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00:1433 Jahre lang war Johann Krieten Richter in Hamburg.
00:22Auf dem Stempel, den ich bekommen hatte, war ja der Knallhartrichter.
00:26Bild-Zeitung und Hamburger Morgenpost nennen ihn plakativ Knallhart-Krieten.
00:34Sie berichten häufig über Krietens markige Sprüche und harte Urteile.
00:39Gegen Straßenrapper Jizzis oder nach den G20-Protesten in Hamburg.
00:46Doch vor allem war Krieten zuständig für junge Straftäter.
00:5024 Jahre Jugendrichter auf St. Pauli.
00:53Jeder Jugendliche in Rebobahn kannte ihn. Jeder, der die Postleitzahl 2359 hatte.
00:58Egal wer das war, jeder kannte Johann Krieten.
01:00Wir mochten den Krieten nicht. Der war jetzt nicht so ein und der Mitleid hatte mich.
01:08Ich als Jugendlicher dachte mir, komm lass den Alten labern, ich weiß es eh besser. Ich fand es nicht so
01:13toll.
01:15Heute ist Krieten im Ruhestand und möchte die wieder treffen, den er vor vielen Jahren die Freiheit genommen hat.
01:22Was ist da schief gelaufen? Was ist aus Ihrer Sicht damals von dem Richter, von mir, falsch gemacht worden?
01:31Fragen, die den Richter außer Dienst nicht loslassen.
01:36Das ist der Beweggrund, warum ich gerade diejenigen befragen möchte, die längere Zeit ihre Freiheit verloren haben.
02:13Montagmorgen aus St. Pauli.
02:15Ein Wiedersehen nach 13 Jahren.
02:18Guten Tag.
02:19Hallo Herr Krieten, freut mich Sie zu sehen.
02:21Ja, gleichfalls.
02:22Sie sind ja schon alt geworden.
02:23Ja, so ist das manchmal.
02:25Sind Sie jetzt in Rente?
02:27Ja.
02:28Und, wie ist es so?
02:29Gut.
02:30Wie wollen wir es mit dem Namen?
02:32Wie soll ich Sie ansprechen?
02:33Sie können ruhig Madonna sein.
02:34Ich hab schon gesagt, dass sie Madonna heißt.
02:36Ja?
02:36Ja.
02:37Soll ich du sagen oder du, äh, sie?
02:40Wie ist es denn leichter für Sie?
02:42Sagen Sie ruhig du, ist schon okay.
02:44Wenn ich du sage, was wollen Sie sagen?
02:46Auch du.
02:47Oder wollen Sie, dass ich sie sage?
02:48Das sage, können Sie entscheiden.
02:49Ja, ich sag schon du gerne.
02:51Ja.
02:51Zu dir.
02:52Dann gehen wir mal.
02:53Sie sehen ja ganz anders aus, als Sie normal angezogen sind.
02:56Tja.
02:57Aber Sie haben mich ja auch nur im Dienst gesehen.
02:59Ja.
03:00Das letzte Mal haben wir uns ja vor 13 Jahren oder so gesehen, oder?
03:03Ja, genau.
03:04So, wo ist hier der Eingang?
03:05Äh, hier.
03:06Ich glaube, hier geht es rein, oder?
03:08So.
03:09Hallo.
03:27Ich bin Madonna, Asanovic, komme aus Hamburg, bin in St. Pauli aufgewachsen, Rebewan,
03:33Kids.
03:34Mich jucken keine Grenzen, wenn ich was will, dann hol ich es mir einfach.
03:39Oder wenn ich was machen möchte, dann mache ich es einfach.
03:42Komm, bitte, bitte, bitte.
03:43Wo ich klein, also Jugendliche war, war ich sehr aggressiv.
03:48Also auch auf dem Kiez habe ich mich, ja, wenn ich auf Drogen war oder so, mich geschlagen.
03:54Ja, KSZ-Einbrüche haben wir gemacht, also wir haben Autos kaputt gemacht.
03:59Als Kind ist man schon dumm, sagen wir es mal so.
04:01Ein richtiger Matschspiel, man weiß halt nicht, was auf einen zukommt.
04:07Ja!
04:10Ja!
04:11Ja!
04:12Ja, ich kann ja ganz locken.
04:14Ja, Entschuldigung, Entschuldigung.
04:20Ich wusste das schon, dass man davon Konsequenzen kriegt, ne, aber mir war das egal.
04:25Also scheißegal.
04:30Madonna is 14, as she is the first time in the courtroom in the courtroom.
04:36Madonna has had dangerous conditions,
04:39dangerous conditions, and a falsehood before the courtroom.
04:44It was about five cases.
04:47One was to say that she had to take on a court.
04:50She had to take part of the court and she had to do it at the end of the court.
04:59Krieten trennt Madonna from her family and her friends.
05:02He has a state of the law. She doesn't have St. Pauli anymore.
05:09It was difficult with Krieten, because he didn't talk to anyone.
05:12If you were one of them, then you were one of them.
05:16I didn't believe that he wanted to help me.
05:18I saw it more as a strafe, not as a help.
