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00:01Überarbeitung bis zum Burnout. In der japanischen Manga-Szene ist das normal. Und in Deutschland?
00:08Bis jetzt ist es eher ein japanisches Thema. Man kriegt von Deutschland nicht so viel mit.
00:13Selbst bei Fans meist unbekannt, auch deutsche Manga-Zeichner und Übersetzerinnen arbeiten am Limit.
00:19Besonders vor dem Mega-Event des Jahres.
00:22Vor einer Leipziger Buchmesse, da geht das im November los, da fängst du halt an, diese Nächte noch mal ein
00:28bisschen zu verkürzen,
00:30damit du im März drei, vier neue Hefte da auf deinem Tisch liegen hast.
00:35Und trotzdem zahlt Manga kaum die Miete.
00:38Egal was ich mache, egal wie schnell ich zeichne, ich werde nie davon leben können.
00:43Die Überarbeitung hat Folgen.
00:46Da hatte ich direkt einen septischen Schock.
00:48Daran kann man sterben, oder?
00:51Ich konfrontiere die Verlage und die Antworten überraschen.
00:55Wie kann es sein, dass sich so viele Manga-Zeichner und Übersetzerinnen über schlechte Arbeitsbedingungen beschweren?
01:01Das will ich herausfinden.
01:08Ich bin zum ersten Mal auf einer Manga- und Anime-Convention, der Dedico in Dresden, mit etwa 10.000
01:15Fans.
01:15Bei der Comic-Con der Leipziger Buchmesse waren es 2024 sogar über 100.000 Fans.
01:22Manga ist wirklich kein Nischen-Genre mehr, sondern im Mainstream angekommen.
01:28Hier wird es auf jeden Fall voller.
01:30Das sieht nach Haupthalle aus.
01:32Und was mir sofort auffällt, ist Merchandise bis unter die Decke.
01:37Also da hinten, das sieht aus nach drei Metern, vielleicht sogar mehr.
01:42Und die andere Sache, die natürlich echt krass ist, ist dieses Cosplay.
01:46Also diese Kostüme sind wirklich so detailgetreu, das ist echt spannend.
01:52Hinter den Welten, die ich hier sehe, stecken Manga-Zeichner, Mangaka genannt.
01:56Für ihre Geschichten opfern sie viel.
01:58Für manche Leute ist dieser ganze Mangaka-Betrieb sehr destruktiv.
02:04Ich habe halt irgendwie Glück, dass ich noch nicht dran zerbrochen bin.
02:09David Füleki ist einer der Mitbegründer der deutschen Manga-Szene.
02:12Seit Anfang der 2000er zeichnet er professionell.
02:16Noch immer kommt finanziell nicht viel rum.
02:19Du signierst hier deine Bände. Ich sehe auch hier wirklich viel von dir liegen.
02:24Wie viel willst du denn heute verkaufen?
02:26Ganz schön wäre es, wenn es eine dreistellige Anzahl an Büchern wäre.
02:29Aber ich sehe das nicht so richtig heute kaum.
02:32Auf einer Podiumsdiskussion will David heute zeigen, dass es nicht nur japanischen Manga gibt.
02:37Es herrscht ein Konkurrenzkampf um die Fans.
02:40Es gibt nicht so viel Schnittmenge zwischen der Gesamt-Manga-Szene und Leuten,
02:45die sich dann auch für den deutschen Manga interessieren.
02:47Und deswegen wurde ich jetzt noch als Ehrengast dafür eingeladen.
02:51Mal schauen, wie dann die Resonanz ist.
02:53Es gibt ja auch noch immer noch diese verhärteten Fronten,
02:56dass viele Leute, gerade auch hier, merke ich es immer mal wieder, sagen,
03:01es ist ja dann kein richtiger Manga, wenn man nicht in Japan geboren wurde.
03:05Bist du nervös vor deinem Auftritt?
03:06Natürlich ein bisschen fragt man sich immer, ob jemand kommt.
03:11Das ist, glaube ich, so die größte Angst.
03:13Ist nicht, dass man dann auf der Bühne ist vor Menschen,
03:15sondern ich glaube, dass halt eben keine Menschen da sind.
03:19David gehört zu den wenigen Mangaker, die vom Zeichnen leben können.
03:23Seine Ausnahmestellung belegt eine Umfrage der Comic-Gewerkschaft.
