- 6 hours ago
Category
📺
TVTranscript
00:01Leipzig, November 23, Tourauftakt von Till Lindemann, dem Sänger der Band Rammstein.
00:08Aktivisten demonstrieren gegen den Auftritt.
00:11Die Stimmung ist aggressiv, auch bei ein paar Fans.
00:23Dem allen vorangegangen sind kritische Presseberichte,
00:27die Lindemann Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt vorwarten.
00:32Im Fall Lindemann hat man ja gesehen, dass das Anwaltsteam von Lindemann
00:38eine Verleumdnusslage nach der anderen rausgehauen hat
00:41und quasi alle Leute, die ausgesagt haben, mundtot gemacht haben.
00:45Der Vorwurf zielt auf ihn und seine Kanzlei.
00:48Er ist der bekannteste Presseanwalt Deutschlands, Christian Scherz.
00:52Wir haben ihn in den letzten Monaten mit der Kamera begleitet.
00:55Er wird von vielen Prominenten geliebt und von manchen Journalisten gefürchtet,
01:00vielleicht sogar gehasst.
01:01Er ist der Anwalt sehr vieler Stars.
01:06Wenn es Christian Scherz nicht gäbe, dann habe ich das Gefühl,
01:11dann gäbe es eine Art von Freiheit für Journalisten,
01:16die eben nicht mehr mit Recht und Gesetz in Einklang zu bringen ist.
01:21Heute ist die Reaktionszeit manchmal nur 10 Minuten, 20 Minuten,
01:25vielleicht eine halbe Stunde, bevor ein Shitstorm über sie hereinbrechen kann.
01:30Es ist so, wie er es auch sagt. Er ist so eine Art Notambulanz.
01:35Und manchmal, dann hat man nur eine Stunde Zeit, um den Ruin eines Menschen irgendwie zu verhindern.
01:46Er kennt also sozusagen auch die Sachen, die niemals erwähnt werden dürfen.
01:57Wer ist dieser Mann? Warum vertrauen so viele bekannte Menschen ihm in schwierigen Situationen?
02:04Und was genau macht so ein Medienanwalt eigentlich?
02:09Er hat sich auch einen Ruf erarbeitet, dass er gefürchtet wird,
02:13dass wenn der Name Christian Scherz auftaucht, dass Leute sagen so, oh, hoppla,
02:18dass man schon auch darauf vorbereitet sein muss, da zieht jemand alle Registre.
02:25Es geht um Recht und Gerechtigkeit, Medien, Macht, Moral.
02:30Wer zu ihm kommt, steht oft im Kreuzfeuer kritischer Berichterstattung.
02:36Was sagt er diesen Menschen?
02:40Es ist völlig egal, was passiert ist. Ich habe keinen moralischen Anspruch im Augenblick.
02:47Ich weiß, jeder Mensch hat Abgründe, aber erzähl mir die Wahrheit, weil nur dann kann ich für dich was tun.
02:53Glauben Sie, Sie hören immer die Wahrheit von Ihren Mandanten?
02:59Das ist eine sehr gute Frage.
03:08Die Mission ist, Gerechtigkeit herzustellen.
03:11Wenn nach meiner Auffassung jemand es nicht verdient hat, in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden,
03:15mit Vorwürfen, die man ihm unterstellt, dann ist es meine Mission, das wegzubomben.
03:41Ein Termin am Landgericht Potsdam.
03:45Es geht um einen Mandanten, den Christian Scherz schon seit mehr als 20 Jahren vertritt.
03:50Den Moderator Günther Jauch.
03:55Scherz ist auch Professor an der Universität Potsdam.
03:59Deshalb sind heute auch Studierende von ihm dabei.
04:02Es geht heute um diesen Titel.
04:06Aus dem Bauer Verlag.
04:08Ein Verlag, der im Wesentlichen Yellow Press macht, also mit Promis Geschichten macht,
04:12die gerade auf der Titelseite oft nicht stimmen.
04:15Wie auch diese Geschichte hier heißt es, Günther Jauch, ein Verbrecher treibt sein Unwesen,
04:19Lebensgefahr, Angst vor dem TV-Star.
04:22So.
04:22Tatsächlich ist dann die Begründung im Innenteil, das sieht nur die Oma am Kiosk nicht,
04:28dass mehrere Kilometer, glaube ich 50 Kilometer von seinem Weingut entfernt,
04:35bei einer Weinbergbahn angeblich ein Saboteur diese Weinbergbahn kaputt gemacht hat und dort jemand verletzt wurde.
04:42Und deswegen gäbe es jetzt auch für ihn viele Kilometer entfernt bei seinem Weingut Lebensgefahr.
04:47Das ist die Geschichte.
04:48Da ist nichts dran, das ist komplett erfunden.
04:50Deswegen gehen wir gegen diese Schlagzeile vor und sagen halt,
04:52es ist einerseits eine unwahre Tatsachenbehauptung und jedenfalls,
04:56wenn es eine Meinung ist, ist sie ohne tatsächliche Anknüpfungstatsache,
04:59wie wir es in der Vorlesung besprochen haben.
05:03Gerichtsverhandlungen macht der Anwalt oft ohne seine Mandanten.
05:07Günter Jauch gilt als einer der Prominenten,
05:09die ihr Privatleben am härtesten vor der Presse abschirmen.
05:16Zum ersten Mal spricht er vor der Kamera über Berichterstattung,
05:19die regelmäßig Unwahres über ihn verbreitet und damit seine Grundrechte verletzt.
05:25Stellen Sie sich vor, Ihr Privatleben wäre nicht geschützt
05:28und fände ständig in der Öffentlichkeit statt.
05:34Jeder Mensch hat ein eigenes Leben, viele Menschen haben Kinder, Familie
05:39und das ist ein geschützter Bereich.
05:43Der Staat schützt das ja auch.
05:45Man darf nicht einfach in die Wohnung von anderen Leuten rein,
05:48man darf nicht einfach durch deren Fenster filmen oder fotografieren.
05:53Das ist eine Intims, eine Privatsphäre und warum sollte ich die aufgeben?
05:58Bloß weil ich zwischendrin meinen Job beim Fernsehen habe?
06:01Das sehe ich so nicht und deswegen möchte ich das durchsetzen.
06:08Günter Jauch hat den Auftrag gegeben, wirklich alle Veröffentlichungen über ihn genau zu prüfen.
06:13Er bekommt dann Mails von Christian Scherz mit Magazin-Covern der Yellow Press.
06:19Drecksblätter nennen sie die. Wegen solcher Geschichten.
06:22Meine Frau und ich kriegen auf einmal Anrufe, zum Teil von Verwandten oder von Bekannten,
06:29die manche weinend am Telefon sind.
06:32Ist es wirklich so schlimm? Wir wussten ja gar nichts.
06:36Warum habt ihr uns es denn nicht erzählt? Wir verstehen gar nicht.
06:40Wovon redet ihr denn da? Ja, es läuft die ganze Zeit im Fernsehen.
06:44Ich sag, was denn?
06:45Also, im Werbefernsehen hat eins von diesen gelben Drecksblättern beworben,
06:55Günter Jauch, Doppelpunkt, Krebsangst um seine Tochter. Sinngemäß.
07:04Lesen Sie die Seite so und so viel.
07:07Was war passiert?
07:10In der Turnhalle einer meiner Töchter ist von der Decke ein Stück Putz abgefallen.
07:21Und als das repariert werden sollte, hat man festgestellt, dass dahinter unter Umständen Asbest ist.
07:31Das hat jemand mitbekommen, gesagt, ah, Turnhalle, Putz abgefallen, dahinter Asbest, also Krebsangst.
07:41Also muss er ja Krebsangst um seine Tochter haben.
07:45So prominente Menschen wie Günter Jauch können kein Leben mehr führen ohne Medienanwälte.
