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00:21Ein Wald im Südwesten von Mecklenburg-Vorpommern.
00:26Hier will mir der Wildbiologe Norman Stier zeigen,
00:29wie sich die Dammwildbestände entwickeln,
00:32seit er zurück ist.
00:34Der Wolf.
00:37Irgendwo sind die Tiere hier unterwegs, noch weiß ich nicht wo.
00:41Aber das hier ist ein Bau, in den sie ihre Welpen großgezogen haben.
00:46Die großen Beutegreifer.
00:49Gefeiert und umstritten.
00:50Wo Wölfe unterwegs sind, scheint die Natur wilder geworden zu sein.
00:55Ist das wirklich so?
00:57Was bringt die Rückkehr der Raubtiere für die Artenvielfalt,
01:01das ökologische Gleichgewicht hier im Wald?
01:04Tatsächlich ist das Gleichgewicht vieler Ökosysteme in Gefahr.
01:07Ein Fünftel der europäischen Tier- und Pflanzenarten
01:10ist vom Aussterben bedroht.
01:13Die Artenkrise ist mindestens so bedrohlich wie die Klimakrise,
01:18sagen Forschende.
01:19Beim Klimawandel geht es letztlich nur darum,
01:22wie wir in Zukunft leben.
01:24Beim Artensterben geht es darum, ob wir als Menschheit überleben.
01:28Vom sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte ist die Rede.
01:32Was also tun?
01:34Wir müssen wilder werden, viel wilder.
01:36Das sagt nicht ich.
01:37Dazu haben sich 200 Staaten beim Weltnaturgipfel in Montreal verpflichtet.
01:41Auch Deutschland.
01:42Und das bis 2030.
01:45Aber wie viel Wildnis ist in unserem dicht besiedelten Land möglich?
01:50Und was muss passieren, um das dramatische Artensterben zu stoppen?
01:54Das will ich herausfinden.
02:18Ich starte meine Spurensuche im Nordosten Deutschlands.
02:21Intensive Landwirtschaft auf riesigen Flächen.
02:25Ein entscheidender Faktor, der das Artensterben vorantreibt.
02:28Von Wildnis keine Spur.
02:31Das soll sich ändern.
02:32Bis 2030 sollen laut Montreal-Protokoll
02:3530 Prozent der Landes- und Meeresfläche unter Schutz gestellt.
02:38Und 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme renaturiert werden.
02:43Geplant ist außerdem, den Einsatz von Pestiziden und Dünger deutlich zu reduzieren.
02:49Inzwischen hat die EU ein ergänzendes Renaturierungsgesetz auf den Weg gebracht.
02:54Demnach sollen 20 Prozent Europas grüner werden.
02:59Reicht das im Kampf gegen die Artenkrise?
03:03Ich will mir drei Ökosysteme anschauen.
03:06Wiese, Wasser und als erstes den Wald.
03:12In einem Waldgebiet südlich von Schwerin habe ich mich mit dem Wildbiologen Norman Stier verabredet.
03:18Er zeigt mir, was sonst kaum jemand zu Gesicht bekommt.
03:23Die Spuren der Wölfe.
03:29Um das Leben der scheuen Tiere zu erforschen, hat er im Wald viele Fotofallen aufgehängt.
03:35Was wollt ihr denn im besten Fall damit rausfinden?
03:38Ja, die Fotofallen sind ja für die Wölfe ausgerichtet.
03:42Sodass wir also immer einen Überblick haben, wie groß ist das Rudel, was in dem Gebiet lebt.
03:45Haben sie Jungtiere? Sind noch Jährlinge da, die die Jungen mit versorgen?
03:49Der Nahrungsbedarf ist ja unterschiedlich, ob zwei Wölfe, vier Wölfe oder eben zehn da sind.
03:55Ich bin gespannt.
03:58Im Jahr 2023 wurden in ganz Deutschland 184 Wolfsrudel nachgewiesen, etwa 1300 Tiere.
04:08In diesem Wald lebt aktuell ein Wolfspaar mit seinen zwei inzwischen schon älteren Welpen.
04:15Verändert sich die Natur, wenn die Wölfe zurückkehren?
04:21Welche Rolle spielt denn der Wolf für das ökologische Gleichgewicht hier?
04:25Ja, der Wolf spielt als Tier am Ende der Nahrungskette natürlich eine ganz wichtige Schlüsselrolle.
04:30Und je naturnäher das Ökosystem ist, desto stärker ist seine Rolle eben im System.
04:36Beispiel Yellowstone, wo das ja ganz gut untersucht ist, hat ja einen großen Einfluss bei den Entwicklungen der Huftierbestände und
04:43damit auch der Vegetation.
04:46Im Yellowstone-Nationalpark in den USA gab es fast 70 Jahre lang keine Wölfe mehr.
04:52Als sie 1995 wieder angesiedelt wurden, veränderte sich das ganze Ökosystem.
04:58Die Wölfe hielten das Rotwild in Schach, das zuvor viele junge Bäume abgefressen hatte.
05:04So kehrten verdrängte Pflanzen und Bäume zurück.
05:08Das freute die Singvögel und Biber.
05:11Die Biber bauten Dämme, die dann den Fischottern zugute kamen.
05:16Durch die Wölfe ging außerdem die Zahl der Kojoten zurück, zum Wohl der Kaninchen.
05:21Die wiederum lockten Adler, Wiesel und Füchse an.
05:24Die Flusslandschaft wurde vielseitiger.
05:27Eine Veränderung von oben nach unten. Die sogenannte trophische Kaskade.
05:35Und in Deutschland?
05:36Auch bei uns dezimieren Wölfe Schalenwild, das die jungen Triebe abfrisst.
05:42Normen zeigt mir, wie sich der Baumbestand verändert, seit der Wolf hier zurück ist.
05:48Viele Laubbäume können sich nun besser entwickeln.
05:51Und sorgen für eine größere Vielfalt im Wald.
05:55Aber Mecklenburg-Vorpommern ist nicht der Yellowstone.