05:25What I wanted to explain to you is that Madonna on Serbisch schreibt man with one N.
05:29It's called Madonna, not Madonna.
05:33It's a serbish.
05:35That's how you write it with one N.
05:36I said Madonna.
05:38That's wrong.
05:39That's not true.
05:41That's not true.
05:43I'm going to say Madonna.
05:44That's not true.
05:44That's not true.
05:45That's not true.
05:47That's not true.
05:53Why did you want to see me again?
05:55It was so many people who had you.
05:58Du hast mich mit deiner Art und auch mit deiner Lebensgeschichte sehr berührt und ich habe sehr stark in dein
06:11Leben eingegriffen und du warst eine junge Frau, die sich sehr dagegen gewehrt hat, irgendetwas von dem anzunehmen, irgendetwas von
06:21dem umzusetzen, was ich für dich als richtig empfunden habe.
06:25Ich hätte es mir einfach gewünscht, dass sie mit mir alleine geredet hätten, weil ich war ein Kind. Sie hätten
06:30mich fragen sollen, ey Madonna, was ist da wirklich passiert? Und nicht irgendein Anwalt für mich redet. Und was ich
06:35zu sagen habe, ist einfach egal gewesen damit. Verstehen Sie, was ich meine?
06:38Nee, das war erstens nicht egal und zweitens war es auch gar nicht so.
06:41Sie hätten ja auch vor Gericht sagen können, kann ich mal mit Madonna mal kurz alleine sprechen?
06:45Das kann ich nicht. Das ist so nicht vorgesehen. Das darf ich gar nicht machen. Dann würde man mir vielleicht
06:49vorwerfen, ich würde sie jetzt beeinflussen.
06:52Der Rechtsanwalt ist ja gerade da, damit er aufpasst, dass das Gericht Ihnen nicht Unrecht tut.
06:58War schon ein bisschen Unrecht, weil es staut sich eine Wut. Irgendwann frisst du dich alles die ganze Zeit in
07:03dich hinein.
07:04Was hast du in dich reingefressen?
07:06Also ich denke mal, dass meine Mutter zu wenig zu Hause war.
07:11Also es war...
07:11Wo war sie?
07:12Meiste Zeit arbeiten. Das hat mich sehr genervt. Ich habe meine Mutter sehr vermisst.
07:17Und das hat mich auch, denke ich mal, sehr depressiv gemacht.
07:20Ja.
07:22Ja, und dass wir halt, keine Ahnung, wir hatten so eine kleine Wohnung, das hat mich auch genervt.
07:26Ja, das war sehr klein.
07:28Ja, das hat mich richtig übel genervt.
07:29Ja.
07:30Und ich hatte nie meine Privatsphäre so richtig...
07:33Ich hatte schon immer Stimmungsschwankungen, also richtige Impulsivstörungen.
07:38Vor allem, wo ich klein war, da bin ich auch ausgerastet und habe geschrien, bis zum Gehtnimmer...
07:42Du wolltest auch, dass einige Angst vor dir haben.
07:44Ja, Respekt, dass sie Respekt vor mir haben.
07:45Okay, du sagst jetzt Respekt, aber die hatten Angst vor dir.
07:48Ja, ich wollte, dass sie Angst haben, damit die nicht mehr so mich ärgern oder mich...
07:53Ja, weiß ich nicht, damit die das weiterziehen, hör auf und so, die macht sonst nicht fertig oder sowas.
07:58Und das ist auch dann so gekommen, wie ich das wollte.
08:00Ja.
08:00Und die Leute, das hat sich ja auch umerzählt hier in Reeperbahn.
08:06Nach ihren ersten Straftaten kommt Madonna in ein Wohnheim für straffällige Jugendliche.
08:11Die Jugendgerichtliche Unterbringung, kurz JGU.
08:16Man musste ihr in der Einrichtung, in die ich sie gebracht habe, erstmal zeigen, dass man nicht alles liegen lassen
08:23kann.
08:23Dass es um bestimmte Ordnung geht, um bestimmte Sauberkeit geht und dass man nicht immer dazwischen reden kann.
08:32Und dass jemand, der vielleicht eine andere Meinung hat, nicht deshalb gleich geschlagen werden darf.
08:38Jugendliche Intensivtäter wie Madonna werden immer wieder straffällig.
08:42Doch woher kommt ihre Wut, ihre Aggression?
08:45Aber was ich immer noch nicht genau verstanden habe, warum warst du so anstrengend?
08:50Hat man irgendwas mal mit dir gemacht, wo du sagst, das hätte man nicht machen dürfen?
08:56Irgendetwas anderes?
08:59Mir ist was passiert, also das war genau da, zu der Zeit, wo sie mich gesehen haben, mit 14.
09:04Ja.
09:04Da ist mir was ganz, ganz Schlimmes passiert.
09:06Ich wurde vergewaltigt in Hammerbrook.
09:10Ja.
09:11Und das war wirklich das Schlimmste, was mir jemals passiert ist.
09:14Ja, also das war, da war ich noch Jungfrau.
09:19Und das durch eine Vergewaltigung, sowas zu erleben, das war wirklich schlimm, Alter.