07:50Zu häufig übertritt der Boulevardjournalismus Grenzen.
07:54Zweimal in der Woche kommt irgendwas, wo in mindestens 50 Prozent der Fälle dann dagegen geklagt werden muss.
08:02Das heißt, am Tag habe ich mit diesem Mist, der mit Persönlichkeitsrechtsverletzungen zu tun hat,
08:09ungefähr 20 Minuten zu tun. 20 Minuten am Tag. Das ist sehr lästig.
08:14Und wenn ich dagegen nicht vorgehen würde, was meinen Sie, was dann los wäre?
08:20Die Stimmung im Gericht ist derweil ziemlich gereizt.
08:24Christian Scherz gilt als sehr robust auftretender Anwalt.
08:27Er ärgert sich über den gegnerischen Anwalt, der seinen Schriftsatz erst sehr spät eingereicht hat.
08:34Vor Gericht kann er schon auch mal laut werden. Vor Gericht ist er sehr angriffslustig.
08:38Vor Gericht, man sagt es oft so in Anwaltskreisen, möchte er keine Gefangenen machen, sondern da soll der Gegner am
08:51Ende und zwar klar und deutlich verlieren.
08:54Und dementsprechend tritt er da auch auf.
09:00Heute gerät er mit dem Anwalt der Gegenseite schon vor der Verhandlung aneinander.
09:07Unerträglich.
09:08Das können wir gleich dringend sein, ne?
09:16Als Gegner vor Gericht hätte ich ihn eher ungern.
09:21Kurz vor Prozessbeginn passt ihn noch jemand ab.
09:24Der Politiker und Strafverteidiger Gregor Gysi.
09:33Das eine ist eine Getriebenheit, auch eine Wut.
09:38Also anders, was man vielleicht beim Aktienrechtler oder Zivilrechtler vermutet, wir brauchen eine bestimmte Wut, um diesen Druck zu haben,
09:48den man zurückgeben muss gegen eine Medienkampagne.
09:56Es gibt schon Momente, wo jetzt Christian Scherz nicht zur Milde neigt, aber das ist dann auch angebracht.
10:03Und da fehlt mir auch jegliches Mitleid, muss ich sagen.
10:06Also ein Journalist, der sauber gearbeitet und recherchiert hat, muss einen zornigen Christian Scherz nicht fürchten.
10:15Das würden manche ganz anders sehen.
10:20Wir wollten mit etlichen Journalisten ins Gespräch kommen.
10:24Doch kaum einer will reden.
10:26Viele verweisen auf laufende Verfahren.
10:29Andere finden es unmöglich, dass wir einen Film über diesen Anwalt machen.
10:34Manche haben Angst.
10:39Aber ein paar wenige sind zu einem Interview bereit.
10:42Ausschließlich von sogenannten Qualitätsmedien wie der Zeit.
10:45Der Chefredakteur selbst hatte Scherz schon als Anwalt, kennt ihn aber auch auf der anderen Seite.
10:54Aus der Sicht eines Journalisten gibt es auch eine problematische Seite an Christian Scherz.
10:59Daher empfinde ich ihn natürlich nicht als angenehm, sondern als jemand, der diametral das Gegenteil von dem anstrebt,
11:08was uns als Journalisten beschäftigt und wichtig ist.
11:11Und das ist dann, wenn wir Interviews führen mit berühmten Menschen.
11:18Und dann kommen nachträglich Anwälte wie Christian Scherz und streichen dieses Interview zusammen.
11:27Und das ist extrem ärgerlich.
11:30Nicht nur, weil jeder Autor möchte, dass das Gespräch möglichst authentisch wiedergegeben wird,
11:37sondern weil es auch für mich ein Anschlag ist, auf unser Bestreben, wahrhaftige Berichterstattung zuzulassen.
11:50Wir haben da eine Verantwortung als Journalisten und natürlich hat Scherz da die andere Seite.
11:55Er ist der Vertreter der Betroffenen bzw. der Protagonisten.
12:03Also er ist da logischerweise auf einer anderen Seite.
12:07Ist dieser Mann eine Gefahr für die Pressefreiheit? Versucht er sie einzuschränken?
12:13Nicht nur bei Interviews, sondern insgesamt bei Berichterstattung, die nicht zum Image seiner Mandanten passt.
12:20Ich sei der Zensuranwalt Nummer eins, der Zensurguru, der Taliban des Rechts, was schon alles über mich erzählt wurde.
12:27Ich mach doch nur einfach meinen Job. Und wissen Sie, die Pressefreiheit ist wirklich nicht gefährdet,
12:32weil drei, vier Anwälte in Deutschland es wagen milliardenschweren Medienkonzernen mit hochgerüsteten Rechtsabteilungen.
12:39Sie wagen es denen, was entgegenzusetzen. Und schon schreien alle, die Pressefreiheit ist in Gefahr.
12:44Eins verspreche ich Ihnen, in diesem Land ist die Pressefreiheit so geschützt wie in keinem anderen Land der Welt.
12:49Aber ja, auch seriöse Journalisten kriegen regelmäßig Probleme mit dieser Kanzlei.
12:54Die Kanzlei Scherz Bergmann liegt in exklusiver Lage am Berliner Kudern.
12:59Hinter dieser Tür verbirgt sich eine ganze Welt, die sonst top secret ist.
13:03Unter Anwälten gilt hohe Verschwiegenheitspflicht. Die nehmen sie hier auch sehr ernst.
13:09Unter strengen Auflagen aber dürfen wir drehen. Mit seinem Freund Simon Bergmann und ihrem Team vertreten sie hier Schauspielerinnen,
13:17Sportler, Unternehmen, manchmal sogar Hollywood-Stars. Aber auch unbekannte Menschen.
13:22Oft geht es um akute Krisen, Skandale, Verletzungen der Privatsphäre, Rufschädigung.
13:29Simon Bergmann vertritt zum Beispiel den Comedian Luke Mockridge. Die brisanten Schlagzeilen landen sehr oft hier.
13:38Nicht immer ist es so ernst, aber zu Scherzmandanten gehören auch sehr bekannte Politiker. Die Namen können wir nicht nennen.
13:47Er hat auch schon Helene Fischer vertreten. Oder den Tennisspieler Alexander Zverev.
13:55Fußballstar Cristiano Ronaldo. Die Opernsängerin Anna Netrebko.
14:01Zu seinen Mandanten gehörten der Unternehmer und YouTube-Star Finn Kliemann. Aktuell auch Jürgen Klopp.
14:10Christian Scherz hat auch schon den DFB, den Deutschen Fußballbund, vertreten.
14:14Vor Jahren, als es um die Vorwürfe eines möglicherweise gekauften Sommermärchens ging.
14:22Den RBB.
14:27Und die Bundesregierung.
14:30Gegen den früheren Bild-Chef Julian Reichelt.
14:33Es gibt eigentlich kaum einen Skandal oder eine mediale Krisenlage in Deutschland,
14:38die bundesweit Relevanz hat, wo wir nicht beratend irgendwo dabei sind.
14:42Das ist tatsächlich inzwischen so.
14:43Jan Böhmermann hatte ihm deshalb in seiner Show schon eine satirische Figur gewidmet.
14:49Hallo Herr Scherzanwalt, hier spricht Jan Böhmermann.
14:54Es gibt wohl wieder was für Sie zu tun.
14:59Und zwar Herr Scherzanwalt, da kam wohl wieder Post.
15:04Zweimal vom OLG und einmal aus Karlsruhe.
15:10Ironie der Geschichte? Der Moderator wurde 2016 selbst zum Fall.
15:15Nachdem er mit einem satirischen Gedicht den türkischen Staatspräsidenten Erdogan kritisiert hatte.
15:21Das Gedicht heißt Schmerkritik.
