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  • vor 3 Wochen
Mit steigenden Temperaturen in der Ukraine verlagern sich die Ziele russischer Angriffe: Statt Energieanlagen geraten Staudämme und Tankstellen ins Visier – offenbar, um Menschen aus umkämpften Gebieten zu vertreiben.

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Transkript
00:01Sonntagmorgen. Wir sind in Bohu-Duchhev, einer Stadt in der Region Charkiv.
00:07Trotz des Regens sind die Menschen unterwegs, um Lebensmittel zu kaufen und Setzlinge für die kommende Pflanzsaison.
00:14Ein Zeichen der Hoffnung. Vor kurzem wollten viele noch die Stadt für immer verlassen.
00:22Natürlich, meine Frau und meine Kinder haben Angst. Aber ansonsten, ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber wir kommen
00:29vorerst zurecht.
00:33Alle haben sich inzwischen daran gewöhnt. Jeder tut sein Bestes, um über die Runden zu kommen.
00:38Sie suchen sich einfach positive Aspekte, einen bestimmten Sinn im Leben.
00:43Unsere Stadt war die beste, die gemütlichste, die friedlichste überhaupt. Wir dachten, der Krieg wird uns nicht erreichen.
00:50Sie sehen ja, wie es ausgegangen ist. Jetzt gibt es jeden Tag Beschuss, jeden Tag Verwüstung.
00:55Viele Menschen sind weggegangen. Wir hoffen trotzdem alle das Beste und glauben, dass eines Tages Frieden einkehren wird.
01:03Bohu-Duchhev liegt nördlich von Charkiv, rund 20 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Bis vor kurzem war es dort
01:10relativ ruhig.
01:13Im April änderte sich die Lage, als die Stadt innerhalb von vier Tagen von über 100 Drohnen getroffen wurde.
01:19Alle Tankstellen sind jetzt zerstört. Wir sind selbst an mindestens sechs davon vorbeigekommen.
01:25Auch eine Bank und ein Café im Stadtzentrum wurden getroffen.
01:29Und während wir gerade die Schäden filmen...
01:37Ein weiterer Angriff in der Nähe.
01:43Vor wenigen Minuten war hier noch reger Sonntagsmarkt. Doch gerade haben wir einen gewaltigen Knall gehört.
01:48Wir sehen, wie Menschen ihre Sachen zusammenpacken und sich schnell zurückziehen.
01:52Die Stimmung ändert sich schlagartig.
01:55Das Stadtzentrum und zivile Gebäude waren schon vorher angegriffen worden. Kein Ort fühlt sich mehr sicher an.
02:03Wir halten unseren Termin mit Ludmilla trotzdem ein. Sie ist sichtlich erschüttert von dem Einschlag, den wir gerade gehört haben.
02:12Ich hatte heute große Angst, wirklich große Angst, weil es so nah war.
02:17Wir hatten bisher Glück. Das geht nun schon vier Jahre so. Es gab Beschuss, aber nicht so wie jetzt.
02:23Alle haben einfach ihr Leben weitergelebt. Es war auch schlimm, aber nicht so wie jetzt.
02:31Sie zeigt uns die Schäden, die ihr Haus im April abbekommen hat.
02:36Ich war im Garten, als ich ein Geräusch am Himmel hörte. Ein summendes, surrendes Geräusch. Es war quer, über den
02:44ganzen Himmel zu hören.
02:49Sie sagt, sie habe Glück gehabt, dass sie bereits draußen war.
02:54Ludmillas Ehemann ist an der Front. Ihre 18-jährige Tochter ist nach dem Angriff weggezogen. Aber sie plant zu bleiben.
03:03Ich will nicht weggehen. Nein, wirklich nicht. Zu Hause ist es immer besser.
03:11Eine Stunde später ein weiterer Angriff. Diesmal sehen wir, wo das Geschoss einschlug. Ein Parfumgeschäft.
03:21Ladenbesitzer Arthur war vor 30 Minuten noch im Laden.
03:28Ich war gerade bei der Arbeit, da sind Flugzeuge gekommen. Drei oder vier. Mir war klar, dass ich weg musste.
03:34Ich habe den Laden abgeschlossen und bin abgehauen. Und erst vor ein paar Minuten habe ich dann den Anruf bekommen.
03:41Das Leben in Bohuduchev ist gefährlich geworden. Trotzdem findet Natalia, dass sie sich richtig entschieden hat, hierher zu ziehen, um
03:49bei ihrer Mutter zu leben.
