jetzt wissen Sie,
01:19:12wie unser Marinos war.
01:19:14Flucht den Bestien.
01:19:16Denken Sie an die Gerechtigkeit.
01:19:17Familie Schöberl
01:19:39Am 24.10.2003,
01:19:44dem Tag der Urteilsverkündung,
01:19:46verstarb Birgit Schöberl
01:19:47an einem Krebsleiden.
01:19:48Sohn.
01:19:50Ja.
01:19:51defend ich
01:20:17relierst,
01:20:17dass du ü Libya
01:20:18vivo aus 005.203,
01:20:18bei mir seit willen wie aus
Comments