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Tabuthema Periodenarmut · Wenn Das Geld FüR Monatshygiene Fehlt
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00:04For millions of women is the period a financial burden.
00:09If you think that's a complete Einkauf,
00:12which I can give you.
00:17Every 4th menstruating has to fight with the expenses.
00:22I'm already 1,5 days here in Berlin
00:24with full-blown Hose.
00:27Teil des Problems, das Thema ist stark schambehaftet.
00:33Ohne die Menstruation werden wir alle nicht auf der Welt.
00:35Da könnte man durchaus davon sprechen,
00:37dass das uns alle was angeht und dass es im Interesse aller ist,
00:40darüber mehr zu erfahren.
00:42In Deutschland und anderen Ländern
00:44wollen Frauen das Thema sichtbar machen.
00:47Als Kind war das Thema ein Tabu.
00:50Niemand hat darüber gesprochen.
00:52Deshalb wusste ich lange nicht, dass man darüber sprechen kann.
00:57Und sie wollen Betroffenen helfen, wie Maxi Bethke,
01:01die sich mit ihrem Verein gegen Periodenarmut einsetzt
01:04und Bedürftige mit dem versorgt, was sie brauchen.
01:23Gucken, ob alles da ist.
01:25Ach, da sind die Maxi-Pads.
01:27Heute habe ich für zwei Organisationen bestellt,
01:30um Produkte vorbeizubringen.
01:32Und da mache ich einfach ein ganz buntes Popourri
01:35aus verschiedenen Produkten.
01:38Maxi packt Pakete voller Tampons und Binden.
01:41Dinge, die für die meisten selbstverständlich sind.
01:45Doch für viele Frauen ist genau das ein Problem.
01:49Man denkt halt viel darüber nach,
01:50wenn man an Obdachlosigkeit denkt oder Armut,
01:53dann wird oft darüber nachgedacht,
01:54dass die Menschen einen Schlafplatz brauchen,
01:56dass sie was zu essen brauchen und Kleidung.
01:58Aber über Periodenprodukte denken die meisten immer noch nicht nach.
02:04Sie leben auf der Strasse, ohne Geld, ohne sicheren Ort
02:07und ohne Zugang zu Hygieneprodukten.
02:11Deshalb bin ich da und mein Verein,
02:14um diesen Menschen zu helfen und diese mit Periodenprodukten zu versorgen,
02:17dass sie sich nicht entscheiden müssen, ob sie sich was zu essen kaufen
02:21oder ob sie sich Periodenprodukte kaufen und sich das leisten können.
02:25Weil die Periode kommt halt, ob man es will oder nicht.
02:29Seit rund zehn Jahren sammelt Maxi mit ihrem Verein Periodensystem e.V. Spenden.
02:35Sie bestellt, sortiert, verteilt an Bedürftige.
02:38Alles ehrenamtlich nach der Arbeit am Wochenende.
02:42Ich hatte auch schon die Situation, dass ich mal einen Tampon nicht dabei hatte
02:46oder dass mal was daneben gegangen ist und ausgelaufen ist.
02:48Und ich kann halt einfach mit allen menstruierenden Personen mitfühlen,
02:56wie es in diesen Tagen uns allen geht und was der Körper da auch mitmacht.
03:01Ich möchte einfach gerne, dass die Periode kein Hindernis mehr ist
03:05und dass die Periode keine Dimension ist oder kein Faktor ist,
03:12der darüber bestimmt, wie wir unseren Alltag leben,
03:14was wir uns halt leisten können und was nicht.
03:16Periodenarmut hat für mich was mit Gleichberechtigung zu tun
03:20und mit Geschlechtergerechtigkeit.
03:23Gleich will Maxi Frauen treffen, die sich keine Periodenprodukte leisten können
03:28und für die die Periode schnell zur Ausnahmesituation werden kann.
03:36Berlin Alexanderplatz.
03:41Einmal wöchentlich macht hier das Duschmobilstation.
03:46Neben einer kostenlosen Dusche
03:48erhalten Bedürftige auch Hygieneprodukte von den Sozialarbeiterinnen.
03:53Was brauchst du? Was können wir für dich tun?
03:56Brauchst du Slip-Einlagen oder Binden oder OBs?
03:59Aber ich bin kleiner.
04:01Du willst kleine haben?
04:02Ja, ich bin kleiner.
04:03Okay.
04:09Periodenarmut beschränkt sich aber eben nicht nur darauf,
04:11welche Produkte ich mir leisten oder nicht leisten kann,
04:13sondern sie bedeutet auch,
04:16habe ich eigentlich Zugang zu sauberem Wasser?
04:18Habe ich Zugang zu sauberen Sanitäranlagen?
04:22Kann ich in Ruhe zum Beispiel einen Tampon oder eine Binde wechseln?
04:27Kann ich mir die Hände waschen, bevor ich meine Periodenprodukte wechsle?
04:31All das sind auch Faktoren,
04:32die wir beim Phänomen Periodenarmut mitdenken müssen.
04:38Hallo!
04:39Hey Maxi!
04:40Vor dem Duschmobil kommt Maxi mit einer jungen Frau ins Gespräch.
04:45Seit drei Jahren lebt sie auf der Straße.
04:48Regelmäßig nutzt sie Periodenprodukte vom Duschmobil.
04:51Slip-Einlagen, das ist halt so dieses Nonplusultra,
04:53was wirklich notwendig ist.
04:56Vor allem, wenn man auf der Straße lebt, unterwegs ist,
04:59also abdachlos, man kommt nicht voran sonst.
05:02Also im Winter war es so kalt,
05:04ich habe eine Titte drei Tage die Schuhe nicht ausgezogen,
05:07weil ich auch draußen geschlafen habe und mir sind die Füße fast weggegammelt.
05:10Und dann halt einfach so eine Zulaufstelle zu haben.
05:12Wenn ich mir dann keine Scheiß-Sorgen mache von was und sowas,
05:15sondern einfach mal wirklich kurz auch mal einen Tag chillen darf
05:17und durchatmen darf,
05:19um einfach mal fucking mir keine Sorgen zu machen.
