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  • vor 2 Tagen
"Ich wurde während des ersten (persischen) Golfkriegs geboren. Als ich fünf Jahre alt war, wurde mein Vater in die Kriegsgebiete geschickt, um in einem Krankenhaus direkt an der Grenze zu arbeiten, wo die militärischen Aktionen stattfanden ..."

Aus dem Buch "Das kleine schwarze Fischlein - ein Liebesbuch" von Sara Sadeghi, vorgelesen von Burkball. Musik von Michael Brieger: www.aurelis-poet.com
Mehr Infos zum Buch und zur Autorin und Bestellung unter: https://sara-sadeghi-coaching-energiearbeit.de/buecher/

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Transkript
00:19Als ich sechs Jahre alt war, erlebte ich ein schweres Erdbeben.
00:25Dies jedoch war nicht das erste Mal, dass ich in sehr jungem Alter mit dem Tod konfrontiert wurde,
00:33ging es weiter in meinem Inneren, während ich laut schlurste.
00:38Nach dem Erdbeben zogen wir nach Teheran und kehrten zur Normalität zurück.
00:45Es war Sommer und meine Eltern meldeten mich zu verschiedenen Kursen an.
00:52Ich wischte mir die Tränen vom Gesicht.
00:55Es geht hier gar nicht ums Tauchen, sondern um die Überwindung meiner Ängste, wurde mir sogleich bewusst.
01:03Das Erdbeben geschah am 21. Juni 1990.
01:09Der Jahrestag ist bald.
01:11Das waren die Fußball-Weltmeisterschaften, so wie dieses Jahr.
01:17Ich besuchte eine wahl zurückliegende Vergangenheit.
01:21Und vielleicht sogar viel weiter.
01:44Nach dem Frühstück setzte ich mich an den Computer und fasste den Text zusammen,
01:48den ich gestern während der Meditation geschnitten und bruchstückweise im Kopf hatte.
01:56Als ich sechs Jahre alt war, erlebte ich ein schweres Erdbeben.
02:01Mit einer Stärke von 7,7 war es das Erdbeben mit den meisten Schäden, Toten und Verletzten,
02:08im Jahr 1990 auf der ganzen Welt und die schlimmste aufgezeichnete Katastrophe im Iran.
02:18Zu dieser Zeit lebten wir in einem kleinen Dorf, Manchil, im Norden vom Iran,
02:25am Fuße des Elbrusgebirges neben dem Damm.
02:30Es war die Nacht des 20. Juni.
02:33Meine Eltern gingen früh ins Bett.
02:36Mein kleiner Bruder und ich durften an dem Abend länger aufbleiben,
02:39um das Fußball-WM-Spiel Brasilien gegen Schottland zu sehen.
02:44Wir waren beide große Fans von Brasilien.
02:48Es war Mitternacht, als das Spiel zu Ende war.
02:52Unsere Lieblingsmannschaft hatte gewonnen und wir gingen glücklich zu Bett.
02:57Dieses Glück sollte aber nicht lange anhalten.
03:0230 Minuten nach Mitternacht wurden wir alle von massiven Erschütterungen der Erde geweckt.
03:08Die Wellen waren so stark, dass es unserem Vater nicht gelang, die Haustür zu öffnen.
03:16Wir saßen fest, bis unser Nachbar die Tür von außen aufbrach und uns befreite.
03:23Die nächsten Tage verbrachten wir ohne ein Dach über dem Kopf im Freien
03:27und zitterten sowohl vor Angst als auch vor dem Nachbeben.
03:32Niemand konnte sein Haus mehr betreten.
03:36Von den Gebäuden um uns herum war außer Trümmern und Staub nicht viel übrig.
03:42Mein kleiner Bruder konnte eine Zeit lang nicht sprechen.
03:46Traumatisiert, wie er war.
03:49Einige Tage später, als die Straßen wieder freigeräumt waren, holte uns mein Großvater ab.
03:56Auf dem Weg aus dem Dorf drückte meine Tante meinen Kopf immer wieder nach unten,
04:01weil ich das Geschehen auf der Straße nicht sehen sollte.
04:04Doch ich widersetzte mich dem und schaute aus dem Fenster.
04:09Ich wollte wissen, was um mich herum geschah.
04:12Und dort sah ich etwas, das für die Augen eines sechsjährigen Kindes nicht gedacht war.
04:20Leichen, eingewickelt in weiße Tücher, die Schulter an Schulter zwischen den Ziegelsteinen und Trümmern auf dem Boden lagen
04:28und den Straßenrand bedeckten, begleitet von Überlebenden, die daneben saßen,
04:35weinten, schrien und sich im Gesicht kratzten.
04:39Kleine Kinder suchten nach den Überresten ihrer Eltern.
