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00:06What if things suddenly come in motion?
00:12Manchmal reicht ein Luftzug.
00:16And what happens when we move?
00:20The perspective is suddenly different.
00:22Change is so simple.
00:24Man lässt Dinge mehr auf sich zukommen, wie sie geschehen.
00:28Man versucht nicht zu formen.
00:30Es kriegt plötzlich eine Leichtigkeit.
00:32Auch in den Museen kommt etwas in Bewegung.
00:36Die Sicht auf die Kunst verändert sich.
00:39Was haben die Expressionisten mit dem Kolonialismus zu tun?
00:46Und warum sind kaum Werke von Künstlerinnen in den Museen?
00:59Keine Frage, es kommt Bewegung in unsere Gesellschaft.
01:02Herzlich willkommen, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer beim Museumscheck.
01:06Sie haben es sicher schon erkannt.
01:07Wir sind in Berlin und schauen uns heute die neue Nationalgalerie an.
01:11Sechs Jahre lang war sie geschlossen,
01:13ist für 140 Millionen Euro von Grund auf saniert worden.
01:18Und jetzt strahlt sie wieder, wie 1968, als ihr Schöpfer Mies van der Rohe
01:24in der geteilten Stadt ein glasklares Zeichen gesetzt hat.
01:28Ich bin schon total gespannt auf diese weltberühmte Architektur-Ikone,
01:32eine der besten Sammlungen mit Kunst des 20. Jahrhunderts,
01:35auf die faszinierende Kunst von Alexander Kolder
01:38und auf unseren Gast, die Schauspielerin Merit Becker.
01:53Willkommen in der Zeitmaschine.
01:55Und schon sind wir mittendrin in den späten 60er Jahren,
01:58als man noch groß gedacht hat und Quadratmeterpreise in Berlin
02:01offensichtlich noch keine Rolle gespielt haben.
02:04Hier oben in der berühmten Glashalle wird Alexander Kolder gezeigt.
02:08Aber wir gehen erst mal runter ins Untergeschoss,
02:11denn dort will uns unser Gast Merit Becker
02:13eines ihrer Lieblingsbilder zeigen.
02:16Merit Becker ist eine Verwandlungskünstlerin.
02:21Aufgewachsen in einer bekannten Schauspielerfamilie
02:23ist sie wie selbstverständlich zu Hause auf Bühne, Leinwand und Bildschirm.
02:28Ihr Credo? Alles ausprobieren, vor nichts Angst haben, außer vor Routine.
02:35Wir sind verabredet bei Lotte Laserstein.
02:39Das Hauptwerk der jüdischen Malerin hängt unten im Foyer.
02:42Ein beklemmendes Zeitzeugnis.
02:46Das Bild heißt ja, Abend über Potsdam ist 1930 entstanden.
02:50Und es ist ein bisschen wie so ein klassisches Abendmahlbild,
02:53nur dass der Jesus eine Frau ist, die da in der Mitte sitzt.
02:56Das stimmt, und es hat ja eine große Melancholie,
02:59also fast was resigniertes, finde ich, von der Atmosphäre her.
03:06Die sind ja gar nicht miteinander, also technisch ein Wahnsinnsbild.
03:11Man durfte relativ spät erst studieren als Frau.
03:14Ich glaube, dass sie deswegen unter anderem so wahnsinnig akkurat malt,
03:17weil sie sich halt auch behaupten musste.
03:20Das gibt es ja dann auch, dass man sehr mit sich streng ist und ins Gericht geht.
03:26Und das finde ich bei der so, das berührt mich irgendwie wahnsinnig.
03:36Die Kunst der Gesellschaft heißt die frisch sortierte Sammlungsausstellung der Neuen Nationalgalerie.
03:43Ein explosiver Cocktail der Kunst zwischen 1900 und 1945.
03:49Von Pablo Picasso bis Max Beckmann.
03:57Von den Brücke-Expressionisten bis zur neuen Sachlichkeit.
04:05Mittendrin Berlin zwischen Aufbruch und Abgrund.
