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00:21Devon im Südwesten von England.
00:28Wenn eine Farbe diese Region beschreibt, dann ist es grün.
00:36Ein Meer von Feldern bis zum Horizont.
00:42Hier geht es gemächlicher zu als im Rest des Vereinigten Königreichs.
00:48Bis ein tierischer Rückkehrer absolut alles auf den Kopf stellt.
01:11Das ist ein tierischer Rückkehrer.
01:38For David White is photography since his childhood a Leidenschaft.
01:43Schon mehrfach hat der pensionierte Lehrer mit seinen Tieraufnahmen Preise gewonnen. Fast täglich bricht er zu Fotosafaris in seiner Heimat
01:53Devon auf.
01:59Einer dieser Ausflüge sollte 2013 Schlagzeilen machen.
02:09Sein Ziel war damals der River Otter. Ein kleines, nur 44 Kilometer langes Flüsschen, das außerhalb von Devon nur wenige
02:18kannten und in kaum einem Reiseführer erwähnt wird.
02:22Das aber mit David Whites Hilfe landesweit berühmt werden sollte.
02:38David bricht meist in den frühen Morgenstunden auf, wenn die meisten noch schlafen. Dann ist er ungestört.
03:02Vögel sind sein Lieblingsmotiv. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein bei dem Flussnamen, Fischotter.
03:17David kennt den Fluss und alle seine Bewohner. Zumindest dachte er das.
03:26Das hier ist die Stelle, wo ich die Spur fand. Heute sind hier viele Abdrücke von Hunden, aber damals hatte
03:34ein Hochwasser alle Spuren weggespült.
03:36Außer einer. Sie hatte eine seltsame Form und war sehr groß. So was hatte ich noch nie gesehen.
03:45Ich wusste sofort, wir haben jemand Neues am Fluss.
04:02Ich bin den Fluss hoch und runter abgelaufen und fand einige angenagte Holzstücke.
04:08Ich dachte, also entweder haben wir hier ein bisher unbekanntes Rieseneichhörnchen oder es muss ein Biber sein.
04:19Aber es kann kein Biber sein. Die sind in England seit mehreren Jahrhunderten ausgestorben.
04:25Ich wollte meinen Ruf nicht ruinieren.
04:32Ich brauchte unbedingt einen Beweis. Ein Foto von einem Biber. Das wäre ein stichhaltiger Beleg.
04:44Die wenigen Freunde, denen David White von seiner Vermutung erzählte, waren mehr als skeptisch und machten sich lustig über seine
04:53Suche nach dem Phantom vom River Otter.
04:57Doch David gab nicht auf. Immerhin ging es um seinen guten Ruf. Er wollte dieses Rätsel unbedingt lösen, legte sich
05:05Tag für Tag auf die Lauf.
05:09Und schlussendlich zahlte sich seine Beharrlichkeit aus.
05:25Es hat etwa ein Jahr gedauert, bis ich ein wackeliges und kurz darauf auch ein scharfes Foto hatte. Und da
05:31wusste ich, er ist wirklich da.
05:38Da der letzte freilebende englische Biber im 16. Jahrhundert von Jägern erlegt worden war, verbreitet sich die sensationelle Neuigkeit rasant.
05:49Das Tier wird Bob getauft. Erst später bringt eine Untersuchung ans Licht. Der Biber ist ein Weibchen.
05:56Kurzerhand wird Bob einfach in Mrs. Bob umbenannt.
06:04An Land bewegt sich der Biber behäbig. Sein wahres Revier ist das Wasser.
06:14Bis zu 15 Minuten lang können Biber unter Wasser bleiben und flink manövrieren.
06:22Vorausgesetzt, die Bahn ist frei.
06:31Wie Mrs. Bob an den River Otter gekommen ist, bleibt unklar.
06:35Wahrscheinlich ist sie aus einem Wildpark entlaufen oder ausgesetzt worden.
06:39Ein Mysterium, das den Medienrummel noch mehr anfahrt.
06:44Britanniens erster Biber seit 500 Jahren fotografiert.
06:48Freilebender Biber am River Otter.
06:50Ein Biber in England? Ich kann's nicht fassen.
06:56Alle wollen Zeuge dieser wundersamen Rückkehr sein.