04:44Eltern umarmten die kleinen Körper ihrer toten Kinder, weinten und hofften,
04:50dass sie dadurch wieder zum Leben erweckt würden.
04:53Ich war entsetzt.
04:54Unser schönes friedliches Dorf am Damm, das früher einem Bild aus den Märchenbüchern ähnelte,
05:01hatte sich über Nacht in einem Friedhof verwandelt.
05:06Mein Großvater brachte uns nach Teheran, wo wir in den Armen unserer Verwandten Zuflucht fanden.
05:13Aber mein Vater musste wieder zurück, um als einziger Ärzte im Dorf und Vertrauensperson für die Einheimischen da zu sein.
05:21Das brachte ein noch größeres Trauma in meinem ohnehin schon labilen emotionalen Zustand.
05:28Die Angst davor, meinen Vater zu verlieren.
05:32Das war jedoch nicht das erste Mal, dass ich in sehr jungen Alter mit dem Tod konfrontiert wurde.
06:07Untertitelung des ZDF für funk, 2017
06:09Ich wurde während des ersten Golfkrieges geboren.
06:14Als ich fünf Jahre alt war, wurde mein Vater in die Kriegsgebiete geschickt,
06:19um in einem Krankenhaus direkt an der Grenze zu arbeiten, wo die militärischen Aktionen stattfanden.
06:26Obwohl ich ein Kind war, wusste ich genau, worum es im Krieg geht.
06:31Vor allem wusste ich, dass Menschen in einer Schlacht sterben.
06:36Während mein Vater weg war, fuhren wir oft nach Teheran zu meinen Großeltern.
06:42Dort war alles anders als in unserem kleinen friedlichen Dorf, weit weg von der Grenze.
06:49Teheran ist die Hauptstadt.
06:50Das bedeutete ein Leben in ständiger Angst und Sorge.
06:55Bei jedem roten Alarm, der als Zeichen für die auf uns zukommenden Bomben ertönte,
07:01standen wir in Panik auf und rannten die Treppen des Hochhauses,
07:05in dem meine Großeltern wohnten, hinunter bis in den Bunker.
07:09Dort saßen wir zu hunderten nebeneinander und hörten den Bomben zu, die die Stadt zerstörten
07:15und immer mehr Menschen töteten, während wir beteten und hofften,
07:20dass wir dieses Mal Glück haben und den Bombenangriff überstehen würden.
07:25Manchmal saßen wir die ganze Nacht schlaflos da und warteten darauf,
07:30dass der grüne Alarm losging und wir die Bunker sicher verlassen konnten.
07:37Obwohl seit diesen Tagen 30 Jahre vergangen sind,
07:41sind die Bilder aus dem Bunker noch immer in mir präsent.
07:45Die jungen Frauen, die weinten und beteten, dass ihre Männer heil zurückkommen,
07:50während sie versuchten, ihre Babys auf dem Schoß zu beruhigen.
07:54Mütter, die zum Himmel schrien und Gott baten, diesen verdammten Krieg zu beenden
07:59und ihre geliebten Söhne zurückzubringen.
08:02Väter, die versuchten, die Mütter aufzumuntern,
08:06indem sie sagten, dass ihre Söhne für ihr Land und für Gott sterben würden.
08:11Und ich, ich bat Gott darum,
08:15meinen Vater und andere Soldaten zu beschützen und auf sie aufzupassen.
08:24Jedes Mal, wenn mein Vater uns nach einem kurzen Besuch am Wochenende verlassen wollte,
08:29klammerte ich mich an seine Beine und versuchte, ihn zurückzuhalten.
08:33Ich weinte und flehte, ihn anzubleiben.
08:36Wenn er ging, rannte ich in seinem Kleiderschrank,
08:39bedeckte mich mit seinen Kleidern,
08:41weinte und schrie mir die Lunge aus dem Leib.
08:43Ich bat Gott darum, meinen Vater heil zurückzubringen
08:46und den Krieg zu beenden.
08:50Im August 1988 war der Krieg nach acht Jahren zu Ende,
08:55aber die Erinnerungen daran sind noch immer in den Köpfen der Menschen lebendig.
09:00Einer meiner Cousins starb in diesem Krieg im jungen Alter von 18 Jahren,
09:06dem Tausenden anderer junger Leute.
09:08Ein Onkel von mir wurde schwer verletzt und überlebte nur mit viel Glück.
09:13Mein Vater hielt Leib und Seele zusammen,
09:16sah aber viele Menschen leiden und sterben.
09:20Und ich?
09:22Seitdem trage ich den Schmerz und das Trauma dieses Krieges
09:26in jeder Zelle meines Körpers.
09:29Ich war eines von Millionen Kindern,
09:32die durch menschliche Gewalt traumatisiert wurden.
09:36Krieg ist eine grauenvolle Sache.
09:40Nach dem Erdbeben zogen wir nach Teheran
09:43und kehrten zur Normalität zurück.
