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00:02What did you want to do?
00:03D-I-N-I.
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00:11D-I-N-I-N-I-N-I-N.
00:12D-I-N-I.
00:14Heidi Reichenegg kämpft als Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag.
00:17Gegen rechte Hetze und für bezahlbare Mieten.
00:20D-I-N-I.
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00:24She had still time for a meeting in the Berliner Volksbühne with us.
00:28That theater theater is directly at the center of her party,
00:32at the Rosa Luxemburgplatz,
00:34and was built for over 100 years,
00:36to the revolution from unten a place to offer.
00:40In the war campaign 2025
00:42she made Heidi's party after a big existence crisis
00:45to make the party for social justice.
00:48Auf Instagram folgten ihr zeitweise 100.000 mehr Leute
00:51als AfD-Frontfrau Alice Weidel.
00:53Und sogar mehr als doppelt so viele wie Friedrich Merz.
01:01Das sind die Garderoben.
01:04Ich glaube hauptsächlich die Männergarderoben.
01:06Das muss schon irgendwen interessieren, dass ich hier überlebe.
01:08Den scheiß globalen Kapitalismus z.B.
01:11oder den homogenen Staat oder die Sparpolitik.
01:13Möglich, dass die an meinem Überleben interessiert sind.
01:15Ja krass, also das restliche Zitat auch.
01:18Und deshalb interessieren auch keine Geschichten
01:20oder die Geschichte, die du mir erzählst, z.B. dein Leben,
01:22die sind einfach nicht interessant.
01:23Also als Motivation würde ich es jetzt irgendwie
01:25nicht in der Schule aufhängen,
01:26aber nachdenken ist es auf jeden Fall nicht schlecht.
01:34Reichenek wuchs in Sachsen-Anhalt auf.
01:36Sie arbeitete mit vernachlässigten Jugendlichen.
01:38Sie lebte in Kairo, als der arabische Frühling ausbrach.
01:41Und ich glaube, sie trägt eine revolutionäre Maffretete
01:44als Tattoo auf dem Unterarm.
01:46Aber ich bin mir nicht ganz sicher.
01:58Heute sprechen wir nicht über Politik, nicht direkt.
02:01Wir sprechen über Bücher.
02:06Wer bei Longreads zu Gast ist,
02:08bringt ein Buch mit, über das er reden will.
02:11Und ich bringe ein Buch mit,
02:12das mir wie eine ganz gute Ergänzung dazu vorkommt.
02:15Macht es in einem politischen Kontext Sinn,
02:17sich über Literatur zu unterhalten?
02:19Unbedingt.
02:20Also warum?
02:21Das würde mich ganz interessieren.
02:23Ich finde Literatur auf vielen Ebenen
02:26unfassbar wichtig für Politik.
02:27Also weil es dir einfach nochmal
02:28einen anderen Blick eröffnet,
02:29weil du viele Lebenswelten nochmal anders verstehen kannst,
02:31weil es dir Impulse gibt,
02:32weil es auch Emotionen in dir weckt.
02:34Aber auch mal ganz simpel gesagt,
02:35manchmal brauchst du Literatur einfach,
02:36um dich abzulenken.
02:37Also du kannst auch nicht 24-7 nur Politik im Kopf haben.
02:41Also manchmal ist es auch einfach schön zu sagen,
02:42hey, ich will einfach mal in eine andere Welt,
02:45ich will ein anderes Leben leben für eine kurze Zeit.
02:48Und das ist ja auch das Buch,
02:49was ich mitgebracht habe,
02:50ist ja nicht das extrem anspruchsvollste.
02:54Heidi hat das Buch
02:5584 Charing Crossroad mitgebracht von Helene Hanf.
02:58Es ist die Sammlung einer Reihe von Briefen,
03:00die eine New Yorker Drehbuchautorin
03:02und ein britischer Antiquar mit Sitz in London
03:04in den Nachkriegsjahren ausgetauscht haben.
03:06Ich muss meins zeigen,
03:07weil ich habe ein älteres
03:07und das ist ein sehr viel schöneres Cover,
03:10müssen wir mal ganz ehrlich sagen.
03:11Auf dem Buchcover von Heidis Ausgabe
03:13ist ein alter Buchladen in Soho zu sehen.
03:16Dieses Cover dient auch der Beweisführung,
03:18die Korrespondenz zwischen den beiden
03:20ist keine Fiktion,
03:21sondern eine sogenannte wahre Begebenheit.
03:24Und was mache ich jetzt?
03:24Beeindruck ich dich jetzt
03:25und die Leute, die zugucken,
03:26mit meinen total klugen Büchern?
03:28Also bringe ich jetzt irgendein Sachbuch mit
03:29und wir reden jetzt irgendwie über ganz tiefe Themen
03:31oder bringe ich jetzt irgendwie
03:33so einen ganzen großen Gesellschaftsroman mit,
03:34der irgendwie ganz viele Geschichten umfasst
03:36und ganz viele Jahrzehnte,
03:38um einfach zu zeigen,
03:38hey, ich bin voll klug.
03:40Das ist dein politisches Buch sein
03:41und du hast das alles durchgearbeitet.
03:43Genau, aber das will ich eigentlich gar nicht,
03:45sondern ich wollte was mitbringen,
03:46was ich jetzt irgendwie schon wirklich,
03:47ich weiß nicht,
03:47fünf, sechs, sieben Mal gelesen habe,
03:48immer dann, wenn ich das Gefühl hatte,
03:50ich muss mal wieder so ein bisschen abschalten,
03:52ich muss mal wieder irgendwie
03:54einen anderen Blickwinkel kriegen,
03:55ich muss einfach auch mal wieder glücklich werden.
03:58Und genau,
03:59deswegen ist es halt das Buch geworden.
04:01Und warum berührt es dich so?
04:04Also bei mir hat er nochmal diesen schönen Untertitel
04:06Eine Freundschaft in Briefen.
04:07Ich glaube, der steht bei dir gar nicht drauf.
04:08Es geht um eine New Yorker Autorin,
04:12die nach antiquarischen Büchern sucht.
04:13Also der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei.
04:15Es gibt in Amerika irgendwie scheinbar nicht die Literatur,
04:18die sie sucht.
04:18Und sie hat dann irgendwie so eine Anzeige entdeckt
04:19von einem Antiquariat in London,
04:22die halt damit werben,
04:23dass sie ein bisschen Bücher organisieren können.