03:51Ihr eigenes Zuhause ist komplett zerstört. Sie kommt aus einem Dorf fünf Kilometer von der russischen Grenze entfernt.
03:58Bis Anfang dieses Jahres sei alles ruhig gewesen, sagt sie. Doch nun seien alle geflohen, die sie kenne.
04:06Erst vor etwa zwei oder drei Wochen haben sie angefangen, so oft auf uns zu schießen.
04:12Seitdem brennen ständig Häuser. Unser Dorf war früher ein idyllischer Ort. Wunderschön, malerisch, grün.
04:20Alle waren so gutmütig.
04:24Jetzt weinen alle. Wenn wir uns hier treffen, sie umarmen sich, sie küssen sich. Wir waren im Dorf wie eine
04:31große Familie. Jeder kannte jeden.
04:33Es ist sehr schwer zu gehen, ohne ein Ziel zu haben und ohne etwas mitnehmen zu können.
04:43Natalia betont, dass es in ihrem Dorf keine militärischen Einrichtungen gibt.
04:48Was sie beschreibt, passt in ein Muster. Russische Angriffe auf Häuser in Dörfern und auf zivile Infrastruktur in Städten,
04:56die diese von der Ukraine kontrollierten Gebiete unbewohnbar machen sollen.
05:01Diese Angriffe haben die kleine Stadt Pechenihi ins Rampenlicht gerückt.
05:06Sie liegt etwa 40 Kilometer entfernt von heftig umkämpften Städten im Norden und Osten der Front.
05:13Im Jahr 2022 waren russische Truppen bis an den Rand von Pechenihi vorgedrungen.
05:19Obwohl dort nur 5000 Menschen leben, ist die Stadt von großer Bedeutung, da sie wichtige Infrastruktur beherbergt.
05:26Die Bilder, die Sie gleich sehen werden, wurden aus Sicherheitsgründen bearbeitet.
05:31Wir befinden uns am Pechenihi-Stausee, der wiederholt von den Russen angegriffen wurde, zuletzt vor etwa einem Monat.
05:37Damals wurden hier sechs Lenkbomben abgeworfen.
05:40Dieser Stausee versorgt über eine Million Menschen in Kharkiv mit Wasser.
05:43Die Ukraine bezeichnete diesen Angriff als Akt eines Ökozids.
05:48Kurz vor diesen Angriffen hatte der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyj gewarnt,
05:54dass Russland seine Angriffe auf die Wasserinfrastruktur wohl verstärken werde.
06:01Während der Befreiung um Herbst 2022 wollten sie den Staudamm zerstören,
06:05damit ein Teil der Region Kharkiv überflutet wird und die Stadt Kharkiv kein Trinkwasser mehr hat.
06:10Außerdem wollten sie dort Überschwemmungen auslösen und verhindern, dass unsere Truppen weiter vorrücken.
06:16Spuren des schweren Angriffs auf Pechenihi sind in der Stadt bis heute zu sehen.
06:22Jurey Marienko berichtet uns, dass der Druck definitiv zugenommen hat.
06:26Er ist zuversichtlich, dass der Damm gut verteidigt wird, aber seine Stadt bereitet sich auch auf alle Eventualitäten vor.
06:34Seit einiger Zeit gibt es hier in Pechenihi Evakuierungspläne, in denen die Straßen, Familien und Hausnummern aufgeführt sind,
06:41die von einer Überschwemmung betroffen sein würden.
06:45Wir hoffen alle, dass das nicht passiert, aber wenn doch, dann wird es schrecklich.
06:55Allerdings würde nicht ganz Pechenihi überflutet werden.
06:58Es geht um bestimmte Straßen, bestimmte Häuser, aus denen die Menschen im Notfall dringend evakuiert werden müssten.
07:07Nicht nur große Stauseen sind bedroht.
07:10Die meisten ukrainischen Städte sind auf ein zentralisiertes Wasserversorgungssystem angewiesen,
07:15von dem viele bereits vor dem Krieg veraltert waren.
07:19Neuere Schäden und die ständigen Angriffe auf Städte an der Front machen Reparaturen unmöglich.
07:25Isium wurde 2022 von der russischen Besatzung befreit.
07:29Es liegt etwa 30 Kilometer von der Front entfernt und ist ein entscheidendes Bindeglied im Wasserversorgungssystem.
07:36Ein Bindeglied jedoch, das inzwischen innerhalb der Reichweite russischer Drohnen liegt.