03:2881 Prozent der deutschen Manga- und Comic-Zeichner sagen, dass sie auch noch andere Jobs haben.
03:36Rund 45 Prozent werden von Freunden und Familie finanziell unterstützt, wenn sie an einem Projekt arbeiten.
03:45Wissen die Fans eigentlich, wie hart es in der Manga-Branche zugeht? Ich höre mich um.
03:51Sehr schlecht, sehr viel Zeitdruck. Man muss manchmal mehrere Pennis innerhalb von einer Woche zeichnen und wenig Schlaf, vielleicht vier
03:59Stunden dann am Tag.
04:00Und man hört viel von Ejiro Oda, der ja One Piece macht.
04:03Aber der ist Japan.
04:03Ja, aber der ist Japan, der halt jede Woche ein Kapitel rausbringt und der ist der Mann völlig überarbeitet ist.
04:09Es ist halt super krass, wie häufig man hört, dass so die legendärsten Manga quasi zu Tode arbeiten.
04:14Irgendwie da wurde einem dann schon sehr mulmig im Bauch.
04:16Aber ich verstehe auch manchmal einfach so, wenn man so sagt, wo ist das nächste Chapter? Ich muss wissen, wie
04:21es weitergeht.
04:22Hast du schon mal was über die Arbeitsbedingungen in Deutschland gehört?
04:25Nee, noch nicht so. Da habe ich mich noch nicht beschäftigt.
04:28Also jetzt so gehört noch nicht aus Deutschland.
04:30Wie das denn Manga und sowas ist, da weiß ich tatsächlich in Deutschland so gar nicht. Also das habe ich
04:35so gar nicht auf dem Schirm.
04:36Bis jetzt ist es eher ein japanisches Thema. Man kriegt von Deutschland nicht so viel mit.
04:40Die schlechte Bezahlung ist ein großes Problem in der Manga-Branche. Wie arbeiten diese Mangaka eigentlich und wie hart ist
04:46ihr Job?
04:47Um das zu verstehen, habe ich David einen Tag lang begleitet. Was ich da gesehen habe, das würde wirklich kein
04:53Arzt der Welt gut heißen.
04:56David ist einer der wenigen Mangaka mit Kindern. Vielen anderen fehlt Zeit und Geld für die Familiengründung.
05:07Wenn es mal nicht mehr so läuft, dann haben wir hier schon einen sicheren Unterschluss.
05:10Also das ist tatsächlich was, wo man die Kinder auch ganz gut bei Laune halten kann mit dem Projekt.
05:18David kümmert sich morgens und nachmittags um die Kinder und arbeitet dafür nachts.
05:24Wieder zu Hause zeigt er mir seinen Arbeitsplatz.
05:30Das ist für digitales Arbeiten. Hier verbringe ich leider mittlerweile einen Großteil meiner Zeit.
05:36Heute Nacht muss er aber an einem analogen Herzensprojekt vorankommen. Es geht um Akira Toriyama, den Zeichner von Dragon Ball,
05:45einer berühmten Manga-Serie.
05:47Toriyama ist 2024 gestorben.
05:49Ich habe, als vor ziemlich genau einem Jahr die Todesnachricht rumging, sofort angefangen, ein paar anekdotische Sachen zu Papier zu
05:57bringen.
05:58Und das bereite ich vor. Da ist auch schon ein Verlag mit dran, der sich dafür interessiert.
06:04Wir suchen halt nur noch aktuell einen Weg, wie man das dann veröffentlichen könnte.
06:10David ist sich noch nicht ganz sicher, ob ein Verlag die Geschichte kauft.
06:14Vor seiner Nachtschicht kocht er noch und bringt die Kinder ins Bett.
06:22Sind die Arbeitsbedingungen in Deutschland mit denen in Japan vergleichbar?
06:26Das will ich von der Deutschen Anna Hasegawa, die sich Kameko nennt, erfahren.
06:31Sie arbeitet als Assistentin für eine Mangaka in Japan.
06:35Schon mit 13 Jahren dachte sich Kameko eine Geschichte aus.
06:39Ihr Lebenstraum ist nun, selber zum Mangaka aufsteigen und genau diese Geschichte in Japan veröffentlichen.
06:46Wie lange arbeitest du normalerweise?
06:48Es ist festgesetzt, dass ich eine 9-Stunden-Schicht arbeite mit einer Stunde Pause, also Gesamtpaket 10 Stunden.
