Jimengs Reise
In einer Stadt aus grauem Stein und stillen Uhren lebte Jimeng. Die Tage waren alle gleich, ein leises Ticken ohne Melodie. Doch in Jimeng schlummerte eine Sehnsucht, ein Echo von etwas, das vergessen schien. Eines Nachts, als der Mond wie eine silberne Sichel am Himmel hing, hörte Jimeng es zum ersten Mal: eine Melodie, so zart wie Spinnenseide und so alt wie die Sterne. Sie kam von nirgendwo und schien doch von überall zu rufen.
Angetrieben von einer Kraft, die stärker war als jede Vernunft, verließ Jimeng die Stadtmauern, hinter denen die Welt endete, so hatte man es immer gesagt. Doch dahinter endete nichts. Es begann alles. Die grauen Mauern wichen einem Land, das in Farben getaucht war, für die Jimeng nicht einmal Namen hatte. Jeder Schritt war ein Pinselstrich auf der Leinwand der eigenen, stillen Welt.
Die Reise führte durch den Wald der flüsternden Lichter, wo verirrte Träume und vergessene Lieder als schwebende Irrlichter zwischen den Bäumen tanzten. Sie gaben keine Antworten, aber sie zeigten Jimeng, dass sie nicht allein waren mit der Suche. Später erreichte Jimeng den Fluss der Zeit, dessen Oberfläche Gesichter der Vergangenheit und Schatten der Zukunft spiegelte. Es war verlockend, in den Strudeln der Erinnerung oder den Stromschnellen der Sorge unterzugehen, doch Jimeng lernte, das eigene kleine Floß im ruhigen Wasser der Gegenwart zu steuern.
Der höchste Punkt der Reise war der Gipfel der Echos. Hier oben, wo der Wind scharf pfiff, wurde jede Furcht, jeder Zweifel und jede Unsicherheit, die Jimeng im Herzen trug, als lautes Echo von den Felswänden zurückgeworfen. Anstatt davonzulaufen, blieb Jimeng stehen und lauschte. Hörte zu, bis die Echos zu einem leisen Flüstern wurden und sich schließlich in der Stille auflösten.
Auf dem Gipfel fand Jimeng keinen Schatz, keine verlorene Stadt und kein mystisches Artefakt. Die große Erkenntnis war viel einfacher und zugleich unendlich tiefgreifender: Die Reise selbst war das Ziel. Die Melodie, der Jimeng gefolgt war, war kein Ruf von außen gewesen, sondern der Rhythmus des eigenen Herzens, der endlich den Mut gefunden hatte, gehört zu werden.
Als Jimeng zurückkehrte, war die Stadt noch immer aus Stein, aber in den Pfützen auf den Straßen spiegelte sich der Himmel bunter. Die Uhren tickten noch immer, doch nun hörte Jimeng eine leise Harmonie darin. Die Reise in die Ferne hatte den Weg nach innen gezeigt.
Jimengs Reise war zu Ende, und doch hatte sie gerade erst begonnen. Denn nun wusste Jimeng, dass das größte Abenteuer nicht darin besteht, die Welt zu entdecken, sondern sich selbst. Und diese Reise endet nie.
Lyrics written Kai-Dominik Bertha (ELAG ERFURT)
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