09:23War das vielleicht mit einem Hauptauslöser?
09:26Ja, schon, ja, dass ich total ausgeflippt bin, ja.
09:29Wahrscheinlich haben sie das auch mitgekriegt, dass meine Mutter das sich so sehr gewünscht hat,
09:33dass ich nach Hause komme.
09:34Ja.
09:34Ich bin nie wieder mehr nach Hause gekommen, weil ich mich so sehr geschämt habe für diese Situation.
09:39Mich so sehr geschämt, ich habe mir gedacht, oh mein Gott, ich bin so schuld, selbst schuld daran.
09:44Und, äh...
09:44Warum warst du schuld daran nach deiner Meinung?
09:47Ich habe mir selbst die Schuld dafür gegeben.
09:49Weil ich 13 Jahre alt bin und mit erwachsenen Männern chille.
09:53Und das habe ich mit 13 nicht zu tun.
09:54Meine Mutter vertraut mir, lässt mich alleine draußen chillen und ich chill mit erwachsenen Leuten.
09:59So, und hätte ich das meiner Mutter erzählt, hätte sie gesagt, du, hör mal zu, Madonna.
10:02Wenn du dich da aufhältst, ne, okay, du bist jetzt traurig, du bist jetzt hier depri und so,
10:07aber dann bist du doch irgendwo auch selbst schuld.
10:08Wenn du so dumm bist, ja, und dich mit erwachsenen Leuten triffst, dann brauchst du dich nicht wundern.
10:13Das meinst du, hätte deine Mutter zu dir gesagt?
10:16Ich weiß nicht.
10:17Das glaube ich nicht.
10:17So habe ich deine Mutter nicht erlebt.
10:19Ich habe gedacht, meine Familie wird mir dann die Schuld dafür geben, mir sagen, dass ich daran schuld bin, weil
10:26ich mich da aufgehalten habe.
10:28Madonna, weil ich diese Geschichte wusste, habe ich auch bestimmte Entscheidungen so getroffen.
10:34Und deshalb bin ich auch dir gegenüber so, ich will es mal sagen, robust aufgetreten, weil ich wusste, dass du
10:41ganz eng begleitet werden musst.
10:46Aber ich habe schon Hass auf dich gehabt, bis heute noch.
10:50Also ich war schon sehr wütend auf dich, weil du mich da einfach rausgeholt hast und so, ne?
10:54Ja.
10:54Aber im Nachhinein wollte ich dir einfach nur sagen, dass ich schon dankbar darüber bin, dass du mich da reingepackt
11:00hast und dass du mir die Möglichkeit gegeben hast.
11:02Weil nur deswegen habe ich mich auch verändern können, ja?
11:05Der Umfeld, du hattest recht damals, du hattest wirklich recht und du hast mir wirklich auch geholfen damit.
11:11Und jetzt, ich habe einfach Potenzial bei dir gesehen und zwar in der Hinsicht, dass du nicht immer nur gewalttätig
11:21sein musst.
11:22Und darum ging es. Wir haben uns Sorgen gemacht, dass du über kurz oder lang aufgrund deiner Aggressionen im Knast
11:32landest.
11:33Und das wollte ich nicht.
11:34Und da wollte ich dich gerne wiedersehen, um zu erfahren, was ist aus Madonna geworden.
11:43Deshalb wollte ich gerne, dass wir uns treffen.
11:50Heute lebt Madonna in der Nähe von Stuttgart, zusammen mit ihrer Mutter und Schwester.
11:55Nach Hamburg kommt sie nur noch selten.
12:08Bis dann.
12:10Danke, ciao.
12:11Ciao. Du gehst links, ne?
12:12Okay. Also, tschüss.
12:15Danke.
12:15Tschüss.
12:16Hat mich auf jeden Fall gefreut, unser Treffen.
12:18Genau.
12:19Bleib gesund.
12:20Danke, wünsche ich Ihnen auch Gesundheit.
12:22Bis dann. Tschüss.
12:23Ciao.
12:23I think it's strange you never leave
12:29I think it's strange you never leave
12:55that's JugendgesetzTS unterscheidet sich vom Erwachsenenstrafrecht
13:00dadurch das nicht die Bestrafung im Vordergrund steht
13:03sondern dass der Erziehungsgedanke der prägende Gesichtspunkt ist
13:08Und das ist dann die Aufgabe eines Jugendrichters
13:11nach Straftaten zu erziehen
13:14Waren Sie ein harter Richter?
13:17Ich war ein gerechter Richter nach meinem Bild
13:20I have talked about it, I have not discussed the words,
13:27short, pregnant, that all it is understood.
13:33Especially those who are talking about it, the people who are talking about it.
13:37Subject, Predicate, Object, Punkt.
13:39That's the most understood.
13:44We have a lot to do with criminal justice.
13:51And to find the right measure between Sanktion,
14:01Schutz of the Allgemeinheit,
14:03And to find the right measure of the law.
14:07That was for me
14:08because I had a lot of good workers,
14:19who helped me.
14:29The judge-making on the city of Hamburg.
14:43The social pedagogue Holger Roskamp works here since 1998.