15:23Wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes angezeigt wurde.
15:27Der Fall löste eine kleine Staatskrise aus.
15:30Im Ergebnis wird die Bundesregierung im vorliegenden Fall die Ermächtigung erteilen.
15:35Ein Strafverfahren wurde eingeleitet. Ganz Deutschland diskutierte über Erdogan und die Kunstfreiheit.
15:41Böhmermann hat ja nicht solitär dieses Gedicht vorgetragen.
15:44Was, wenn du einzelne Sätze nimmst, sind sie natürlich schmähend oder beleidigend.
15:49Böhmermann hat gesagt, nachdem Erdogan einen belanglosen Text bei Extra 3 schon den Botschafter einbestellt hatte.
15:59Lieber Herr Staatspräsident Erdogan, ich sage Ihnen mal, wie ein Rechtsstaat funktioniert.
16:03Sie dürfen sich gegen eine Schmähkritik wehren. Das, was da in der ARD war, das war keine Schmähkritik.
16:09Eine Schmähkritik ist etwas, wenn man jemand bewusst beleidigt, jenseits der noch Diskussionskultur etc.
16:16Wenn es dem anderen nur darum geht, den anderen zu diffamieren.
16:20Insofern wäre eine Schmähung das folgende. Und dann kommt dieses Gedicht.
16:24Und das, was jetzt kommt, ist, das darf man nicht machen.
16:27Wenn das öffentlich aufgeführt wird, das wäre in Deutschland verboten.
16:30Kinder aufpassen, das nicht.
16:32Das ist okay. Das Gedicht heißt Schmähkritik.
16:36Sackdoof, feige und verklemmt ist Erdogan der Präsident.
16:39Wenn jemand über Sie so etwas formuliert, dürfen Sie sich einen Anwalt nehmen und dagegen vorgehen.
16:44Es war also eine erklärende Performance über Persönlichkeitsrechte versus Meinungsfreiheit.
16:52Satiriker und Kanzlei hatten Polizeischutz.
16:55Teile des Gedichts wurden verboten, aber der Fall hat Rechtsgeschichte geschrieben.
16:59Der Paragraf der Majestätsbeleidigung wurde abgeschafft.
17:02Sogar die Kanzlerin musste sich entschuldigen, weil sie das Gedicht bewusst verletzend genannt hatte.
17:07Das war im Rückblick betrachtet ein Fehler.
17:11Die Kunstfreiheit und ihre Grenzen.
17:15Persönlichkeitsrechte.
17:16Der Schutz guter Reputation.
17:19Bei diesen Themen kann er schon ziemlich vehement werden.
17:22Und noch etwas anderes macht ihn richtig wütend.
17:24Er findet, dass die Gesellschaft mit Stars und Politikern immer gnadenloser umgehe.
17:29Medien immer härter urteilen.
17:31Für Schlagzeilen und Klicks.
17:33Auch seriöse Redaktionen würden immer weniger Zeit in Recherche stecken.
17:38Immer häufiger einen Verdacht berichten, ohne ihn ausreichend belegen zu können.
17:43Der einmal erhobene Vorwurf ist das eine.
17:46Der wird dann halt von den Behörden, der Staatsanwaltschaft geprüft.
17:49Das andere ist aber die öffentliche Stigmatisierung.
17:52Und die führt halt nicht sehr zu einem Schaden, der eigentlich nie wieder gut zu machen ist.
18:00Was ist notwendige kritische Berichterstattung?
18:04Und wann werden Menschen an den medialen Pranger gestellt?
18:08Es bleibt immer etwas hängen.
18:10Und wenn ein Mensch erstmal einem medialen Tsunami oder einer öffentlichen Stigmatisierung ausgesetzt ist,
18:16kommt er davon eigentlich nie wieder weg.
18:19Und bei dem einen führt es zur endgültigen Zerstörung eines Lebensentwurfs als Arzt oder Operndirektor.
18:27Ich habe keine Ahnung, oder was noch.
18:29Bei anderen, die halten es irgendwie aus und kommen wieder hoch.
18:32Aber da frage ich mich wirklich, ist den beteiligten Journalistinnen nicht immer bewusst,
18:38was sie eigentlich mit den Leuten anrichten und was sie da machen?
18:40Und damit sind wir beim Fall Till Lindemann.
18:46Frontmann von Rammstein.
18:51Rammstein sind Weltstars.
18:54Deutschland.
18:55Allein dieses Video wurde im Netz 364 Millionen Mal angesehen.
19:01Gegen den Sänger wurden im Sommer 2023 schwere Vorwürfe erhoben.
19:05Medien berichten von sexuellen Grenzüberschreitungen gegenüber weiblichen Fans.
19:10Auch hinter der Bühne.
19:12Als erstes hatte der Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung und NDR über Frauen berichtet, die anonym bleiben wollen.
19:19Von einem Castingsystem ist die Rede, dass Lindemann bei Konzerten gezielt Fans für Sex beschaffen soll.
19:25Auch der Spiegel veröffentlicht Artikel.
19:28Ausgangspunkt der Recherchen waren Posts in den sozialen Netzwerken.
19:32Von der Nordirin Shelby Lynn, die sagt, man habe ihr Backstage bei einem Rammstein-Konzert Drogen in den Drink gemischt.
19:43Lindemann habe Sex mit ihr gewollt.
19:45Sie habe abgelehnt und sei später mit Hämatomen aufgewacht.
19:48Sie wissen nicht, woher sie kommen.
19:50Es war wieder eine typische Geschichte, wo die Medien sich auch irgendwie verselbstständigt haben und nicht mehr aufgehört haben.
19:57Und insbesondere der Spiegel hat ihnen auch einen Titel zum Monster gemacht.
20:00Das ist menschenverachtend.
20:05Ich finde es reichlich amüsant, wenn Herr Lindemann sich als Monster dargestellt fühlt, wenn wir ihn zeigen mit einem authentischen
20:12Bild von einem Bühnenoutfit, das er sich selber angezogen hat.
20:18Das verstehe ich nun wirklich überhaupt nicht.
20:20Melanie Ammann ist stellvertretende Chefredakteurin des Spiegel.
20:24Sie ist zu einem Interview bereit.
20:26SZ und NDR wollen sich wegen laufender Verfahren nicht äußern.
20:30Die Kanzlei Scherz-Bergmann ist gegen diese Medien vorgegangen.
20:34Es gab Berichte über gezielte Rekrutierungen von jungen Frauen aus der Row Zero, dem Bereich direkt vor der Bühne.
20:40Über Erlebnisse bei einer Backstage-Party hatte auch die Influencerin Kyla Scheix in einem Video gesprochen.
20:51Bei der After-Party werden anscheinend noch mal so wie ich andere aus dem Fire-Circle, die werden dann zur
20:55After-Party gebracht, wenn er die potenziell ficken wollen würde.
20:59Und wenn ihr euch jetzt denkt, ja, aber die Mädchen machen das doch mit oder keine Ahnung, es ist genau
21:04das Ding, warum er Fangirls, Fangirls, die ihn idolisieren und natürlich ihn so auf ein Podest stellen und sich denkt,
21:11oh mein Gott, das ist Rammstein, das ist Till Lindemann, das ist Rammstein, dass er die aussucht, das hat alles
21:16mit Macht zu tun.
21:23Der Begriff Machtmissbrauch, wissen Sie, das ist ein Begriff, zu dem ich mich eigentlich gar nicht verhalten oder erklären will,
21:30sondern ich gucke mir an, ist hier rechtlich relevant, ein Fehlverhalten festzustellen.
21:39Wie Menschen im Übrigen sich begegnen und wenn ein Mann auf eine Frau zugeht und Sie sagen, er ist ein
21:49älterer Mann, das war eine jüngere Frau, wissen Sie, da fangen wir ja schon an, auch grundsätzlich zu werden, ist
21:55das schon grundsätzlich moralisch verwerflich?