05:59In unserer stark vom Menschen geprägten Kulturlandschaft dem Wolf das Revier komplett allein zu überlassen, ist nicht möglich.
06:06Wir brauchen auch noch den menschlichen Jäger, sagt Norman.
06:11Letztendlich kann der Wolf viel regeln, aber nicht alles.
06:13Genau, es ist in naturnahen Ökosystemen, da spielt er die Schlüsselrolle und kriegt das auch alleine hin.
06:18Aber hier ist eben die Landschaft so stark nahrungsangereichert durch Landwirtschaft, dass eben sehr hohe Beutetierdichten da sind.
06:24Da wird der Wolf das nicht alleine hinkriegen.
06:26Trotzdem hat er eine Schlüsselrolle hier auch bei uns, bei der Regulation von Bibern zum Beispiel.
06:33Auch kranke und geschwächte Tiere kann der Wolf besser aufspüren als der Mensch.
06:38Drei bis vier Kilo Wildtiere frisst jeder Wolf durchschnittlich pro Tag.
06:42Da hinten, Dammwild.
06:48Verändern die Tiere ihr Verhalten, seit der Wolf wieder da ist?
06:52Ziehen sie in andere Gebiete?
06:54Darüber möchte Norman belastbare Daten sammeln.
07:00Irgendwo hier muss er sein.
07:03Der Wolf.
07:05Zumindest den Platz der Welpen finden wir.
07:08Den Bau.
07:10Das sehe ich zum ersten Mal.
07:13Das ist toll.
07:13Man kann reinkriechen, wenn man möchte.
07:15Das haben manche schon gemacht.
07:17Werden dann die Jungen hier geboren?
07:19Sie werden hier geboren.
07:20Und das kann eine Stelle sein.
07:22Kann aber auch sein, dass sie umziehen und zehn solcher Stellen haben.
07:25Wenn die Welpen klein sind, werden sie getragen.
07:27Man sieht manchmal auch auf den Fotofallen, wie sie dann einen Welpen nach dem anderen vorbeitragen.
07:33Zeit, unsere Fotofallen auszuwerten.
07:37Im Garten von Norman darf ich mir ein Bild machen, was hier im Wald so los ist.
07:42Sind auch Wölfe auf den Aufnahmen?
07:48Ah, ein Hirsch.
07:49Ein stattliches Tier.
07:55Das heißt ein Welpe?
07:56Das sind zwei Welpen.
08:00Viele freuen sich jetzt, dass der Wolf wieder da ist.
08:02Es gibt aber auch Konflikte, Sorgen, Ängste.
08:05Was sagst du dazu?
08:06Genau, das ist natürlich eine Rückkehr eines ursprünglichen Bewohners hier,
08:10denen nicht konfliktfrei abläuft.
08:13Da ist wichtig, dass man diese Konflikte versucht zu minimieren.
08:16Auf den Übrigen kann man sie nicht, aber bei Nutztierrissen kann man mit Schutzmaßnahmen relativ viel machen.
08:21Auf jeden Fall mit einem vernünftigen Zaun schafft man das Problem eigentlich weitestgehend in den Griff zu kriegen.
08:26Darüber wird viel gestritten.
08:28Um sachlich über den Wolf diskutieren zu können, hat Norman 2015 an der TU Dresden ein Telemetrieprojekt gestartet.
08:36Dazu stattet er Wölfe und ihre Beutetiere mit GPS-Halsbandsendern aus.
08:41So kann er ihre Bewegungsmuster verfolgen.
08:46Heute darf ich dabei sein, wenn ein Dammtier besendet wird.
08:51Dazu locken wir die Wildtiere mit ihrem Lieblingsfutter an.
08:56Gesalzenen Kastanien.
09:01Auf diesem Feld am Rand von Normans Garten sucht das Dammwild in der Dämmerung nach Nahrung.
09:07Direkt gegenüber legt sich der Wildbiologe mit dem Narkosegewehr auf die Lauer.
09:13Da die Tiere extrem scheu sind und sofort Witterung aufnehmen, wird die Ansitzhütte abgedichtet.
09:19Mit ein bisschen Glück, ein bisschen Ruhe ist auch immer wichtig. Manchmal wird man dann ruhiger, wenn sie dann kommen.
09:27Das ist also total unterschiedlich. Aber sie müssen halt kommen.
09:31Bis später.
09:34Wie verhält sich das Dammwild heute Abend? Die Tiere müssen auf 12 Meter herankommen, damit der Narkosepfeil trifft.
09:42Jetzt heißt es für Norman und mich, warten.
09:49Ich habe mich in Normans Haus zurückgezogen, um die Tiere mit dem Nachtsichtfernglas zu beobachten.
09:55Die ersten kommen. Ein stattlicher Dammhirsch ist auch dabei.
10:05Doch irgendetwas stört die Tiere. Eine Gruppe nach der anderen dreht ab. Heute haben wir kein Glück.
10:13Nach vier Stunden brechen wir ab, um es am nächsten Abend noch einmal zu versuchen.
10:21Bislang zeigt die Forschung, der Wolf frisst zu 99 Prozent Wildtiere. Nur ein Prozent seiner Beute sind Nutztiere.
10:28Wenn wir dem Wolf mehr Raum, also mehr Wildnis geben, könnten manche Konflikte wohl vermieden werden.
10:3630 Prozent Naturschutzfläche bis 2030. Wo stehen wir da eigentlich?
10:43Insgesamt haben rund 37 Prozent der Fläche in Deutschland Schutzstatus.
10:48Haben wir das Ziel also schon erreicht? Nein.
10:51Denn nur in wenigen Gebieten wird die Artenvielfalt konsequent geschützt.
10:57Naturpark, Landschaftsschutzgebiet, Naturdenkmal, Biosphärenreservat.
11:01In vielen dieser Gebiete darf Forstwirtschaft betrieben und gejagt. In Landschaftsschutzgebieten sogar gebaut werden.
11:08Streng geschützt sind nur die Kernzonen von Nationalparks. Der Anteil an Nationalparks liegt bei gerade mal 0,6 Prozent.