14:48He built the building with the building.
15:00The JGU has a place for nine young Straftäter.
15:04Here they have a strong structure.
15:07They have a strong structure.
15:10For many, it's the last chance before the prison.
15:18When the young man upstees morning, the first thing you should do is to look at the window from the
15:24window and think about what is here different.
15:29Most people come up and say, oh, there is no guitar in front.
15:34That is a huge difference, not to be spared.
15:39Who gets a place in the JGU, decide the young man.
15:43Like Madonna was here often, Johann Krieten.
15:49Viele halten ihn für einen harten Hund, in Anführungsstrichen.
15:54Aber er ist konsequent, würde ich sagen. Er macht das, was er vorher gesagt hat.
15:58Also wie ein leidenschaftlicher Richter kann man sagen, dem die Menschen auch wichtig sind.
16:05Das merkt man nicht auf den ersten Blick.
16:08Ich habe einen Menschen kennengelernt, der sehr freundlich, aber auch bestimmt auftrat.
16:15Und dann aber einen Jugendlichen in dem Moment, wo ich dabei war, wieder in die U-Haft geschickt hat.
16:23Das war für mich im ersten Moment sehr hart.
16:27Und ich dachte so, Holger, was macht er da? Aber er hat recht gehabt.
16:43Ich hatte eine schwierige Kindheit und Jugend.
16:49Habe mit zehn Jahren meine Mutter verloren und mit 14 Jahren war ich vollweise.
16:56Man ist da plötzlich alleine und fällt ins Bodenlose.
17:00Da ist nichts unter den Füßen mehr, wo man drauf stehen könnte, dass niemand mehr zu dem man gehen kann.
17:09Ich habe nicht wenige Straftaten begangen.
17:12Das waren Diebstähle, das waren Sachbeschädigungen.
17:16Also zum Teil ging es mir um Aufmerksamkeit.
17:20Wenn man keine positive Aufmerksamkeit bekommt, dann sucht man sich negative.
17:25Und das habe ich auch gemacht.
17:29Die David-Quelle an der Reeperbahn. Morgens um acht.
17:32Guten Morgen, wie geht's mir?
17:34Na, wie geht's Ihnen?
17:37Lang nicht gesehen.
17:39Wie geht's?
17:40Sehr gut. Und selbst?
17:41Den Umständen entsprechen. Bisschen müde, kaputt. Wie es halt so ist am frühen Morgen.
17:46Ja.
17:51Ich bin Christian, Christian Brauns.
17:54Und komme hier aus dem wunderschönen Stadtteil St. Pauli.
17:56Also ich bin eher St. Paulianer als Hamburger.
18:00Ja, ich war ein Intensivstraftäter.
18:02Ich habe mich eher zu den kriminellen Machenschaften hinreißen lassen und freies Leben zu führen.
18:11Ich hatte keine Lust auf Arbeiten zu gehen wie meine Eltern in der Kneipe.
18:15Und in meinen Worten Hungerslohn.
18:17Und wie ich damals hier groß geworden bin, war halt hauptsächlich die Hafentreppe in unserem Gebiet.
18:23Du hast halt gesehen, wie du einfach an schnelles Geld kamst.
18:26Die Leute haben dich drauf eingelassen, sich verarschen zu lassen.
18:30Damals war ja so die Zeit, welches Telefon du hast, ob du eine Cheesta getragen hast, ob du eine Picali
18:34oder eine Alpha.
18:36Was du hast, bist du. So.
18:38Und dementsprechend brauchst du so halt Geld. Und Mama und Papa haben dir halt nicht immer das Geld gegeben.
18:41Und die Hafentreppe und die Touristen, die vorbeikamen, da konntest du halt schnelles Geld machen.
18:45Da hast du ein Fünfer Gras für ein Fofi verkauft oder Spielmittel für Kokain.
18:51Hat halt Spaß gemacht, das Leben. Und es sah halt cool aus, wenn man schon die Scheine in der Tasche
18:56hatte.
18:59Eine kriminelle Karriere, die letztlich hinter Gittern enden wird. In Hamburgs Jugendgefängnis, der JVA Hanöversand.
19:12Christian hat überwiegend Raubtaten und Einbrüche begangen.
19:17Er hat zunächst eine Jugendstrafe auf Bewährung erhalten. Die musste er letztendlich verbüßen.
19:22Und am Ende nochmal eine Jugendstrafe von einem Jahr und acht Monaten, die am Ende zur Bewährung ausgesetzt wurden.
19:30Aber auch Christian bekommt zunächst ein Stadtteilverbot. Lebt in verschiedenen Wohnheimen.
19:36Immer wieder begeht er Straftaten und kommt in Haft.
19:44Er hat mich halt von A nach B nach C nach D geschickt.
19:47Und das hat dafür gesorgt gehabt, dass ich mich immer unglücklicher und unzufriedener geführt habe.
19:51Freiregen kann man jetzt halt nicht, sonst würde ich noch gerne schimmere Wörter über ihn benutzen.
19:54Aber deswegen belassen wir es mal bei Penner.