21:57Gucken Sie sich bitte die Literaturgeschichte an.
22:00Ja, aber ich habe gesagt, ein Star und ein Fan.
22:03Dass ein Star und ein Fan miteinander sich näher kommen und auch miteinander ins Bett gehen, ist so alt wie
22:09der Rock'n'Roll.
22:12Die Kanzleipartner haben im Fall Lindemann am Anfang gemeinsam ihre Strategie entworfen, geprüft, gegen welche Teile der Berichterstattung sie vorgehen
22:19wollen und gegen welche nicht.
22:24Dieses Thema Casting, Row Zero, auch Sex hinter der Bühne, da gab es nichts zu leugnen.
22:33Das hat stattgefunden, man kann es moralisch bewerten, man kann es kritisieren, aber da war im Großen und Ganzen nichts
22:41falsch.
22:42Und deswegen hat es auch nie Sinn gehabt, dagegen rechtlich vorzugehen und da auch zu drohen.
22:49Was wir gemacht haben, ist vor einer Berichterstattung zu drohen, die die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung verletzt.
22:57Und wir haben davor gewarnt, Vorwürfe zu ereben, in denen es heißt, Frauen seien mit K.O.-Tropfen für Sex mit
23:07Till Lindemann gefügig gemacht worden.
23:08Diese Vorwürfe sind ausnahmslos unwahr, schreibt die Kanzlei in ihrer ersten Presseerklärung, als sie den Fall übernimmt.
23:16Dafür wurden die Anwälte kritisiert. Das sei ein Versuch der Einschüchterung gegenüber Medien und möglichen betroffenen Frauen.
23:25Lindemanns Prozessanwalt Simon Bergmann sieht das anders.
23:29Er hat die Mitteilung verfasst und für ihn sind große Teile der Berichterstattung eine mediale Vorverurteilung, weil es an ausreichenden
23:37Beweisen fehle.
23:38Er hat damit in mehreren Fällen Recht bekommen. Artikel mussten geändert werden. Aber die Prozesse laufen noch.
23:48Wenn ich nicht beweisen kann, K.O.-Tropfen, dafür gibt es nämlich gar keinen Beweis, weil es einfach nicht so war,
23:54dann darf ich es auch nicht behaupten.
23:56Und dann haftet auch ein Medium dafür, wenn man das zum Nachteil eines prominenten Rockstars behauptet.
24:01Und natürlich bin ich dann an der Seite des Betroffenen, dessen Rechte verletzt werden.
24:06Es gilt, ich kann es leider nicht ändern, auch in Richtung der investigativen Journalistinnen, es gilt leider die Unschuldsverbote und
24:12die müssen Medien auch beachten.
24:14Was dürfen Medien in Fällen solch strittiger Verdachtsberichterstattung?
24:18Dafür gibt es strenge Auflagen.
24:19Sie müssen zum Beispiel auch von entlastenden Fakten berichten und einen Mindestbestand an Beweistatsachen vorlegen.
24:26Der Spiegel sagt, man habe gar keinen Verdacht über Lindemann berichtet.
24:30Deshalb könne man ihn auch nicht vorverurteilen.
24:33Was wir getan haben in der Rammstein-Berichterstattung war zu berichten, dass es einige Frauen gibt,
24:40die vermutet haben, dass ihnen im Kontext von diesen Rammstein-Aftershow-Partys der Drink gespiked wurde.
24:48Das ist ein schwerer Vorwurf.
24:50Aber dass es Frauen gibt, die diese Vermutungen haben, ist für uns noch im Bereich der zulässigen Berichterstattung.
24:58Und um diesen Streit geht es jetzt vor Gericht.
25:01Der Spiegel musste bisher alle Passagen streichen, die den Verdacht erwecken,
25:05Lindemann habe Frauen bei Konzerten betäubt, um sexuelle Handlungen an ihnen vorzunehmen.
25:11Für den Anwalt ein Erfolg.
25:13Auch die Influencerin Keila Scheix musste Teile ihres Videos löschen, weil Belege fehlten.
25:18Wir sind knallharte Interessenvertreter.
25:21Und dazu gehört eben auch das Androhen von rechtlichen Konsequenzen und juristischen Mitteln.
25:28Das ist nun mal so in einem Rechtsstaat.
25:30Wir können unser Recht nicht selbst schaffen, sondern das macht das Gericht.
25:33Und es ist auch das gute Recht eines Betroffenen, damit zu drohen, dass man zu Gericht geht.
25:40Ich will jetzt nicht absprechen, dass natürlich, also dass ein Anwaltsschreiben oder überhaupt die Einschaltung eines Anwalts
25:48und das Drohnen mit rechtlichen Mitteln per se erstmal auch einen Bedrohungseffekt hat. Ganz klar.
25:55In Solidarität mit mutmaßlich betroffenen Frauen gibt es seither bei Rammstein und Lindemann Konzerten Demonstrationen.
26:02Prominente starteten eine Geldsammelaktion für mögliche Gerichtskosten.
26:07Wir haben in den letzten Tagen viel Post bekommen von Leuten, die sich durch die Abmahnungswelle der Kanzlei von Rammstein
26:13ziemlich eingeschüchtert gefühlt haben.
26:14Wie ihr wahrscheinlich alle wisst, gibt es eine große deutsche Band, gegen die es momentan immer mehr schlimme Vorwürfe gibt,
26:20von vielen verschiedenen jungen Frauen.
26:23Und all diese Frauen werden gerade abgemahnt von dieser Band mit teuren Anwälten.
26:30Allerdings hat die Kanzlei nie im Namen der Band agiert, nur im Namen Lindemanns.
26:35Die Anwälte wurden dafür nicht nur kritisiert, sondern auch bedroht.
26:41Scherz sieht auch in diesem Fall einen Beleg dafür, wie gnadenlos unsere Debattenkultur geworden ist.
26:48Er findet es gefährlich, wenn vor lauter moralischer Empörung völlig außer Acht gelassen werde,
26:54dass strafrechtlich alle Ermittlungen gegen Lindemann eingestellt wurden.
26:59Alles, was rechtlich erlaubt ist, ist für mich in Ordnung.
27:02Die Moral steht im Gesetz. Und wenn das Gesetz verletzt wird, ist es auch moralisch verwerflich.
27:08Aber wenn Dinge erlaubt sind, ganz ehrlich, da möchte ich weder den Zeigefinger heben noch es moralisch bewerten.
27:15Moral und Recht. Ist das eins? Ist wirklich alles, was erlaubt ist, auch in Ordnung?
27:22Darüber wird gerade hart gestritten.
27:25Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Auftrittsverbote gefordert werden?
27:29Ist es richtig, Lindemann einen Täter zu nennen, obwohl sich keine mutmaßlich betroffene Person an die Polizei gewandt hat?
27:37Simon Bergmanns Antwort.
27:38Der Ansatz, wir müssen Frauen Gehör verschaffen, ist ja kein verkehrter, sondern der ist gut.
27:47Aber die Mittel, die bestimmte Aktivistinnen, Aktivisten als gerechtfertigt ansehen, die sind die Falschen.
27:58Wenn wir jetzt zum Beispiel diese Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen haben,
28:02müssen wir nach dem Prinzip der Unschuldsvermutung diese Fälle behandeln, auch in der Presse.
28:09Das heißt also, diese Forderung, wir müssen den Frauen glauben, führt ja dazu, dem Täter darf nicht geglaubt werden.
28:17Das ist ja der logische Umkehrschluss dieser These.
28:20Und das heißt, wir ignorieren einen Grundsatz unseres Rechtsstaats, die Unschuldsvermutung,
28:26mit der Folge, dass der Beschuldigte seine Unschuld beweisen müsste.