11:16Und Naturschutzgebiete. Sie machen 6,3 Prozent aus. Es sieht also insgesamt ziemlich mau aus mit dem Schutz von natürlichem
11:25Lebensraum.
11:28Aber muss es immer Wildnis sein? Auch nachhaltig bewirtschaftete Kulturlandschaften wie diese Streuobstwiesen leisten einen Beitrag zum Artenschutz.
11:40Vor den Toren von Frankfurt am Main werden sie noch gepflegt.
11:46Hier treffe ich die Biologin Katrin Böning-Gäse.
11:51Wie wichtig sind denn solche Streuobstwiesen für die Artenvielfalt?
11:54Diese Streuobstwiesen sind unglaublich wichtig für die Artenvielfalt bei uns in Deutschland.
11:59Da gibt es ganz besondere Arten, die sonst nirgends zu finden sind.
12:03Steinkäuze zum Beispiel und Gartenrotschwänze oder Wendehälse oder Fledermäuse.
12:08Da sieht man eine lebende Kulturlandschaft.
12:11Katrin Böning-Gäse ist Direktorin am Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrum.
12:18Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Verlust der Artenvielfalt.
12:22Viele sprechen ja vom sechsten Massenaussterben. Was sagen Sie?
12:26Das ist wirklich Konsensus in der Wissenschaft, dass wir am Beginn des sechsten Massenaussterbens stehen.
12:31Wir haben jetzt Aussterberaten, die mindestens zehn bis hundertfach höher sind als in den letzten zehn Millionen Jahren.
12:37Das letzte Massenaussterben war das, wo die Dinosaurier ausgestorben sind.
12:43Diesmal ist der Mensch dran schuld.
12:46Einige Säugetiere in Deutschland sind bereits verschwunden.
12:50Rund 40 Prozent der noch vorhandenen Arten bestandsgefährdet.
12:55Genauso über 40 Prozent der Vögel. 14 Vogelarten sind ausgestorben.
13:01Etwa 70 Prozent der Reptilien vom Aussterben bedroht, gefährdet oder stark gefährdet.
13:06Bei den Amphibien ist die Hälfte im Bestand gefährdet.
13:11Die Gesamtbiomasse der Insekten ist in manchen Regionen Deutschlands um 75 Prozent zurückgegangen.
13:18Auch 30 Prozent der Pflanzen sind im Bestand gefährdet.
13:22Manche Arten sogar komplett ausgestorben.
13:28Reichen 30 Prozent Schutzgebiete bis 2030, um diese dramatische Krise in den Griff zu bekommen?
13:35Wie bewerten Sie denn das 30-30-Ziel?
13:37Das ist eine fantastische Zielvereinbarung.
13:40Genau das müssen wir erreichen.
13:42Und wenn wir nach Deutschland schauen, haben wir flächenmäßig diese 30 Prozent fast schon erreicht.
13:47Das Problem ist aber, dass in den Gebieten weiterhin oft Forstwirtschaft, Landwirtschaft erlaubt ist,
13:52Fischerei und damit das Schutzziel eigentlich unterlaufen wird.
13:56Was muss sich da verändern?
13:57Wir müssen in ein paar Punkten der Schutzgebiete aus der Nutzung rausgehen. Wir brauchen mehr Wildnis.
14:06Streuobstwiesen sind ein Biotop für seltene Tiere und Pflanzen.
14:10Erholungsorte.
14:12Und sie liefern Bio-Obst.
14:15Aber sie sind nur eine von vielen Stellschrauben zur Lösung der Artenkrise.
14:21Es geht um das sechste Massensterben auf der Erde. Denken wir also doch mal radikaler.
14:25Was, wenn der Mensch sich komplett raushält und die Natur einfach machen lässt?
14:32Ich fahre nach Anklamm in Mecklenburg-Vorpommern.
14:36Hier gibt es so ein Gebiet, aus dem sich der Mensch zurückgezogen hat.
14:42Den Anklammer Stadtbruch.
14:45Bei einer Sturmflut im November 1995 brachen hier die Deiche.
14:51Das Gelände verwandelte sich in eine wilde Moorlandschaft.
14:55Mit weiten Gewässern und totholzreichen, feuchten Waldflächen.
15:01Jetzt ist die Natur der Architekt.
15:05Hier treffe ich Stefan Schwill vom Naturschutzbund NABU.
15:09Er betreut den Anklammer Stadtbruch seit vielen Jahren.
15:14Es ist kühl und windig heute.
15:16Aber ich bin gespannt. Und zwar auf einen ganz besonderen Vogel.
15:21Den Seeadler.
15:24In diesem Gebiet gibt es die höchste Brutdichte in Mitteleuropa.
15:30Und wie viele Seeadler sind hier?
15:32Wir haben so zwischen 10 und 12 Brutpaare.
15:35Es gibt mehrere Stellen, wo man von einem Ort mehrere Seeadler auch gleichzeitig sehen kann.
15:39Ob Stefan und ich heute einen zu Gesicht bekommen?
15:44Die Artenvielfalt in diesem Wildnisgebiet ist auf jeden Fall beeindruckend.
15:49Auf 2000 Hektar leben hier Kraniche, Graugänse, Bekassin, Kormorane, Silber- und Graureiher.
15:58Vom Menschen vollkommen ungestört.
16:01Auch die Moorbirke wächst hier. Der Baum des Jahres 2023.
16:07An dieser Stelle spürt man im Gebiet, dass das was Besonderes ist.
16:10Es sieht wild aus, so wie man sich Wildnis ein Stück weit vorstellt.
16:15Und hier kommt der Wolf vorbei?
16:16Hier kommt auch der Wolf vorbei.
16:17Wir haben ja auch schon einen Fuß von einem Biber gefunden.
16:20Also mutmaßlich vom Wolf erbeutet.
16:26Der Biber hat sich in den alten Torfkanälen angesiedelt.
16:29Die sind bis Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt worden, um den Torf per Boot nach Anklam zu fahren.
16:35Sie sind die letzten Spuren menschlicher Bewirtschaftung.