07:00Aus dem ganzen Land strömen Menschen zum River Otter und kurbeln den lokalen Tourismus an.
07:14Das idyllische Devon wird Brennpunkt eines immer grösser werdenden Biber-Hypes.
07:32Sogar ein Bier wird nach dem Nager benannt.
07:35Beworben mit dem Slogan, es hat Biss.
07:44Und dann stellt sich 2014 heraus, Mrs. Bob kann nicht der einzige Biber am River Otter sein.
07:51Es muss noch mindestens ein weiteres, männliches Tier geben.
08:00Jemand filmte Biber-Jungtiere. Sie vermehren sich also.
08:05Da brach Panik aus.
08:06Wir müssen sie wieder loswerden, wir können das nicht kontrollieren, sagten einige.
08:11Andere meinten, nein, nein, wir wollen, dass sie bleiben.
08:15Es war ein heilloses Durcheinander.
08:21Die Bibergegner fürchten, die Tiere könnten die an den River Otter angrenzende Landwirtschaft schädigen.
08:27Der wichtigste Wirtschaftszweig in Devon.
08:31Ihr Schreckensszenario, Krankheiten könnten auf Nutztiere übertragen werden, die Biberdämme Felder überschwemmen.
08:41Ob die Biber bleiben oder besser wieder eingefangen werden sollen, polarisiert die Bevölkerung und wird zu dem Gesprächsthema in jedem
08:50Pub.
08:53Zurück in Britain, aber nicht bei jedem Willkommen.
08:56Regierung besorgt wegen Rückkehr eines schädlichen Tieres.
09:00Baron bietet 1000 Pfund, wenn jemand lästige Biber tötet.
09:09Der Streit soll in London entschieden werden.
09:12Als die Regierung dazu tendiert, die Tiere einfangen zu lassen, kommt für die Biber unerwartete Hilfe aus der Stadt Exeter,
09:20der Hauptstadt von Devon.
09:32Hier arbeitet der Ökologe und Tierschützer Mark Elliott bei einer der angesehensten regionalen Umweltschutzorganisationen.
09:48An diesem kritischen Punkt schlugen wir damals ein Forschungsprojekt vor, um herauszufinden, ob Mensch und Biber nicht friedlich zusammenleben können.
09:58Die Regierung willigte ein, aber sie gab uns keine öffentlichen Gelder. Es war daher ein großes Risiko.
10:05Wir sollten das auf fünf Jahre angelegte Forschungsprojekt finanzieren und die Verantwortung für die Biber übernehmen.
10:12Wenn die Tiere irgendeinen Schaden angerichtet hätten, dann wären wir dafür haftbar gewesen.
10:19Trotz des Risikos sah Mark Elliott die einmalige Chance. Das Comeback einer in Englands Natur ausgestorbenen Tierart.
10:31Um die Regierung davon zu überzeugen, die Biber in Freiheit leben zu lassen, mussten sie die vielen positiven Effekte der
10:39Biber für die Umwelt stichhaltig beweisen.
10:45Wir mussten so viel erforschen. Wir mussten sicherstellen, dass die Tiere gesund sind, immer ein Auge auf sie haben und
10:52schnell Kontakt zu allen Leuten aufnehmen, in deren Nachbarschaft sie lebten.
10:56Wir wurden über Nacht ins kalte Wasser geworfen und hatten viel zu tun.
11:06Beispielsweise Leute besuchen, die Ärger mit Bibern haben.
11:39Musik
11:44Für Mark Elliott und seinen Mitarbeiter Jake Chant ist klar, die Zukunft ihrer Schützlinge hängt davon ab, ob die Menschen
11:53sie akzeptieren, die den Nagetieren tagtäglich begegnen.
11:58Seit dem Beginn des Forschungsprojekts im Jahr 2015 sind sie rund um die Uhr unter einer Notfallnummer erreichbar.
12:06Aufkommende Konflikte zu lösen und Kompromisse zu finden, sind neben der wissenschaftlichen Untersuchung die wichtigste Aufgabe ihrer Arbeit.
12:29Die Rentnerin Barbara Chambers wohnt an einem kleinen Nebenfluss des River Otter.