28:30Das kann nicht richtig sein, weil seine Unschuld zu beweisen, geht in vielen Fällen nicht.
28:36Sie können nicht beweisen, etwas nicht getan zu haben.
28:49Zuständig für diese Fragen sind die Gerichte, nicht die Medien.
28:52Dass die Medien über Missstände berichten, ist völlig klar.
28:55Und dass sie auch über Vorwürfe berichten, ist auch klar.
28:57Dennoch, zuständig ist die Staatsanwaltschaft.
28:59Und ich hatte gerade in Verlindemann das Gefühl, dass da das Urteil bereits gesprochen wurde
29:03und auch veröffentlicht worden ist, bevor die Staatsanwaltschaft übrigens mangels Tatverdacht das Verfahren eingestellt hat.
29:09Für manche ist das schwer erträglich, auch weil sie sich durch sein Werk in ihrem Urteil bestätigt sehen.
29:16Ich mag den kalten Mond, wenn er voll und rund.
29:21Und ich mag dich mit einem Knebel in dem Mund.
29:28Für manche ist das alles grenzüberschreitend, frauenverachtend.
29:32Gleichzeitig ist die Kunstfigur, nicht die Privatperson, alles sehr kompliziert.
29:38Aber zu einfach sollte man es sich in Fällen wie diesem auch nicht machen, findet der Medienjournalist Stefan Niggemeier.
29:44Dass diese Abwägung zwischen Persönlichkeitsrecht und Medienfreiheit, Meinungsfreiheit,
29:50dass das eine wahnsinnige Grauzone ist, das steht außer Frage.
29:56Und ich glaube, es wird da mit gar nicht so tauglichen Mitteln halt auch diese gesellschaftliche Frage verhandelt.
30:02Was ist uns wichtiger?
30:03Dass möglichst viele dieser Fälle an die Öffentlichkeit kommen.
30:06Dass Frauen sich trauen zu sagen, mir ist da was passiert.
30:10Ich möchte, dass das die Welt weiß.
30:14Ist das das Wichtigere?
30:16Oder ist das Wichtigere, dass Leute geschützt werden, die sich vielleicht nichts haben zu Schulde kommen lassen?
30:21Oder zumindest nie in einen Bereich gekommen sind, der strafrechtlich relevant ist?
30:26Die Sensibilität für mutmaßliche Opfer ist heute stärker geworden.
30:30Aber auch die Bereitschaft, moralische Urteile zu fällen.
30:33Trotzdem müssten Journalisten sich von Belegen und nicht von Zeitgeistmoral treiben lassen, findet Christian Scherz.
30:39Und so sieht er auch seine Rolle als Jurist, nicht in Empörung zu verfallen.
30:47Ich sitze hier nicht an meinem Tisch dem Mandanten gegenüber und mache eine moralische Bewertung.
30:53Sondern ich sage, wenn du diese Fantasie hattest oder diese Gier hattest oder sowas,
31:00dann ist es erstmal dem Menschen eigen, dass er auch diese schlechten Eigenschaften hat.
31:04Und wenn es dann dazu führt, dass wenn ich dieses in mir trage und vielleicht auch in einem Fall ausgelebt
31:11habe,
31:11es sofort zu meiner, zu einer Vernichtung dieser Existenz führt, sei es durch Öffentlichkeit,
31:17dann bin ich der Auffassung, es ist falsch.
31:20So, man könnte ja sagen, so einfach ist es eigentlich, ja.
31:23Und dann versuche ich dem was entgegenzusetzen.
31:25Und ich finde, man muss Sanftmut und Gnade weiten lassen.
31:29Es tut mir leid gegenüber Menschen, die Fehler machen.
31:33Mit Menschen in der Öffentlichkeit werde mittlerweile viel zu hart umgegangen, findet er.
31:38Die Dauererregung in den Medien und sozialen Netzwerken führe dazu,
31:41dass man als Politikerin, als Künstler nur daran scheitern könne.
31:48Jeder von uns wird in seinem Kopf auch mal abgründige Gedanken gehabt haben.
31:54Gier, Sucht, Begierde, die vielleicht moralisch oder auch rechtlich sogar verboten sind.
32:03Die meisten machen es dann nicht, aber sie hatten diese Ideen oder haben diese Fantasien.
32:07Das sind halt Dinge, die wir nie erzählen würden.
32:10Aber es ist den Menschen eigen, glaube ich.
32:12Sonst gäbe es auch keine große Literatur, sonst gäbe es auch keine radikalen Bilder, etc.
32:19Und wenn man da jetzt anfängt, die moralische Latte anzusetzen,
32:23wie musst du dich verhalten, um diesen moralischen Ansprüchen gerecht zu werden,
32:28dann sind wir fast im puritanischen Adenauer-Deutschland gelandet.
32:31Und das ist das, was ich gerade wirklich, wirklich sage, lasst uns bitte aufpassen.
32:35Bei allem Verständnis, Missstände, Patriarchat, MeToo, das alles auch zu Recht zu durchleuchten und auch zu verfolgen, wenn es berechtigt
32:45ist.
32:45Aber wollen wir eine Gesellschaft, wo es dann nur noch darum geht, dass alle wieder im Glied stehen,
32:51puritanisches Adenauer-Deutschland, alle gehen um 16 Uhr nach Hause, keiner sagt mir, was ihr denkt.
32:56Nee.
33:15Berlin an einem kalten Tag im Dezember.
33:18Christian Schert beeilt sich, er ist schon zu spät.
33:22Es wartet jemand, den er seit bald 25 Jahren kennt.
33:25Ein Mandant und mittlerweile guter Freund.
33:35Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre.
33:40Christian Schertz hat ihn manchmal in echten Krisensituationen vertreten.
33:47So ist es in der Regel.
33:49In der Regel ist es eigentlich so, dass ich immer eine Platte von den Beatles dabei habe.
33:56Die kaufe ich ums Eck und erschleiche mir damit einen Termin hier.
33:59Ich muss ja erklären, dass der Bollywood-Boll noch liegt, liegt daran.
34:02Die hast du immer vor Graumanns Zeit vorbeigebracht, dass ich die tatsächlich schon habe.
34:08Wirklich?
34:08Ja.
34:09Aber du hast da so getan, als ob mich.
34:11Ja, ich wollte dich nicht.
34:12Das ist uns nicht sehr verletzend.
34:14Ja, du weißt, wie es ist.
34:16Hier kann man dann sehen, das ist immer sehr wichtig, die aktuellen Zeitschriften, wenn man wartet auf Christian Schertz, kann
34:22man hier immer gucken und überlegen, wer ist Mandant?
34:26Also, wer ist Mandant? Wo brennt es?
34:29Ist es zum Beispiel hier?
34:32Denn es kann bei Schertz immer alles sein.
34:34Der kann alle vertreten.
34:35Es kann sein, dass er jetzt zum Beispiel die Dynamitstangen vertritt oder Christian Lindner.
34:40Man weiß es vorher nicht.
34:42Die Dynamitstangen könnten sich zum Beispiel auch ungerecht behandelt fühlen.
34:46Oder dass hier zum Beispiel die Erben von Stauffenberg gegen die Tasche von Scholz klagen.
34:54Es ist alles möglich hier.
34:57Ja, du siehst aber auch hier deinen Buch mit ganz nah bei Katharina Ruhm da hinten.
35:02Völlig recht.
35:05Und in der Nähe von Roman Farrer auch.
35:08Das ist mir sehr recht.
35:09Das wäre so gut vielleicht besser.
35:11Und es ist noch eingeschweißt.
35:12Christian Schertz hat es aber trotzdem gelesen.
35:14Das weiß ich.
35:17Und zwar bevor es gedruckt wurde.
35:20Der Anwalt hat bei Stuckrad Bares Bestseller noch wach das juristische Lektorat übernommen.