16:41Heute wirtschaftet hier der Biber.
16:43Was sich rund ums Ufer an den eindrucksvollen Baumfellarbeiten sehen lässt.
16:49Gibt es hier auch Kaskadeneffekte? So wie im Yellowstone?
16:55Inwiefern hat denn auch der Biber sein Verhalten verändert, seit jetzt der Wolf da ist?
16:58Wenn der Wolf nicht in einem Gebiet ist, dann verlässt der Biber so diese Flussläufe weit.
17:02Er geht also wirklich 100, 150, 200 Meter weg und fällt dort seine Bäume.
17:06Und in dem Moment, wo der Wolf in dem Gebiet ist, bleiben die Biber ganz dicht an diesem Wasserläufe,
17:10um ganz schnell verschwinden zu können, wenn eine Gefahr droht.
17:12Und das hat natürlich große Auswirkungen darauf, wo der Biber in die Vegetation, in seinen Lebensraum eingreift.
17:18Wenn der Biber seine Bäume dicht am Gewässer fällt, verringert er den Gehölzbestand am Ufer.
17:24Und öffnet diesen Raum.
17:26Die Bäume, die weiter vom Wasser weg sind, können größer werden.
17:30Das schafft wiederum neue ökologische Nischen.
17:34Und damit auch Platz für neue Arten.
17:37Ein Seeadler haben wir bisher leider noch nicht gesehen.
17:40Aber wir bleiben dran.
17:46Wilde Ökosysteme wie der Anklammer Stadtbruch tragen viel zum Artenschutz bei.
17:51Und Moore speichern mehr klimaschädliches Kohlendioxid als jedes andere Ökosystem.
17:57Doch 95 Prozent der ursprünglichen Moore in Deutschland sind mittlerweile entwässert, bebaut, land- oder forstwirtschaftlich genutzt.
18:07Laut einer Studie des Karlsruher Instituts für Technologie könnte eine Renaturierung von nur 15 Prozent der zu Nutzland umgewandelten Flächen
18:16reichen,
18:17um 60 Prozent der erwarteten Aussterbeereignisse zu verhindern.
18:22Der Schutz der Moore ist also ein zentraler Baustein.
18:27Sowohl beim Klima als auch beim Artenschutz.
18:31Laut aktuellen Fahrplanen des Bundesumweltministeriums sollen Moore tatsächlich künftig mehr geschützt werden.
18:38Von den insgesamt 30 Prozent der Fläche, die geschützt werden sollen, sollen ja 10 Prozent besonders strikt geschützt werden.
18:46Und zu diesen 10 Prozent sollen auch bisher nicht geschützte Altwälder zählen, Seegraswiesen und eben auch Moore.
18:54Ein Grund zur Hoffnung?
18:56Oder sind 10 Prozent streng geschützte Wildnis viel zu wenig, um die Artenkrise zu bremsen?
19:02Der strengen Schutz ist auf jeden Fall eine wichtige Komponente und das kommt Mooren zugute.
19:06Das kann man in Wäldern machen, an Küsten, im Gebirge. Das schützt aber einen ganz wichtigen Ausschnitt der Natur.
19:12Das heißt, für Sie sind die Prozente gar nicht so entscheidend, sondern vor allem die Qualität?
19:17Eigentlich braucht man beides. Also 30 Prozent Schutz, 10 Prozent strenger Schutz.
19:23Das sind schon auch von der Fläche her sinnvolle Ziele, aber wir müssen hier innerhalb Deutschlands auf jeden Fall den
19:29Schutzstatus verbessern.
19:32Und diesen auch kontrollieren.
19:34Denn was nützt das beste Schutzgebiet, wenn es viel zu klein ist oder nur auf dem Papier besteht?
19:41Eines der wichtigsten Ziele bis 2030 ist es, die Leistungen von Ökosystemen zu schützen oder wiederherzustellen.
19:49Besonders schwierig wird das bei Gewässern.
19:53Ich fahre an die Oder.
19:56Hier hat 2022 ein großes Fischsterben international für Schlagzeilen gesorgt.
20:06Die Hydrobiologin Sonja Jenig untersucht hier gemeinsam mit ihrem Team, wie sich die Oder seit der Umweltkatastrophe verändert hat.
20:14Wie geht's denn der Oder eigentlich heute nach dem großen Fischsterben?
20:17Wir haben viele Beprobungen durchgeführt von den Fischen, von Makrozoobentos, von den kleinen Krabbeltieren, die wir beproben wollen, vom Plankton.
20:29Und haben jetzt so eine erste Einschätzung. Also es ist wirklich eine große Verringerung von den Fischbeständen da.
20:35Die Arten sind schon noch da, aber zum Teil dramatisch reduziert.
20:39Die Ursachen der Oder-Katastrophe sind mittlerweile klar.
20:44Salzige Abwässer aus polnischen Bergwerken, wochenlange Sommerhitze und Niedrigwasser hatten den Fluss so belastet,
20:50dass sich die giftige Goldalge explosionsartig vermehren konnte.
20:56Geschätzt 1000 Tonnen Fisch, viele Muscheln und kleine Wasserorganismen verendeten.
21:03Wie sieht es hier heute aus?
21:07Viel Sand habe ich gefangen.
21:09Ja, man sieht Sand, man sieht eine Muschel.
21:13Laut roter Liste für bedrohte Arten sind 40 Prozent der Süßwasserfische in Deutschland bestandsgefährdet.
21:19Bei den Bodenlebewesen ist es noch unklar.
21:22Sind denn Flüsse da besonders anfällig?
21:25Fakt ist schon, dass sie dadurch, dass sie ja der tiefste Punkt in der Landschaft sind, auch alles einsammeln.
21:31Also das, was von der Seite reinkommt, aber eben auch eigentlich das ganze Gebiet, was sie durchflossen haben.
21:39Das Sediment ist normalerweise reich bevölkert.
21:43Mit Makrozobentos, den kleinen Bodenlebewesen, die Sonja Jenig und ihr Team untersuchen.