12:35Ganz in der Nähe haben sich einige von Mrs. Bobs Nachkommen als neue Nachbarn angesiedelt, die immer wieder in ihren
12:43kleinen Obstgarten einfallen.
12:47Das ist ganz frisch. Man sieht, der Weg wird regelmäßig benutzt. Sogar Fußabdrücke sind hier, hoch in den Obstgarten, um
12:57ein paar Äpfel zu holen.
12:58Und da, auf der anderen Seite auch.
13:04Biber können Äpfeln einfach nicht widerstehen. Deshalb eignen sie sich auch als Köder für Kamerafallen.
13:39Musik
13:49Aber Barbara liebt nun einmal ihre Apfelbäume.
13:53Mark und Jake haben deshalb die Stämme gesichert.
13:56Das Metallgeflecht soll verhindern, dass die Biber Barbaras Apfelbäume fällen, um an das heiß begehrte Obst zu kommen.
14:04Ein einfaches und effektives Mittel, das weiteren Ärger gar nicht aufkommen lässt.
14:16Musik
14:16Für die Biber bleibt genug Fallobst übrig, das Barbara den Tieren gerne gönnt.
14:23Musik
14:30Die Anzahl der Konflikte hat seit Mrs. Bobs Sichtung im Jahr 2014 stetig zugenommen.
14:37Musik
14:38Seitdem ist die Biberpopulation dynamisch gewachsen.
14:41Mittlerweile leben über 22 Familien und fast 100 Tiere im Einzugsgebiet.
14:49Auf der Suche nach neuem Lebensraum wandern einige Biber inzwischen die kleineren Zuflüsse des River Otter hinauf.
14:56Musik
14:58Mark Elliott möchte ihr Verhalten an einem kleinen Bach mit Kamerafallen überwachen.
15:03Vor allem an diesen flacheren Gewässern nehmen die Probleme mit Menschen zu.
15:08Die nachtaktiven und scheuen Biber sind hier viel umtriebiger als am Hauptfluss.
15:28An den seichten Bächen fangen die Biber an, das Wasser mit Dämmen aufzustauen.
15:33Die tierischen Architekten haben bereits größere Stämme im Bach verankert.
15:39Jetzt verstärken sie dieses Grundgerüst mit Steinen, Ästen und Schlamm.
15:46Biber brauchen eine Wassertiefe von mindestens 60 Zentimetern, damit die Eingänge zu ihren Bauten unter Wasser liegen und sie bei
15:55Gefahr schnell untertauchen können.
16:02Das emsige Bauen macht natürlich hungrig.
16:06Um an die schmackhaften Knospen in den Baumkronen und an weiteres Baumaterial zu gelangen, machen die Biber auch das, wofür
16:14sie berühmt sind.
16:19Einen Baum mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern fällt ein Biber problemlos in einer Naht.
16:34Ein englisches Sprichwort lautet fleißig wie ein Biber.
16:37Man ist andauernd beschäftigt. Wenn du nachts hier hinkommst, dann kannst du hören, wie sie irgendwo an einem Baum nagen.
16:43Und es scheint nie aufzuhören.
16:46Sie haben diese ungebremste Energie, verändern ununterbrochen die Landschaft, sind unermüdlich.
16:53Ich glaube, sie wären die besten Arbeitnehmer, die man sich nur wünschen kann.
17:00Der größte Damm, den Mark Elliott bisher gefunden hat, war fast anderthalb Meter hoch.
17:05Diese Bauwerke haben dem Biber den Spitznamen Öko-Ingenieur eingebracht.
17:12Dass die aufgestauten Teiche ihren Zweck als Fluchtraum erfüllen, zeigt sich, wenn unerwarteter Besuch auftaucht.
17:25Ihr Biber-Forschungsprojekt verpflichtet den Devon Wildlife Trust regelmäßig, alle Biber-Reviere zu kontrollieren.
17:33Jedes Mal sind Mark Elliott und Jake Chant aufs Neue beeindruckt.
17:37Schon eine Biber-Familie reicht aus und nichts bleibt, wie es war.
17:47Wenn du diese Dämme siehst, die Wasser aufstauen und großflächig neue Feuchtgebiete schaffen, dann siehst du, wie unsere Bäche in
17:55Wirklichkeit sein sollten.