06:57Und natürlich ergeben sich auch Überstunden.
07:00Aber ich muss sagen, ich habe mit Überstunden immer gute Erfahrungen gemacht, also wurden mir immer vergütet.
07:06Das ist natürlich nicht immer so der Fall. Es gibt auch nicht so schöne Geschichten.
07:129-Stunden-Schichten, dazu noch eigene Projekte und japanisch Unterricht.
07:17Auch Kameko kam schon an ihre Grenzen.
07:20Bei mir war das tatsächlich so, dass es angefangen hat mit natürlich Energielosigkeit, Müdigkeit.
07:26Das hat sich dann immer weiter gesteigert, dass ich sogar mittendrin beim Zeichnen eingeschlafen bin.
07:32Ich saß irgendwann da und habe geweint, weil ich dachte, ich habe meine kreative Fähigkeit verloren.
07:39Ich kann keine Geschichten mehr ausdenken. Da muss man natürlich die Notbremse ziehen.
07:45Heute geht es Kameko wieder besser. Sie sagt, dass sie als Assistentin erst zur Mangaka aufsteigt, wenn ihr Verlage eigene
07:53Projekte zutrauen.
07:54Dafür muss sie zuvor bei Manga-Wettbewerben überzeugen.
07:58Ich habe eine Redakteurin gefunden, die mit mir zusammenarbeiten möchte und mich unterstützen will, dass ich möglichst bald auch mein
08:07Debüt schaffe.
08:07Wir haben nächste Woche dann auch einen Termin zusammen, ein Meeting und da besprechen wir dann das weitere Vorgehen.
08:14Und da ist dann jetzt sozusagen die Frage, wie sie auf meine Entwürfe reagiert.
08:20Nach dem Gespräch werden wir wieder telefonieren. Wie hart das Manga-Business in Japan ist, erfahre ich nicht nur von
08:27Kameko.
08:30Ich bin hier auf einen Tweet von der japanischen Zeichnerin Rumiko Takahashi gestoßen. Da teilt sie ihre Arbeitszeiten.
08:38Ich habe den Tweet mal übersetzen lassen. In 48 Stunden zeichnet Takahashi demnach etwa 30 Stunden. Für Schlaf sind angeblich
08:49nur drei Stunden vorgesehen.
08:52In den Kommentaren teilen übrigens viele Fans ihre Sorge um die Zeichnerin.
08:57Auch in Chemnitz schiebt David Manga Nachtschichten. Inzwischen ist es 10 Uhr. Ich habe den Eindruck, dass auch er in
09:05japanischen Verhältnissen arbeitet.
09:14Wie kommt das? Warum benutzt du einen Füllfederhalter und warum ist das einer wie aus dem Mittelalter, wo man nicht
09:19die Patronen nochmal so reinsteckt?
09:21Ja, das sind auch alles japanische Materialien, die ich hier verwende. Also die Tusche kommt aus Japan.
09:28Das ist halt auch der Federhalter, der ist aus Japan. Der ist halt auch speziell für meinen Beruf, sage ich
09:34jetzt mal, angelegt.
09:36Es ist jetzt 11 Uhr und vor David liegen noch vier weitere Arbeitsstunden.
09:41Auch sein Schlafpensum ist weit entfernt vom Durchschnitt. Er schläft normalerweise vier Stunden pro Nacht.
09:47Zur Leipziger Buchmesse musst du neues Material haben. Das geht nicht anders. Der wichtigste Termin jedes Jahr.
09:54Ich habe dann immer gemerkt, vor einer Leipziger Buchmesse, vier Monate mindestens, da hat man wirklich seinen kompletten Biorhythmus ruiniert.
10:04Da geht das im November los, da fängst du halt an, diese Nächte nochmal ein bisschen zu verkürzen, damit du
10:11im März drei, vier neue Hefte da auf deinem Tisch liegen hast.
10:16Die jahrelange Überlastung hat Spuren hinterlassen.
10:21Der Ellenbogen, der hatte eine Schleimbeutelentzündung und das kriegt man auch schlecht wieder raus.
10:27Es ist so ein Belastungsding, was schleichend kommt.
10:31Ich habe dann immer so eine halbe Stunde etwa gebraucht, bis ich den Ellenbogen einmal aus der Position und die
10:36Position hatte und dann nochmal eine halbe Stunde, bis er wieder unten war.