21:50Was lässt sich hier finden?
21:56Außer Sand ist uns nicht viel ins Netz gegangen.
22:03Was macht das mit dir, wenn du jetzt siehst, da ist viel weniger los als vorher?
22:08Das ist schade.
22:09Die genauen Schäden können wir zum Beispiel für das Makrozobentos auch noch gar nicht abschätzen, weil es einfach relativ aufwendig
22:17ist, die Proben zu bearbeiten.
22:20Bei den Fischen sind die Ergebnisse schon da.
22:24Ein Rückgang bei einigen Arten um 60 bis 70 Prozent.
22:29Bei manchen sogar um bis zu 90 Prozent.
22:33Besonders betroffen ist der Stör.
22:36Um die 20.000 Tiere starben bei der Oder-Katastrophe.
22:42Inzwischen wurden wieder Jungfische eingesetzt, damit sich die Bestände im Fluss langsam erholen können.
22:50Ein Sonderforschungsprogramm soll außerdem den Zustand der Oder weiter begleiten.
22:56Am Beispiel der Oder wird deutlich, dass Naturschutz nicht an den Landesgrenzen aufhört.
23:02Gerade bei Gewässern ist es wahnsinnig schwierig, die gültigen Vorschriften umzusetzen.
23:07Etwa im europäischen Gewässerschutzrecht.
23:10Und die Strafen für Umweltverschmutzung sind nicht abschreckend genug, beklagen Umweltverbände und Forschende.
23:19Wie wichtig ist es denn, dass Flüsse, überhaupt Binnengewässer, also Süßwasser besser geschützt wird?
23:28Ja, ich würde sagen, das ist total essentiell, weil wir ja auch in vielerlei Hinsicht von den Gewässern profitieren.
23:35Und zwar eben nicht nur von der Ressource Wasser, die wir vielleicht zu Hause nutzen, sondern eben auch über die
23:43biologische Vielfalt.
23:45Also das sind so Sachen wie Ernährung, die Selbstreinigung vom Gewässer, die man vielleicht nicht unbedingt so im Kopf hat.
23:53Bei der Berechnung der Schutzgebiete werden Binnengewässer bislang übrigens zu den Landflächen gerechnet.
23:59Was zur Folge hat, dass es noch zu wenige explizite Schutzziele für Flüsse und Seen gibt.
24:05Das Montreal-Protokoll müsste also gerade die Binnengewässer viel stärker in den Fokus nehmen.
24:12Und dann finden wir am Ende doch noch eine größere Menge Krabbeltierchen. Immerhin.
24:20Die möchten Sonja Jenig und ihr Team mit ins Labor nehmen, um sie dort genauer zu bestimmen.
24:27Erst dann wird sich endgültig zeigen, wie gut sich das Ökosystem der Oder bis jetzt erholen konnte.
24:39Es klingt banal, aber Flüsse fließen. Und dabei sammeln sie alles ein.
24:46Entwässerungsgräben aus der Landwirtschaft belasten sie mit Schadstoffen und Dünger.
24:50Staustufen verändern die Sedimentstruktur.
24:54Flüsse sinnvoll zu schützen, scheint wirklich enorm schwierig zu sein.
24:58Denn wo fangen die an, wo hören die auf? Wie berechnet man hier 30 Prozent?
25:05Auch wenn sich Flüsse regenerieren können.
25:08Irgendwann ist es vielleicht zu spät. Und Arten sterben für immer aus.
25:14Wann so ein Kipppunkt für ein Ökosystem da ist, lässt sich kaum vorhersagen.
25:19Gibt es denn so etwas wie eine Mindestmenge, die ein Ökosystem braucht, um zu funktionieren?
25:24Das ist so ein Problem, mit dem wir Wissenschaftlerinnen schon lange kämpfen.
25:28Wir können nicht genau sagen, wie viele Arten wir brauchen, damit wir ein stabiles Ökosystem haben.
25:34Was wir wissen ist, dass es manche Arten gibt, die eine ganz besonders große Rolle spielen.
25:39Zum Beispiel Schlüsselarten. Und bei anderen Arten merkt man die Effekte oft erst sehr viel später.
25:46Allerdings, manchmal gibt es auch tolle Überraschungen.
25:50Und lange, verschollene Arten tauchen plötzlich wieder auf.
25:54Wie im Naturwaldreservat Damm, südwestlich von Kelheim in Niederbayern.
26:03Das rund 76 Hektar große Waldstück wird seit über 30 Jahren nicht mehr bewirtschaftet.
26:13Und das sieht man auch.
26:16Hier hat der Sturm gewütet, aber in einem Gebiet wie diesem bleibt sowas natürlich liegen.
26:27Zwischen den umgefallenen Bäumen mit den unterschiedlichen Baumpilzen wimmelt es nur so von Kleinstlebewesen Käfern und anderen Insekten.
26:42So viel zum Thema Totholz. Kaum etwas ist so lebendig.
26:48Und es gibt hier auch einen winzigen Bewohner, der schon verloren schien.
26:54In diesem Wald hier hat man etwas total Spektakuläres gefunden.
26:58Und zwar ihn hier.
27:00Einen besonderen Palpenkäfer, der so selten ist, dass er noch nicht mal einen deutschen Namen hat.
27:06Und sehr, sehr klein ist er auch noch, so ungefähr einen Millimeter.
27:09Kein Wunder also, dass ich ihn bisher noch nicht gefunden habe.
27:13Saul Ciela Schmittii heißt der Winzling. Und er war über 60 Jahre lang verschollen. Galt also als ausgestorben.
27:22In solchen Insektenfallen haben ihn Forschende der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft dann wiedergefunden.
27:30Für Biologinnen und Biologen ist der Nachweis eine kleine Sensation.
27:34Denn er zeigt, dass gerade unsere naturnahen Wälder Heimat für eine Vielzahl seltener Tier- und Pflanzenarten sind.
27:41Aber es gibt zu wenige solcher Gebiete.