17:58Alle Bäche haben früher so ausgesehen. Aber wir haben sie begradigt und gezähmt.
18:04Es ist einfach wunderbar, diesen Wandel unserer Wasserwege mitzuerleben. Absolut verblüffend.
18:20Das Wiederauftauchen der Biber stößt aber nicht überall auf Begeisterung.
18:26Angeln ist in England Volkssport. Für mehr als drei Millionen Briten heißt es regelmäßig Petri Heil.
18:36Einer von ihnen ist Martin Hamer, Vorsitzender der Launston Anglers Association.
18:43Bevorzugt angeln er und seine Freunde nach Forellen und Lachsen, die im Frühjahr zum Laichen die Flüsse im Südwesten Englands
18:50hochschwimmen.
18:56Wenn sie einen Fisch am Haken haben, wird dieser meistens wieder ins Wasser geworfen.
19:03Viele Fischarten sind in den englischen Flüssen gefährdet, finden immer weniger für sie geeigneten Lebensraum.
19:11Lachse gelten sogar als vom Aussterben bedroht.
19:20Ich verstehe die Gründe, die für die Wiederansiedlung des Biebers sprechen.
19:25Dass sie neue Feuchtgebiete schaffen und sich dadurch auch die Natur als Lebensraum erholt.
19:33Wir sehen nur das Problem, dass die Wiederansiedlung und die damit verbundenen Dämme die Fischwanderung der Lachse und Forellen beeinflussen
19:40könnte.
19:41Nicht nur bei Jungfischen, sondern auch bei Ausgewachsenen.
19:51Die bisherigen Forschungsergebnisse des Devon Wildlife Trust entkräften diese Befürchtungen.
19:58Trotz Biberdämmen hat sich der Fischbestand am River Otter in den letzten Jahren sogar vergrößert.
20:04Die Angler sind aber noch nicht überzeugt.
20:11Diese Flüsse haben sich in den letzten 500 Jahren ohne Biber weiterentwickelt.
20:16Deshalb muss eine Wiederansiedlung unvoreingenommen beurteilt werden.
20:20Wir sind nicht prinzipiell dagegen, aber wir brauchen ein langfristiges Forschungsprogramm,
20:25um herauszufinden, wie sich Biber in unser bestehendes Ökosystem einfügen.
20:36Genau dieses Forschungsprogramm ist die Kernaufgabe des Devon Wildlife Trusts.
20:42Das Problem ist nur, der River Otter und die Nebenflüsse sind fast überall von landwirtschaftlich genutzten Feldern eingezwängt.
20:50Wie soll Mark Elliott in dieser vom Menschen dominierten Welt verlässliche Aussagen über die Einflüsse des Bibers auf die Natur
20:58treffen,
20:59wenn der Biber dafür keinen Platz hat?
21:06An diesem kritischen Punkt kann Mark Elliott auf ein einzigartiges Experiment zurückgreifen.
21:1570 Kilometer westlich vom River Otter wurde 2011 ein fast drei Hektar großes Gelände eingezäunt und dort ein Biberpärchen ausgewildert.
21:39Seitdem untersuchen Mark Elliott und Wissenschaftler von der University of Exeter den Wandel in diesem einmaligen Freiluftlabor.
21:51Die Forscher greifen in dem Gehege nicht aktiv ein. Sie beobachten nur, was passiert, wenn der Biber ungestört leben darf.
22:07Vom ersten Tag an begannen die vierbeinigen Landschaftsgärtner, ihr neues Zuhause umzugestalten.
22:15Sie nutzen dafür nicht nur ihre Zähne, sondern vor allem auch ihre Pfoten, die sie geschickt wie zwei Hände einsetzen.
22:24Die Biber legten ein verzweigtes Kanalsystem an, stauten mit Holzdämmen den Bach auf und schufen großflächige Teiche.
22:36Die Forscher waren von der Schnelligkeit der dramatischen Veränderungen überrascht.
22:41In nur zehn Jahren verwandelten die Biber das einstmals kleine Wäldchen mit einem schmalen Bach in eine feuchte Wildnis.
22:54Wir bezeichnen Biber als Schlüsseltierart, weil sie so dramatische Veränderungen einleiten.