10:40Irgendwann ist dann sogar mal anscheinend der Schleimbeutel ein bisschen perforiert worden und da hatte ich direkt einen septischen Schock.
10:47Das ist extrem gefährlich, daran kann man sterben.
10:51Das war auch eine gruselige Situation. Meine Frau war da gerade hochschwanger, das war kurz vor der Geburt unseres ersten
10:58Kindes.
11:01Schmerzen hat David noch immer täglich. Dennoch arbeitet er Nacht für Nacht an seinem Manga über den verstorbenen Zeichner Akira
11:09Toriyama. Dabei geht er finanziell in Vorleistung.
11:13Es kann tatsächlich auch juristisch da was dazwischen kretschen. Gerade weil es halt um Akira Toriyama geht. Das ist so
11:22eine große Nummer.
11:25Im besten Fall landet die Geschichte am Ende in einer Buchhandlung wie dieser. Hier treffe ich Franziska Riedl aus Halle.
11:32Sie übersetzt Manga und lektoriert japanische Bücher. Franziska zeigt mir, wie sehr Angebot und Nachfrage in den letzten Jahren gestiegen
11:40sind.
11:41Wird Manga schon richtig verstanden und wahrgenommen, auch von den Buchhandlungen?
11:48Ich glaube, bei den Buchhandlungen ist es auf jeden Fall besser geworden.
11:52Also man sieht ja hier auch schön schon so eine Unterteilung mit Mystery, Romance, Fantasy, Comedy.
11:58Also ich glaube, da ist schon ein Bewusstsein dafür da, was wohin gehört.
12:01Aber in Bibliotheken, da merkt man, dass das Wissen irgendwie fehlt, dass man sich da halt sehr auf normale Bücher
12:09eingeschossen hat und dass man Manga halt automatisch in die Kinderabteilung stellt.
12:14Denn es ist ja ein Comic. Also dann wird da jemand geköpft im ersten Band und das steht halt für
12:19Kinder ab sechs Jahren.
12:20Und man denkt sich so, nein, bitte stellt es woanders hin.
12:23Hat sich so eine Bücherhandlung verändert in den letzten zehn Jahren?
12:28Also ich würde sagen, auf jeden Fall. Also es ist immer mehr. Die neuen Verlage sind teilweise auch untergebracht.
12:34Und ja, es kommt halt immer mehr raus und die Regale werden immer breiter.
12:42Seit 2011 hat sich der Manga-Umsatz vervierfacht auf knapp 93 Millionen Euro.
12:48Während der Corona-Jahre 2020-21 explodierte die Nachfrage und bleibt seitdem recht hoch.
12:56In den Buchhandlungen wachsen die Manga-Abteilungen, die Honorare aber steigen kaum.
13:01Auch Übersetzerin Franziska arbeitet am Limit.
13:05Bei mir war halt Juli letzten Jahres so ein richtig schlimmer Monat.
13:09Dann habe ich auch einen Stresstinnitus bekommen und Magenschmerzen die ganze Zeit gehabt und so.
13:15Und ja, ich weiß halt, dass es vielen anderen genauso geht. Deswegen steht das halt jetzt auch in diesem Brief.
13:21Im Oktober 2024 unterschrieb Franziska einen offenen Brief von Übersetzerinnen und Übersetzern an die Verlage.
13:28Darin verweisen sie auf eine interne Umfrage, wonach jeder zweite in der Branche so wie jetzt nicht weiterarbeiten will.
13:36Rund 28 Euro brutto pro Stunde verdienen sie als Freiberufler im Schnitt. Nach allen Abgaben bleibt wenig übrig.
13:43Effektiv weniger verdienen wir, weil es sowas wie eine Inflation natürlich für alle gibt, aber unsere Honorare nicht steigen.
13:51Begründet wird das von den Verlagen dann gern mit, ja die Druckkosten sind ja auch gestiegen und das ist uns
13:56auch bewusst.
13:57Aber die sind ja genauso Dienstleister wie halt auch Druckereien.
14:01Ich habe das Gefühl, man nimmt uns nicht so ernst.
14:05Unsere Realität ist halt, einige Verlage haben nicht mal eine Gewinnbeteiligung in den Verträgen.
14:11Andere haben die ab so vielen verkauften Exemplaren, dass man diese Zahlen einfach nicht erreicht.