09:46Es war Sommer und meine Eltern meldeten mich zu verschiedenen Kursen an,
09:51in der Hoffnung, dass mich das Auffatern und mir helfen würde,
09:55die Traurigkeit und das Trauma zu überwinden.
09:58Schwimmen war einer dieser Kurse,
10:00zu dem mich meine Eltern damals anmeldeten.
10:03Und ich liebte es.
10:05Bis ich eines Tages während des Kurses einen Unfall hatte.
10:11Ich schwamm unwissentlich in den tiefen Teil des Beckens.
10:15Die Lehrerin pfiff als Zeichen zum Umdrehen.
10:19Ich hielt an und versuchte vergeblich auf den Füßen zu stehen.
10:23Im Panik geraten sank ich im Wasser unter.
10:27Der Versuch, mir selbst zu helfen, scheiterte.
10:31Mein Körper war steif wie ein Stück Holz.
10:34Ich konnte nicht mehr schwimmen.
10:37Es dauerte eine Weile,
10:39bis die Leute draußen bemerkten, was geschah.
10:42Bis jemand kam, um mich zu retten,
10:44was eine Ewigkeit zu dauern schien,
10:47kam mir all die Bilder von den in weißen Stoffen gehüllten Leichen
10:51wieder in den Sinn, die ich vom Erdbeben
10:53und den Kriegsnachrichten im Fernsehen könnte.
10:57Das ist mein Ende.
10:59Ich werde sterben,
11:01schoss es mir durch den Sinn.
11:03Als sie mich aus dem Pool holten,
11:06schwor ich mir,
11:07nie wieder einen Fuß in ein Gewässer zu setzen.
11:10Meine Eltern und meine Tante versuchten,
11:12mir zu versichern,
11:14dass dies nur ein Unfall gewesen sei
11:16und ich meinen Schwimmkurs sicher fortsetzen könne.
11:20Aber ich hatte kein Vertrauen mehr.
11:23Alle diese Traumata und mehr
11:26hatten im Laufe der Jahre meiner Kindheit
11:29für immer mehr Ängste in meinem Leben gesorgt.
11:32Aber es gab etwas tief in mir,
11:34was verhinderte,
11:36dass ich ein ängstlicher Mensch wurde.
11:38Und das war meine Neugier,
11:40die immer viel größer war als meine Ängste.
11:43So habe ich einen Weg gefunden,
11:46meine Ängste zu überwinden.
11:49Erstens.
11:50Ich erkenne sie
11:51und hole sie zum Beispiel schreibend
11:54aus dem Unbewussten in meinem Bewusstsein.
11:58Zweitens.
11:59Ich bin ehrlich mit mir selbst
12:01und sage,
12:03ich habe Angst vor
12:04diesem oder jenem.
12:07Drittens.
12:08Ich gehe in die Angst hinein
12:10und stelle mich ihr.
12:11Ich kämpfe nicht dagegen an
12:13und leugne sie nicht.
12:15Ich nehme sie an.
12:35Die Jahre vergingen
12:36und ich hielt mein Versprechen.
12:39Als ich 17 war,
12:41versuchte ich es wieder mit dem Schwimmen,
12:43aber es klappte nicht.
12:44Ich hatte immer noch zu viel Angst.
12:47Mit Mitte 20 riss ich mich zusammen,
12:50ging ins Schwimmbad
12:51und brachte mir selbst
12:53Schritt für Schritt das Schwimmen bei.
12:56Ich bin keine große Schwimmerin,
12:59aber zumindest kann ich mich über Wasser halten.
13:02Allerdings habe ich immer noch Angst
13:04vor offenen Gewässern.
13:27Nachdem ich mit dem Schreiben fertig war,
13:29hing ich den Text an eine E-Mail an
13:32und sandte ihn an Mario mit der Nachricht,
13:36dass nicht ich,
13:37sondern mein verwundetes inneres Kind
13:39tauchen gehen würde.
13:42Die Antwort von Mario kam prompt.
13:46Ciao, Sarah.
13:48Ich habe gerade deinen Text zum Ende gelesen.
13:50Es tut mir leid,
13:52es tut mir leid zu hören,
13:52was du alles durchmachen musstest.
13:55Sicher ist es schwierig,
13:56das alles zu überwinden,
13:57was du erlebt hast.
13:59Aber ich bin zuversichtlich,
14:01dass ich dir helfen kann,
14:02das Leben im Wasser zu genießen
14:04und mit der Freiheit zu leben,
14:07mit dem Strom zu fließen.
14:10Ich bin sicher,
14:11dass deine Angst
14:13weiter Vergangenheit angehören wird.
14:15Mario
14:455
14:462
14:462
14:482
14:493
14:492
14:491
15:072
15:093
15:10Vielen Dank.

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