20:04Krietens letztes Urteil gegen Christian liegt über 13 Jahre zurück.
20:09Und was hat Sie heute hier hervorschlagen?
20:12Ich wollte wissen, wie war das damals so, als ich so massiv in dein Leben reingeschritten bin?
20:23Ja, wie soll ich das gefunden haben? Anfangs war ich natürlich überhaupt nicht gut.
20:27Das haben Sie ja auch gemerkt gehabt, dass ich das anfangs überhaupt null positiv gefunden habe, was sie mit mir
20:32gemacht haben.
20:32Da hätte ich sie wirklich am liebsten einmal so quer über den Pult ziehen können.
20:37Ja.
20:38Ich habe deine Eltern sehr unterschiedlich erlebt, was die Erziehung angeht.
20:43Hast du das auch so erlebt?
20:44Ja, definitiv.
20:45Mein Vater konnte mir halt die Regeln nicht klipp und klar aufzeigen oder nicht durchsetzen, besser gesagt.
20:51Weil er ein bisschen gehämpft war aufgrund seiner Gefühle mir gegenüber.
20:55Dass er da nicht so ein strenges Regiment anschlagen wollte. Das konnte er halt nicht.
21:00Zweite Klasse oder dritte Klasse war das gewesen. Da hatte ich ja schon meine erste Klassenkonferenz gehabt und da hat
21:06ja mein Vater zum Klassenlehrer gesagt,
21:08was glauben Sie denn, dass ich meinen Sohn zum Weicheier ziehe, dass er mit sich alles machen lässt?
21:15Mein Sohn hat gefällig zurückzuschlagen, wenn er geschlagen wird.
21:18Ja, und seit der zweiten oder dritten Klasse durfte aufgrund dieser Aussage mein Vater die Schule nicht mehr betreten, weil
21:25das nicht in das Konzept der Lehrer gepasst hat.
21:28Als wir uns kennengelernt haben, gab es ja ein gewisses Defizit. Und wenn du jetzt sagst, du kannst jetzt so
21:34sprechen, wie du jetzt sprichst, dann war das ja früher anders.
21:39Früher habe ich ja kaum ein Wort rausgebracht. Da habe ich ja auch kaum was, überhaupt wenig in den Gerichtsverhandlungen
21:43gesagt.
21:44Damals habe ich ja vieles in mich hineingefressen, einfach nur geschluckt oder darauf zugeschlagen gleich, wenn ich keine Antwort darauf
21:50hatte.
21:50Das Stottern, war das das größte Problem?
21:54Ja.
21:55Wie soll ich nach einem Lehrer rufen, wenn ich noch nicht mal sprechen konnte?
21:59Aber ja, ich war der Doofe, ich war der Gelackmeierter auf Deutsch gesagt.
22:02Du warst 15, als du massiv aufgefallen bist, so muss man das ja ganz klar sagen.
22:08Ja, ich weiß.
22:09Dann kam ja eine Strafe nach den anderen. Das ging ja wirklich, innerhalb von einem Jahr waren das, ich glaube,
22:13sechs oder acht Anzeigen gewesen.
22:16Christian wird mehrfach wegen Diebstahls und Erpressung verurteilt. Er klaut mit Freunden, Fahrräder, Handys, Geld.
22:25Viele Jugendliche, Heranwachsende entziehen sich einer Erziehung.
22:30Da versuchen sie mit Hilfsangeboten, mit Menschen, die den jungen Menschen begleiten.
22:38Da wird dann die Hand ausgestreckt und es wird gesagt, wir werden ihnen helfen.
22:44Das mag natürlich als Strafe empfunden werden.
22:48Von der gesetzlichen Konzeption her ist es eine Hilfe.
22:53Nach seinen ersten Straftaten schickt Krieten auch Christian in die JGU.
22:58Dort lebt er über ein Jahr lang getrennt von seinen Eltern, fernab von St. Pauli.
23:0415 Jahre später trifft er jetzt Holger Roskamp wieder, seinen damaligen Betreuer.
23:14Moin, Herr Roskamp. Ja, wie geht's Ihnen?
23:17Ja, ich arbeite ja jetzt mit meiner Mutter gemeinsam in der Kneipe.
23:21Ja, ich habe das schon mitgekriegt. Das ist ja interessant.
23:24Ja. Hätte ich im Übrigen nie gedacht.
23:25Nein?
23:26Nee, nee, nee.
23:27Ich dachte, du wirst irgendwie im stillen Camberline Spieleentwickler.
23:31Ja.
23:32Zwei Minuten ist mal, was sich hier so verändert hat bei mir.
23:35Ja, dein eigenes Zimmer.
23:43Tja, guck.
23:44Das schöne Zimmer hier.
23:46Ja.
23:47Ach cool, neues Radio auch.
23:49Ja, die Radios sind ein Verbrauchsartikel.
23:53Sonst ist hier alles gleich.
23:57Weißt du, warum Krieten dich hierhin geschickt hat?
24:02Erste Maßnahme, bevor es in den Knast geht.
24:05Würde ich sagen.
24:07Ja.
24:09Weil er mir helfen wollte.
24:11Oder gedacht hat, das würde mir helfen.