27:44Und sie müssten besser miteinander vernetzt werden, damit die dort lebenden Tiere leichter zwischen den Schutzgebieten wandern können.
27:55Im Naturwaldreservat Damm leben auch viele Vogelarten.
28:00Inzwischen kann man hier Schwarzspecht und Sperlingskauz beobachten.
28:04Und auch diesen kleinen Waldbewohner. Ein Zaunkönig, der so flink ist, dass wir ihn nur in Zeitlupe filmen konnten.
28:16Langfristig soll hier übrigens wieder ein Urwald entstehen.
28:20Rewilding nennt man das.
28:23Jetzt, wo man den Wald hier in Ruhe lässt, ist zumindest mal die Erwartung, dass es bald weniger Fichten gibt
28:31und dafür mehr Buchen.
28:34Hier in dieser Region haben Buchen eine gute Chance.
28:37Doch naturbelassene Wälder mit vielen Mosen, Flechten und verschiedenen Pilzarten sind immer noch selten in Deutschland.
28:48Während das Bundesumweltministerium plant, 5 Prozent der Wälder ohne Nutzung sich selbst entfalten zu lassen, sieht die EU-Strategie 10
28:57Prozent vor.
29:00Wir brauchen in Deutschland also mehr Naturwälder.
29:05Warum sind wir da so zögerlich?
29:07Das ist für mich auch ein Rätsel. Wir sind in Deutschland mit dem Wildnisschutz noch nicht sehr vorangekommen in den
29:13letzten Jahren.
29:14Aber ich finde, das sollte uns nicht davon abhalten, uns ehrgeizige Ziele zu stecken.
29:18Was wäre da Ihr Wunsch?
29:20Wir wollen ja 10 Prozent Wildnis in Deutschland. In der Kulturlandschaft macht es keinen Sinn.
29:25Also müssen wir in anderen Lebensräumen eher auf mehr als 10 Prozent kommen. Und da gehören die Wälder dazu.
29:31Der Wald ist die grüne Lunge unseres Landes. Der Boden hier hält und reinigt das Wasser.
29:37Die Bäume sorgen für saubere Luft und speichern CO2. Elementare Funktionen sowohl beim Klima als auch beim Artenschutz.
29:48Zurück zu Wolfsforscher Norman Stier. Heute Abend wollen wir noch einmal versuchen, ein Dammtier mit einem Senderhalsband auszurüsten.
29:58Auf zum zweiten Versuch.
30:00Ob diesmal alles passt?
30:02Bis dann.
30:04Die Spannung steigt.
30:11Nach nicht einmal einer Stunde haben wir Glück. Ein Dammtier kommt nahe genug heran. Und Norman kann den Betäubungspfeil abschießen.
30:25Dann verrät uns das Peilsignal, das Tier bewegt sich nicht mehr. Jetzt heißt es, schnell, aber möglichst leise das Dammtier
30:33in der Dunkelheit finden.
30:35Unser Ziel, da sein, bevor die Narkose nachlässt.
30:41Wir haben 30 Minuten Zeit.
30:45Da ist es. Ich warte erstmal mit etwas Abstand, bis Norman mir ein Zeichen gibt, dass alles okay ist.
30:51Ich glaube, es dürften wir.
30:54Gemeinsam legen wir das GPS-Halsband an.
30:59Anhand der Telemetriedaten kann Norman herausfinden, welche Routen die Tiere nehmen.
31:04Ob sie zwischendurch vor dem Wolf flüchten. Und er sieht, ob Dammwild gerissen wurde.
31:09Du guckst gleich mal, wie sie geht.
31:13Die Zunge muss wieder raus, dass die Arten wegefrei sind.
31:15Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass das Wild sein Verhalten kaum verändert seit der Wolf da ist.
31:21Die Tiere halten ihren Standort und ihre Brunftplätze. Doch ihr Bestand wird deutlich reguliert.
31:28Das Dammtier wacht wieder auf und verschwindet im Wald.
31:35Die Erleichterung ist groß. Nicht nur bei mir.
31:39Ich brauche jetzt noch ein bisschen, um wieder runterzukommen.
31:45Wer geht's dir?
31:47Ich glaube nicht.
31:49Der Wildbiologe besendet nicht nur die Beutetiere der Wölfe, sondern auch die Wölfe selbst, um so viele solide Daten wie
31:56möglich zu sammeln.
31:59Sollen und wollen wir uns mehr Wölfe leisten?
32:04Bis zu 1100 Rudel hätten laut Bundesamt für Naturschutz bei uns Platz.
32:10Wie viele Tiere aus gesellschaftlicher Sicht vertretbar sind, hängt auch vom Erfolg im Wolfsmanagement ab.
32:17Mir ist klar geworden, die Forschung zur Funktion einzelner Arten in ihren Nahrungsnetzen ist von großer Bedeutung.
32:24Denn alles in der Natur hängt miteinander zusammen.
32:28Wie ist das eigentlich am unteren Ende der Kaskade, bei den Insekten?
32:36Das will ich von Insektenforscher Thomas Hörn wissen.
32:40Er zeigt mir eine der beeindruckendsten Insektensammlungen, die ich bisher gesehen habe.
32:46Mehr als 7000 Kästen mit Schmetterlingen, Käfern, Wildbienen und anderen Kleinkrabbeltieren lagern hier.
32:52Rund zwei Millionen Präparate.
32:56Thomas leitet den entomologischen Verein Krefeld.
33:00Und er war an der inzwischen berühmten Krefelder Langzeitstudie zum Insektensterben beteiligt,
33:05die durch ein internationales Wissenschaftlerteam veröffentlicht wurde.
33:09Über einen Zeitraum von fast 30 Jahren hatten die Entomologen in Naturschutzgebieten mit Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen Insekten gefangen.
33:17Das Ergebnis? Die Biomasse, also das Gewicht aller Insekten in den Fallen, war um mehr als 75 Prozent geschrumpft.
33:25Doch nicht nur die Masse, auch die Artenvielfalt war in dieser Zeit deutlich zurückgegangen.