04:11Wo ist das wohl?
04:14Ich hoffe, das ist Potsdamer Platz, was wir hier sehen.
04:16Mein Gott, war der schön.
04:20Aber du bist ja auch viel eingetaucht in diese Zeit.
04:23Mit Fabian gerade und auch in Babylon Berlin.
04:28Ganz ein weißer Werk, ja.
04:28Fasziniert dich diese Zeit?
04:30Ja, total.
04:31Weil das so eine Zeit des Infragestellens war.
04:34Ich habe immer gerne, wenn man Fragen stellt, wenn man sagt,
04:37warum ist das so?
04:38Gehört das so?
04:39Muss das so sein?
04:41Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei.
04:45Die Frauen haben gelernt, sehr auf sich gestellt zu sein.
04:49Das hat man dann auch gemerkt.
04:50Sie haben angefangen auszuprobieren, wie es ist, sich die Haare abzuschneiden.
04:55Zu rauchen, zu saufen, auszugehen alleine.
04:57Das war ja alles außergewöhnlich.
04:59Es ist unglaublich prall, was ja auch in diesem Raum hier gezeigt wird.
05:02Wie viele verschiedene Kunststile damals parallel entwickelt wurden.
05:07Was es alles gab, wie ständig alles neu erfunden wurde.
05:10Ja, das ist Wahnsinn.
05:11Es überfordert einen fast hier drin, oder?
05:13Also hier drin auf jeden Fall.
05:14Das ist dann auch so, wo ich manchmal denke so, oh Gott.
05:18Und dann muss man sich glaube ich treiben lassen, wo es einen hinzieht.
05:22Also da muss man sich, wenn man jetzt nicht so oft in Museen geht,
05:25nicht Sorgen machen, dass man alles angucken muss.
05:27Sondern dann muss man seinem Bauch oder Herzgefühl, wie man auch immer das nennen mag,
05:33freien Lauf geben und sagen so, das interessiert mich, das gucke ich mir jetzt an.
05:38Mich interessiert es das.
05:46Da sind wir wieder am wilden Potsdamer Platz 1914 von Ernst Ludwig Kirchner gemalt,
05:52der relativ frisch 1911 aus Dresden gekommen war und das Berliner Leben eingefangen hat,
05:57auf der Höhe seines Schaffens.
05:59Das sind Kokotten, die man da sieht.
06:01Ein schönes Wort.
06:02Ein schönes Wort, ne?
06:03Kokotten.
06:04Ich finde es eh toll, wie viele, also Hure, Kokotte, es ist alles so ein bisschen unterschiedlich,
06:09glaube ich, was es ist.
06:11Die deutsche Sprache ist da so fein.
06:13Also wir haben so wahnsinnig viel Wörter für ein und dieselbe Sache.
06:17Immer meint das so ein bisschen was anderes.
06:19Was ich irre finde bei dem Bild, dass das so spitz, also so wie als würde das ein Pfeil,
06:24wie so ein Pfeilsches.
06:25Und er hat scheint ein Faible für Grün.
06:29Grün und Orange im Kontrast.
06:32Sieht fast ein bisschen exotisch aus, finde ich.
06:35Und auch, dass man so eine Emotionalität in den Malstil reingegeben hat.
06:38Vorher hat man ja sehr akkurat gemalt, aber hier fängt es schon an so wild zu werden.
06:44Das ist von 1914.
06:46Wahnsinn, oder?
06:46Ja, so früh.
07:01Und hier sind die Farben so großartig.
07:06Manchmal möchte man die, ehrlich gesagt, ablecken.
07:09Also ich möchte die Farbe essen, habe ich ganz oft das Bedürfnis.
07:13Echt?
07:13Ja.
07:13Ich habe das Bedürfnis, Farben zu essen, ganz schlimm.
07:20Nach dem entfesselten Farbrausch kommt für viele Künstler mit dem Ersten Weltkrieg das grausame Erwachen.