05:22Es geht nicht nur um den Zugang zu Periodenprodukten,
05:26sondern um Teilhabe, um Würde.
05:28Also ich war gefragt, ob du schon mal in der Situation warst,
05:31wo du keine Periodenprodukte zur Hand hattest
05:33und wie das dann für dich war.
05:34Also dann ist halt Klopapier for the win.
05:37Also dann ist halt Klopapier for the win.
05:39Oder Einbluten hatte ich auch schon.
05:40Und ich bin auch schon eineinhalb Tage hier in Berlin
05:42mit vollgebluteter Hose drum gerannt.
05:44Also stumpf.
05:44Und das war so unangenehm.
05:45Ich musste sogar Bahn fahren.
05:46Ich habe gestunken und nicht nur so sorry, sorry,
05:48ich weiß, ich stinke, aber es geht gerade nicht anders.
05:49Ich muss von A nach B, dass ich mich überhaupt selber machen kann.
05:52Ich kann ja nicht an der Stelle stehen bleiben.
05:53Ja.
05:55Mehr als 6000 wohnungslose Menschen lebten im vergangenen Jahr
05:59in Berlin auf der Straße oder in Behelfsunterkünften.
06:03Das geht aus einer Statistik der Berliner Senatsverwaltung
06:06für Soziales hervor.
06:07Rund ein Viertel davon sind demnach Frauen.
06:10Es gibt wirklich auch ein Angebot an öffentlichen Toiletten,
06:12die nutzbar sind, aber die sind an der Hand abzuzählen.
06:15Zwischendurch treffe ich ab und zu mal auf eine,
06:17aber die kann auch kaputt sein.
06:18Da geht die Tür nicht auf, weil irgendwer die einfach aufbricht
06:20oder drin haust.
06:21Ja.
06:21Das passiert halt auch.
06:23Also in Berlin kenne ich jetzt wirklich nur fünf von diesen öffentlichen Toiletten,
06:28wo es halt so ist, dass die funktionabel sind und auch begehbar.
06:30Es ist ja nicht nur das Geld, sondern es ist einfach auch dieses Grundmiteinander,
06:33diese Grundversorgung, die da gegeben ist.
06:35Dass, wenn ich in so einer Situation bin, wie ich bin, dass wirklich eine andere Seite da ist,
06:39die mit achtsam ist und sagt, hier, pass auf, wenn du gerade den Moment brauchst,
06:44die Epoche, die temporale Einheit, go for it.
06:49So, und das ist wirklich beisame.
06:51Genau, es geht darum, wahrgenommen zu werden.
06:53Und dass man ein Verständnis füreinander hat und ein Safe Space kreieren kann darum.
07:07Das hat mich schon ganz schön mitgenommen.
07:10Da auch noch mal so zuhören, zeigt mir halt die absolute Notwendigkeit
07:14von Periodensystemen, von unserer Arbeit, dass wir Spenden sammeln,
07:18dass wir weitermachen, dass wir die Produkte überall verteilen
07:20und überhaupt für diese Aufmerksamkeit kämpfen.
07:24Wohnungslose Frauen sind besonders stark von Periodenarmut betroffen.
07:28Doch das Problem ist weitaus größer.
07:32Für jede vierte Frau in Deutschland sind die monatlichen Ausgaben
07:35für die Periode eine finanzielle Belastung,
07:37wie eine repräsentative Umfrage ergeben hat.
07:40Wenn wir über Periodenarmut sprechen, dann sprechen wir im Großen und Ganzen über Armut.
07:44Das heißt, wir sprechen über einen Teilaspekt von Armut.
07:46Periodenarmut ist insofern eben eine besondere Form von Armut,
07:51als sie eben stark vergeschlechtlicht ist, als sie sehr körperlich erlebt wird.
07:56Und sie hängt natürlich auch ganz stark mit dieser Kultur der Scham zusammen.
08:02Dass die Periode kostspielig ist, weiß auch Jael.
08:06Sie studiert Film- und Medienkulturforschung in München.
08:09Hallo!
08:11Nebenbei arbeitet die 23-jährige Studentin beim Radio.
08:17Jael sammelt beim Praktikum Erfahrungen für ihr späteres Berufsleben.
08:22Unbezahlt. Und das in München, der teuersten Stadt Deutschlands.
08:32Das wäre natürlich schön, wenn man für die Arbeitszeit Geld kriegen würde.
08:35Auch im Hinblick, was macht man denn sonst, um sich hier die Miete überhaupt zahlen zu können.
08:39Ich habe relativ viel Glück gehabt, muss man auch dazu sagen.
08:43Und zwar, dass ich ein Stipendium habe.
08:45Das deckt zumindest mal die Miete ab.
08:48Und dann werde ich noch momentan in den Eltern unterstützt.
08:50Das heißt, ich habe da auch noch ein Standbein.
08:55Und sonst bleibt aber auch nicht die Zeit für eine andere Tätigkeit.
08:58Also mit Abzug aller Fixkosten, wenn ich jetzt Miete und alles rausrechne, was das Stipendium deckt,
09:02dann bleiben mir ungefähr 400 Euro.
09:06Davon muss Jael monatlich auch für Periodenprodukte aufkommen.
09:11Denn für eine nachhaltige Veränderung braucht es noch immer eins.
09:15Eine Gesellschaft, die Männer aufklärt und Frauen ernst nimmt.
09:24Der Einkauf von Periodenprodukten.
09:27Für Menstruierende wie Jael gehört er zum Alltag.
09:30Doch die Ausgaben können sich längst nicht alle leisten.
09:34Einer Umfrage zufolge zögert jede zehnte Frau den Wechsel von Periodenprodukten hinaus, um Geld zu sparen.
09:41Wenn ich mit Tampons haushalten muss, dann bedeutet das vielleicht, dass ich mir überlege,
09:45na ja, vielleicht lasse ich ihn doch noch mal zwei Stunden drin.
09:47Vielleicht lasse ich ihn doch noch mal drei Stunden drin.