24:13Die Einrichtung, die lässt du ja die Wahl, ob du hier bleiben willst oder nicht.
24:16Und dann wieder nimmst du die Hilfe an, arbeitest mit den Menschen zusammen oder gehst in den Bau.
24:21Hast halt nur zwei Optionen.
24:29Ich stelle mir noch mal ein klein ein, um überhaupt erst mal fit zu werden heu moin.
24:43War meine erste Strafe-Sanktion zu milde?
24:47Ja, rückblickend gesehen mittlerweile ja.
24:49Da hätten sie ruhig ein bisschen strenger mit mir umgehen können.
24:51Da hätten sie gleich von vorne rein in der ersten Hauptverhandlung gleich mich schon.
24:55Jugendarrest, zack, rein.
24:56Hätte ich machen sollen.
24:57Ja, definitiv.
24:58Weil die Einsicht, die kam ja auch bei mir erst, nachdem ich im Knast drin gewesen bin und rauskomme,
25:02dass ich von mir aus gesagt habe, komm ich herauf, ich will meinen Eltern gerecht werden,
25:05ich will hier im Leben was erreichen, ich will die Kneipe übernehmen.
25:09Wenn man jetzt mal so an die Sache in der Spielhalle denkt, weißt du, was ich meine?
25:14Ja, ja, ich weiß.
25:16Wie ist das dazu gekommen? Das ist ja schon ein ...
25:20Wie ich schon damals ausgesagt habe, das war ganz, ganz banal.
25:24Da hat mein Kumpel mich angerufen, ob ich nicht 400 Euro verdienen mag.
25:28Ich solle ihm bei einem Umzug helfen, ich solle einem lediglich nach Bergedorf fahren.
25:31Ich dachte mir, okay, leicht verdientes Geld, Umzug helfen, 400 Euro, warum denn nicht?
25:34Ich fahre nach Bergedorf, frage ich ihn, ja, erzähl doch mal, wie läuft das alles hier ab?
25:39Ja, anders als du dir vorstellst.
25:42Und der andere mir das erzählt, ja, meine Schwester, Cousine etc., die arbeite ich in der Spielhalle,
25:47ist auch alle schon abgesprochen, die ruft uns an, wenn da wenig los ist, müssen wir halt nur da reinkommen.
25:53So tun, dass wir ihr eine reinschlagen und dann das Geld mitnehmen.
25:58Das war eine Affe und eine Clownsmaske war das gewesen, was wir uns angezogen haben.
26:01Dann sind wir rein, dann hatten wir ein blödes Messer in der Hand und der eine hat sie an die
26:06Läge gepackt und ihr eine reingeschlagen.
26:09Also natürlich nur so, dass es halt so aussieht vor der Kamera.
26:14Die Scheine haben mir nicht gereicht worden und das Kleingeld unbedingt, dann haben wir so eine scheiß Plastiktüte gehabt und
26:20das Kleingeld verloren,
26:20weil das die Tüte im Loch bekommen hat aufgrund der Schuttelei, haben der Polizei eine wunderschöne Spur gelegt.
26:27Wenn wir in jede Karte sind, hat uns dann die Polizei so erwischt.
26:33Du bist dann ja in Untersuchungshaft gegangen, kurzzeitig und dann in Strafhaft.
26:41Was wäre so von deiner Erinnerung her passiert, wenn du nicht in Hannifersand in der Jugendstrafanstalt gelandet wärst?
26:51Da wäre ich noch durchgestartet, weil da habe ich, ja, ich habe auch früher irgendwann später gelernt, Dokumenten zu fälschen,
26:57Arbeitsverträge und, und, und, und.
26:59Also da wäre ich noch richtig durchgestartet dann damit.
27:02Auch da weiß ich, dann wäre ich aber auch richtig auf die Schnauze gefallen, wenn ich dabei erwischt worden wäre.
27:06Du hast damit begonnen und dann kam aber die Zäsur durch den Aufenthalt im Gefängnis.
27:13Genau, genau.
27:22Freiheitsentziehung ist natürlich ein sehr scharfes Schwert.
27:26Darüber muss man sich immer im Klaren sein und davon darf man auch nicht leichtfertig Gebrauch machen.
27:33Aber Sie müssen sich davon frei machen zu sagen, das muss in jedem Fall verhindert werden.
27:40Denn es gibt die Situation, dass Sie einem Menschen, auch einem sehr jungen Menschen, die Freiheit nehmen müssen,
27:49damit ein gefährlicher Weg, auf dem er sich befindet, gestoppt werden kann.
28:02Kann eine Freiheitsstrafe Jugendliche zum Umdenken bringen?
28:09Hat das etwas angeregt bei dir? Also diese Zeit dort, über irgendetwas nachzudenken oder zu sagen, also ich mache jetzt
28:20Folgendes oder ich lasse jetzt Folgendes.
28:23Hat es da irgendetwas gegeben?
28:24Also hätten Sie mich niemals eingesperrt. Um ehrlich zu sein, ich hätte niemals den Ernst der Konsequenz oder den Ernst
28:31der Lage überhaupt bewusst sein können.