35:25Ein Buch, das von einem System des Machtmissbrauchs in einem Medienunternehmen erzählt.
35:29Sehr pointiert.
35:31Aber für beide auch ein heikles Projekt.
35:33Das auch als MeToo-Schlüsselroman über den Machtmissbrauch im Axel Springer Verlag gelesen wurde.
35:40Was natürlich sowohl Autor als auch Jurist vehement bestreiten.
35:43Sie sagen, das Buch ist ein eigenständiges künstlerisches Werk.
35:48Und doch erinnert so manches darin an das, was hinter dieser Glasfassade passiert sein soll.
35:54An den Fall des ehemaligen Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt, der seine Macht gegenüber jungen Kolleginnen ausgenutzt haben soll für Affären.
36:03Lange geschützt von Springer-Chef Matthias Döpfner, mit dem Stuckrad Barre früher eng befreundet war.
36:13Als ich beschloss, dass ich einen Roman daraus schreiben möchte, beinahe muss, auch um das für mich selber zu verarbeiten
36:27und zu begreifen,
36:29da habe ich Dr. Scherz vorher gefragt, bevor ich jetzt wegfahre und das schreibe, wollen wir mal so ein paar
36:37Leitlinien festlegen.
36:40Dass du mir ein bisschen erklärst, was von der Wirklichkeit ich auf gar keinen Fall verwenden darf, was sich abschwächen,
36:47verändern muss oder so.
36:48Nur, dass ich ein bisschen das so ungefähr weiß.
36:52Und da sagte er, das machen wir auf gar keinen Fall, du schreibst das Buch, das du schreiben musst, schreiben
36:58willst und ich bringe hinterher den Müll runter, so könnte man sagen.
37:05Also erst die Kunst und dann guckt man, wie man sie durchkriegt.
37:13Und das fand ich sehr befreiend.
37:22Scherz hat nicht nur das Buch geprüft. Er hat auch Frauen anwaltlich beraten, die Julian Reichelt Machtmissbrauch vorwarfen.
37:30Und wenn man noch wach genau liest, dann findet man darin auch einen Beatles-liebenden Medienanwalt, der einem irgendwie bekannt
37:37vorkommen kann.
37:44Die beiden sind eng. Sie diskutieren gerne über Musik, Literatur, Kunst, über aktuelle Debatten oder bombardieren sich mit Beatles-Fachfragen.
37:54Aber manchmal wird es auch ganz grundsätzlich.
38:02Also mit Christian Scherz befreundet zu sein, hat ja viele Vorteile, könnte man jetzt denken.
38:11Es hat natürlich auch den Nachteil, das ist ein bildgebendes Verfahren dafür, wie Menschen eigentlich zum Rechtsstaat stehen.
38:23Denn es ist so, wenn er einen Fall übernimmt, wenn er da auf der vermeintlich richtigen Seite steht,
38:31nämlich da, wo die meisten in der Öffentlichkeit das Opfer sehen, dann ist es gut.
38:38Aber wenn er auf der anderen Seite steht...
38:41Gegen Bild zum Beispiel ist immer gut.
38:42Gegen Bild ist gut.
38:46Jetzt Till Lindemann zu vertreten wird auch kritisch gesehen, ja.
38:54Und dann wird es mir immer...
38:56Wie kannst du mit dem befreundet sein?
38:58Der vertritt Till Lindemann.
39:01So.
39:01Und ich habe dann jetzt in der Arbeit an diesem Buch auch wieder gemerkt,
39:07dass ich selber immer dachte, wenn er sagt, nein, da übertrittst du die Persönlichkeitsrechte.
39:12Wo man sagt, ja, das nervt schon, dass die Täter sozusagen, dass die auch Persönlichkeitsrechte haben.
39:23Das nervt.
39:26Redet man so mit sich selbst und merkt dabei, es ist sehr gut, dass ich kein Richter bin,
39:32weil nach Emotionen Recht zu sprechen, dann sind wir in der Hölle.
39:37Also dann ist da der Weg zum Faschismus.
39:40Und deswegen, lasst uns bitte darüber nachdenken,
39:44soll die Gesellschaft und auch die Medienrepublik Deutschland so sein,
39:47dass eben der einseitige Vorwurf, der erhoben wird,
39:50der darf gleich berichtet werden, führt zu der Gesellschaftlichen Knockout,
39:54der Nächste bitte.
39:55Das möchte ich nicht.
39:56Ja.
39:56Und ich halte es für falsch.
39:57Und wenn ich das so sagen darf, das hat jetzt nicht so viel mit MeToo zu tun.
40:01Man hat so viel Angst vor dir.
40:03Stellen Sie sich mal vor, ich bin auch aus taktischen Gründen mit dem befreundet,
40:07damit er nicht mein Feind ist.
40:08Ich habe dich einfach nur unterbrochen.
40:09Es ist unerträglich.
40:11Aber Christian.
40:12Darf ich noch einen Gedanken zu Ende führen?
40:14Nein.
40:14Du musst aufhören zu schreien, weil ich doch mit dir gemeinsam fest...
40:18Ich bin im Plädoyer.
40:19Ja, aber nein.
40:21Für mich ist das alles nichts.
40:23Ich kriege sofort Angst, wenn er so laut wird.
40:26Aber es ist toll, dass er es macht, ja.
40:29Manchmal auch für dich.
40:31Ja, eben.
40:31Da kann man sicher sein.
40:38Es ist mit Christian so, wenn ich den sehe, dann reden wir beide ganz viel los.
40:45Und man wird so, es ist so irgendwie, es geht so ein Regler hochgeschoben.
40:50Es wird alles ein bisschen schneller, ein bisschen lauter, ein bisschen interessanter.
40:53Und ich gehe immer mit so einem Herzklopfen hier dann raus, weil man so angedreht ist danach.
41:02Und ich kann mich auf den komplett verlassen.
41:07Und er wird mich immer beschützen, also egal, worum es geht.
41:18Und er wird immer anerkennen, dass die Kunst das Wichtigste ist.
41:32Die Künste und die Künstler.
41:39Scherz umgibt sich gerne mit Schauspielern, Intellektuellen, bekannten Menschen.
41:45Er ist bestens vernetzt.
41:48Und kann sich so auch immer wieder gezielt große Namen und öffentlichkeitswirksame Fälle schnappen.
41:57Personenschützer nennen ihn manche Mandanten.
42:00Zum Leidwesen derer, die auf der anderen Seite stehen.
42:04Wie Sie ja wissen, gibt es sehr viele Journalisten, die nicht so gut auf Christian Scherz zu sprechen sind.
42:10Und es ist als Journalistin oder Journalist heutzutage wirklich schwer, an ihm vorbeizukommen.
42:16Weil er ja nahezu alle Prominenten, inzwischen auch alle Politiker vertritt.
42:22Und man natürlich als Journalist immer wieder mit diesen Menschen zu tun hat.
42:26Und wenn man sozusagen dann immer wieder mit ihm aneinander gerät, hat man, glaube ich, tatsächlich ein großes Problem heutzutage.
42:35Er wehrt sich ja gegen diesen Begriff des Promi-Anwaltes, was er aber meiner Meinung nach zweifellos ist.
42:40Und ich glaube, er ist das auch doppelt.
42:41Er hat natürlich die ganzen Prominenten, die er vertritt.
42:45Und er ist selber inzwischen prominent.
42:47Und das ist auch nicht zufällig passiert.
42:49Ich glaube, da hat er auch sehr darauf hingearbeitet.
42:51Und er nutzt diese Prominenz natürlich auch.
42:55Das Manager-Magazin hat ihn mal als Kettenhund für die Privatsphäre des deutschen Geld- und Wirtschaftsadels bezeichnet.
43:07Kurz hatte er überlegt, dagegen vorzugehen. Aber das passt der Kanzlei wohl ganz gut.