33:32Die Ursachen? Intensive Landwirtschaft, Umweltverschmutzung und die Zerstörung ursprünglicher Lebensräume.
33:43Viele Insekten, die einst in Deutschland weit verbreitet waren, gibt es heute nur noch in dieser Sammlung des entomologischen Vereins.
33:52Das wäre jetzt mal so ein Fall. Das ist der Regensburger Gelbling. Das ist eigentlich ein wirklich schöner Schmetterling.
33:59Die Art ist eben Anfang der 2000er Jahre komplett ausgestorben in Deutschland. Also den gibt's heute nicht mehr.
34:04Die Belege, die hier drin sind, sind die einzigen Dokumente darüber, dass die Art bei uns jemals existiert hat.
34:10Aber dieses hier oben, der ist auch toll.
34:15Jede Pflanze hat ihren eigenen Rüsselkäfer. Und die meisten Arten, die irgendwie existieren bei uns,
34:20die sind so zwei bis drei Millimeter winzig und sind dann einheitlich braun oder einheitlich schwarz.
34:26Das ist auch das Problem, was diese Arten haben, dass sie viel weniger betrachtet werden.
34:30Und dass wir überhaupt nicht wissen, ob wir diese biologische Vielfalt verlieren oder nicht.
34:34Denn was wir nicht kennen, können wir nicht bewusst schützen.
34:38Ein Ökosystem ist wie ein Puzzle, ein riesiges Puzzle des Lebens.
34:43Fehlen einzelne Teile und Verbindungen, wird das Bild immer löchriger.
34:47Und irgendwann lässt es sich nicht mehr erkennen.
34:51Manche Puzzleteile im System sind wichtiger als andere, die Schlüsselarten, die es auch bei den Insekten gibt.
34:58Und manche Arten sind besonders abhängig von einem komplexen ökologischen Zusammenspiel.
35:03Der dunkle Wiesenknopf Ameisenbläuling ist jetzt der hier.
35:09Der ist relativ dunkel gefärbt und hat dann aber so ein schönes glänzendes Blau auf den Flügeln.
35:15Und hier sieht man auch schon erste Tiere aus Krefeld, die aus den 1940er Jahren stammen.
35:20Der war damals hier relativ weit verbreitet, insbesondere so entlang des Rheins auch an unterschiedlicher Stelle.
35:27Und die Art wird heute eigentlich in der ganzen Region überall nur noch durch Artenschutzprojekte aufrechterhalten.
35:32Also der schafft es in vielen Fällen alleine eigentlich gar nicht mehr zu existieren.
35:36Der Grund? Der bedrohte Ameisenbläuling ist auf die Blüten des großen Wiesenknopfs angewiesen.
35:44Diese inzwischen seltene Pflanze dient als Nektarquelle und zur Eiablage.
35:50Die Raupen fressen die Blüten und lassen sich später auf den Boden fallen, um Ameisen anzulocken.
35:56Dafür sondern die Raupen einen zuckerhaltigen Saft ab.
36:00Außerdem duften sie wie eine Ameisenlarve. Ein perfekter Trick.
36:06Sobald die Ameisen die Schmetterlingsraupen in ihre Brutkammer gebracht haben, beginnen diese deren Eier und Larven zu fressen.
36:13Wie ein Kuckuck im fremden Nest bleiben die Raupen dort bis zum Frühling, verpuppen sich und werden zum Schmetterling.
36:24Ein hochkomplexes und anfälliges Zusammenspiel.
36:28Denn viele Insekten sind abhängig von ganz spezifischen Pflanzen. Und viele Pflanzen sind gefährdet.
36:36Inwiefern trifft denn diese Krise, dieser Artenschwund auch auf die Pflanzenwelt zu?
36:40Wir wissen für Deutschland aus einer Studie, die das betrachtet hat, dass seit den 60er Jahren die meisten Pflanzen rückläufig
36:47sind.
36:48Wir haben das Artensterben in der Pflanzenwelt genauso wie in der Tierwelt.
36:52Wenn wir über den Verlust von biologischer Vielfalt sprechen, sprechen wir immer über das große Ganze.
36:57Thomas Hörn kritisiert, dass die Naturschutzziele in Deutschland nicht streng genug umgesetzt werden.
37:03Das Montreal-Protokoll sei zu offen formuliert und könne jederzeit schön gerechnet werden.
37:09Die Größe der Schutzgebiete sei wichtig, aber auch ihre Qualität. Die Vielfalt spiele eine entscheidende Rolle.
37:19Der Insektenforscher zeigt mir ein Gebiet, wo der Ameisenbläuling früher stark verbreitet war.
37:26Das Latumer Bruch. Eine heute nicht mehr überschwemmte Fläche des Rheinhochwasserbetts in der Nähe von Krefeld.
37:35Ist sowas denn deiner Ansicht nach sinnvoll? Sich um bestimmte Arten zu kümmern, mehr als um andere?
37:40Ich möchte so Artenschutz auf gar keinen Fall irgendwie so eine Daseinsberechtigung nehmen, aber es steht uns in vielen Fällen
37:46auch im Weg.
37:46Also wir sehen, dass Naturschutzmaßnahmen Grund sind für den Verlust von lokaler Artenvielfalt. Das gibt's auch.
37:52Dass die einem jegliches Sichtfeld nimmt, um überhaupt wahrzunehmen, dass im Hintergrund die biologische Vielfalt schwindet.
37:57Der gewöhnliche Blutweiderich wächst hier. Der Ufer-Wolfstrapp. Der schwarzfrüchtige Zweizahn.
38:07Und viele andere Hochstaudengewächse, die sich nur auf solchen Feuchtwiesen wohlfühlen und Insekten Schutz bieten.
38:14Doch blickt man von oben auf das Gebiet, wird deutlich, wie eingeschlossen es ist von intensiv bewirtschafteten Feldern.
38:21Das Risiko, dass Dünger und Pestizide eingeschwemmt werden, ist groß.
38:25Typisch für Deutschland, wo Naturschutz und Landwirtschaft oft dicht an dicht stattfinden sollen.