04:24Und da schreibt sie halt hin,
04:25einfach erst mal mit so einer Liste,
04:26ich hätte gerne das und das.
04:27Und dann kommt ein Brief zurück.
04:28Und dann kommen die so langsam ins Gespräch.
04:30Wie ist deine Realität?
04:31Wie ist meine?
04:32Und ja, es basiert halt auf den Briefen,
04:33die sie wirklich ausgetauscht haben.
04:35Und es ist irgendwie nichts Besonderes.
04:37Es ist nichts, was die Welt verändert,
04:38aber schon das Leben von den Personen.
04:40Das ist es einfach.
04:41So einfach dieses verbindende Element vom Lesen.
04:45Und die schicken dir dann für einen Spottpreis
04:47immer über den Atlantik,
04:48diese völlig bizarren Neuübersetzungen
04:51von christlichen und philosophischen Texten,
04:53die ja auch was sehr Elitäres haben.
04:55Das finde ich, das wollte ich dich fragen.
04:56Ob du irgendeins der Bücher,
04:57die sie dort bestellt,
04:58die du bestellt, gelesen hast,
05:00gar nicht.
05:01Ich habe es auch einfach gelesen,
05:02das sagt mir, okay, spannend,
05:03sehr intelligente Frau,
05:04sehr literatisch, was passiert.
05:05Aber es geht gar nicht darum,
05:07was das für Bücher sind
05:08und wie klug die alle sind,
05:10sondern es geht einfach darum,
05:12dass man lesen will
05:14und dass man diese Bücher haben möchte.
05:15Und vielleicht auch Bücher,
05:16für die sie eigentlich gar nicht mehr
05:17so groß interessiert wird.
05:19Das finde ich so irre.
05:23Helene bestellt Erziehungsratgeber
05:24aus der Barockzeit
05:25oder Bibeln auf Latein
05:26aus der Spätantike.
05:39Wahrscheinlich wurden ihre Briefe aber aus einem anderen Grund
05:41zu einem Überraschungsbestseller
05:42und Anfang der 80er Jahre sogar verfilmt
05:45mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins
05:47in den Hauptrollen.
05:51Briefe sind Zeitmaschinen.
05:53Dass sie aus England
05:54die ganze Zeit Bücher zugeschickt kriegt,
05:56führt nach relativ kurzer Zeit dazu,
05:58dass sie dem Antiquariat
06:00riesige Fresspakete aus Amerika schickt.
06:02Sodass es irgendwann fast zu viel wird.
06:04Also sie fragt auch immer weiter,
06:05braucht ihr noch Eipulver?
06:06Braucht ihr noch irgendwas?
06:07Und sie so, nein, nein,
06:08es reicht bis April.
06:09Ich musste ein bisschen an so Großtanten denken,
06:13denen man einmal gesagt hat,
06:14die Schwarzwälder Kirschdorte schmeckt ganz gut
06:16und plötzlich wird man da
06:17für den Rest seines Lebens mit beladen.
06:19Also warum schickt sie dir
06:20die ganze Zeit Essen?
06:21Ich hatte so das Gefühl,
06:22sie will das wieder gut machen,
06:23was ihr Land, wie sie das sieht,
06:26eben nicht gut gemacht hat.
06:27Und sie erfährt dann eben auch,
06:28wie die Situation ist.
06:29Also das nach diesem Krieg,
06:30ich meine in den USA,
06:31sicher dieser Weltkrieg
06:32hat alle in irgendeiner Form beeinflusst,
06:34aber in den USA war natürlich
06:36die Auswirkung sehr andere
06:38oder weniger gravierend
06:40als das, was in Großbritannien passiert ist.
06:41Sie schreibt ja auch einmal irgendwie,
06:42die USA sind ein schlechter Freund,
06:44der jetzt Deutschland unterstützt
06:45und Großbritannien den Partner
06:47sozusagen jetzt irgendwie
06:47am langen Abend sozusagen verhungern lässt.
06:49Das wird sicher auch
06:50ihr vordergründiges Gefühl
06:51bei der Sache gewesen sein.
06:52Ich glaube,
06:53es spielt aber trotzdem noch eine Rolle,
06:54dass sie sich darüber definiert,
06:56all das geben zu können.
06:58Also sie führt diese relativ prekäre Existenz
07:00zu einem gewissen Grad
07:02und hat da aber dieses eine,
07:05nicht von ihr so beabsichtigte,
07:06aber trotzdem ganz klar
07:07als solches zu benennende,
07:08Machtinstrument,
07:09ich kann euch füttern.
07:10Ich merke,
07:10ich mag diesen Gedanken überhaupt nicht,
07:12zu glauben,
07:13dass sie da irgendwie
07:14ihre Macht ausspielen will
07:15oder irgendwie
07:17diese Beziehung erzwingen will,
07:18sondern ich habe wirklich eher das Gefühl,
07:19sie lebt selber prekär
07:20und sie ist froh,
07:21dass sie da an dieser Stelle
07:22jemandem was geben kann,
07:23was ja so oft so ist.
07:25Also dass auch gerade Menschen,
07:26die vielleicht nicht so viel haben,
07:27trotzdem versuchen,
07:27andere zu unterstützen
07:29und da auch irgendwie was geben
07:30und das halt oft gar nicht können,
07:31weil sie die Möglichkeiten nicht haben.
07:32Sie hat diese Möglichkeiten
07:33in diesem Moment und nutzt die.
07:34Also die Nylonstrumpfhose,
07:35ich fand das einfach so ein Beispiel.
07:37Kannst du das kurz erzählen,
07:38die Nylonstrumpfose?
07:38Sie schickt dann,
07:39also sie ist dann unterwegs,
07:41weil sie mitbekommt,
07:42dass die Frauen,
07:43die im Antiquariat arbeiten,
07:44so verzweifelt nach Nylonstrumpfosen suchen,
07:46die es einfach nicht gibt
07:47und das einfach für die
07:47so ein Riesenluxus ist
07:48und dann läuft sie halt los
07:50und kauft welche
07:51und schickt die rüber,
07:51weil sie einfach merkt,
07:52was das für eine unfassbare Bedeutung hat.
07:53Also was für sie überhaupt nicht real ist,
07:57weil es in den USA
07:58diese Probleme überhaupt nicht gab.
07:59Ich weiß nicht,
07:59wie du es empfunden hast,
08:00aber sie zwingt diesen Antiquar
08:02ja schon irgendwie in Kontakt.