07:28Otto Dix malt seine Erlebnisse als Soldat auf den Schlachtfeldern in Flandern erst 1934.
07:38Otto Dix hat natürlich auch Szenen gemalt, die furchteinflößend waren, wie diese hier.
07:45Aber das hat er wohl wirklich gesehen, wie drei Kriegsversehrte, die ja sehr präsent waren in der Zeit nach dem
07:52Ersten Weltkrieg, wie die zusammen Skat gespielt haben.
07:55Ja, Wahnsinn.
07:56Ja, Wahnsinn.
07:56Also in Fabian kommt es auch vor natürlich der Gang vor die Hunde.
08:00Fabian ist ja auch traumatisiert, kriegstraumatisiert.
08:05Wahnsinn, ne?
08:06Der eine spielt mit dem, also halbes Gesicht weg und spielen mit dem, was übrig bleibt, Karten. Schon sehr brutal.
08:14Ja.
08:17Und da haben wir Georges Gross, das ist ja auch einer, der das festgehalten hat, wie das damals war.
08:24Wie empfindest du diese Bilder? Das ist ja alles furchteinflößend.
08:28Total furchteinflößend, aber völlig faszinierend. Es ist wirklich wie ein Autounfall, man kann nicht weggucken.
08:38In so einer Gesellschaft können und wollen viele Künstler damals nicht bleiben.
08:45Max Beckmann verlässt Deutschland, als die Nationalsozialisten seine Kunst als entartet diffamieren.
08:52Auch die Sammlung der Nationalgalerie wird von den Nazis brutal geplündert.
08:59Nach 1945 versucht man in Deutschland den Neustart, will da anknüpfen, wo die Moderne 1933 gewaltsam unterbrochen wurde.
09:08Was lag da näher, als einen Mann nach Berlin zu holen, der die Moderne geprägt hat wie kaum ein anderer?
09:15Mies van der Rohe, deutscher Star-Architekt und Designer, Direktor am berühmten Bauhaus in Dessau.
09:261938 ist er in die USA ausgewandert.
09:29In den 60er Jahren baut er diesen spektakulären Tempel der Moderne, mitten im geteilten, vom Krieg gezeichneten Berlin.
09:38Mies hat ja, was wenige wissen, diesen Entwurf schon in der Schublade gehabt.
09:44Es sollte ja eigentlich das Hauptquartier vom Rohmhersteller Bacardi in Santiago de Cuba sein.
09:50Und er hat ihn einfach hierher gepflanzt.
09:52Ja, stimmt, er hatte ihn noch und er hat sich an diesen Entwurf erinnert und auch gesagt, wir nehmen diesen
09:57Entwurf.
09:57Aber er hat ihn entscheidend verändert. Er hat vor allem dieses riesige Stahldach für Berlin entworfen.
10:02Also es gab schon die Form, aber dieses Material eben nicht. Und er hat auch den Maßstab verändert.
10:08Es ist großzügiger geworden und natürlich auch noch freier und offener.
10:12Es ist einfach doch ein Schlusswerk eines langen Oeuvres von Mies.
10:17Aber es gab ja erst mal durchaus die Bemerkung, dass das eine Bahnhofshalle sei und so.
10:21Also auf große Gegenliebe ist er erst mal nicht gestoßen.
10:24Ich sage auch mal, dieses Gebäude ist eigentlich vor der Popart geplant worden.
10:27Das muss man sich immer wieder vergegenwärtigen. Es gab noch keine Installation.
10:31Es gab gerade mal eben Performance, noch kein Video und all diese Dinge nicht.
10:35Mies hatte noch keine Vorstellung, wofür ein so großer Halle eigentlich da sein sollte.
10:39Und trotzdem die Vision, ich baue sie. Ich finde das großartig.
10:43Gibt es so einen Punkt, wo Sie sagen, ab da haben die Menschen diesen Bau geliebt?
10:47Also das hat schon von Anfang an so funktioniert, weil er kam ja hier ein bisschen auch wie so ein
10:51Ufo an.