09:50Und je länger wir ein Periodenprodukt tragen, desto höher wird das Infektionsrisiko.
09:55Das kann so was sein wie eine Harnwegsentzündung.
09:57Das kann aber im schlimmsten Fall eben auch zum toxischen Schocksyndrom führen.
10:02Und das kann im schlimmsten Fall natürlich auch tödlich enden.
10:07Monatlich kommt für Menstruierende wie Jael viel zusammen.
10:14Wenn ich jetzt eine Periode habe, die richtig reinhaut, dann verbrauche ich auch in zwei Tagen schon zehn Tampons.
10:20Die Blutung an sich, die dauert fünf, sechs Tage. Da komme ich dann jetzt mit, weiß ich nicht, 20, 30
10:27Tampons grob vielleicht hin.
10:29Und dann hält mir diese Packung vielleicht zweieinhalb bis drei Blutungen rund.
10:34Ich brauche Schmerzmittel auf jeden Fall. Ich brauche sowas wie Magnesium, Eisen.
10:39Wenn man es ganz hoch rechnet, ist das ein kompletter Einkauf, den ich mir dann stattdessen gönnen kann.
10:46Schmerzmittel, Wärmflasche oder neue Unterwäsche. Oft kommen zu den Hygieneprodukten noch weitere Kosten obendrauf.
10:53Für Frauen, die wenig Geld haben, ist das ein Problem.
10:56Laut der Kinderrechtsorganisation Plan International geben Menstruierende in Deutschland jährlich 550 bis 650 Euro allein für Periodenprodukte aus.
11:06Gerade für junge Frauen eine finanzielle Belastung.
11:11Fast drei Viertel der 16- bis 24-Jährigen würden sich besser versorgen, wären Hygieneprodukte preisgünstiger.
11:19Periodenarmut muss aber nicht nur die Leute betreffen, die wir da vielleicht stereotyperweise direkt im Kopf haben.
11:24Das heißt, überall dort, wo Menschen eben sehr stark mit ihrem Geld haushalten müssen, müssen wir davon ausgehen,
11:33dass auch das Thema Periodenprodukte und Versorgung mit Periodenprodukten ein Thema sein wird.
11:39Letztendlich kann man sagen, dass Periodenarmut einfach verdeutlicht, dass ein selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Körper und auch ein gesundheitsfördernder
11:50Umgang mit dem eigenen Körper am Ende des Tages auch eine Frage des Geldbeutels ist.
11:55Und dass die nicht allen Menschen gleichermaßen zugestanden wird.
11:58Zwar wurde die Mehrwertsteuer auf Binden und Tampons 2020 reduziert, doch für viele Frauen brachte das kaum finanzielle Entlastung.
12:08Auch, weil gleichzeitig die Preise für Slip-Einlagen deutlich erhöht wurden.
12:14Wenn wir uns eben jetzt gerade so die Vermarktung von Periodenprodukten anschauen, ist, dass diese ganze Industrie rund um die
12:23Menstruation sowohl von der Tabuisierung als auch von der Enttabuisierung profitiert.
12:28In den letzten Jahren oder Jahrzehnten können wir eben beobachten, dass da ein Wandel stattgefunden hat.
12:33Man hat eben beispielsweise nicht mehr ausschließlich diese sterile blaue Flüssigkeit, die statt Menstruationsblut in der Werbung gezeigt wird.
12:41Das heißt, auf einmal sieht man da plötzlich rote Flüssigkeit.
12:44Es gibt aber auch andere Beispiele, wo die Werbung dann plötzlich ganz viel mit Messages von Selbstbestärkung, von einem positiven
12:52Körperbild, Body Positivity und so weiter,
12:55wo die Werbung eben damit arbeitet. Das heißt, man springt quasi so ein bisschen auf diesen Zug der Enttabuisierung auf.
13:04Und auch damit lassen sich natürlich gut Gewinne einfahren, ja. Auch das ist natürlich eine sehr erfolgreiche Marketingstrategie.
13:12Dennoch ist die Menstruation nach wie vor etwas, über das viele Frauen nicht sprechen. Das fängt schon in der Schule
13:19an, so wie bei Jael.
13:21Wenn man mal irgendwie, weiß ich nicht, seinen Tampon zu Hause vergessen hat, dann da so dieses Geflüster losgegeben.
13:28So, psst, hast du vielleicht? Und dann nimmt man das so aus der Tasche und so ganz klein irgendwo hin
13:35und versteckt es.
13:36Und das ist noch die Erfahrung, mit der ich aufgewachsen bin. Also, dass das irgendwas ist, was man verstecken sollte
13:43auch.
13:44Mir geht's wirklich die ersten beiden Tage furchtbar. Also, es ist echt... Ich war mal an einem Punkt, da musste
13:50ich sechs Ibuprofen-Tabletten nehmen.
13:54Also, innerhalb von 24 Stunden. Und das ist auch ein Schmerz, der lässt sich schwer beschreiben.
13:58Das ist so, als würde dich jemand aufreißen und zusammennähen irgendwie gleichzeitig und jedes Mal auch ein bisschen anders.
14:07Die Schmerzen variieren dabei von Frau zu Frau stark. Betroffene wie Jael haben oft das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen,
14:16obwohl die Schmerzen ihren Alltag stark beeinträchtigen können.
14:18Was mich, glaube ich, aufregt, sind dann diese Vergleiche mit, wenn dann viele männlich gelesene Personen auch herkommen und sagen,
14:25ja, mal für meinen Rasierer muss ich auch zahlen. Natürlich musst du für deinen Rasierer auch zahlen.
14:29Aber die Rasur ist auch in den meisten Fällen mehr oder weniger ein ästhetischer Punkt, an dem man sich aufhängt
14:35oder auch nicht.
14:36Wie ich mich fühle, wenn ich meine Periode habe, rein gesundheitlich, wie ich mich stimmungstechnisch fühle,
14:42wie sehr ich davon auch beeinträchtigt werde, dass ich Periodenprodukte nutzen muss.
14:46Das ist einfach nochmal ein ganz anderes Kapitel oder eine ganz andere Ebene, die aufgeht.