08:04Also sie schreibt sehr,
08:05sehr ausführlich über ihren Alltag,
08:07über ihr Empfinden,
08:08den Büchern gegenüber,
08:08die er ihr schickt.
08:11Die Briefe,
08:12die sie ihm anfangs schreibt,
08:13sind gefühlt dreimal so lang
08:15wie die sehr nüchternen,
08:16geschäftlichen,
08:17wenn auch höflichen Antworten,
08:19die er zurückschreibt.
08:20Sie fängt ja erstmal
08:20wirklich nur mit diesen Bestellungen an
08:21und dann merkt sie,
08:23da ist bei ihm genau
08:23die Leidenschaft für Bücher klar.
08:25Ich meine,
08:25er arbeitet in einem Antiquariat,
08:26also irgendwie muss das ja
08:27einen Grund haben
08:28und glaube ich,
08:29sieht da so ein bisschen
08:29so eine verwandte Seele
08:30und fängt dann an,
08:31sich so zu öffnen
08:32über diese Bücher
08:33und merkt dann vielleicht,
08:34hey, das ist eigentlich total toll,
08:35dass es doch Menschen gibt,
08:36die mich da verstehen
08:37und mit denen ich mich austauschen kann,
08:38die ich scheinbar vor Ort
08:38nicht habe oder noch nicht gefunden habe,
08:40weil ich auch gar nicht versucht habe,
08:41sie zu finden.
08:41Er ist so eine gute Projektionsfläche irgendwie,
08:45auf der sie sich ein bisschen
08:45literarisch austoben kann
08:47und feststellen,
08:47was sie eigentlich genau will
08:49und was ihre Stimme
08:50und ihre Sprache ist,
08:52ohne dass sie Gefahr läuft,
08:53demjenigen auf der Straße zu begegnen,
08:54weil es das reale Konsequenzen
08:56haben könnte oder so.
08:57Ich glaube,
08:57dass sie dort,
08:59wo sie lebt,
09:00diese Person nicht gefunden hat
09:01oder auch gar nicht versucht hat,
09:02sie zu finden
09:03und das hat sich durchaus zufällig ergeben,
09:05aber das nutzt sie dann auch.
09:06Aber ich habe jetzt gar nicht so den Blick darauf,
09:09dass ich denke,
09:09sie braucht das jetzt so ganz, ganz dringend.
09:11Ich mochte die total gerne,
09:13aber ich war zu einem gewissen Grad,
09:15hatte zum Beispiel das Gefühl,
09:17das sind alles Ausreden,
09:18weshalb sie nicht nach England fahren kann.
09:20Die hat eigentlich Angst,
09:21die hat irgendwie Angst,
09:22da hinzugehen,
09:23wo sie gerne hingehen wollen würde.
09:26Fast 20 Jahre lang
09:27schreiben Helene und Frank sich hin und her,
09:29kriegen es am Ende aber nicht hin,
09:31sich live zu begegnen.
09:32Der Flug ist für Helene zu teuer
09:34und Frank stirbt unerwartet im Dezember 1968.
09:39Das ist so der Moment,
09:40wo ich dachte,
09:40oh nein,
09:41also jetzt hat man das,
09:42also hat sie das vielleicht auch so lange aufgeschoben
09:44und hatte vielleicht auch so viel Angst
09:46und jetzt verpasst sie dann doch diesen Moment,
09:48diese Person persönlich kennenzulernen.
09:50Ich mochte es sehr, sehr gerne,
09:51weil ich wusste,
09:51die werden das füreinander bleiben,
09:54was sie füreinander immer sein sollten.
09:56Ich war ganz erleichtert,
09:57dass die sich nicht noch kennenlernen
09:59und plötzlich wird der gemeinsame Mythos entkräftet,
10:01weil so eine leibliche Begegnung
10:04doch eine andere ist,
10:05als die in der Brieffreundschaft.
10:06Sie kann ja wirklich vor ihm diejenige sein,
10:09die sie gerne sein würde.
10:11Und ein bisschen,
10:12nee,
10:12meine rosa Brille sagt,
10:14das wäre einfach total...
10:16Bei mir ist es ja auch eine rosa Brille.
10:18Genau,
10:18meine sagt,
10:19nein,
10:19das wäre so schön gewesen,
10:20sie hätten sich mehr persönlich kennengelernt
10:21und einfach diesen Moment miteinander gehabt,
10:23aber sie hatten ihn nicht
10:24und sie hat ja natürlich dafür die anderen getroffen
10:26und es lebt ja auch alles weiter,
10:27also das Andenken an ihn.
10:29Aber ja,
10:29das war für mich dann nochmal
10:30so dieser ein bisschen traurigere Abschluss,
10:32aber trotzdem bei allem immer noch sehr schön.
10:42Das ist einer meiner Lieblingsorte.
10:44Das ist auch der schönste Ausschnitt des Sternenhimmels,
10:46den ich kenne,
10:47wenn es Nacht ist.
10:47Wenn man es dann sieht,
10:48ja,
10:49dann kommen wir nachts nochmal her.
10:50Ich finde ja nachts ein Ort
10:51sowieso nochmal viel spannender.
10:52Allerdings,
10:53das stimmt.
10:54Und hier war,
10:55zu DDR-Zeiten,
10:57war hier ein kleiner Einkaufslagen
10:58für die Leute,
10:59die im Schichtbetrieb gearbeitet haben.
11:01Das ist ja aber immer noch total praktisch,
11:03oder?
11:03Das wünsche ich mir zum Beispiel
11:04im Bundestag auch.
11:05Also du hast ja die Kantine.
11:05So ein kleiner Späti noch.
11:06Ja,
11:07oder einen Döner.
11:07Also ich fände,
11:08also das wäre mal wirklich
11:09eine Marktlücke.
11:10Das könnte der Markt mal regeln,
11:11dass es eine Dönerbude
11:11im Bundestag gibt.
11:13Nein,
11:13aber es ist lustig,
11:14es wäre ganz schön,
11:15wenn die Linke jetzt dafür sorgt,
11:16dass der Markt wieder die Dinge regelt,
11:18die er zu regeln hat.
11:19Das würde ich mir ja wünschen von euch.
11:23Können wir da kurz reingucken?
11:25Ich finde ja solche Orte so spannend,
11:26die eigentlich immer nur,
11:28wenn sie belebt sind,
11:29wahrgenommen werden.
11:30Also eigentlich ist das ja ein Ort,
11:31wo Menschen sind,
11:31wo was passiert und dann bist du
11:32auf einmal in einer anderen Welt,
11:33wenn du hier bist.