23:00Das sind absolut chaotische Effekte, aber als Ökologe sieht man genau in diesem Chaos die Chancen für viele Pflanzen und
23:08Tierarten.
23:11Was Biber mit dem Wasser machen, wie sie Bäume fällen, wie sie die Umwelt verändern, belebt wieder viele natürliche Prozesse.
23:27Während das Insektensterben weltweit voranschreitet, sind hier mittlerweile wieder zwölf mitunter seltene Libellenarten heimisch.
23:37Darunter die kleine Hufeisen-Azur-Jungfer.
23:43Oder die blaugrüne Mosaik-Jungfer, die gerade aus ihrer Larvenhaut schlüpft.
23:53Es dauert über zwei Stunden, bis Körper und Flügel aufgepumpt und ausgehärtet sind.
24:00Dann ist sie startbereit für ihren Jungfernflug.
24:13Auch im Wasser ist das Leben explodiert.
24:15Die Anzahl der Wasserkäferarten hat sich verfünffacht.
24:20Und fast 70 Mal mehr Froschleich finden die Naturschützer heute.
24:29Was nicht nur die Forscher freut, sondern auch andere Tierarten.
24:48Jedes Jahr fotografieren Forscher der Universität Exeter das Gehege mit einer Drohne.
24:53Sie wollen die vollständige Größe und die Veränderung der Wasserflächen dokumentieren,
24:59die für diese rasant angestiegene biologische Vielfalt verantwortlich sind.
25:05Deren Ausmaß offenbart sich erst aus der Vogelperspektive.
25:18Professor Richard Brazier leitet die Untersuchungen.
25:21Er vermutet, dass die Biber im letzten Jahr mindestens zwei weitere Dämme angelegt haben.
25:29Über die letzten zehn Jahre haben sie mit ihren Fotos einen beeindruckenden Wandel festgehalten.
25:39Vor dem Eintreffen der Biber floss ein 30 Zentimeter breiter Bach durch das Gehege,
25:44der im Sommer regelmäßig austrocknete.
25:49Durch die Biber wurde dieses Rinnsal zu einer urtümlichen Wasserlandschaft aufgestaut.
25:5413 Dämme speichern mittlerweile mehr als eine Million Liter Wasser auf einer Fläche von 1600 Quadratmetern.
26:06Wenn wir ein Biberrevier betreten und die Veränderungen sehen, die diese Tiere auslösen,
26:12dann ist das wie eine Zeitreise, in eine Welt, bevor der Mensch sie urbar machte.
26:16Und diese Welt ist nicht geradlinig.
26:19Es gibt keine kanalisierten Bäche, kein schnell abfließendes Wasser.
26:29Und ein anderer wichtiger Punkt, der uns überraschte,
26:32in trockenen Wetterperioden, wie jetzt im Sommer,
26:37fließt wegen fehlendem Regen kein Wasser oben in das Gehege.
26:41Trotzdem geben die Dämme immer noch Wasser ab.
26:43In Dürrezeiten versorgt der Biber mit seinen Dämmen den Bach unterhalb des Geheges kontinuierlich mit Wasser.
26:52Was für die gesamte Wasserflora und Fauna fantastisch ist.
26:56Sie geben Wasser in Trockenphasen ab.
27:03Die Biberteiche verbessern nicht nur das Mikroklima.
27:07Aber sie sind auch wertvolle Verbündete im Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels.
27:15Und noch etwas ist Richard Brazier aufgefallen.
27:20Er nimmt eine Probe des Wassers, das in das Gehege fließt.
27:24Dieses ist viel trüber, als das Wasser, das unterhalb der Biberdämme das Gehege verlässt.
27:30Der Unterschied zwischen beiden Proben ist offensichtlich.
27:40Ein Rätsel, das Richard Brazier an der Universität von Exeter lösen möchte.
27:52Die Laboruntersuchungen der unterschiedlichen Wasserproben ergeben,
27:56unterhalb des Bibergeheges sind die Sediment- und Phosphatwerte deutlich geringer als darüber.
28:03Die hintereinander gestaffelten Biberdämme verlangsamen anscheinend den Wasserlauf so stark,
28:09dass sich Sedimente absetzen und Pflanzen dem Wasser Schadstoffe entziehen können.