10:52Das faszinierte schon sehr. Es war so wirklich ein Westmuseum, was eben mit diesem Namen
10:58neue Nationalgalerie, neue Kunst und Avantgarde, die hier zu sehen war, hat die Leute sehr fasziniert.
11:04Und es gab dann noch mal in den 90er Jahren, würde ich sagen, nach der Öffnung der Mauer und als
11:08Berlin eine völlig neue Rolle bekommen hat,
11:10auch international, gab es noch mal so einen Schub für die neue Nationalgalerie.
11:13Und heute ist es so, würde ich sagen, fast alle Künstlerinnen und Künstler wünschen sich in dieser Halle auszustellen.
11:30Wie bespielen Sie so einen Raum, wenn Sie jetzt nicht gerade diese wunderbaren Werke von Alexander Kolder haben,
11:35die wie geschaffen hier sind, das ist unglaublich schwierig. Man sagt ja auch, das ist die Eiger-Nordwand der Kuratoren
11:42hier.
11:43Also ganz so schlimm ist es nicht und vor allen Dingen ist es auch für die Kuratorinnen und Kuratoren nicht
11:47gefährlich wie in der Eiger-Nordwand.
11:49Aber Sie haben vielleicht recht, es ist anspruchsvoll, weil man eben auch diese hohe Decke hat und weil man die
11:55Offenheit hat in alle Richtungen
11:57und man mit dem Sonnenlicht auch umgehen muss. Deswegen gibt es auch die Vorhänge. Also man muss hier ein bisschen
12:02Großformatik arbeiten.
12:04Auf der anderen Seite ist es eben ein sehr offener Ort, auch einsehbar, ein öffentlicher Ort, irgendwie auch ein demokratischer
12:10Ort.
12:11Und ich würde sagen, so sehr wie die Künstlerinnen und Künstler diesen Ort lieben, weil er eben auch so repräsentativ
12:16ist und so öffentlich ist,
12:18so lieben ihn auch die Kuratorinnen und Kuratoren, weil es ein freier Ort auch ist.
12:23Hier ist keine Wand, die einen erstmal behindert, sondern hier kann man auch ganz frei herangehen.
12:28Und deswegen sind auch ganz tolle Projekte hier realisiert worden.
12:31Nach rund 50 Jahren war eine Sanierung fällig. Was für ein Zustand war das Gebäude vor der Sanierung?
12:37Also es war schon im weitesten Sinne eine technische Sanierung, dass die Klimaanlage, der Brandschutz nicht mehr genügte.
12:43Aber es waren auch viele Materialien kaputt. Also hier waren viele Scheiben gesprungen und gleichzeitig war hier immer der Wunsch,
12:50dass alles so zurückkehrt, wie es im Gebäude war. Also auch hier haben wir eine, zum Beispiel wurde eine Fußbodenheizung
12:56verlegt.
12:57Dazu mussten die Steine hochgenommen werden, aber sie sind passgenau wieder so verlegt worden.
13:01Oder in dieser sehr schönen, einfachen Dose befindet sich jetzt eben nicht nur Strom, sondern auch ein Lahn.
13:06Also da haben wir auch eine Aktualisierung. Es sieht aber immer noch genauso simpel aus, wie es Mies geplant hat.
13:14Und das war, glaube ich, die Herausforderung auch für die Architekten.
13:17Einerseits eine moderne Hightech-Lösung zu finden für das Gebäude.
13:22Andererseits aber in der Ästhetik so simpel und so gerade und so klar zu bleiben, wie Mies das angelegt hat.
13:30Das Sanierungsteam um Star-Architekt David Chipperfield hat ein kleines Wunder vollbracht.
13:36Auch der Skulpturengarten lädt wieder ein zum Flanieren zwischen der Kunst.
14:02Das ist sozusagen die Mona Lisa der neuen Nationalgalerie. Sonja heißt sie.
14:07Christian Schaadt hat sie 1928 gemalt. Das ist auch so eine typische Frau der 20er Jahre, hat man so das
14:14Gefühl, oder?