11:35Ja, zum Beispiel.
11:37Also auch im Bundestag so,
11:38das ist ja immer so ein Gewusel,
11:39wenn du da spät abends bist,
11:40gerade in den Nächtssitzungswochen,
11:40also bei mir auf dem Gang,
11:41das sieht eher aus wie ein Knast,
11:42du läufst da rum
11:43und plötzlich andere Welt.
11:46Ist da nichts mehr.
11:47Und das ist dieses Riesengebäude,
11:48dieses Zentrum unserer Demokratie.
11:50Stille.
11:51Bist du da gerne?
11:52Magst du den Ort?
11:53Im Bundestag grundsätzlich?
11:55Also für mich hat es immer noch mal
11:57so einen Moment,
11:58es kommt immer mal so unregelmäßig
11:59von Ehrfurcht,
12:00dass ich da sein darf.
12:01Also dann kam ich da Montag,
12:02ohne geschlafen zu haben,
12:03aus dem Hauptbahnhof raus
12:04und sehe dann den Freistag
12:06und dachte mir so,
12:07krass,
12:08da darfst du jetzt rein,
12:09da darfst du jetzt irgendwie
12:10die Menschen vertreten
12:11und das nimmt auch nicht ab.
12:12Und gibt es einen Moment von,
12:14jetzt geht die Performance los?
12:16Also kann man es als Bühne betrachten?
12:17Gibt es einen Switch?
12:19Für mich gar nicht,
12:20weil ich kann halt überhaupt
12:20nicht schauspielern.
12:21Also ich kann nicht lügen,
12:22ich kann nicht schauspielern,
12:22ich wäre hierfür überhaupt nicht geeignet.
12:23Also ich habe auch immer noch,
12:25wenn ich eine Rede halten muss,
12:26ist mir immer noch übel davor.
12:28Also nicht mehr so krass wie früher,
12:29so die ersten Wahlen,
12:29aber ich habe schon immer so diesen Moment,
12:31boah, du darfst es jetzt nicht versauen,
12:32weil es ist irgendwie wichtig.
12:371914 wurde die Berliner Volksbühne fertiggestellt,
12:39im damals noch nicht sehr verbreiteten Stil der Moderne.
12:43Damit sollte eine programmatische Ansage gemacht werden,
12:46und zwar folgende,
12:48revolutioniert die bürgerliche Bühne.
12:50Dieser Geist währte leider nicht lange.
12:51Die Nationalsozialisten besetzten das Haus
12:54und überfüllten Begriffe wie Kunst und Volk
12:56in faschistisches Gedankengut.
12:58Der Geist der Gründer ist aber auch trotz massiver Kriegsschäden
13:00immer wieder in die Volksbühne zurückgekehrt.
13:02Das wir hier sehen,
13:03aber es ist 1954,
13:04weil natürlich die Kriegszerstörung
13:06und dann 1954 schnell aufgebaut wurde.
13:08Um spielfähig zu werden,
13:10wurden Materialien halt von überall zusammengetragen,
13:12teilweise auch aus der Sowjetunion.
13:14Ursprünglich ist es gebaut worden,
13:15eben vom Volksbühnenverein,
13:17als eine Volksbühne,
13:18als ein Theater,
13:20das eins gegensetzt wollte
13:22zum bürgerlichen Logen-Theater
13:23mit Balkönchen und Vorhängen
13:25und eigenen Türen und Gänge.
13:28Sondern es sollte ein Theater für alle sein,
13:29in dem alle gemeinschaftliches Erlebnis haben,
13:31in dem man so ein Gemeinschaftsgefühl,
13:35und das vor allem für Einfache...
13:37Wichtig ist,
13:37Sie haben es selber finanziert.
13:38Das ist ja wirklich durch Mitgliedsbeiträge entstanden.
13:41Es gab Menschen,
13:41die sich einfach darum gekümmert haben,
13:43dass andere einfache Menschen
13:45Zugang zur Kultur haben.
13:46Und das, was uns heute,
13:47diese Kinobestühlung,
13:48die uns heute normal vorkommt,
13:50war damals,
13:50also das Kinosaal,
13:51war revolutionär.
13:52Aber die hatten heute Einheitspreis
13:54und alle sollten gleich behandelt werden,
13:57aber manche saßen halt vorne
13:58und manche saßen hinten
13:59und da war es schon Stunk.
14:01Was hat man da gemacht?
14:02Ganz charmant.
14:03Die haben eine Sitzplatzlotterie gemacht.
14:07Wenn ihr beide zusammensitzen wollt,
14:08kamen eure beiden Tickets in ein Döschen
14:10und meins,
14:10ich bin alleine,
14:11kamen auch in ein Döschen
14:12und dann wurde gelost.
14:14Wer wo sitzt,
14:16maximale Gerechtigkeit.
14:16Das ist doch irgendwie ganz schön, oder?
14:18Ich helfe dir mal.
14:19Ich setze mich ja einfach mal elegant.
14:21Ja gut,
14:21dann hätte ich jetzt gar kein Problem.
14:23Aber ich finde das so toll,
14:24weil ich ja,
14:25ich finde ja,
14:26Kultur hat immer oft so dieses,
14:28ich weiß es auch nicht,
14:29es ist so ein bisschen
14:30über die Köpfe der Leute
14:31und man muss irgendwie
14:32ein gewisses Wissen haben,
14:33um es auch zu entschlüsseln
14:34und das nervt mich immer so,
14:35weil ich finde,
14:36Kultur hat eigentlich verdammt
14:37nochmal den Auftrag,
14:38dass es alle verstehen können,
14:39dass alle davon was mitnehmen können,
14:40dass alle ihre eigene Prädation haben,
14:42aber dass es einen Zugang für alle gibt
14:43und jeder dann mit einer Emotion
14:45da rausgehen kann.
14:45Ich finde das immer total anstrengend,
14:47wenn ich das Gefühl habe,
14:48dass Menschen,
14:48die Kultur schaffen,
14:49das gibt es in der Politik
14:50übrigens auch ganz massiv,
14:51denken,
14:51das höchste Ziel ist es,
14:52mega intelligent zu wirken.
14:53Das ist für mich keine Kultur,
14:55das ist für mich Angeberei.
14:56Ich habe Heidi auch ein Buch mitgebracht,
15:06den Lumpenroman von Roberto Bolaño.