14:16Also so viele werden vielleicht nie gedruckt und erst recht nicht verkauft.
14:21Franziska macht sich Sorgen um ihre Zukunft.
14:28Jetzt sind meine Auftragsbücher voll und ich sehe irgendwie trotzdem noch nicht so richtig dieses Spar- und Vorsorgepotenzial.
14:35Und das wäre halt schön, wenn sich das in fünf Jahren geändert hätte und ich auch mal zwei Wochen Urlaub
14:41machen könnte,
14:42ohne mir Gedanken zu machen, dass es dann super, super stressig davor oder danach ist.
14:48Denn so ist halt aktuell, wenn ich Urlaub mache. Man muss ja alles vor- oder nacharbeiten.
14:52Und trotzdem liebt Franziska ihren Job so sehr, dass Japan und Manga auch ihre Freizeit prägen.
14:59Wir lassen den Abend beim Japan-Stammtisch in Halle ausklingen.
15:07Franziska setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen ein. Und damit ist sie nicht allein. Die Branche organisiert sich.
15:22Um das zu sehen, fahre ich nach Obergude, ein Dorf im Osten von Hessen.
15:26Hier, wo es kaum Handynetz gibt, kommen viele deutsche Mangaka regelmäßig für eine Woche zusammen und zeichnen.
15:33Das ist halt wirklich so eine Maßnahme gegen diese Vereinsamung, die in unserer Arbeit halt normal ist.
15:40Man ist ja die meiste Zeit wirklich im stillen Kämmerlein, arbeitet einfach nur so im Tunnelblick, teilweise wirklich so zehn
15:46Stunden einfach nur an so ein Ding.
15:49David hat das Treffen mit organisiert und mich eingeladen.
15:53Wir reden ja über alles. Darüber, welcher Verlag wie ist. Wir reden darüber, welcher Auftrag sich lohnt.
15:59Wir reden darüber, was man vielleicht auch bei Vertragsverhandlungen noch rausholen kann. Also ein paar Details hier und da.
16:06Ich nutze die Gelegenheit für eine Umfrage. Wie geht es dem deutschen Mangaka? Sind Davids extreme Erfahrungen eine Ausnahme?
16:15Was mich beruhigt, die meisten in der Gruppe schlafen offensichtlich länger als er, nämlich im Schnitt etwas mehr als sechs
16:22Stunden pro Nacht.
16:23David kommt auf vier. Andere Ergebnisse erschrecken mich. Die meisten hatten schon körperliche und psychische Beschwerden durch das Zeichnen.
16:31Die Mehrheit war schon so überarbeitet, dass sie überlegt hat, das professionelle Zeichnen aufzugeben.
16:38Sieben von acht in dieser Runde finden, dass sie unfair bezahlt werden.
16:46Wenn man jetzt arbeiten würde und man hätte das Gefühl, es würde aufwärts gehen, im Sinne von das Konto wächst
16:52stetig, der Garten wird größer,
16:55oder irgend sowas in die Richtung, vielleicht ist ein Haus irgendwo mal drin, dann wäre es wahrscheinlich eine Art von
17:01Arbeiten, die einen nicht ausbrennen würde.
17:05Aber so hat man das Gefühl, sich in so eine Sackgasse zu befinden. Nicht in einer Sackgasse künstlerisch, sondern in
17:11einer Sackgasse finanziell, lebensaufbaumäßig so.
17:14Ich frage auch nach den Forderungen an die Verlage. In den Antworten sehe ich, die Konkurrenz mit japanischem Manga besorgt
17:22viele im Raum, sie fordern Unterstützung.
17:24Und wenn wir als Deutsche nur ein oder zwei oder drei Bände haben und jeder Band hat ein Jahr dazwischen,
17:31das ist schwierig zu konkurrieren.
17:33Da muss komplett auch der Leser in Deutschland erstmal in eine Schule umgehen, um zu erfahren, warum das so ist.
17:40Oder man findet einen Weg, diese Engpässe zu umgehen, indem man zum Beispiel endlich mal anfängt, professionell Assistentinnen auszubilden.
17:49Denn anders als in Deutschland unterstützen in Japan oft Assistenzteams die Mangaka.
17:55Dadurch können Fortsetzungen von Geschichten in viel kürzeren Abständen erscheinen und ein größeres Publikum erreichen.