14:53Jael wünscht sich mehr Akzeptanz in der Gesellschaft.
14:58Was sich eben durchzieht, ist diese Instrumentalisierung der Menstruation als ein Mittel der Ungleichbehandlung.
15:06Das heißt die Vorstellung, wir haben eine Norm, das ist der männliche Körper und wir haben eine Abweichung von dieser
15:12Norm und das ist der menstruierende Körper.
15:14Und damit gehen dann eben ganz viele gravierende Konsequenzen einher, zum Beispiel eben in der Forschung, aber auch in der
15:22Gesundheitsversorgung und so weiter und so fort.
15:26Periodenarmut ist nicht nur in Deutschland ein Problem, auch im Ausland sowie in Polen.
15:30Das Land ist eines der konservativsten in Europa, vor allem im ländlichen Raum ist der Einfluss der katholischen Kirche groß.
15:37Über viele Jahre gab es eine rechtsnationale Regierung. Frauenrechte gelten als stark eingeschränkt.
15:45Eine Frau, die etwas dagegen unternimmt, ist Martina Baranovic. Sie ist Aktivistin und Künstlerin in Warschau.
15:53Sie will die Periode sichtbar machen, denn die mangelnde Sichtbarkeit sei der Nährboden für Periodenarmut.
16:01Ich versuche hier etwas Blut hinzuzugeben. Blut ist nicht immer so rot, deswegen möchte ich zu dem Roten etwas dunklere
16:12Farbe hinzufügen.
16:15Zum Beispiel rosa.
16:27Neben der Kunst kämpft Martina mit der Organisation Pink Box Foundation seit Jahren für den kostenlosen Zugang zu Periodenprodukten.
16:36Denn auch in Polen ist die Periode immer noch ein Tabu.
16:44Ich habe meine Periode irgendwie versteckt. In der Grundschule habe ich mit meinen Freundinnen nicht darüber gesprochen.
16:51Das Tabu war in meiner Kindheit sehr präsent.
16:54Lange habe ich nicht gewusst, dass man sich mit diesem Thema auseinandersetzen kann, weil es einfach etwas ist, über das
17:02man nicht spricht.
17:13Ich versuche das rauszuziehen.
17:21Zuerst schiebe ich die zur Seite, dann komme ich ran.
17:26Im Mittelpunkt ihrer Kunst der menstruierende Körper und die Spuren der Periode.
17:36Das Mädchen bin natürlich ich. Ich stelle mich auf allen Bildern selbst dar. Neben mir mein echter Partner.
17:44Auf dem Bild entscheide ich mich einfach, einen Tampon an einem öffentlichen Ort einzuführen.
17:49Ich gehe nicht auf die Toilette oder suche eine. Ich mache es einfach, während ich an einem sonnigen Tag Kaffee
17:56trinke.
17:59Auf der Leinwand der Erlöserplatz. Ein Ort der Begegnung in Warschau.
18:07In dem Bild wollte ich eine gewisse Ruhe zeigen, die auch zwischen dem Paar vorhanden ist.
18:12Und das damit verbinden, dass für viele Menschen die Geste, wie man einen Tampon ein- und ausführt, an einem
18:19öffentlichen Platz etwas Schockierendes sein kann.
18:23Für mich ist es wichtig, dass wir anders über unseren Körper sprechen, aber auch keine Angst haben, Tabus zu brechen.
18:35Damit alle Personen eine gewisse Freiheit verspüren, ihren eigenen Körper zu erforschen und andere zu fragen, wie es in deren
18:42Körper aussieht.
18:52Ohne die Menstruation wären wir alle nicht auf der Welt. Da könnte man durchaus davon sprechen, dass das uns alle
18:57was angeht und dass das im Interesse aller ist, darüber mehr zu erfahren.
19:01Und dann gibt es aber natürlich auch die Ebene, wenn wir über reproduktive Gesundheit sprechen, wenn wir über sexuelle Gesundheit
19:09sprechen und da spielt Menstruation überall eine Rolle, dann sprechen wir von Menschenrechten.
19:13Das heißt, es gibt quasi auch auf der Ebene eine Verpflichtung, Wissen zu generieren, Rechte zu wahren, Gleichberechtigung zu garantieren.
19:25Martina und ihre Kollegin Natalia packen pinke Boxen, die sie auf Anfrage in ganz Polen verschicken. Darin enthalten kostenlose Hygieneprodukte.
19:40Wir möchten, dass Binden und Tampons an vielen verschiedenen Orten verfügbar sind. Für Menschen, die sie brauchen.
19:49Ihre Boxen gehen beispielsweise an Schulen, Notunterkünfte oder Bars. Bezahlen muss nur, wer das auch kann. Rund 23.000 Boxen
19:59hat das sechsköpfige Team bereits in ganz Polen verteilt.
20:04Diese Boxen stehen auf der Toilette, damit Personen, die ihre Periode haben, jederzeit Binden oder Tampons rausnehmen können.
20:11So haben alle Zugriff auf die Produkte, wann immer sie sie brauchen. Das ist die Idee dahinter.
20:20Sie helfen damit vielen. Nach Schätzungen der Kulczyk-Stiftung, einer polnischen Frauenrechtsorganisation, ist jede fünfte Frau in Polen von Periodenarmut
20:30betroffen.
20:33Wenn wir uns einen Kontext für Polen anschauen, der sehr stark auf die Durchsetzung konservativer oder kontrollierender Körperbilder,
20:45kontrollierender Körpernormen ausgerichtet ist, auch sehr stark auf die Kontrolle von Frauenkörpern oder menstruierenden Körpern,
20:52sehr stark auf die Kontrolle von weiblicher Reproduktion ausgerichtet ist,
20:58dann ist das natürlich nochmal ein Faktor, den man im Verständnis von Periodenarmut mit einbeziehen muss.
21:04Auch in Polen trifft es vor allem wohnungslose Frauen. Mit ihrer Spende unterstützen Martina und Natalia auch Orte wie diesen,
21:12eine Tagesstätte für wohnungslose Frauen.