15:09Bolaño war Chilene
15:10und hat sich als 20-Jähriger
15:11einer Gruppe von Literaten angeschlossen,
15:14die dem kulturellen Establishment
15:15nach eigener Aussage
15:16gern das Hirn rausgepustet hätten.
15:18Seine Jugend verbrachte er in Mexico City.
15:211973 kehrte er aber nach Chile zurück,
15:24um die Arbeiteraufstände
15:25unter dem Präsidenten Salvador Allende
15:26zu unterstützen.
15:28Nach Pinochis Militärputsch
15:29ist er nach Spanien gezogen,
15:31hat an der Costa Brava
15:32als Campingplatzwächter gearbeitet,
15:34zu viele Drogen genommen,
15:35sich mit Hepatitis angesteckt
15:36und im Bewusstsein dessen,
15:38dass er sehr viel früher sterben würde,
15:40als er vorher dachte,
15:41innerhalb von 15 Jahren
15:4218 Romane geschrieben.
15:44Der Lumpenroman ist der letzte,
15:46den er vor seinem Tod beendet hat.
15:54Heidi musste bei dem Titel
15:55sofort an das Lumpenproletariat denken.
15:59Kai Marx hat diesen Begriff erfunden
16:01und Heidi hat sich darüber schon aufgeregt,
16:03als sie noch keine Spitzenpolitikerin war.
16:06Also wir sind alle das Proletariat
16:08und alle sind wertvoll und wichtig
16:09und alle müssen ihre Ketten sprengen
16:10und so weiter,
16:11aber die nicht.
16:12Also die kann man da auch nicht mehr integrieren.
16:13Also die sind auch verloren.
16:14So das hat mich so abgefuckt.
16:15Warum sind sie verloren?
16:16Weil sie überhaupt nicht mehr dazu imstande sind,
16:18sich selbst als Gruppe zu organisieren,
16:20weil sie halt...
16:20Weil sie dann, glaube ich,
16:21seinen Moralvorstellungen
16:23doch nicht entsprochen haben.
16:24Also es ging ihm ja auch beispielsweise
16:25um Prostituierte
16:26oder heute würde man Sexarbeitern sagen,
16:28er hat das natürlich nicht gesagt.
16:29Wo man dann so denkt,
16:30hä, also du willst dann
16:30diese klassenlose Gesellschaft,
16:32aber die gehören nicht dazu.
16:33Du willst dann auch irgendwie Leute ausgrenzen,
16:34weil es dir dann zu anstrengend ist vielleicht.
16:36Und das sind dann die Verlorenen,
16:37die man leider nicht mitschleifen kann.
16:39Da können wir leider nicht...
16:39Also wir sind gerade so damit beschäftigt,
16:41uns noch zu befreien.
16:41Das war dann auch so meine große Kritik damals
16:43noch mit der großen Fresse von der Jugendlichen.
16:46Sodass ich dachte,
16:47ey, kann der sowas machen?
16:48Das ist ja überhaupt dann gar nicht
16:49das, was er uns die ganze Zeit verkauft.
16:51Weil er selber diesen Unterschied fortführt.
16:53Und da musste ich dran denken,
16:54als ich diesen Titel gelesen habe.
17:00Das Buch handelt von zwei Teenagern,
17:02die nach dem Tod ihrer Eltern
17:03dagegen ankämpfen,
17:04kriminell zu werden.
17:07Es wurde 2002 publiziert
17:08und spielt in Rom.
17:10Es könnte aber genauso gut
17:11in Heidis Wahlheimat Osnabrück
17:12oder hier in Berlin-Mitte spielen.
17:14Ist das im Original auch so?
17:15Ich habe gar nicht...
17:15Es heißt Una Nova Lita
17:17der Lumpen oder so.
17:18Stimmt.
17:18Ja, ich hatte nämlich auch
17:19Guck nach mir so hoch, guck an.
17:20Ich wusste das auch nicht.
17:21Kannst du das nochmal kurz erzählen,
17:22als was es im Spanischen
17:24tatsächlich verwendet wird?
17:25Also Lumpen ist halt jemand,
17:27der arm ist, aber auch abgerissen.
17:30Menschen, die auf der Straße leben,
17:32werden als Lumpen bezeichnet.
17:34Es geht nicht um das Textilstück,
17:36sondern tatsächlich arm und schmutzig,
17:39könnte man sagen.
17:41Das finde ich irre.
17:42Ich wusste es nicht,
17:42dass es in Spanisch übernommen wurde,
17:44weil es offenbar so gut passt.
17:45Es ist aber halt auch so ein abwertender Begriff.
17:47Also eigentlich auch keinen,
17:48den man nutzen möchte.
17:49Also man hat dann keinen positiven Blick darauf.
17:50Und das finde ich dann auch wiederum schwierig.
17:52Das ist ja direkt schon ein Framing.
17:54Also er hätte das ganz anders benennen können,
17:56das Buch.
17:56Aber er hat sich ja bewusst dazu entschieden,
17:57das als Lumpenroman zu bezeichnen,
17:59direkt zu sagen,
17:59also die Leute, über die ich hier rede.
18:01Ist es ein Erklärungsversuch,
18:03wie man überhaupt so abdriften kann,
18:05dass man nicht mehr integrierbar ist?
18:07Und was daraus entsteht?
18:08Also ich finde schon,
18:09es zeigt ja halt diesen Tod der Eltern
18:12als diesen Moment,
18:13wo die dann auf einmal ohne jemanden da sind,
18:16jemanden, der sich um sie kümmert.
18:17Sie haben noch einander,
18:18dieses Geschwisterpaar,
18:19aber viel mehr ja irgendwie nicht.
18:20Und dann sucht man sich so ein bisschen
18:22Wahlverwandtschaften oder was auch immer
18:22und rutscht da total ab.
18:25Das ist immer keine Entschuldigung
18:27für ein bestimmtes Verhalten.
18:28Das ist keine Entschuldigung irgendwie
18:29für Diebstahl oder für alles andere.
18:31Das sehe ich nicht so.
18:32Aber es ist zumindest eine Erklärung,
18:33die man irgendwie beachten muss,
18:35wenn man sich überlegt,
18:35wie komme ich jetzt an diesem Punkt weiter?
18:37Und es ist jetzt nicht so,
18:38dass die einfach hingestellt werden,
18:40als das sind schlechte Menschen,
18:41die machen diese Dinge,
18:42sondern es ist ja schon irgendwo
18:43ein Grund dafür da,
18:44warum sich das so entwickelt hat.
18:46Und das finde ich durchaus wichtig zu betrachten,
18:48weil das ganz oft irgendwie hinten runterfällt.