18:01Also was mir vorher David und auch Franz in Einzelgesprächen erzählt haben, das scheint kein Einzelproblem zu sein.
18:07Die Mehrheit der anwesenden Zeichner und Zeichnerinnen sagt, dass sie körperliche und mentale Probleme hatten durch Zeichnen.
18:13Das nehme ich von heute mit, finde ich ziemlich heftig.
18:15Und das andere ist, viele Ideen und Vorschläge, die ich dann den Verlagen vortragen will.
18:22Mal sehen, was die dazu sagen.
18:26Forderungen aus dem Workshop sind höhere Honorare, Assistenzteams und mehr Merchandise-Produkte.
18:33Darüber spreche ich mit einigen der großen Manga-Verlage.
18:36Ultraverse, Carlsen Verlag und Egmont Manga.
18:39Die wichtigste Frage, warum sind die Honorare trotz des Manga-Booms nicht gestiegen?
18:46Dadurch, dass Umsätze steigen, steigen ja nicht sofort automatisch Gewinne.
18:52In der gleichen Zeit sind Kosten gestiegen, wir hatten eine Papierkrise.
18:56Bei Corona beispielsweise hatten wir plötzliche Preissprünge von Produktionspreis von 40 Prozent nach oben innerhalb von drei Monaten.
19:06Außerdem gibt es laut den Verlagen noch ein großes Problem.
19:10Das Wachstum der letzten Jahre beruhe fast ausschließlich auf japanischen Titeln.
19:15Die Produkte deutscher Zeichner verkaufen sich genauso wie vor Corona in etwa mehr oder minder.
19:22Wir haben uns das tatsächlich auch mal angeguckt.
19:23Die Hits sozusagen müssen die Flops oder die Titel, die nicht so stark laufen, natürlich mitfinanzieren.
19:31Tatsächlich habe ich das auch schon auf der Dedico gehört.
19:34Nur wenige Fans lesen deutschen Manga.
19:38Deine Lieblingsmanga sind die deutsch oder eher japanisch?
19:41Japanisch.
19:43Auch ab und zu mal deutsche, aber lieber japanisch.
19:47Liest du auch deutsche Manga?
19:48Ne.
19:50David versucht bei einer Podiumsdiskussion, Fans für deutsche Manga zu gewinnen.
19:55Ich hatte danach auch ein paar Leute da, die dann gesagt haben, sie würden jetzt ihren ersten deutschen Manga bei
19:59mir kaufen, weil sie das interessant fanden.
20:02Aber da sind auch wirklich Leute dabei, die schon seit 20 Jahren Manga lesen und teilweise dann kommen und sagen,
20:06sie wussten gar nicht, dass es das gibt, deutsche Manga.
20:10David kämpft für die Akzeptanz des deutschen Manga, zeichnet Geschichten, kümmert sich um die Familie.
20:17Ich erzähle den Verlagen von den körperlichen und psychischen Problemen, die die deutschen Mangaka in meiner Umfrage genannt haben.
20:24Das überrascht mich nicht, aber auf der anderen Seite, glaube ich, muss die Frage nach dem Umgang mit den eigenen
20:34Ressourcen ein Stück weit bei den Zeichnern selbst liegen.
20:37Wenn man sich natürlich entscheidet, diesen Weg zu gehen, dass man ausschließlich mit der Kunst sein Hauptgeld verdient, dann ist
20:46das extrem hart.
20:48Die Verlage sagen mir auch, dass sie keinen Zeitdruck machen würden.
20:52Von den Mangaka weiß ich aber, der Stress entsteht auch, weil wegen der geringen Honorare so extrem viel gearbeitet werden
20:59muss.
20:59Bei der Forderung nach mehr Merchandise gehen die Antworten auseinander.
21:05Bücher können wir ganz gut, würde ich meinen, und auch E-Books und so weiter, aber wir sind jetzt nicht
21:12der typische Merchandise-Produzent.
21:14Wir haben Linien mit Merchandise-Artikeln zu fast allen deutschen Themen, die wir machen.
21:20Und wir bemühen uns im Moment sehr, sehr stark um Internationalisierung durch ein Kooperationsnetz innerhalb von Europa.
21:27Aber auch hier sei die geringe Reichweite deutscher Manga ein Problem.