14:15Ja, die hätte ich gern. Sie erinnert mich an meine Mutter tatsächlich, weil sie so dunkel angezogen ist, dunkler Haar
14:23und eben rauchend.
14:25Also immer rauchend und so schön. Meine Mutter ist ein anderer Frauentyp, aber trotzdem.
14:30Und das könnte, finde ich, auch ein Typ sein. Also es ist ein bisschen androgyn.
14:34Sieht ein bisschen androgyn aus, ja. Aber sie hat eine ganz spannende Geschichte.
14:40Sie hieß eigentlich nicht Sonja, sondern Albertine Gimpel und musste 1933, wurde sie entlassen aus ihrem Beruf und musste dann
14:49in die USA fliehen.
14:51Sie hat dann den Mann, weil sie Jüdin war und der Mann, der ihr geholfen hat, den hat sie dann
14:56in den USA geheiratet und 1973 ist sie gestorben.
15:08Ja, das sind diese Ortodix-Bilder, die ich liebe. Also da, oh.
15:12Das ist einerseits so ein klassisches Porträt und irgendwie doch ganz anders.
15:17Der Kunsthändler, man kann sich sofort einen Charakter darunter vorstellen. Also wie der so klug ist, viel weiß, wie der
15:24dealt mit Bildern.
15:37Den finde ich ganz toll. Der hat mich jetzt angesaugt, dieser Junge. Der hat unglaubliche Augen, ne?
15:43Und der Mund, man kann so viel reininterpretieren. Ob der boshaft ist?
15:47Er wirkt auf mich auf jeden Fall, als hätte er schon viel zu viel gesehen. Eigentlich für einen kleinen Jungen,
15:55ne?
15:55Er sieht aus dem kleinen Erwachsenen, ich wollte gerade sagen. Er sieht gar nicht mehr kindlich aus.
16:01Wir haben ja endlich mal zwei Frauen, die von Frauen gemalt worden sind. Tamara in den Pizka.
16:07Also die finde ich sowieso so wahnsinnig. Ich habe erst ganz spät gemerkt, dass das eine Frau ist, die das
16:12malt, weil ich diese Bilder so mag und schön finde.
16:15Und irgendwann habe ich erst den Namen entdeckt. Wie unachtsam man mal war, Frauen gegenüber selber.
16:31Ja, da ist Paula Modersohnbecker. Ich finde das so, die fasst mich sofort. Ich kann sofort heulen. Ganz schlimm.
16:39Ich finde einfach diese Frau so faszinierend und berührend. Also die ja auch in einer Zeit gemalt hat, wo das
16:47einfach völlig verlacht wurde.
16:49Und man hat ihr dieses grobe Malen, hat man ihr halt als Nichtkönnen unterstellt und wie sie sich durchgesetzt hat
16:58und emanzipiert hat und wie sie gekämpft hat.
17:00Und dann hat sie ja, und das ist halt, wenn ich da drauf gucke, 1906, sie ist 1907 gestorben und
17:06sie ist ja gestorben, nachdem sie ein Kind bekommen hat.
17:17Inzwischen werden viele Künstlerinnen wiederentdeckt, ausgestellt und endlich ernst genommen. Auch hier in der neuen Nationalgalerie.
17:28Die Bildhauerin Renée Sintenis war schon im Berlin der Weimarer Republik ein Star. Von ihr stammt nicht nur der berühmte
17:35Berliner Bär, der noch heute bei der Berlinale als Trophäe vergeben wird,
17:38sondern auch diese eindrucksvollen Selbstporträts aus allen Lebensphasen.
17:50Die Berliner Künstlerin Rosa Barbar ist mit ihren beeindruckenden Videoinstallationen weder zu übersehen, noch zu überhören.
18:04Wollen Sie mit dieser Sonderausstellung hier nochmal ein Zeichen setzen, mehr Künstlerinnen für die neue Nationalgalerie?