18:50Also auch in den aktuellen Diskussionen.
18:51Weißt du, wenn wir darüber reden,
18:52dass das Strafalter für Minderjährige gesenkt wird,
18:56dann denke ich mir so,
18:57ja, wir können jetzt darüber reden,
18:57ob man Kinder mit zwölf Jahren einsperren kann,
18:59aber vielleicht reden wir mal darüber,
19:00warum Kinder in diesem Alter Verbrechen begehen
19:01und auch wirklich brutale Verbrechen begehen.
19:03Also was ist da alles vorher schiefgelaufen
19:04in der Familie?
19:05Beim Staat, der ja auch einen Schutzauftrag hat
19:08und im Umfeld.
19:09Ich glaube wirklich,
19:10dieser Roman,
19:10deswegen ist der mir auch so wichtig,
19:13liefert das,
19:14was eben weder in der Politik
19:16noch im Journalismus
19:16noch in der Soziologie
19:18aufgearbeitet werden kann,
19:19nämlich eine eigentlich recht simple Formulierung
19:22für den inneren Zustand von Leuten,
19:25denen es nicht mal mehr darum geht,
19:26unter was für Umständen sie existieren,
19:28sondern denen es darum geht,
19:29ob sie überhaupt existieren.
19:31Die Protagonistin,
19:32die wird so 15, 16 sein, glaube ich,
19:33Bianca heißt die,
19:35beschreibt eigentlich den Zustand
19:36nach dem Tod ihrer Eltern
19:37und dieses Vor-sich-hin-Vegetieren
19:38in einer elternlosen,
19:40dreckigen Wohnung
19:41mit ihrem Bruder zusammen
19:42als eine Zeit
19:44der andauernden,
19:45gleißenden Helligkeit.
19:47Ich habe hier was unterstrichen,
19:48vielleicht kann ich das vorlesen.
19:50Es veränderte sich der Lauf der Tage
19:51oder vielmehr das,
19:53was den einen und den anderen Tag verbindet
19:54und zugleich eine klare Grenze
19:56zwischen beiden zieht.
19:57Auf einmal gab es keine Nacht mehr
19:58und war alles ein Dauerzustand
20:00von Sonne und Licht.
20:01So das als Beschreibung
20:01von der Depression finde ich
20:02schon mal irgendwie irre.
20:04Anfangs dachte ich,
20:04das käme von der Müdigkeit,
20:06von dem Schock,
20:06den das plötzliche Verschwinden
20:07unserer Eltern bewirkt hatte.
20:09Aber als ich meinem Bruder
20:10davon erzählte,
20:11sagte er,
20:11ihm gehe es genauso,
20:13Sonne, Licht
20:13und berstende Fenster.
20:15Da dachte ich,
20:16wir werden sterben.
20:17Das ist einfach so,
20:17du kannst nicht weggucken.
20:19Also du hast gar keine Chance,
20:20diesen Schmerz
20:21und dieses Elend
20:22irgendwie nicht zu sehen.
20:23Du kannst dich nicht
20:23ins Dunkle flüchten,
20:24wo vielleicht auch diese Taubheit ist,
20:25die du brauchst,
20:26sondern du bist die ganze Zeit
20:27damit konfrontiert,
20:28dass dein Leben
20:28jetzt quasi vorbei ist.
20:30Also die Familie
20:31ist nicht mehr da
20:32und es geht einfach
20:32nur noch bergab,
20:33wie du gesagt hast
20:33und du kannst da nicht
20:35die Augen zuhalten,
20:35weil dieses Licht
20:36dich eigentlich überhaupt
20:37nicht lässt.
20:37Und das fand ich,
20:38oder auch nicht mal schlafen lässt,
20:39nicht mal ausruhen lässt,
20:39nicht mal in Ruhe lässt.
20:41Und deswegen fand ich das
20:41als Beschreibung für mich
20:42total nachvollziehbar
20:43sogar für diesen Zustand.
20:44Weil ich finde da irgendwie,
20:46mich würde glaube ich geleistens
20:46Licht viel mehr anstrengen
20:47als Dunkelheit.
20:48Hat das Buch
20:49deinen seelischen Zustand
20:50verbessert oder verschlimmert,
20:51würde mich interessieren.
20:52Eigentlich lese ich immer
20:54gegen meine Emotionen.
20:56Also ich lese,
20:56wenn ich im Stress bin
20:57und wenn ich irgendwie
20:58mich mit viel negative Sachen
20:59auseinandersetzen muss,
20:59meistens Bücher,
21:00die mich glücklich machen,
21:01also wie das,
21:01was ich jetzt mitgebracht habe
21:02oder auch,
21:02ich bin auch so ein riesen
21:03Fantasy-Fan,
21:04also zum Ablenken
21:05und so liebe ich über alles.
21:06Und das musste ich jetzt
21:07natürlich sozusagen
21:07in einem Moment lesen,
21:08wo ich es normalerweise
21:09nicht gelesen hätte,
21:10weil ich irgendwo im Zug war
21:11zwischen verschiedenen Terminen,
21:12mit ganz vielen Sachen im Kopf,
21:13mit ganz viel Stress
21:14und dann verstärkt das
21:15natürlich dieses Gefühl nochmal.
21:16Gibt es auch keinen
21:17entlastenden Moment,
21:18entlastenden Moment im Sinne von,
21:19ah, da wird eine Sprache gefunden
21:21für das, was schwer zu formulieren ist?
21:24Also ich empfinde ja oft
21:25eine Entlastung,
21:26wenn ich was lese und denke,
21:28ah, wenigstens wird das Elend
21:29konkret aufgezeigt
21:30und formuliert und benannt.
21:32Sofort geht es mir
21:32ein bisschen besser,
21:33weil man zumindest weiß,
21:34womit man es zu tun hat.
21:35Also es gelingt natürlich,
21:36also die beiden werden
21:36nicht vorgestellt als
21:38irgendwie faules Geschwisterpaar,
21:39das halt vom Fernseher
21:40nur rumgammelt,
21:41weil sie keinen Bock haben
21:41oder was auch immer
21:42und es wird halt irgendwie
21:43dieser Ausgangspunkt erläutert
21:45und gesagt, hey,
21:45es hat auch Gründe,
21:46warum Menschen so handeln,
21:48wie sie handeln.