43:12Und Scherz-Bergmann, das steht schon synonym für rigides Vorgehen.
43:23Ein guter Anwalt ist auch immer ein guter Schauspieler.
43:27Das merkt man bei diesen beiden vor allem vor Gericht.
43:32Aber auch so ist die Rolle hier eher die des harten Hundes.
43:45Gibt es Momente, wo Ihnen bewusst wird, dass Sie ja durchaus mächtige Herren hier sind?
43:56Ja, also so mächtig sind wir nun auch wieder nicht.
43:59Natürlich sind wir bekannt, also wenn Sie jetzt auf den Journalismus ansprechen, sicherlich,
44:05da wird das schon so sein, dass wenn ein Brief aus unserer Kanzlei kommt,
44:11dass das dann schon anders wahrgenommen wird.
44:15Da ist es dann schon, oh, Vorsicht, jetzt können Sie Ärger geben.
44:19Und gut, ich fasse das als Lob auf, ehrlich gesagt, für unsere bisherige gute Arbeit.
44:27Aber es ist natürlich auch ein Nebeneffekt, der für die Mandanten nicht ganz unwichtig ist.
44:36Denn es kann schon sein, dass ein Schreiben von uns auch im Vorfeld einer Berichterstattung dazu führt,
44:41dass Redaktionen sagen, den Ärger, den lassen wir, den brauchen wir nicht.
44:50Der Kampf um die Wahrheit, die wahre Geschichte.
44:55Das ist manchmal auch etwas, was zwischen Anwälten und Journalisten ausgefochten wird.
45:01Was darf an die Öffentlichkeit kommen? Was muss? Und was besser nicht?
45:06Nicht immer ist das ganz eindeutig.
45:14Der Journalist Stefan Niggemeier kennt Christian Scherz schon lange.
45:19Früher hat ihn Scherz beim Bildblog juristisch beraten, unentgeltlich.
45:24Er ist einer der wenigen Journalisten, der sich traut, auszusprechen,
45:28was in der Arbeit eines Medienanwalts kritisch sein kann.
45:34Ich glaube, am gefährlichsten sind die Dinge, die man nicht sieht.
45:38Christian Scherz steht sehr in der Öffentlichkeit, ist auch sehr sichtbar mit den Dingen, die er tatsächlich sagt,
45:43den Pressemitteilungen, den Tweets.
45:46Da kann man über vieles auch diskutieren. Das, glaube ich, ist aber nicht das große Problem.
45:49Ich glaube, die Frage ist, was passiert eigentlich im Hintergrund?
45:52Wo reicht ein Anruf von ihm mit etwas, was man zumindest als Drohung verstehen kann?
45:59Wo er vielleicht sagen würde, das ist ein freundlicher Hinweis.
46:02Wo aber vielleicht eine Journalistin oder Journalist sagt, das war aber jetzt wirklich ein Einschüchterungsversuch.
46:08Und an der Stelle wird es, glaube ich, problematisch, insbesondere, wenn man es nicht sieht von außen.
46:13Wenn die Öffentlichkeit eigentlich nicht merkt, was ist da verhindert worden.
46:19Ja, das hat er auch zu seiner Rolle gemacht.
46:23Einfluss nehmen auf Berichterstattung.
46:27Ausloten, was man so erreichen kann.
46:35Das sind Fälle, über die ich jetzt hier gar nicht vor der Kamera rede, also um es konkret zu machen.
46:39Ich habe ja ganz viele Fälle, wo sich Mandanten an mich wenden, wo noch gar nichts veröffentlicht ist, aber etwas
46:49passiert ist.
46:51Und sie sagen, wenn das öffentlich wird, bin ich tot.
46:56Und die wirklichen Masterpieces und OPs am offenen Herzen sind doch die, wo es mir gelingt,
47:02auch durch Hintergrundgespräche mit Journalisten, Chefredakteuren Veröffentlichungen zu verhindern.
47:09Der Schauplatz rechtlicher Auseinandersetzungen zwischen Anwälten und Journalisten ist nicht immer der Gerichtssaal.
47:17Meist werden schon vorher in den Redaktionen die harten Kämpfe ausgefochten.
47:27Manchmal verhindert er, dass die Öffentlichkeit eine Geschichte erfährt.
47:31Und manchmal ermöglicht er es erst.
47:35Darin liegt vielleicht seine eigentliche Macht.
47:38Denn es gibt auch Fälle, in denen Scherz es selbst zu nutzen weiß, Informationen an Journalisten weiterzugeben.
47:46So war es zum Beispiel beim ersten großen MeToo-Fall in Deutschland.
47:50Dem Fall Dieter Wedel.
47:59Mir war damals nicht bewusst, was wir damit auslösen. Das muss ich ganz klar sagen.
48:06Also, dass es wirklich MeToo nach Deutschland holt.
48:09Kurz nach dem MeToo-Skandal in den USA 2017 um Harvey Weinstein, dem Hollywood-Produzenten, der viele Frauen missbraucht hat,
48:17und dem Beginn der ganzen Bewegung, kommt auch in Deutschland etwas ans Licht, was lange verborgen war.
48:24Was bisher nur wenige wissen.
48:27Christian Scherz hat den Frauen geholfen, dass diese Geschichte rauskommt.
48:36Das System Wedel war seit Jahrzehnten allen Verantwortlichen in den öffentlich-rechtlichen Fernsehspielabteilungen bekannt.
48:45Es gab einen Fall, der erzählt wurde, wo eine Hauptdarstellerin durch Eingriffe von ihm schwer verletzt wurde.
48:51Die wurde dann einfach ausgetauscht. Die einzige Problematik war der Versicherungsschaden.
48:55Warum ist denn keiner von den Beteiligten in den Sendern damals an die Öffentlichkeit gegangen?
48:59Wedel. Regie-Star. Quotengarant.
49:04Der Anwalt hat Schauspielerinnen vertreten, die Wedel sexuelle Übergriffe und Gewalt vorwarfen.
49:09Bei dem Skandal ging es auch um ARD-Produktionen.
49:1230 Jahre wurde da geschwiegen. Insofern richtig nach außen damit. Anklagen.
49:19Der Ausgangspunkt war eine Schauspielerin, die Scherz um Hilfe bittet.
49:23Sie will öffentlich machen, was sie mit Wedel erlebt hat.
49:26Und er knüpft den Kontakt zur Zeitredaktion. Zu einer Journalistin, die er schätzt. Jana Simon.
49:32Gemeinsam mit ihrer Kollegin Annabelle Waber recherchiert sie monatelang investigativ und spricht mit vielen Betroffenen.
49:40Am Anfang hatten alle einfach nur wahnsinnige Angst. Also meistens saßen uns die Frauen zitternd und weinend gegenüber und hatten
49:49nur Panik.
49:50Eine davon war Patricia Thielemann. Heute ein echter Yoga-Star, die mehrere Yoga-Studios führt.
49:58Von hier mit dem rechten Fuß für den Krieger 2 nach hinten treten.
50:03Vor 33 Jahren aber eine junge Schauspielerin.
50:07Dieter Wedel lädt sie zum Casting für den Fernsehmehrteiler Der große Bellheim in ein Hotel.
50:12Er ist ausgesprochen höflich. Dann aber ändert sich die Situation abrupt.
50:21Sobald die Tür dieser Suite ins Schloss fiel, drehte der sich einmal komplett und wurde zum Hannibal Lecter.
50:28Und das war jetzt eben keine plumpe Anmache, sondern das war die Hand an der Gurgel rückwärts aufs Sofa geworfen,
50:35die Bluse aufgerissen. Und wo ich gedacht habe, wow, und kein Nein mehr gehört, Schaum vom Augen und drauf los.
50:44Und da hatte ich eben so einen Moment, wo ich dachte, okay, also das ist dir noch nie passiert.