18:10Ja, unbedingt. Also das ist uns ganz wichtig. Die Sammlung ist sehr männlich geprägt. Wir haben Mies van der Rohe,
18:16wir haben Oben Calder, die Sanierung ist David Shipperfield.
18:19Wir dachten, das ist ganz wichtig, dass wir auch diese Wiedereröffnung mit einer weiblichen Position machen und einer ganz besonderen
18:27Position.
18:27Wir freuen uns sehr, dass wir Rosa Barbar hier im Haus haben.
18:30Was macht sie so spannend, so besonders?
18:33Es ist eine der ganz großen Filmkünstlerinnen unserer Zeit und sie arbeitet ja sehr viel mit analogen Film.
18:39Und der analoge Film hat so sehr das 20. Jahrhundert geprägt, aber gleichzeitig sind wir eben auch in dem Medienzeitalter
18:45heute.
18:46Und sie macht sehr reflektierte Arbeiten auch über Architektur, über die Aura von Architektur.
18:52Sie hat sich eben auch unserem Gebäude gewidmet in dem neuen Film, den wir hinter uns sehen.
18:56Und sie macht aus den Filmen aber auch Skulpturen, die in sich etwas ungewöhnlich Magisches haben.
19:07Und also aus vielerlei Gründen hat sich das sehr angeboten, mit ihr hier eine solche Ausstellung aufzubauen.
19:23Bei den Expressionisten waren die Frauen in erster Linie Muse und Modell.
19:29Heute müssten sich die Künstler unbequemen Fragen stellen.
19:34Mit den Expressionisten hier gehen sie ja ungewohnt hart ins Gericht.
19:39Sie klagen die ja regelrecht an, zum Beispiel, dass sie minderjährige Modelle für ihre Aktbilder genommen haben.
19:45Also zunächst einmal feiern wir die Expressionisten, die ja einen großen Schatz in unserer Sammlung sind, indem wir einmal sie
19:52en bloc zeigen, was diese Sammlung an Expressionismus hat.
19:56Und man sieht eben, den Expressionisten ging es um diese Ursprünglichkeit, um diese Erfahrung von Nacktheit, eben tatsächlich mit vielen
20:02weiblichen Modellen, die ins Atelier auch eingeladen wurden.
20:06Und darüber gibt es seit vielen Jahren Debatten.
20:10Es geht auch um junge Mädchen, die im Atelier waren und wir wollten das einfach auch publik machen.
20:15Wir thematisieren das abseits der Bilder auf einem eigenen Tableau, in dem man sozusagen auch Vertiefungstexten dann über diese Kontexte
20:22lesen kann.
20:23Aber wir glauben, dass diese Ebene eben auch wichtig ist mitzuteilen.
20:28Das gehört zu der Geschichte einfach mit dazu.
20:29Die kritische Auseinandersetzung geht noch weiter. Es geht auch um die Faszination der Expressionisten für das Exotische, was sie dann
20:38mit dem Kolonialismus in Verbindung bringen, und Rassismus.
20:43Also die Expressionisten waren ja tatsächlich fasziniert von einer Kultur des Anderen.
20:48Sie hofften, dass es woanders in der Welt eine Kultur gibt, die unberührt ist, von der Zivilisation nicht geprägt und
20:56suchten eben nach dieser Ursprünglichkeit und haben sich auf den Wegen des Kolonialismus bewegt und dabei auch die Machtstrukturen des
21:04Kolonialismus mit benutzt.
21:06Sie haben ethnologische Museen besucht, deren Sammlungen eben aus den Kolonialbeständen bestanden.
21:12Oder wie eben in Nolde sind sie eben tatsächlich in den Pazifikraum gefahren.
21:16Man kann sie genießen als Kunstwerke. Es sind großartige expressionistische Werke.
21:20Aber wir können, glaube ich, den dahinterliegenden Kontext auch nicht ganz ausblenden.
21:29Merit Becker hat sich eine besondere Begegnung gewünscht.
21:36Hallo Frau Herrmann.
21:37Hallo Frau Becker.