21:18Ich heiße Dosha und bin seit drei Wochen obdachlos. Das liegt an Problemen in meiner Familie. Ich habe Depressionen und
21:28wollte mir das Leben nehmen.
21:29Deshalb haben meine Eltern mich rausgeworfen.
21:37Ein wichtiges Thema für mich sind die pinken Boxen. Leider schämen sich viele Obdachlose hier sehr danach zu fragen.
21:46Wenn ich in Notunterkünften übernachte, sehe ich, dass Frauen sich schämen, nach Binden zu fragen und stattdessen Toilettenpapier benutzen.
21:59Ich finde, es sollte normal sein, dass es sowas gibt. Egal, ob für Obdachlose oder Berufstätige.
22:06Ich muss normalisieren, dass es so ist. Es ist egal, ob es für unbewusst ist oder für Arbeit.
22:21Um Periodenarmut zu bekämpfen, wollen Martina und Natalia auch Frauen erreichen, die auf den ersten Blick nicht in Armut leben.
22:29Für die aber der Kauf von Periodenprodukten trotzdem eine finanzielle Belastung ist.
22:35Daher versuchen sie auch Barbetreiber für ihr Anliegen zu gewinnen.
22:41Wir freuen uns, dass diese Bar bei unserer Aktion mitmacht.
22:45Sie haben uns geschrieben, dass sie auch eine Box haben möchten.
22:49Das ist ein weiterer Ort in Warschau, wo man leicht von der Straße aus zur Toilette gehen kann.
22:54Hier findet man unsere pinke Box, die wir heute aufgefüllt haben.
23:02Der Bedarf für die kostenlosen Periodenprodukte ist da. Das merken sie jedes Mal, wenn sie die Boxen auffüllen. Auch heute
23:10in dieser Bar.
23:14Die Box war leer. Das zeigt, dass viele Leute sie benutzt haben. Es zeigt, dass viele Menschen solche Dinge brauchen.
23:23In jeder Toilette könnte eine Person sein, die menstruiert. Deshalb ist es normal, dass solche Produkte dort gebraucht werden.
23:29Da ist etwas naturales, was in jeder Toilette in jeder Toilette ist.
23:39Doch leicht haben es Aktivistinnen wie Martina in Polen nicht. Das Thema Frauenrechte ist dort politisch extrem aufgeladen.
23:54Abtreibungsgegner protestieren seit der Eröffnung Anfang 2025 immer wieder vor einer Beratungsstelle für Schwangerschaftsabbrüche.
24:02In kaum einem Land in Europa sind die Abtreibungsgesetze so restriktiv.
24:10Ich bin wütend und möchte das nicht in meiner Stadt. Ich bin sauer und habe negative Gefühle in meinem Kopf.
24:27Doch gleichzeitig ist die Wut für Martina auch ein Ansporn, um weiterzumachen.
24:36Zurück in Berlin. Auch bei Maxi Bethke steht gleich eine Übergabe von Periodenprodukten an. Für Frauen, die auf der Straße
24:44leben.
24:45Ich habe euch was mitgebracht. Die Stellung ist angekommen.
24:48Sehr schön, vielen Dank.
24:49Ihr habt ja nach Binden gefragt.
24:56Als Sozialarbeiterin beim Duschmobil bietet Rebecca Aust wohnungslosen Frauen Periodenprodukte und kostenlose Duschen an.
25:04Wie hoch ist so der Bedarf?
25:07Wir haben eigentlich immer alles dabei, wenn wir genügend Spenden haben.
25:11Aber OBs werden momentan irgendwie relativ wenig angefragt.
25:15Kann ich gar nicht so genau sagen, woran das liegt. Also schon natürlich auch von den jüngeren Frauen oft eher.
25:19Und ansonsten sind es eben Slip-Einlagen generell für jeden Tag, sagen die Frauen dann immer.
25:25Die Frauen, die das Angebot nutzen, haben meist alles verloren. Ihre Wohnung und den Zugang zur Hygiene.
25:31Es gibt auch Frauen, die wirklich auf der Straße leben, also die real obdachlos sind sozusagen.
25:36Die bauen sich aus mehreren dicken Binden so eine Art Schiff, was sie benutzen.
25:41Genau, also gegen Blut oder gegen Urin, gegen Inkontinenz, um das aufzufangen.
25:49Das Duschmobil erreicht Frauen an Orten, wo sie sich aufhalten.
25:53Mehrmals die Woche an verschiedenen Standorten, wie hier am Leopoldplatz, einem Drogen-Hotspot.
26:00Also hier sitzen wir immer, hier sitzen auch manchmal Frauen, die wir ein bisschen aus dem Äußeren entzerren wollen, weil
26:07manchmal ist draußen sehr viel los und manchmal auch keine so gute Stimmung.
26:10Okay.
26:10Hier bereiten wir Kaffee und Tee zu. Hier ist unsere Toilette und Waschbecken. Und hier ist die Dusche quasi. Hier
26:18ist halt wirklich die Dusche.
26:21Das Duschmobil bietet Bedürftigen einen geschützten Raum und Beratung durch die Mitarbeiterinnen.
26:30Wir sind ja hier innen drin auch so ein bisschen so ein Safe Space. Draußen stehen häufig viele Männer.
26:34Das heißt, da merke ich schon, dass die Frauen leiser sprechen, näher an die Tür kommen.
26:38Einfach so, um das eben auch nicht so sichtbar zu machen, nicht so visible nach außen. Das ist schon schambehaftet,
26:45ja.
26:46Neben Periodenprodukten bräuchte es auch mehr Toiletten. Offen, sauber und sicher für alle. Damit die Menstruation nicht zum Problem wird.
26:55Öffentliche Toiletten kosten meistens Geld. Das ist für die Frauen, die uns nutzen, problematisch.
27:01Oftmals haben die Frauen das Geld nicht. Das heißt, die gehen in Büschen auf Toilette oder versorgen sich da mit
27:08Tampons oder machen den Wechsel sozusagen.