50:50Stellst du dich jetzt tot und lässt das über dich ergehen? Oder was machst du jetzt?
50:55Und da habe ich eben so aus dem Reflex heraus im richtigen Moment zugehauen und bin da irgendwie rausgekommen.
51:03Das war wie eben der Anfang einer Vergewaltigung. Eben nicht jetzt mal eine Anmache, sondern das war...
51:12Die Rolle haben Sie dann...
51:14Die Rolle gab es gar nicht.
51:17In mehreren Zeitartikeln sprechen immer mehr Frauen von Übergriffen.
51:21Ein ganzes langjähriges System des Machtmissbrauchs wird freigelegt.
51:36Scherz hat dabei eine besondere Rolle. Er hilft den Frauen mit den Medien, aber er prüft auch, dass sie sich
51:42so äußern, dass Dieter Wedel sie nicht verklagen kann.
51:47Natürlich hat Dieter Wedel auch Persönlichkeitsrechte, es gilt auch da die Unschutzvermutung.
51:51Da war ich aber nun mal auf der anderen Seite und habe die Frauen begleitet, sie auch zu ermutigen, damit
51:58an die Öffentlichkeit zu gehen.
51:59Ich habe gesagt, ihr könnt es machen, ich werde euch schützen.
52:04Da habe ich Christian Scherz als jemand erlebt, der Interesse hatte an Aufklärung, der geholfen hat beim Zustandekommen dieser Geschichte.
52:13Ich meine aus einer inneren Überzeugung heraus, und das weiß ich auch zu schätzen.
52:22Das Team der Zeit hat mit mehr als 340 Menschen gesprochen. Sie lassen auch Dieter Wedel zu den Vorwürfen Stellung
52:29nehmen.
52:29Machen deutlich, dass es viele Belege gibt, aber dennoch die Unschuldsvermutung gilt, solange kein Gericht dazu geurteilt hat.
52:37Den Journalistinnen ist damit ein Scoop gelungen. Diese Verdachtsberichterstattung gilt bis heute als vorbildlich.
52:46Wenn man solche, also diese Art Vorwürfe, die ja doch sehr hart sind, wenn man das macht, dann muss man
52:53mit dem Gesicht rausgehen.
52:55Weil der andere, dessen Gesicht ist auch in der Öffentlichkeit. Ohne Gesicht geht das nicht.
53:00Dann ist das wie, also dann ist es einfach nicht, es ist nicht eine Ebene.
53:05Man riskiert natürlich dabei sehr, sehr viel als Opfer.
53:08Und ich weiß, dass es für die Frauen immer noch super, super hart ist, an die Öffentlichkeit zu gehen.
53:25Man muss aber dazu sagen, dass Wedel das bis zum Schluss immer abgestritten hat.
53:30Also er hat alle Vorwürfe, die gemacht worden sind, hat er bis zum Tod alle abgestritten und hat immer gesagt,
53:38das stimmt nicht.
53:39Also muss man auch sagen, hier steht immer Aussage gegen Aussage. Das ist ja auch das große Problem bei dieser
53:45MeToo-Berichterstattung.
53:49Es gibt nichts Problematischeres als MeToo-Recherchen und kaum etwas, was schwieriger ist.
53:57Der Fall Wedels, das war die, solange ich Chefredakteur bin, sicher die riskanteste Recherche, die wir je gemacht haben.
54:05Nicht nur wegen der hohen Verantwortung, die wir gegenüber dem Täter hatten, sondern auch, da stand auch die Reputation des
54:14ganzen Blattes auf dem Spiegel.
54:19Es gibt kaum etwas, was einer Frau Schlimmeres passieren kann als eine Vergewaltigung.
54:27Und, wichtig, es gibt kaum etwas Schlimmeres, was einem Mann passieren kann als eine falsche Beschuldigung, gerade in diesem Bereich.
54:39Der erste große MeToo-Fall in Deutschland. Er hat etwas verändert. Im Bewusstsein und im Journalismus.
54:48Dieter Wedel aber ist darüber tief gefallen.
55:01Es ist richtig, dass wir das öffentlich gemacht haben, obwohl sicherlich Dieter Wedel auch über diesen Vorwurf dann sehr öffentlich
55:11stigmatisiert war und eigentlich nicht mehr auftrat seit diesem Vorwurf.
55:15Aber es war trotzdem richtig, weil er war Täter, ja, im übertragenen Sinne auf jeden Fall.
55:23Das Verfahren gegen ihn konnte ja nicht zu Ende geführt werden, weil er dann verstarb.
55:28Strafrechtlich konnte der Fall nie aufgeklärt werden, weil Wedel vor einem möglichen Gerichtsverfahren starb.
55:34In den Medien und sozialen Netzwerken aber tobte die Meinungsschlacht.
55:38Und manche der Frauen waren üblen Drohungen ausgesetzt.
55:44Als dieser Artikel erschien, da bekam ich irgendwann abends um elf eine SMS.
55:52Und auf der stand, wenn Sie nicht jetzt endlich mit uns ein Interview führen,
56:01dann wird morgen was oder übermorgen was Ungutes in der Zeitung über Sie erscheinen.
56:08Und das wollen Sie nicht erleben.
56:10Und dann habe ich verängstigt auf dem Sofa gesessen und gedacht, wie reagierst du jetzt darauf?
56:17Und da habe ich auch nochmal mit Christian Scherz drüber gesprochen.
56:25Und der hat natürlich gefragt, ja, was könnten die finden?
56:29Und ich habe gesagt, ich bin mir keiner Schuld bewusst.
56:34Da gibt es nichts, was jetzt ganz schlimm wäre.
56:36Und dann hat er gesagt, ja, dann yogamäßig tief durchatmen, die Ruhe bewahren und dann spricht die Wahrheit für sich.
56:47Können Sie sagen, wer wendet denn solche Methoden an?
56:50Die BILD.
56:57Wir haben die BILD-Zeitung dazu befragt.
57:00Von ihrer Seite heißt es dazu, es gab absolut keine Drohung mit einer negativen Berichterstattung.
57:07Ein solches Vorgehen gehört auch nicht zu BILD.
57:14Die BILD würde Christian Scherz übrigens nie vertreten, sagt er.
57:24Warum hat er mit dem Fall Wedel die erste große MeToo-Geschichte in Deutschland öffentlich machen wollen?
57:32Die Beweise waren letztlich erdrückend.
57:35Trotzdem wusste er das ganz am Anfang noch nicht.
57:41Am Anfang saß da nur eine Frau, der er glaubte.
57:56Ich versuche schon, auf der richtigen Seite zu stehen.
57:59Und die Frage, was meine ich damit?
58:01Ich meine damit, ich würde auf Seiten derjenigen stehen, deren Rechte meines Erachtens verletzt worden sind.
58:10Und diese Überzeugung, die hatte er auch, als Till Lindemann zum ersten Mal in seine Kanzlei kam.
58:17Ich bin natürlich auch angefeindet worden, weil wir dieses Mandat übernommen haben, auch von Mandantinnen.
58:22Wie kannst du diesen Mann vertreten?
58:25Da habe ich gesagt, weil es in diesem Land immer noch möglich ist, sich einen Anwalt zu nehmen
58:28und sich dagegen zu wehren, dass Behauptungen aufgestellt werden, die nach seiner Auffassung nicht stimmen.
58:33Wir sind noch nicht in China. Es tut mir leid.
58:40Ich bin radikaler Interessenvertretung für die Interessen des Mandanten.
58:45Nichts anderes. Es ist nicht meine Aufgabe zu richten, zu beurteilen, zu bewerten,
58:50sondern meine Aufgabe ist, die Interessen des Klienten zu vertreten.
59:18Untertitelung des ZDF für funk, 2017
Comments