21:33Merchandise-Produkte kann man immer dann verkaufen, wenn ein Thema beliebt ist, weil keiner kauft sich ein Badehandtuch zu einer
21:41Serie, die er nicht kennt.
21:43Eine weitere Forderung der Mangaka ist die Einbindung von Assistenzteams in den Zeichenprozess, so wie in Japan.
21:53Wir haben nicht die Kapazitäten, wir haben nicht die Leute, wir müssten dafür Leute extra einstellen.
21:57In Japan beispielsweise ist es so, dass sie am Anfang die Künstler selber erstmal die Assistenten engagieren.
22:04Das können wir natürlich, das wäre natürlich absurd. Also das könnte man nicht erwarten.
22:10Höhere Honorare, mehr Merchandise, ein Assistenzsystem. Auf all diese Forderungen folgt die gleiche Antwort.
22:17Deutscher Manga erreiche nicht genug Fans.
22:20Wenig Geld, viel Arbeit. Der Hamburgerin Olga Shikonow, Künstlerinnen-Name Olschi, wurde das zu viel.
22:27Vor einem Jahr hat sie ihren Job als Mangaka aufgegeben.
22:33Wenn ich Spätschicht habe, dann muss ich halt davor zeichnen. Wenn ich Frühschicht habe, dann ja klar danach.
22:40Dann hatte ich ein paar Tage frei. Da wird gezeichnet, am Wochenende wird gezeichnet.
22:44Auch während des Urlaubs, das war dann so, endlich schaffe ich mal mehr am Stück.
22:49Wenn ich zum Beispiel Dungeons & Dragons mit meinen Freunden gespielt habe, war der Gedanke da,
22:54aber ich müsste jetzt eigentlich zeichnen. Und dann konnte ich mich auch mit meiner Freizeit gar nicht entspannen.
23:01Ich treffe Olschi im Café der Hamburger Zentralbibliothek. Hier hat sie vor ihrem Rückzug oft gezeichnet.
23:10Ich kann womöglich die Bilder, die ich letztes Jahr gezeichnet habe, wirklich, naja, vielleicht mehr als eine Hand.
23:17Aber auf zwei Hände kommt es vielleicht nicht mehr.
23:19Bis zu ihrer Pause bestimmte Manga jede Lebensentscheidung und jeden Tag.
23:24Seit ich mit dem Studium fertig war, habe ich eigentlich immer versucht, meinen Job so auszuwählen,
23:32dass sie mir Raum geben, um Manga nebenbei zu zeichnen. Weil Manga zeichnen als Beruf ist,
23:39das kannst du Vollzeit in Deutschland nicht wirklich machen.
23:42Das heißt, du hast mit Manga allein, mit dem Zeichnen allein, davon hast du nie leben können?
23:49Nee, nicht annähernd. Also das, ja, Meilen waren, ich bin da noch meilenweit davon entfernt, ja.
23:58Olschi nimmt mich mit an die Außenalster. Hier kommt sie manchmal zum Nachdenken hin.
24:03Sie erzählt mir von dem Moment, als es für sie im Manga-Geschäft nicht mehr weiterging.
24:08Da, wo ich es mir wirklich eingestehen musste, war an einem Tag, da musste ich halt an der Geschichte weiterarbeiten
24:14und es ging einfach gar nicht. Also physisch auch einfach nicht, ich konnte mich nicht dazu bringen.
24:20Und dann habe ich erstmal meine Schwestern kontaktiert und unter Tränen irgendwie gesagt,
24:27Leute, ich glaube, ich kann das nicht mehr.
24:36Doch die Liebe zum Manga lässt Olschi auch nach einem Jahr Pause nicht los.
24:40Sie sucht nach Wegen für eine Rückkehr.
24:43Was muss sich ändern, damit du wieder glücklich wirst als Manga-Zeichnerin?
24:50Ich muss meine Arbeitsmoral überdenken und ich muss auch, also allgemein, ich bin in Therapie, das hilft.
25:02Weil ich glaube, als Zeichner will wir, neigen dazu, uns miteinander zu vergleichen.
25:09Und dann denkt man halt so, okay, die Person zeichnet so schnell, das müsste ich auch können, aber man funktioniert
25:16vielleicht einfach anders.
25:18Olschi hofft, dass sie bald wieder die Kraft zum Zeichnen hat.