21:39Wie nennt man Ihren Berufszweig? Ist das Museumsbehärterin, Wächterin? Wie nennt man das?
21:46Konkret diese Aufgabe heißt Museumsaufsicht.
21:50Aufsicht. Und Sie haben sich jetzt gewünscht, dass wir hier stehen. Das ist also ein Raum, den Sie mögen.
21:56Ja, für mich ist Edvard Munch ein Maler, der mich vor allem erinnert an Skandinavien natürlich.
22:07Ich bin Germanistin von Beruf, aber ich habe Schwedisch gelernt. Nun ist er Norweger, aber die Sprachen sind nicht so
22:16weit voneinander.
22:17Ich bin keine Kunsthistorikerin und kann nicht einschätzen, mit welchen Materialien Munch gearbeitet hat.
22:24Aber ich habe Augen, um zu sehen und ich sehe das Licht, das von den Bildern ausgeht.
22:30Und es ist ein besonderes Licht, ein Licht, das es im Norden gibt, ganz genauso wie in der Provence.
22:37Und weswegen ich glaube, dass dort auch wichtige Maler geboren wurden und gemalt haben.
22:46Ich finde, Sie sind auf dem besten Wege zu einer Kunsthistorik. Wahnsinn, unfassbar. Toll.
23:04Jetzt freue ich mich riesig auf Alexander Calder und seine bewegte und bewegende Kunst.
23:10Nach 50 Jahren hat er endlich wieder eine große Ausstellung in Berlin.
23:14Dabei ist seine Riesenskulptur vor der Tür seit 1968 das Wahrzeichen der neuen Nationalgalerie.
23:23Einen schöneren Raum kann man sich eigentlich nicht wünschen als diese Glashalle für die Werke von Alexander Calder, oder?
23:28Nein, ich denke auch, dass Mies van der Rohe's Gebäude der ideale Ort ist, um Calders Werk auszustellen.
23:35Worum ging es Alexander Calder denn mit seiner Kunst?
23:38Es ging eigentlich darum, dass die Objekte im Raum wirken, dass sie den Raum verändern und dass sie die Wahrnehmung
23:46des Betrachters im Prinzip verändern.
23:48Und das können wir hier ganz gut sehen. Das ist Five Swords von 1976, also ein sehr spätes Werk, das
23:55ist im Todesjahr von Calder entstanden.
23:58Eine riesige Skulptur, sechseinhalb Meter hoch und neun Meter breit.
24:03Wir dürfen hier auch drauf gehen.
24:05Also er wollte, dass man sich den Skulpturen nähert, dass man mit ihnen interagiert und um auch den Raum ganz
24:13anders wahrnehmen zu können.
24:14Das Tolle ist ja, dass sie viermal am Tag hier die Mobiles auch anstoßen, weil natürlich der Luftzug hier nicht
24:20stark genug ist, um die wirklich zu bewegen.
24:22Genau, gerade bei diesen Großen ist es tatsächlich so, dass die sich hier im Innenraum nicht alleine bewegen.
24:29Und da haben wir extra ein Aktivierungsteam engagiert sozusagen, die viermal am Tag diese Mobiles in Bewegung setzen.
24:38Weil das ist natürlich auch das, worum es Calder geht, dass man eben wirklich diese Mobiles im Raum, in der
24:44Bewegung erfahren kann.
24:46Und ich finde, gerade in dieser Bewegung kriegt es eben diese Lebendigkeit, was man eben auch erst viel, viel später
24:52in der Installationskunst der 60er, 70er Jahre eigentlich hat.
24:56Dass man eben die Betrachterinnen und Betrachter aktiv mit ins Kunstwerk hinein holt.
25:03Und ich finde, Calder ist da schon ein ziemlicher Pionier, was das angeht.
25:17Was die wenigsten wissen, ist, dass Alexander Calder auch solche Minimals gemacht hat.
25:21So ganz filigrane, kleine Werke. Waren das denn Vorstudien für große Arbeiten?