28:32Weil es mir nur anzudrohen, ja, dann gehst du rein.
28:35Wenn aber nichts passiert, ist es genauso, wie wenn man versucht, ein Kind zu bestrafen, wenn man sagt, andauernd du,
28:42du, du, beim nächsten Mal passiert das und du das aber nicht umsetzt.
28:46Dann verliert der Mensch irgendwann an Glaubwürdigkeit und dann sagt das Kind, okay, ich kann doch eh machen, was ich
28:49will.
28:51Und das war für mich, ja, ein schwerer Eingriff, aber der war vonnötig, der war vonnötig, um mich aus dieser
28:58ganzen Scheiße rauszuholen, um mich in der Ernst der Lage erkennen zu lassen.
29:01Okay, wenn ich jetzt noch weitermache, dann bleibt es nicht, aber im Jugendstrafrecht, dann ist es Erwachsenenstrafrecht und dann gehe
29:07ich nicht für zwei Jahre, nicht für drei Jahre, dann kann ich für fünf oder zehn Jahre reinwandern.
29:12Ja, und das war für mich, ja, prägend. Das war für mich prägend.
29:18Und heutzutage glaubt mir ja auch kein Arsch, dass ich irgendwie mal im Knast gewesen bin oder so.
29:23Traut mir ja nicht mal einer zu, dass ich überhaupt so eine Persönlichkeit habe oder gehabt hatte.
29:28Und das finde ich eigentlich schön, dass ich es geschafft habe, aus dem Trotz mittlerweile herauszukommen und nicht mehr das
29:33Bild von damals zu vermitteln.
29:35Das ist, ja, bin ich scheiße stolz drauf. Da bin ich echt stolz drauf.
29:38Bin auch stolz auf dich über diesen Weg, den du gegangen bist und dass du es geschafft hast, dich wirklich
29:46aus dem Kreis zu lösen.
29:49Das ist eben auch die besondere Beziehung, die ich zu dir habe.
29:55Und das ist eben auch mit der Grund, dass ich dich jetzt treffen wollte.
30:02Jetzt haben wir...
30:04Jetzt, wo ist das nochmal?
30:10Aber dann richtig laut.
30:16Kann das so einen kleinen Moment dauern?
30:24Was ist das?
30:27So, gehst du auch selber kurz nach Hause, gucken wir die Videos alle an, ne?
30:31Ja, dann haben wir auch wieder kurz zu.
30:35Das waren die besten Tage unserer Leben.
30:41Danke, Spieler.
30:59Ich bin mit Sascha konfrontiert gewesen durch Tageszeitungen mit einer großen Auflage und großen Bildern und Schlagzeilen.
31:13Die Bild-Zeitung berichtet damals auffällig ausführlich über die Straftaten des Kindergangsters von St. Pauli.
31:20Sie nennt ihn Dragan.
31:25Sein richtiger Name ist Sascha.
31:27Er wird in Hamburg geboren, wächst auf St. Pauli auf.
31:31Doch er hat keine deutsche Staatsbürgerschaft.
31:34Seine Eltern stammen aus Serbien.
31:42Seinen Vater lernt Sascha nie kennen.
31:45Er kommt bei einem Autounfall in Serbien ums Leben.
31:48Eine Kindheit ohne Orientierung.
31:51Ohne Halt.
31:52Er ist eben mit elf Jahren, zwölf, dreizehn, immer wieder mit Straftaten in Erscheinung getreten.
31:59Gewaltdelikte, Eigentumsdelikte, Beschädigungen, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.
32:08Ich habe ihn fast ein Jahr in einem geschlossenen Heim untergebracht, als es damals in Hamburg gegeben hat.
32:14Ich habe ihn mehrfach in Untersuchungshaft genommen.
32:20Ich habe ihn zu einer längeren Jugendstrafe verurteilt, die er zu verbüßen hatte, die auch nie mehr zur Bewegung ausgesetzt
32:26werden konnte.
32:27Und er hat sich von mir verabschiedet, als er seine Strafe angetreten hat und mit den Worten erkritten,
32:35und wenn ich diese Strafe verbüßt habe, vielleicht auch schon vorher, werde ich abgeschoben.
32:59Ihn jetzt dort in einem Gefängnis in Serbien zu besuchen,
33:04wo sicherlich andere Haftbedingungen sind als in Deutschland.
33:08Das ist etwas, was mich bedrückt.
33:11Und ich weiß auch nicht, wie es mir jetzt in den nächsten Stunden, bis ich ihn sehe, dann noch so
33:17gehen wird.
33:18Und ich versuche mich ja so ein bisschen zu wappnen.
33:23Also ich merke schon, dass...
33:33Also ich merke, dass dieser kleine Junge, den ich damals erlebt habe, der mir wirklich leid getan hat,
33:43was man ihm auch familiär angetan hat und was die Medien ihm angetan haben.
33:51Und der ist von allen wirklich gejagt worden.
33:56Auch die Polizei wartet nur darauf, dass er von der Straße runterkommt.
34:00Und den hat man zu solch einem Monster aufgebaut.