28:14Sie funktionieren wie eine natürliche Kläranlage.
28:22Wir bezeichnen Biber als Öko-Ingenieure, denn sie verändern das komplette Ökosystem.
28:28Aber darüber hinaus sind sie auch Wassermanager.
28:32Sie beeinflussen die Wassermenge, also Quantität, genauso wie die Wasserqualität.
28:37Und das machen sie rein instinktiv. Es ist ihr natürliches Verhalten.
28:51Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Biber ihr natürliches Verhalten nur in einem Gehege ausleben dürfen.
29:01In dem eingezäunten Gelände sind die positiven Effekte des Bibers für die Umwelt unbestreitbar.
29:08Aber gilt das auch, wenn dem Biber keine Grenzen gesetzt sind?
29:12Wenn seine chaotische Natur auf unsere strukturierte Welt trifft?
29:24Devon ist Farmerland.
29:28Hier leben mehr Kühe als in anderen englischen Counties.
29:33Sie geben jährlich mehr als eine Milliarde Liter Milch mit einem Wert von fast 300 Millionen Euro.
29:44In diesem Agrar-Hotspot hat das Bigton College seinen Sitz.
29:49Eine der renommiertesten Landwirtschaftsschulen des Vereinigten Königreichs.
29:56Das College liegt in unmittelbarer Nähe zum River Otter.
30:00Es steht stellvertretend für die Skepsis eines Großteils der Bauern gegenüber Bibern.
30:09James Coombe ist seit sieben Jahren Verwalter des college-eigenen landwirtschaftlichen Betriebs.
30:16Doch seit 2017 muss er sich nicht nur um den Hof und seine Kühe kümmern, sondern auch um Biber.
30:24Damals wanderten einige Tiere durch einen kleinen Bach auf das Gelände des College,
30:29stauten das Wasser auf und überfluteten großflächig Weideland.
30:33Seitdem arbeitet James eng mit dem Devon Wildlife Trust zusammen.
30:39Erst kürzlich ließen sie gemeinsam das Wasser aus einem Biberteich ablaufen.
30:44Aber anscheinend bauen die Tiere ihre Dämme wieder auf.
30:48James findet, in den Medien werden häufig nur die positiven Effekte des Bibers herausgestellt.
30:56Die Sorgen von Geschädigten wie ihm aber nicht ernst genommen.
31:04Es ist gut möglich, dass ein Viertel der tiefer liegenden Felder um uns herum überflutet werden,
31:09wenn wir den Biber einfach machen lassen.
31:13Wir achten also darauf und greifen notfalls ein, denn wenn wir das nicht täten, würde sich der Schaden schnell ausbreiten.
31:24Wenn sie nicht regelmäßig Wasser aus den Biberteichen ablassen, werden vier Hektar Weideland dauerhaft überflutet.
31:32Das Bigton College möchte aber, wie auch die meisten anderen Bauern, jeden Quadratmeter Land bis direkt an die Wasserläufe nutzen.
31:41Ansonsten lägen die Umsatzeinbußen allein für das Bigton College bei 18.000 Euro pro Jahr.
31:51Das ganze Flussteil wird landwirtschaftlich genutzt.
31:54Teile davon an die Natur zurückzugeben, zum Beispiel den Bibern zu überlassen, wäre aber aus Umweltschutzgründen absolut vernünftig.
32:02Es geht also nicht nur um unsere finanziellen Einbußen.
32:07Es ist letztlich doch eine viel größere Frage, wie viel Veränderung sind wir bereit, für wie viel Nachhaltigkeit zu akzeptieren.
32:16Uns Landwirten hat man gesagt, es könnte auf Landesebene Entschädigungszahlungen geben.
32:21Aber im Moment überwiegt das Gefühl unter uns Bauern, dass viele Details dafür noch nicht geklärt sind.
32:28Wir tappen ein wenig im Dunkeln, wie das Ganze letztendlich ausgehen wird.
32:38Die englische Regierung hält sich bisher mit verbindlichen Zusagen zurück.
32:44Auch wenn viele Farmer die Vorteile der Biber für die Umwelt anerkennen,
32:48solange Ausgleichszahlungen fehlen, bestehen die meisten darauf,
32:52dass Mark Elliott und Jake Chant Wasser aus den Biberteichen ablassen.