25:27Nicht unbedingt. Also es gibt durchaus Minimals, die er als Vorstudien angefertigt hat.
25:33Aber in der Tat sind viele von denen und auch gerade die, die wir hier sehen, wirklich ganz eigenständige Arbeiten.
25:39Und das Faszinierende ist, dass er ja tatsächlich ganz ähnliche Formen benutzt, wie er das auch bei seinen großen Skulpturen
25:46macht.
25:47Aber die Objekte entfalten natürlich eine ganz andere Wirkung als diese monumentalen Werke.
25:52Also es ging tatsächlich um das Handwerkliche, also um die Beschäftigung mit dem Material, um die Beschäftigung mit dem Objekt.
26:01Wie verhält sich das Objekt, wenn ich eben bestimmte Elemente dransetze? Wie bewegt es sich?
26:08Und das kann man natürlich an solchen kleinen Objekten auf eine ganz andere Weise ausprobieren, als es bei den großen
26:17Objekten der Fall ist.
26:33Das ist ein ganz untypischer Alexander Kolder, eine frühe Arbeit. Aber dafür macht es ja auch noch Geräusche.
26:39Das ist Musik, ja. Das ist echt schön. Vor allem ist es so zart.
26:45Ich brauche nicht Vintuosität zwangsläufig, sondern es kann ein Ton, der im richtigen Moment mit der richtigen Temperatur kommt. Das
26:53ist ganz toll.
26:57Aber so diese Beweglichkeit, die wir jetzt nur ganz leicht sehen, das ist ja eigentlich auch das, was wir in
27:03der Gesellschaft brauchen.
27:03Was dieses Museum auch zeigt auf eine Art. Das stimmt. Das bräuchten wir viel mehr eigentlich.
27:08Viel, viel mehr. Das stimmt. Strukturen aufbrechen. Es ist immer spannend und wichtig und toll.
27:15Und eher ein Ja zu etwas, als ein Nein zu etwas zu sagen, finde ich schöner.
27:20Ja. Und das ist eigentlich die Beweglichkeit. Die Beweglichkeit ist eigentlich ein Ja.
27:24Und das Abgrenzen und das Festhalten ist eigentlich ein Verneinen.
27:30Wie hat es dir denn jetzt gefallen in der neuen Nationalgalerie?
27:33Ja, ganz toll. Also ich erwische mich schon wieder, wie ich mit so einem dusseligen Grinsen durch die Gegend laufe.
27:40Ich finde, es macht glücklich und gut gelaunt.
27:49Allein schon diese so perfekt wie diskret sanierte Architektur-Ikone ist eine Reise nach Berlin wert.
27:56Und dann noch diese Calder-Ausstellung. Welche Kunst würde besser in Mies van der Rohe's Glaspalast passen?
28:03Die Sammlung wurde kräftig gegen den Strich gebürstet. Endlich mehr Frauen, dazu auch unbekanntere Künstler.
28:09In einer spannenden Präsentation, die sich mehr an der Zeitgeschichte als an der Kunstgeschichte orientiert.
28:18Dazu gehört auch, dass mit dem höchstkritischen Blick von heute auf unser kulturelles Erbe geschaut wird.
28:24Nichts dagegen, solange man die Verhältnisse von damals mitdenkt und missliebige Kunstwerke nicht ins Depot verwandt werden.
28:35Und die Freiräume hier werden hoffentlich weiter genutzt für Kunstaktionen aller Art und für die Begegnungen von Menschen.
28:43Auf das Bewegung in die Kunst und in die Gesellschaft kommt.
28:51Wie wohl der neue Nachbar dazu passen wird?
28:54Dahinten wird schon heftig gebaggert für das neue Museum des 20. Jahrhunderts.
28:592026 soll die umstrittene Kunstscheune fertig sein.
29:03Vielleicht, denn in Berlin weiß man ja nie.
29:06Sicher ist, wir sehen uns schon bald wieder, wenn Sie mögen.
29:09Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
29:10Tschüss.
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