34:03Und bei einem 11-, 12-, 13-Jährigen ist das fatal, so etwas zu machen.
34:15Welche haben wir jetzt in der Zwischenzeit und in der Zwischenzeit?
34:17Und wir haben dann noch mehr Zeit.
34:20Danke.
34:50Und ich habe mich immer wieder gefragt, ob die Entscheidungen, die ich im Blick auf Ihre Person getroffen habe, die
34:58richtigen waren.
35:02Ich habe aufgrund Ihrer familiären Umstände viel Mitleid mit Ihnen gehabt.
35:08Aber Mitleid hat nicht meine Urteile geprägt.
35:14Habe ich Sie ungerecht behandelt?
35:17Wenn Sie einem Zusammentreffen auch zu Ihren Bedingungen zustimmen, würde es mich sehr freuen.
35:25Herzliche Grüße, Johann Krieten, Richter Außer-Dienst, Hamburg, 26. Februar 2025.
35:32Musik
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35:42Musik
35:45Musik
36:11A hotel in Belgrade.
36:14Johann Krieten möchte noch einmal mit Sascha sprechen, bevor er ihn morgen im Gefängnis
36:18besucht.
36:21Sie haben sich für ein Telefonat verabredet, denn nur der Häftling kann aus dem Gefängnis
36:25heraus anrufen.
36:33Das ist so ein bisschen so ein Gefühl wie nach einer wichtigen ärztlichen Untersuchung
36:40und man sitzt jetzt und wartet auf das Ergebnis.
36:43Was sagt er jetzt?
36:45Kommt er mit etwas Positiven oder gehen die Zweifel weiter, die so in einem Schlummern?
36:55Doch der Anruf aus dem serbischen Gefängnis in Nisch kommt nicht.
37:14Ich brauche Ihre Hilfe.
37:16Ich bin aus Deutschland und muss eine Person sprechen, die in der Jäule in Nisch ist.
37:22Für ihn und für mich ist es sehr wichtig.
37:26Ich habe das Telefonnummer, ja, aber niemand geht auf das Telefon.
37:33Ich weiß nicht.
37:35Du wirst nicht wissen.
37:36Ich habe nicht.
37:38Ich weiß nicht.
37:39Okay.
37:40Okay, danke.
37:42Sorry.
37:43Okay, bye-bye.
37:44Bye-bye.
38:09Es fällt mir immer schwerer, eine Rolle zu spielen.
38:12Ich habe im Gericht, im Gerichtssaal eine Rolle.
38:18Ich habe ein Amt.
38:19Dahinter muss die Person irgendwie verschwinden.
38:23Und das habe ich jetzt ja auch, wenn ich einige wieder getroffen habe, machen können.
38:32Häufig hätte ich einige ganz gern im Sitzungssaal in den Arm genommen und gesagt,
38:36Mensch, du tust mir echt leid.
38:42Das Mitleid kann nicht alles immer entschuldigen und auch erklären.
38:48Aber mein Gefühl war so, dass ich Mitleid empfunden habe, weil ich ganz viel eben auch mit denjenigen zusammen war,
39:00die wirklich unter ganz schwierigen Bedingungen in ihr Leben gestartet sind.
39:26Wir haben es ja als Jugendrichterinnen und Jugendrichter sehr häufig mit jungen Menschen zu tun,
39:34wo zerrüttete Familienverhältnisse sind.
39:42Und dann haben wir jedenfalls in den allermeisten Fällen junge Männer.
39:49Und da fehlt dann ganz häufig eine Vaterfigur.
39:55Man versucht, sich zu orientieren.
39:57Das habe ich ja selbst auch erlebt, weil ich eben auch diese Vaterfigur nicht hatte, als es wichtig war.
40:09Dieses Verständnis für einen jungen Menschen, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht, dem Strukturen fehlen,
40:17das habe ich sehr gut nachempfinden können.
40:27Das Geschenk mitnehmen.
40:54Seit 2022 ist Sascha in Serbien inhaftiert.
40:58Für eine Straftat, die er als Erwachsener begangen hat.
41:05Im Gefängnis sind Filmaufnahmen verboten.
41:11Er hat mich starr angeguckt. Es gab ganz wenig Mimik. Es gab keine Gestik.
41:19Und er war leer.
41:26Es war mir dann wichtig, seine Hände zu nehmen und irgendwie Kontakt auch zu haben.
41:31Irgendwie ein Gefühl zu vermitteln. Ob das drüber gekommen ist, ich weiß es nicht.
41:37Das Einzige, was vielleicht vorhanden war, war eine Erinnerung daran, dass wir irgendeine Beziehung mal miteinander hatten.
42:03Der kleine, überforderte Jugendliche, der eigentlich niemanden irgendetwas, wenn ich das mal so sage,
42:12Böses wollte, aber gemacht hat. Und diesen jungen Menschen, den habe ich jetzt eben auch noch gesehen, völlig, völlig hilflos.
42:26Und was ich nur wünschen kann, dass der behandelt wird.
42:39Ich brauche jetzt frische Luft. Ich muss noch mal raus.
43:12Ich brauche jetzt noch mal raus.
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