21:49Ich muss dieses Handeln
21:50nicht gutheißen,
21:51ich muss es auch erst recht
21:52nicht unterstützen,
21:52aber ich kann zumindest
21:53schon mal damit anfangen
21:54zu verstehen,
21:55wo es herkommt.
21:56Also man muss die beiden
21:57Charaktere jetzt trotzdem
21:57nicht lieben,
21:58im Gegenteil,
21:59aber zumindest hat man
21:59so eine Ahnung,
22:00wo das alles herkommt.
22:01Ich liebe sie schon sehr.
22:02Ich liebe sie irgendwie sehr.
22:04Ich weiß so dieses,
22:05ich kann dir gar nicht
22:06genau sagen, warum.
22:06Ich glaube,
22:07weil die so autonom ist,
22:09trotz allem
22:10und weil sie immer sich
22:11in diesem ganzen Trauma
22:12und dieser ganzen Härte
22:13und Schrecklichkeit
22:14in so eine,
22:15wie in so eine
22:16objektive Instanz flüchtet.
22:17Also die flüchtet sich
22:18aus ihren Emotionen
22:20immer raus
22:21in so ein Detachment,
22:23von dem aus sie
22:24alles nochmal anders
22:24beurteilen kann
22:25oder so.
22:26Und sie versucht ja auch
22:27irgendwie Beziehungen
22:28aufzubauen,
22:28beziehungsweise es geht
22:29ja dann am Ende darum,
22:30dass sie diesen Mann
22:31ausrauben soll,
22:32beziehungsweise
22:32diesen Tresor finden soll
22:33und man merkt ja,
22:34dass sie das nicht
22:35aus Überzeugung macht.
22:36Also sie macht es,
22:37weil sie muss,
22:38weil irgendwie,
22:39weil sie Geld brauchen,
22:40weil der Druck auch da ist,
22:41aber eigentlich will sie
22:42diesem Menschen
22:43nichts Böses.
22:44Die Rente der gestorbenen Eltern
22:45reicht kaum zum Überleben.
22:47Zwei Freunde des Bruders
22:48ziehen in die Wohnung ein
22:49und diese Freunde
22:50überreden Bianca,
22:51die 14- oder 15- oder 16-jährige
22:53Protagonistin des Buches,
22:55mit einem Bodybuilding-Weltmeister
22:56zu schlafen,
22:57damit sie ihn ausrauben können.
22:59Machis,
22:59dieser Weltmeister,
23:00ist erblindet
23:01und lebt komplett
23:02zurückgezogen in einer Villa.
23:03Bianca soll ihn verführen
23:04und ausspionieren,
23:05wo der Tresor steht.
23:06Das ist ja quasi
23:07ein Arbeitsauftrag,
23:07den sie bekommt
23:08und trotzdem entwickelt sich
23:09dann daraus
23:09vielleicht die erste Beziehung,
23:11wo sie sich als Person
23:11gesehen fühlt.
23:12Von einem Blinden aus.
23:13Ja,
23:14nicht in Abhängigkeit
23:15wie von ihrem Bruder,
23:16was ja einfach auch
23:17eine Blutsverwandtschaft ist.
23:18Da kann man ja nicht
23:19so viel daran ändern.
23:20Auch nicht die beiden.
23:20Zwei sind es, glaube ich,
23:21die sich dann
23:22in ihre Wohnung holen,
23:23die dann einfach auch
23:23über ihren Bruder
23:24ja eigentlich in ihr Leben kommen,
23:26sondern jemand,
23:27der zum ersten Mal
23:29ihr irgendwie was gibt.
23:30Also einen gewissen Halt gibt.
23:32Das ist auch
23:32ein sehr schön beschriebener Punkt,
23:34der Moment,
23:35an dem sie realisiert,
23:37wie sie in die Kriminalität abrutscht,
23:39wie der einzige Ausweg
23:40oder die einzige Konsequenz
23:42aus ihrem Leben,
23:43das sie gerade führt,
23:44die Kriminalität ist.
23:46Und eigentlich nimmt sie sich vor,
23:46auf gar keinen Fall
23:47sich zu prostituieren,
23:49tut es dann
23:49ohne jeden Übergang
23:50trotzdem
23:51und findet in dieser Begegnung,
23:53weil die durch
23:54diesen Schicksalsschlag
23:55verbunden sind
23:56in gewisser Weise
23:58plötzlich
24:02jemanden, der sie sieht
24:03und der was Ähnliches empfindet,
24:05obwohl die sozialen Zusammenhänge
24:06unterschiedlicher nicht sein könnten.
24:10Woher kommen wir
24:11und wem begegnen wir
24:12aus welchen Gründen?
24:14Und gibt es tiefe Beziehungen
24:15jenseits von Blutsverwandtschaft
24:17und Sex?
24:18Das sind Fragen,
24:19die beide Bücher verbinden.
24:21Am Ende geht es
24:22in 84 Charing Crossroad
24:24und im Lumpenroman
24:25um Wahlverwandtschaften,
24:27die lebenswichtig sind,
24:28obwohl es keine offizielle
24:29Bezeichnung für sie gibt.
24:31Oft tun politische Parteien
24:32in Deutschland so,
24:33als wäre die Herkunftsfamilie
24:35der ultimative Standard.
24:37Oder sogar etwas,
24:39das der Politik vorausgeht.
24:41Christian Lindner vor kurzem
24:43hat in einem Interview gesagt,
24:45auf die Frage,
24:47warum er an das glaubt,
24:48woran er glaubt.
24:49Und er hat geantwortet,
24:52ja, er wurde immer
24:53sehr bestärkt von seiner Familie,
24:55das zu tun,
24:56was er gerne tun möchte.
24:57Und gleichzeitig hat diese Familie,
25:00vor allem seine Großmutter,
25:01aber auch der Rest seiner Familie,
25:03ihm immer wieder zu verstehen gegeben,
25:04wenn es nicht läuft,
25:05kommst du zurück zu uns.
25:07Was ich eine interessante
25:08Vorstellung von Familie finde,
25:10weil es bedeutet,
25:12geh raus, mach dein Ding,
25:13wenn du verkackst,
25:15wir sind hier
25:15und bringen dich durch.
25:17Das bestätigt natürlich
25:18total diese Idee von,
25:20es gibt keine Gemeinschaft,
25:21es gibt keinen Staat,
25:22es gibt das Individuum
25:23und es gibt die Familie,
25:24sonst nichts.
25:25Spannenderweise,
25:25ich könnte jeden Satz
25:26von Christian Lindner unterschreiben.