33:00So paradox es klingt, letztlich helfen sie den Bibern.
33:05Nur so können sie Konflikte entschärfen, damit Bauern nicht eigenmächtig gegen die Biber vorgehen.
33:14Die Biber haben jedoch für diese Abrissarbeiten nur wenig Verständnis.
33:34Bis zu viermal müssen Mark und Jake die neuen Dämme einreißen,
33:38bevor die Biber klein beigeben und weiterziehen.
33:42Dabei könnten die Dämme zur Lösung eines weiteren großen Problems in Devon beitragen.
34:03Der Südwesten von England wird regelmäßig von schweren Regenfällen heimgesucht.
34:11Über 120 Liter pro Quadratmeter können hier aus den vom Atlantik aufziehenden Regenfronten in nur einer Stunde niederprasseln.
34:28Unwetter, die verheerende Überschwemmungen verursachen und aufgrund des Klimawandels noch häufiger eintreten könnten.
34:36Allein im Südwesten Englands leben ungefähr 130.000 Menschen in Hochwasserrisikozonen.
34:51Für den Überflutungsschutz ist in England die Environment Agency zuständig.
34:59Tom Dorben analysiert seit mehr als 15 Jahren das Unwetterrisiko für die Counties Devon und Cornwall.
35:08Weite Küsten- und Flussgebiete gelten als stark hochwassergefährdet.
35:1350 Millionen Euro gibt seine Behörde jährlich allein in diesen beiden Regionen für den Hochwasserschutz aus.
35:21Auch der River Otter gilt als Risikozone. Eine Simulation zeigt, bei Starkregen überflutet er großräumig Wohngebiete.
35:37Viel Geld floss in den letzten Jahrzehnten in den Bau von Erd- und Betondämmen, um Großstädte wie Exeter vor
35:44den Wassermassen zu schützen.
35:48Doch die Höhe der Dämme wurde anhand von Simulationen berechnet, die angesichts immer häufigerer Starkregenereignisse schon wieder überholt sind.
35:57Weitere Erhöhungen wären extrem kostspielig und langwierige Bauvorhaben.
36:04Deswegen setzte in der Environment Agency ein radikales Umdenken ein.
36:15Um eine Flut zu erklären, benutzen wir eine sogenannte Abflussmengenkurve.
36:21Sie zeigt die Wassermenge und Verteilung einer Flutwelle. Wir versuchen die Höhe dieser Kurve zu verringern.
36:27Wir können nicht die Wassermenge reduzieren, weil wir nun mal nicht ändern können, wie viel Regen fällt.
36:33Aber wir versuchen den Abfluss zu verlangsamen und zu verlängern.
36:37Die Auswirkungen der Flut wären niedriger und beherrschbarer.
36:52Das Zauberwort für diese neue Herangehensweise lautet Natural Flood Management, natürlicher Überschwemmungsschutz.
37:01Und der richtet sein Augenmerk nicht auf die großen Flüsse, sondern auf die weiten Flächen, auf die der Regen fällt.
37:12Im menschenleeren Dartmoor Überflutungsschutzmaßnahmen zu installieren, die Idee wirkt zunächst abwegig.
37:21Auch die hiesigen Bewohner beäugen Tom Dorben skeptisch.
37:28Doch der Ansatz ist erfolgversprechend.
37:31Bei Starkregen verwandelte sich dieser trockene Kanal bisher in einen reißenden Strom.
37:37Jetzt verlangsamen Steindämme die Wassermassen.
37:40Sie rauschen nicht mehr ungebremst talwärts, sondern werden nach und nach abgegeben.
37:50Die Environment Agency experimentiert mit den unterschiedlichsten natürlichen Materialien.
37:56In einem anderen Abflusskanal haben sie Holzdämme errichtet.
38:01Tom kontrolliert die Holzbohlen. Sie sollen das Wasser aufhalten, nicht stauen.
38:07Ansonsten könnte der Damm brechen und eine noch größere Flutwelle zur Folge haben.
38:16Wir versuchen, diese undichten Dämme genau dort zu bauen, wo die Überschwemmungen ihren Ursprung haben.