27:12Was natürlich auch unhygienisch ist, wenn die Frauen keine Möglichkeit haben, sich die Hände zu waschen vorher.
27:18Was einfach auch eine verletzliche Situation ist, wenn man als Frau halbnackt im Gebüsch in irgendeinem Park sitzt oder so.
27:23Wo einfach auch Grenzüberschreitungen passieren können zum Beispiel.
27:30Viele der Frauen, die uns nutzen, sind schon traumatisiert, sage ich mal.
27:34Viele haben auch psychiatrische Erkrankungen, manche haben Angsterkrankungen, auch schlimme Sachen auch von körperlichen sexuellen Übergriffen erlebt.
27:43Das macht es natürlich noch schwieriger, sich in diese Situation zu begeben und auch gut auf sich aufzupassen und so
27:49weiter.
27:49Also das sind einfach Verkettungen von verschiedenen Situationen.
27:54Und gerade obdachlose Frauen, die eben auch nicht mehr so ein hohes Selbstsorgevermögen haben, wo die Gesellschaft judgt, also verurteilt
28:03und sagt, man sieht dir an, du bist obdachlos.
28:06Die können auch keine Toiletten in Restaurants und Cafés zum Beispiel nutzen, also die werden da schon ausgeschlossen.
28:12Selbst wenn sie den Euro bezahlen könnten, sagt man dann zu denen, nee, du kannst hier nicht aufs Klo gehen
28:18oder du geh mal raus, also wir wollen dich hier nicht haben.
28:26Periodenarmut ist ein Phänomen, das weltweit Menstruierende betrifft.
28:32Und lange Zeit dachte man halt, naja gut, das ist halt ein Phänomen, das betrifft Länder mit einer schwachen Einkommensstruktur,
28:39das betrifft Länder des globalen Südens.
28:41Bis eben auch deutlich wurde, naja, nee, das betrifft eben auch industrialisierte Länder, das betrifft auch Länder des globalen Nordens.
28:49Das heißt, auch da sind ganz viele Stereotype natürlich, die die Forschung auch beeinflusst haben oder die auch eben so
28:56den Umgang mit dem Thema beeinflusst haben.
28:59Zurück in München bei Jael.
29:02Hallo, komm rein.
29:11Jael wünscht sich mehr Verständnis für die Menstruation und Unterstützung bei den Kosten.
29:22Manchmal stelle ich mir halt die Frage, so, ob Leute verstehen, vor allem auch männlich gelesen Personen verstehen, dass das,
29:32also, dass das sowas ist wie, hey, Toilettenpapier.
29:36Vielleicht sogar wichtiger als Toilettenpapier.
29:39Also der Gedanke so, warum bieten wir, weiß ich nicht, Toilettenpapier gratis an?
29:44In manchen Restaurants kriegst du auch ein Glas Wasser gratis.
29:46Dann denke ich mir so, manchmal ist das schon, sind Periodenprodukte schon eigentlich auf dem gleichen Level, weil auch Hygiene,
29:52also wenn du das nicht hast, das ist ja, das kann ja ganz, ganz schnell, ganz, ganz furchtbar enden.
29:57Ja, ich denke halt, das Umdenken unserer Gesellschaft passiert ja jetzt erst seit ein paar Jahren.
30:02Ich glaube, persönlich steckt da halt vor allem auch dahinter, dass die Periode halt immer noch so schambehaftet ist und
30:08tabuisiert ist oft.
30:11Und dass es auch dann daran liegt einfach, dass es diese Periodenprodukte noch nicht gibt, kostenlos, weil es halt für
30:17viele so ein Thema ist, darüber redet man irgendwie nicht, das will man irgendwie ausblenden.
30:20Und wenn es dann auch nur die Hälfte der Gesellschaft betrifft, dann kann man es vielleicht auch in Teilen ausblenden.
30:26Ich würde mir da auf jeden Fall auch wünschen, dass es, wie gesagt, einfach, dass die Scham da so rausgenommen
30:30wird.
30:31Weil ich kenne es auch noch so von früher, dass man auf keinen Fall irgendwie offen zeigen darf, ich habe
30:35jetzt hier irgendwie ein Periodenprodukt in der Hand, also vor allem in der Schule so.
30:38Also vor allem in dem Alter ist es dann auch noch schwieriger, glaube ich.
30:41Und vielleicht wäre es auch gerade für Jugendliche vielleicht auch noch angenehmer oder besser, wenn die halt auch die Möglichkeit
30:46hätten, die dazu bekommen.
30:50Aus diesem Grund wollen die Studentinnen offen darüber sprechen, damit das Thema Periode normalisiert wird.
30:56Die beiden wünschen sich kostenfreie Hygieneprodukte an allen öffentlichen Orten.
31:02Ich glaube, eine Welt mit kostenfreien Periodenprodukten würde mir einfach einen Punkt im Alltag nehmen, wo ich mir denke, da
31:09brauche ich mir jetzt keine Gedanken mehr machen.
31:11So, das ist was, das habe ich nicht mehr im Hinterkopf, das ist weg.
31:15So, da weiß ich, egal was jetzt ist, egal was passiert, kann ich darauf zugreifen und können auch andere Menschen
31:22darauf zugreifen, die es brauchen.
31:23In einzelnen Städten finden sich bereits kostenlose Angebote, dennoch gibt es Vorbehalte.
31:30Es gibt eine kanadische Menstruationsforscherin, die spricht in ihrer Forschung von diesem Bild des greedy Menstruators, also die gierige Menstruierende.
31:38Wir haben auf jeder öffentlichen Toilette, im Idealfall, ausreichend Toilettenpapier zur Verfügung.
31:44Und mir ist jetzt noch nicht untergekommen, dass es ein besonderes Problem wäre, dass die Leute da in Scharen einfallen
31:50und sich das Toilettenpapier mitnehmen,
31:53sondern Leute kaufen trotzdem immer noch ihr persönliches Toilettenpapier.
31:56Und ich glaube, man kann erstmal optimistisch davon ausgehen, dass das im Fall von Periodenprodukten das Gleiche wäre.