25:27Ich habe ganz tolle Eltern,
25:29die mich immer unterstützt haben,
25:30die immer gesagt haben,
25:30mach dein Ding,
25:31du kannst alles schaffen.
25:32Und wir sind immer da.
25:33Und ich wusste und ich weiß bis heute,
25:34wenn ich irgendein Problem habe,
25:35ich kann da hingehen,
25:36egal was es ist.
25:37Und das hat mir einfach
25:39eine Freiheit ermöglicht
25:40und eine Sorglosigkeit,
25:42die mir erst später
25:43so bewusst geworden ist,
25:44wie wertvoll das ist.
25:46Und genau deswegen habe ich gesagt,
25:48will ich dafür sorgen,
25:49dass alle Menschen,
25:49egal aus welchem Elternhaus
25:51sie kommen,
25:51welchen Hintergrund sie haben,
25:52welche Unterstützungsstrukturen sie haben,
25:55wirklich gleiche Chancen
25:55und Voraussetzungen haben.
25:56Ich finde auch,
25:57das Ziel sollte sein,
25:58innerhalb von einer Gesellschaft,
26:00dass die Gesellschaft
26:01ein Grundvertrauen vermittelt,
26:02das jenseits von einer Familie
26:04bestehen bleibt.
26:05Genau so.
26:06Und das passiert gerade nicht.
26:07Ich habe auch eine ganz andere Erfahrung gemacht.
26:09Also auch gerade mit den jungen Leuten,
26:10mit denen ich gearbeitet habe,
26:12für die war auf das Schulsystem
26:13zum Beispiel überhaupt nicht funktional.
26:14Die sind dadurch alle Raster gefallen,
26:15weil das Schulsystem,
26:16du hast...
26:17Ich war es nicht zum Beispiel.
26:18Ich habe abgebrochen in der 10. Klasse,
26:20weil es nicht anders ging.
26:20Ich war in einem ähnlichen Zustand
26:22wie die Protagonisten da in dem Buch
26:23und es war scheißegal,
26:24ob ich zur Schule gehe oder nicht.
26:26Was mein großes Glück war,
26:27war, dass ich als Teenager
26:28an diesem Ort
26:29mich viel aufhalten konnte,
26:30weil mein Vater hier zuvor gearbeitet hatte.
26:32Das war mein großes Glück,
26:33dass ich Leute kennengelernt habe
26:35oder in Theaterstücke gegangen bin,
26:37wo es wirklich um...
26:40Wo eigentlich das Lumpenproletariat
26:42auf der Bühne stand
26:43und ganz viele Leute aus Zusammenhängen,
26:48aus denen sie nicht anders rausgekommen wären,
26:50ohne diese Plattform zu kriegen oder so.
26:52Und deswegen glaube ich einfach immer noch
26:54wirklich an die Kraft der Kunst.
26:55Und ich glaube einfach,
26:59dass Nichtstun oder Aufgeben
27:01einfach keine Alternative ist,
27:03weil genau dann das passiert,
27:04was in diesem Roman passiert,
27:05dass dein Leben an dir vorbeizieht,
27:07dass du einfach frustriert bist,
27:08dass du überlebst.
27:08Und für mich war Politik
27:09immer die Möglichkeit,
27:11aktiv einzugreifen.
27:12In meinem Leben hätte er sich
27:13ganz viel anders entwickeln können.
27:14Vielleicht hättest du
27:14einen Fantasy-Roman geschrieben.
27:15Vielleicht auch das.
27:16Also ich würde gerne
27:17ein Kinderbuch eigentlich schreiben.
27:18Ich bin ja sehr neidisch auf Robert Habeck,
27:19das sein Kinderbuch geschrieben hat.
27:20Ich finde das nämlich total cool.
27:21Ich finde, das Dümmste,
27:22wofür du Robert Habeck angreifen kannst,
27:24ist, dass er Kinderbücher geschrieben hat.
27:25Ich finde das einfach so richtig toll.
27:26Also jemand, der sich hinsetzt
27:27und sagt, ich möchte Kindern
27:28was beibringen
27:29oder sie daran bestärken,
27:30so zu sein, wie sie sind.
27:31Hallo?
27:33Und das Dümmste,
27:34was man ihm vorwerfen kann,
27:35ist, dass er Vögel beobachtet.
27:36Das finde ich das Schönste,
27:38was ein Politiker machen kann.
27:40Die Schönheit in einer anderen Spezies.
27:42Das ist natürlich
27:43ein richtig cooles Klischee.
27:44Das war für mich
27:45immer total...
28:06Im Lumpenroman findet Bianca
28:07in der Villa von Machist
28:09übrigens ein Frauenmagazin
28:10namens La Donna.
28:12Und in diesem Magazin
28:13füllt sie einen Psychotest aus,
28:15um etwas über ihre eigene
28:16Persönlichkeit zu erfahren.
28:18Stellen wir Heidi doch
28:19ein paar Fragen daraus,
28:20bevor sie jetzt wieder
28:20zurück in den Bundestag muss.
28:22Erste Frage,
28:23was hältst du von Männern unter 20?
28:25Ich glaube,
28:26sie haben auf jeden Fall
28:27gute Chancen,
28:30nicht Teil des Patriarchats zu werden,
28:32wenn sie sich anstrengen.
28:33Was hältst du von Männern unter 30?
28:35Haben die die Chance auch noch?
28:36Ich finde,
28:38jede und jeder hat die Chance,
28:39sich immer zu verbessern.
28:41Wenn du ein Vogel wärst,
28:42welcher Vogel würdest du sein?
28:43Zählt Pinguin?
28:44Ich finde die so niedlich.
28:44Das sind meine Lieblingstiere.
28:45Ja, die sind toll.
28:47Totale Trottel,
28:47aber Killer unter Wasser.
28:48Ich liebe das.
28:49Hältst du dich für hübsch?
28:50Das ist auch so eine richtig
28:51schlimme Frage.
28:52Und dann weißt du immer als Frau,
28:53okay, wenn ich jetzt Ja sage,
28:54bin ich arrogant,
28:54aber wenn ich Nein sage,
28:55habe ich kein Selbstbewusstsein.
28:56Ich bin zufrieden.
28:57Hältst du dich für intelligent?
28:58Ja, das kann ich sagen,
29:00aber ich halte auch sehr viele
29:02Menschen für intelligent.
29:03Danke dir vielmals.
29:04Danke dir.
29:27Okay, ich nehme den nicht in den Arm.
29:34Nee, ich mache es nicht.
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