25:22Mich beeindruckt ihre Hingabe zum Manga, ich frage mich aber auch, ob der Beruf sie wirklich glücklich machen wird.
25:29Selbst wenn sie an sich gearbeitet hat, bestehen die Rahmenbedingungen der Branche weiter.
25:38Auch Kameko in Japan plant Großes, ihr eigener japanischer Manga.
25:43Kameko, bei dir stand ja ein wichtiges Gespräch an. Was hat denn die Redakteurin zu deinen Entwürfen gesagt?
25:49Ich musste nochmal ran, tatsächlich, weil sie tatsächlich leider ein bisschen zu komplex sind.
25:56Und dann habe ich das dann noch geschrieben, in zweierlei Versionen, einmal ein bisschen komplexere, aber auch gleichzeitig nochmal eine
26:04ganz simple.
26:05Und tatsächlich hat es die komplexe dann geschafft, die fand sie ziemlich gut.
26:08Hat sich in der Zwischenzeit denn sonst noch etwas getan bei dir?
26:11Im Mai wird meine Assistentenarbeit auslaufen, aber ich habe noch einen Auftrag, den möchte ich eigentlich schnell fertig dann bekommen,
26:20damit ich halt frei bin, falls es mit dem Debüt klappen sollte.
26:25Deswegen ist das eigentlich ein sehr gutes Timing für mich.
26:29Kameko verliert also ihren Job als Assistentin.
26:32Mich überrascht, wie gelassen sie darauf reagiert.
26:35Aber offenbar ist der plötzliche Jobverlust in der japanischen Manga-Industrie immer einkalkuliert.
26:46Planungsunsicherheit herrscht auch bei David.
26:48Bei seinem Projekt über Akira Toriyama gab es juristische Bedenken.
26:53Er musste reagieren, um das Projekt zu retten.
26:57Das, was mir zuallererst in Sinn kam, das war natürlich auch ein bisschen blauäugig.
27:02Auf der sicheren Seite ist man nur, wenn man es mir auf so einer wirklich rein persönlichen Ebene erzählt, das
27:08war nicht mein ursprünglicher Plan.
27:10Dragon Ball Zeichner Akira Toriyama, um den es in der Geschichte geht, muss also aus rechtlichen Gründen etwas in den
27:16Hintergrund rücken.
27:17Du hast mir heute, morgen hast du mir erzählt, du hoffst, dass ihr so um die 100 Bücher verkauft.
27:23Was ist rausgekommen heute?
27:26Also ich schätze mal, dass es ein bisschen weniger ist.
27:29An diesem Convention-Wochenende bleibt die Nachfrage nach Davids Manga überschaubar.
27:34Gegen die japanische Konkurrenz kommt er noch nicht an.
27:38Es ist ein Riesenproblem, es ist so ein bisschen engständig.
27:40Die Szene ist halt generell offen, also die zeichnet sich generell in ihrer ganzen Weltanschauung und was auch immer eigentlich
27:47dadurch aus, dass sie schon für alles offen ist.
27:50Aber komischerweise ist da so ein Knick drin, wo man sagt, ja, aber deutscher Manga, das akzeptieren wir noch nicht.
27:57Nicht alle, also wir reden hier von einem gewissen Teil, aber der Teil macht halt trotzdem aus, ob es für
28:03uns wirtschaftlich Sinn macht, das zu machen.
28:06Deutscher Manga hat also zu wenige Fans.
28:10Aber auch bei den Übersetzern japanischer Manga sind die Honorare seit ihrem offenen Brief nicht gestiegen.
28:15Diese etwas verrückte Manga-Welt ist eine Branche mit extrem bedenklichen Arbeitsbedingungen.
28:21Und wie wird das irgendwann besser?
28:22Die Verlage sagen mir, sie können auch Honorare auszahlen, die durch die Manga auch wieder reinkommen.
28:26Den deutschen Zeichnerinnen und Zeichnern würde es zumindest helfen, wenn die Fans auch mal in deutsche Bücher reingucken, statt immer
28:33nur die japanischen Klassiker zu lesen.
28:36Und wie geht es bei den Übersetzerinnen wie Franzi weiter?
28:39Ihr Verband, der VDÜ, sagt mir, man wolle bei der Leipziger Buchmesse über die Arbeitsbedingungen informieren.
28:46Danach seien weitere Schritte geplant.
28:55Untertitelung des ZDF für funk, 2017
28:57Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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