32:02Und wenn eine Person viel nimmt, dann können wir davon ausgehen, dass sie eben auch viel braucht, weil sie es
32:07sich vielleicht einfach selber nicht leisten kann.
32:14Die sind sehr, sehr gut geworden, actually.
32:19Zurück in Warschau. Martinas Kampf für mehr Sichtbarkeit der Periode geht weiter. Heute mit einem Workshop an einer Schule.
32:33Heute vor dem Workshop fühle ich mich gut. Jedes Mal denke ich, dass es schwierig ist, eine Verbindung zu den
32:40Schülern und Zuhörern herzustellen.
32:42Ich hoffe immer, dass sich die Leute ein wenig öffnen.
32:51Periodenarmut fängt bei den Jüngsten an.
32:53Rund 21 Prozent der Schülerinnen in Polen verpassen den Unterricht, weil sie keine Periodenprodukte haben.
33:00Was fehlt, sei Aufklärung, sagt die Lehrerin.
33:04In Polen ist der Zugang zu Sexualerziehung schlecht.
33:08Viele Schulen bieten keinen Unterricht zu sexueller Gesundheit an.
33:13Statt den Schülern Wahlmöglichkeiten zu geben, handelt es sich dabei oft um keine wissenschaftlich bestätigten Informationen,
33:19sondern um Dinge, an die die Menschen, die dieses Wissen vermitteln, glauben.
33:24Er wird oft von Personen durchgeführt, die der katholischen Kirche nahestehen und beispielsweise auch das Thema Sünde ansprechen.
33:32Es gibt viele Tabus rund um Sexualität.
33:37Dass es auch anders geht, zeigt diese Schule in Warschau.
33:41Seit 2025 gibt es das Fach Gesundheitserziehung inklusive Sexualkunde.
33:48Martinas Workshop heute soll zusätzlich informieren.
33:52Tampons und Damenbinden können nur einmal verwendet werden.
33:57Danach wirft man sie weg.
34:02In Martinas Workshop lernen die Schülerinnen nicht nur den Umgang mit der Periode,
34:07auch das Selbstvertrauen der Mädchen soll gestärkt werden.
34:10Vor der Kamera will aber keine der Schülerinnen über diese Themen sprechen.
34:16Ich arbeite als Sexualpädagogin in Polen, weil mir dieses Thema persönlich wichtig ist.
34:22In meiner Vergangenheit hatte ich keinen Zugang zu Wissen über Sexualität.
34:26Ich hatte niemanden, mit dem ich über intime Themen, Beziehungen oder Grenzen sprechen konnte.
34:32Deshalb habe ich mich entschieden, mich damit zu beschäftigen.
34:40Damit das in ihrer Schule nicht passiert, will Kataschina Romek es anders machen.
34:45Denn verpassen die Schülerinnen wegen ihrer Periode und mangelndem Zugang zu Hygieneprodukten den Unterricht,
34:52fehlt ihnen auch der Zugang zu Bildung.
34:55Das Ganze hat aber natürlich auch emotionale Auswirkungen und es hat soziale Auswirkungen.
35:01Diese Scham, die ja ohnehin schon mit der Menstruation so eng verknüpft und verwoben ist,
35:06wird dadurch natürlich nochmal potenziert.
35:08Auch die Angst, dann doch irgendwie mal auszulaufen, dass dann doch irgendwie mal ein Fleck sichtbar ist,
35:14dass man vielleicht auch riechen könnte oder sowas.
35:16All das potenziert sich natürlich im Alltag nochmal.
35:20Und das kann dazu führen, dass sich Menstruierende dann eben auch aus ihrem Alltag, aus ihrem Sozialleben,
35:26im schlimmsten Fall natürlich auch aus der Schule oder aus ihrem Arbeitsleben zurückziehen oder zurückziehen müssen.
35:32Weil sie es schlichtweg nicht handeln können.
35:43Die Tatsache, dass wir nicht darüber sprechen, dass es ein Tabuthema ist, macht diese Probleme zu echten Problemen,
35:50anstatt sich einfach darum zu kümmern.
35:52In einer Zeit, wo man nicht viel braucht, um sich mit so etwas zu befassen.
35:58Ende 2024 wollte das Bildungsministerium das Fach Gesundheitserziehung in Polen zum Pflichtfach machen.
36:05Doch auf Druck der Kirche und auch um keine politische Angriffsfläche zu bieten, bleibt es freiwillig.
36:12Wie verändert sich Kultur? Wie verändert sich Gesellschaft? Und wie kann sich Politik ändern?
36:18Sie beeinflussen sich gegenseitig.
36:20Deshalb denke ich, dass der systemische Wandel eingeführt werden sollte.
36:24Und zum Beispiel Kurse über Menstruation, Pubertät und Sexualität verpflichtend sein
36:29und so präsentiert werden sollten, dass die Gesellschaft keine Angst davor hat.
36:36Bis dahin will Martina nicht warten, sondern im Kleinen anfangen.
36:43Auch an Privatpersonen spenden Martina und ihre Kolleginnen Periodenprodukte.
36:48Heute steht eine besondere Übergabe an. Im Park, abseits von anderen Besuchern.
36:54Heute treffen wir uns mit einer Gruppe von Frauen, die mit der Stiftung verbunden sind.
36:59Es handelt sich hauptsächlich um Frauen aus Tschetschenien und auch um Frauen, die sich zum Islam bekennen.
37:13Guten Tag.
37:14Guten Tag.
37:15Vielen Dank.
37:16Das nächste Mal können wir noch mehr mitbringen.
37:19Vielen Dank.
37:36Rosana ist seit 2016 in Polen. Früher war sie Englischlehrerin. Jetzt hat sie mehrere Jobs, um ihre Familie durchzubringen.
37:46Ich bin zusammen mit meiner Familie hier und wir fühlen uns wohl hier. Am Anfang war es sehr schwer. Wir
37:53hatten viele Zweifel und Probleme.
37:56Wir haben die Produkte in Tüten mitgebracht, damit man nicht sieht, was drin ist.
38:02Könnt ihr erklären, warum die Produkte versteckt sein sollen?