38:22Die Idee ist, mit Hunderten davon in den kleinen Zuflüssen das Problem genau da anzugehen, wo es beginnt.
38:34Wenn Ingenieure schon Stein- und Holzdämme einsetzen, könnten ihnen Biber an kleinen Bächen nicht die Arbeit abnehmen?
38:44Immerhin bauen die tierischen Architekten schon seit Jahrtausenden ihre Dämme. Und das sogar völlig umsonst.
38:58Genau das untersucht Professor Richard Brazier an der Universität in Exeter.
39:06Als Glücksfall stellt sich für ihn heraus, dass es für einen Bach schon seit Jahren Aufzeichnungen über die Wassermengen bei
39:13Starkregenereignissen gab,
39:15bevor sich dort Biber ansiedelten.
39:18Seitdem messen seine Instrumente, ob sich diese Werte durch die Biber und ihre Dämme verändert haben.
39:25Die Ergebnisse sind eindeutig.
39:29Rot zeigt die ursprüngliche Wassermenge an, bevor der Biber am Bach lebte.
39:34Blau die viel niedrigeren Werte aufgrund der tierischen Staudämme.
39:39Anstatt einer bisher normalen Flutwelle in Rot, ist die blaue Kurve aufgrund der Biberdämme genau das, was die Environment Agency
39:48als Ziel ausgegeben hat.
39:50Ein niedrigerer und gestreckter Abfluss der Wassermassen.
39:57Wenn Biberdämme bauen, dann helfen sie uns und verkleinern das Überschwemmungsrisiko.
40:03Sie halten viel Wasser zurück und stärken so andere Schutzmaßnahmen, vor allem angesichts von zunehmenden Unwettern, infolge des Klimawandels.
40:19Dass dies tatsächlich funktioniert, zeigt sich in dem Dorf East Buddley.
40:24Es liegt an einem Nebenfluss des River Otter.
40:27So harmlos der kleine Bach aussieht, bei Starkregen überschwemmt er normalerweise große Teile des Dorfs.
40:35Seit vier Jahren sind diese Überflutungen aber ausgeblieben, obwohl es Unwetter gab.
40:42Die Erklärung dafür findet sich nur eine Meile oberhalb des Dorfs.
40:47Dort hat sich eine Biberfamilie angesiedelt.
40:51Ihre Dämme halten bei Starkregen bis zu 62 Prozent der Wassermenge zurück, die früher East Buddley erreichte.
41:07Die Rückkehr der Biber bietet große Chancen.
41:10Für einen geringen Verlust an Nutzfläche, die überschwemmt wird, steigern die Öko-Ingenieure nicht nur die Artenvielfalt.
41:19Sie reinigen auch das Wasser und beugen Überschwemmungen vor.
41:23So lautet das Fazit des Devon Wildlife Trusts nach Abschluss seines Forschungsprojekts.
41:30Doch würde die englische Regierung dem folgen?
41:33Oder die Biber trotzdem wieder einfangen lassen?
41:37Warum 2020 ein gutes Jahr für Englands Biber ist?
41:42Biberfamilien bekommen Bleiberecht.
41:45Englands Biber dürfen am River Otter leben.
41:51Das war ein toller Tag.
41:53Als endlich klar war, dass die Biber bleiben dürfen und sich fünf Jahre Arbeit bezahlt gemacht haben.
41:59Diese Tiere waren endlich wieder dort, wo sie hingehören.
42:02Das war wirklich ein besonderer Tag.
42:09Die Entscheidung war aber nur ein halber Sieg. Denn freilebende Biber sind ausdrücklich nur am River Otter erlaubt.
42:19Während in Deutschland ungefähr 25.000 Biber leben, bleiben sie in England trotz ihres Nutzens für die Natur eine Seltenheit.
42:29Ob die Tiere auch in anderen englischen Regionen ausgewildert werden dürfen, wird weiterhin kontrovers diskutiert.
42:36Letztlich wird es davon abhängen, ob man an ein Zusammenleben von Mensch und Tier glaubt.
42:44Und ob man bereit ist, in unserer Welt ein kleines bisschen Chaos zuzulassen.
43:19Untertitelung des ZDF für funk, 2017
43:22Untertitelung des ZDF für funk, 2019
43:28You
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