07:40Deshalb baut die Stadt ihre Drohnenabwehr aus.
07:44Yuri Shevchenko ist dafür verantwortlich, die Qualität des Wassers in Isium sicherzustellen.
07:53Anfangs gab es Schwierigkeiten.
07:55Im gesamten Netz gab es viele gebrochene Rohre.
07:58Ich selbst bin im April 2023 nach Isium zurückgekehrt.
08:05Wir mussten die Rohrleitung wiederherstellen, die Pumpstation, das Stromnetz, einfach alles.
08:12Sie haben eine ungewöhnliche Lösung gefunden, damit das Wasser trinkbar bleibt, Chlor-Tabletten.
08:19Eine Tablette reicht zur Desinfektion von 10 Kubikmetern Wasser.
08:25Die Pumpstation liefert derzeit etwa 5000 Kubikmeter pro Tag.
08:32Im Sommer werden es etwa 7000 Kubikmeter pro Tag sein.
08:38Die Tabletten werden normalerweise von Wanderern verwendet oder bei Notfällen.
08:44Aber Shevchenko setzt sie schon seit Jahren für die Versorgung der Stadt ein.
08:51Die Lage hat sich verschlechtert.
08:54Wir sind von allem abgeschnitten.
08:57Spannungsabfälle, Stromausfälle und Probleme mit der Chlorungsanlage.
09:02Die Tabletten sind im Moment unsere Rettung.
09:07Es ist derzeit einfacher, drei- bis viermal täglich eine Lösung aus 60 Chlor-Tabletten in die städtische Wasserleitung einzufüllen,
09:15als unter ständigen Beschuss und Stromausfällen umfangreiche Reparaturen durchzuführen.
09:22An anderen Orten springen Nichtregierungsorganisationen ein, um die Wasserversorgung von Städten an der Front sicherzustellen.
09:30Zum Beispiel in Saroschnya, rund 30 Kilometer entfernt von der Front.
09:38Wie in vielen anderen Städten der Ukraine wurde ihre Hauptwasserversorgung bei russischen Angriffen beschädigt.
09:45Sollte sie endgültig zerstört werden, wären die Folgen verheerend.
09:51Bleibt das Wasser aus, dann hat das unmittelbare Folgen für die Hygiene eines sehr großen Teils der Bevölkerung.
10:01Deshalb ist Dezentralisierung sehr wichtig, damit kleinere Netzwerke aufgebaut werden können.
10:07Das gilt für Wasser, genauso wie für Strom und Wärme.
10:13East SOS ist so eine NGO, die Städte an der Front dabei unterstützen, Brunnen einzurichten.
10:20Generatoren helfen dabei, Stromausfälle als Folge von Angriffen zu überbrücken.
10:26Für Ludmilla steht noch mehr auf dem Spiel.
10:29Wegen des Kriegs kann sie nicht länger als Lehrerin arbeiten.
10:32Nun ist ihr Garten eine Inspirationsquelle für die Menschen aus dem Kreativzentrum, in dem sie arbeitet und auch ein Ort
10:40der Entspannung.
10:42Schauen Sie doch mal, diese Schönheit braucht auch Wasser. Verstehen Sie? Ja, das macht mir Spaß.
10:48Ludmilla hatte einmal sechs Wochen lang keinen Zugang zu Wasser. Deshalb hat sie einen Vorrat angelegt.
10:55Für den Fall, dass es keinen Strom gibt, sammle ich Regenwasser. Es ist hier in diesen Flaschen und in einem
11:01Kanister.
11:02Nur für den Fall, dass es lange Zeit kein Wasser gibt. Früher habe ich über sowas gar nicht nachgedacht. Wir
11:07hatten ja alles. Aber es ist wichtig, sehr wichtig.
11:11Ludmilla lebt in einer Idylle, die von Gleitbomben bedroht ist. Doch sie sagt, sie habe nicht die Absicht zu gehen.
11:19Das, was Ludmilla sagt, haben wir in jeder Stadt gehört, die wir besucht haben.
11:25Trotz allem gäbe es keinen anderen Ort, an den man gehen könnte. Und zu Hause sei eben zu Hause, sagen
11:31die Frauen und Männer.
11:32Aber es schwingt auch eine stille Resignation mit.
11:35Wenn sich die Lage weiter verschlechtert, werden sie vielleicht doch gehen müssen.
11:44Und zu Hause sei.
11:48...
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