38:07Wenn ihr nicht darüber sprechen möchtet, ist das auch okay.
38:11Wir können darüber sprechen. Die Kultur in Tschetschenien ist noch nicht so offen.
38:15Ja, das wollte ich fragen.
38:18Wir versuchen, diese Sachen zu verstecken, auch vor unseren Partnern.
38:24Periodenarmut hat viele Gesichter. Neben den finanziellen Hürden spielt die Stigmatisierung eine große Rolle.
38:30Martinas Hoffnung für die Zukunft?
38:33Sehr gute Aufklärung über Pubertät, Sexualität und Menstruation.
38:39Wir versuchen, diesen Wunsch zu erfüllen. Aber unsere Mittel sind begrenzt.
38:47Die Regierung kann hier helfen, indem sie mehr Unterstützung bietet.
38:52Auch andere Länder können etwas tun.
38:59Ob Martinas Wunsch eintritt, ist unsicherer denn je.
39:03In einer Zeit, in der in Europa Frauenrechte infrage gestellt werden.
39:09Zurück in Berlin.
39:11Maxi ist bei ihrer letzten Station des Tages angekommen.
39:14Sie will Periodenprodukte bei einer Jugendhilfe abgeben.
39:17Verena Kaiser ist Sozialarbeiterin. Sie ist zuständig für junge Erwachsene in betreutem Einzelwohnen.
39:25Ich habe hier natürlich verschiedene Binden und Tampons. Ich habe auch die Menstruationstasse, die Sie auch mal ausprobieren können und
39:32so eine Disc.
39:34Die Hygieneprodukte sind für 16- bis 21-Jährige, die Unterstützung benötigen.
39:40Die kommen zu uns, weil sie vom Jugendamt zu uns geschickt werden.
39:46Meistens haben sie vorher schon in einer Wohngruppe gewohnt oder in einer anderen Wohnform oder kommen auch direkt von den
39:52Herkunftsfamilien,
39:54weil sie zum Beispiel sexualisierte Gewalt erfahren haben oder eine andere Form von Gewalt und deswegen nicht mehr in den
40:00Familien wohnen können.
40:08Die jungen Mädchen und Frauen bekommen Leistungen analog zum Bürgergeld.
40:15In solchen Sozialleistungen wie beispielsweise dem Bürgergeld wird eben nicht danach differenziert, ob eine Person menstruiert oder nicht,
40:23ob sie starke Schmerzen hat während der Periode oder nicht. Das heißt, da gibt es einen Satz, der für alle
40:27Leute gilt.
40:29Und dieser Satz ist so gering, dass er in der Regel an allen Ecken und Enden nicht reicht.
40:34Und wenn sich Leute dann beispielsweise dazwischen entscheiden müssen, ob sie jetzt am Ende des Monats noch genug Geld für
40:41Lebensmittel übrig haben
40:42oder ob sie sich jetzt am Ende des Monats eben noch eine Packung Binden leisten können, dann haben wir ein
40:46Problem.
40:47Das Bürgergeld für alleinstehende Erwachsene liegt bei 563 Euro. Für Periodenprodukte wurden darin 2018 rund 5 Euro berechnet,
40:57zusammen mit Toilettenpapier und anderen Hygieneartikeln. Trotz Erhöhungen reicht das Bürgergeld kaum für ein würdevolles Leben.
41:04Und gibt es eigentlich auch Betroffene, die sich schon bezüglich der Periode auch mal bei dir gemeldet haben, ob es
41:11irgendwelche Probleme gab oder warum jetzt halt diese Produkte vielleicht auch wichtig sind?
41:15Und als ich zum ersten Mal bei dir eine Spende bestellt habe, habe ich, nachdem die Spende angekommen ist, den
41:23Bewohnern das angeboten.
41:25Da haben die verschiedene Geschichten erzählt und auch, wie schwer das ist, irgendwie mit dem Geld klarzukommen
41:31und wie schwer es ist, genug Periodenprodukte zu kaufen und dass sie da irgendwie versuchen, sparsam zu sein.
41:37Aber dann funktioniert das nicht so richtig. Um eine Teilhabe wirklich zu gewährleisten für unsere Jugendlichen, für unsere Bewohnern,
41:46müssten Periodenprodukte eigentlich kostenlos sein. Zumindest, also eigentlich für alle Menschen,
41:51aber zumindest in so Einrichtungen wie bei uns, in der Jugendhilfe.
41:57Durch Maxis mitgebrachte Spenden haben die Jugendlichen im betreuten Wohnen freien Zugriff auf die Hygieneprodukte, wie hier in der Toilette.
42:08Da ist jetzt halt schon was.
42:10Ah ja, das ist doch schön.
42:12Aber ansonsten können wir auch hier was reintun.
42:19Und die lasse ich hier oben damit, weil ich weiß nicht, manche trauen sich dann auch nicht hier so rein.
42:23Ja, genau, reinzugreifen.
42:25Ja, so.
42:27Ja, mega.
42:29Wenn wir Periodenarmut langfristig bekämpfen wollen, dann gibt es eben unterschiedliche Maßnahmen.
42:35Es gibt so diese schnell wirksamen Maßnahmen, wie beispielsweise kostenfreie Periodenprodukte in öffentlichen Einrichtungen.
42:41Es gibt mittelfristige Maßnahmen, wie zum Beispiel mehr Bildung, mehr Aufklärung,
42:47und zwar über die Altersgruppen und für alle Geschlechter.
42:49Wir brauchen mehr Infrastruktur im Sinne von mehr öffentliche, saubere Toiletten, mehr Seife auf öffentlichen Toiletten.
42:57Aber man kann natürlich auch die Systemfrage stellen, ja.
43:00Und eben fragen, was können wir tun, um Armut in Deutschland anzugehen und Armutsgefährdung auch anzugehen.
43:10Dann verabschiede ich dich an der Tür.
43:13All das ist derzeit in Deutschland nicht in Sicht.
43:16Bis auf Weiteres gibt es viel zu tun für Maxi Bethke und ihre Initiative.
43:41Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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