38:31Wichtige Instrumente zum Schutz des Ameisenbläulings und anderer Wiesenbewohner wären eine nachhaltige Bewirtschaftung,
38:38bei der Landwirte weniger düngen und die Maat nach den Bedürfnissen der Tiere ausrichten.
38:48Thomas Hörn untersucht auch, wie sich die Bodenlebewesen im Latumer Bruch entwickeln.
38:52Denn auch die spielen eine entscheidende Rolle im ökologischen Gleichgewicht.
38:58Wie wild kann denn Deutschland überhaupt werden?
39:01Ja, das ist so diese Frage nach Wildnis irgendwie. Ich glaube, wir sehen uns alle so ein bisschen danach.
39:05Wir finden noch so ein bisschen in den Alpen. Aber ansonsten sind das schon alles Kulturlandschaften.
39:10Und ich glaube, da geht es mehr darum, wie konstruktiv gehen wir jetzt damit um mit dem, was wir haben,
39:14was wir auch noch bewahren können.
39:1830 Prozent Naturschutzflächen bis 2030.
39:22Für Katrin Böning-Gäse ist die Umsetzung der Montreal-Beschlüsse nicht nur eine Aufgabe für das Umweltministerium,
39:29sondern für die gesamte Bundesregierung.
39:32Und sie fordert, dass Naturschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wird.
39:38Die Ökosysteme sind unsere Existenzgrundlage.
39:41Alles oder fast alles, was wir Menschen brauchen, kommt aus der Natur.
39:45Von dem Trinkwasser über das Essen, unser Bauholz, selbst unsere modernen Medikamente.
39:51Und wenn die Ökosysteme nicht mehr stabil sind, können wir all diese Leistungen nicht mehr vergarantiert nehmen.
40:00Am Ende meiner Spurensuche bin ich noch einmal bei Stefan Schwill im Anklammer Stadtbruch.
40:06Stefan und ich sind heute um 5 Uhr aufgestanden, um die Kraniche zu beobachten.
40:13Die versammeln sich hier Anfang Oktober für ihren Zug in den Süden.
40:26Toll!
40:27Aber nicht nur Kraniche, auch Graugänse und andere Zugvögel stärken sich hier für ihre Reise.
40:34Wenn du ganz genau in die Baumkronen hinten reinguckst, dann siehst du da auch die Kormorane sitzen.
40:38Wir wollen warten, bis die Kraniche ihren Schlafplatz verlassen und über dem Wasser aufsteigen.
40:45Und wie viele sind das insgesamt in dem Gebiet?
40:48Man kann davon ausgehen, dass zum Maximum der Zugzeit um die 10.000 Kraniche rasten.
40:52Und warum hier?
40:54Kraniche übernachten gern in Flachwasser, weil sie da geschützt sind.
40:57Sie hören dann auch das Platschen, wenn da ein Raub hier zum Beispiel hinmarschiert.
41:00Aha, jetzt.
41:04Es geht los. Die ersten Kraniche steigen auf.
41:14Und es werden immer mehr.
41:23Ein einmaliges Erlebnis.
41:25Wow.
41:32Wie zuversichtlich bist du denn, dass das 30-30-Ziel auch erreicht wird?
41:37Ich glaube, dass die ersten 30 Prozent, also 30 Prozent der EU-Fläche unter Schutz zu stellen,
41:43dass das durchaus erreichbar ist. Da glaube ich, ist Deutschland auch gar keinen so ganz schlechten Weg.
41:48Also 10 Prozent insgesamt der EU-Fläche ist ein strenges Schutzgebiet.
41:50Da wird sicher sehr viel aufwendiger und da sind wir auch noch weit, weit von entfernt.
41:55Wir versuchen eben mit solchen Gebieten wie dem Anklammer Stadtbruch auch unseren eigenen Beitrag dafür zu leisten.
42:01Die Beschlüsse von Montreal sind genauso wichtig wie die Klimaabkommen.
42:05Und Gebiete wie der Anklammer Stadtbruch sind ein Schatz.
42:09Wir brauchen mehr solcher Wildnisgebiete, um das sechste Massenaussterben auf der Erde zu bremsen.
42:16Und nun versuchen wir noch ein letztes Mal einen Seeadler zu entdecken.
42:21Stefan zeigt mir eine Stelle, wo die seltenen Greifvögel häufig fliegen.
42:26Die Tiere nutzen hier die offenen, fischreichen Gewässer.
42:35Und tatsächlich.
42:40Hier kommen Seeadler angeflogen.
42:42Ach da? Ja.
42:44Wahnsinn!
42:46Das lange Warten hat sich gelohnt.
42:51Ein erster Adler in freier Wildbahn.
42:54Die Tiere waren fast ausgestorben.
42:57Jetzt sind sie wieder da und profitieren von der Wildnis.
43:02Deutschland kann sehr viel wilder werden, als wir uns das jetzt vorstellen.
43:06Das braucht ein bisschen Mut, weil wir in Deutschland immer so stark ans Management denken.
43:11Und daran denken, das ist ein dicht besiedeltes Land.
43:14Aber auch in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland ist Wildnis möglich.
43:19Und wir können das viel wilder haben, als wir das jetzt derzeit denken.
43:24Wir brauchen 10 Prozent streng geschützte Flächen.
43:28Das bedeutet mutige und radikale Vorgaben aus der Politik.
43:32Und Aufklärung für eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung.
43:37Und ich habe gelernt, das Engagement Einzelner ist im Naturschutz unbezahlbar.
43:45Deutschland muss nicht nur wilder werden, Deutschland kann es auch.
43:49Die Flächen sind da, was jetzt noch fehlt, ist der unbedingte Wille und natürlich Taten.
43:55Nur so können wir die Natur schützen und damit auch uns selbst.
44:00Es ist noch nicht zu spät. Natur kann sich erholen und Arten können zurückkehren.
44:09Doch wenn wir unsere Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen erhalten wollen, müssen wir mehr Wildnis in Deutschland möglich machen.
44:32und aussch censust.
44:32Musik
44:33Musik
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