00:19Als ich sechs Jahre alt war, erlebte ich ein schweres Erdbeben.
00:25Dies jedoch war nicht das erste Mal, dass ich in sehr jungem Alter mit dem Tod konfrontiert wurde,
00:33ging es weiter in meinem Inneren, während ich laut schlurste.
00:38Nach dem Erdbeben zogen wir nach Teheran und kehrten zur Normalität zurück.
00:45Es war Sommer und meine Eltern meldeten mich zu verschiedenen Kursen an.
00:52Ich wischte mir die Tränen vom Gesicht.
00:55Es geht hier gar nicht ums Tauchen, sondern um die Überwindung meiner Ängste, wurde mir sogleich bewusst.
01:03Das Erdbeben geschah am 21. Juni 1990.
01:09Der Jahrestag ist bald.
01:11Das waren die Fußball-Weltmeisterschaften, so wie dieses Jahr.
01:17Ich besuchte eine wahl zurückliegende Vergangenheit.
01:21Und vielleicht sogar viel weiter.
01:44Nach dem Frühstück setzte ich mich an den Computer und fasste den Text zusammen,
01:48den ich gestern während der Meditation geschnitten und bruchstückweise im Kopf hatte.
01:56Als ich sechs Jahre alt war, erlebte ich ein schweres Erdbeben.
02:01Mit einer Stärke von 7,7 war es das Erdbeben mit den meisten Schäden, Toten und Verletzten,
02:08im Jahr 1990 auf der ganzen Welt und die schlimmste aufgezeichnete Katastrophe im Iran.
02:18Zu dieser Zeit lebten wir in einem kleinen Dorf, Manchil, im Norden vom Iran,
02:25am Fuße des Elbrusgebirges neben dem Damm.
02:30Es war die Nacht des 20. Juni.
02:33Meine Eltern gingen früh ins Bett.
02:36Mein kleiner Bruder und ich durften an dem Abend länger aufbleiben,
02:39um das Fußball-WM-Spiel Brasilien gegen Schottland zu sehen.
02:44Wir waren beide große Fans von Brasilien.
02:48Es war Mitternacht, als das Spiel zu Ende war.
02:52Unsere Lieblingsmannschaft hatte gewonnen und wir gingen glücklich zu Bett.
02:57Dieses Glück sollte aber nicht lange anhalten.
03:0230 Minuten nach Mitternacht wurden wir alle von massiven Erschütterungen der Erde geweckt.
03:08Die Wellen waren so stark, dass es unserem Vater nicht gelang, die Haustür zu öffnen.
03:16Wir saßen fest, bis unser Nachbar die Tür von außen aufbrach und uns befreite.
03:23Die nächsten Tage verbrachten wir ohne ein Dach über dem Kopf im Freien
03:27und zitterten sowohl vor Angst als auch vor dem Nachbeben.
03:32Niemand konnte sein Haus mehr betreten.
03:36Von den Gebäuden um uns herum war außer Trümmern und Staub nicht viel übrig.
03:42Mein kleiner Bruder konnte eine Zeit lang nicht sprechen.
03:46Traumatisiert, wie er war.
03:49Einige Tage später, als die Straßen wieder freigeräumt waren, holte uns mein Großvater ab.
03:56Auf dem Weg aus dem Dorf drückte meine Tante meinen Kopf immer wieder nach unten,
04:01weil ich das Geschehen auf der Straße nicht sehen sollte.
04:04Doch ich widersetzte mich dem und schaute aus dem Fenster.
04:09Ich wollte wissen, was um mich herum geschah.
04:12Und dort sah ich etwas, das für die Augen eines sechsjährigen Kindes nicht gedacht war.
04:20Leichen, eingewickelt in weiße Tücher, die Schulter an Schulter zwischen den Ziegelsteinen und Trümmern auf dem Boden lagen
04:28und den Straßenrand bedeckten, begleitet von Überlebenden, die daneben saßen,
04:35weinten, schrien und sich im Gesicht kratzten.
04:39Kleine Kinder suchten nach den Überresten ihrer Eltern.
04:44Eltern umarmten die kleinen Körper ihrer toten Kinder, weinten und hofften,
04:50dass sie dadurch wieder zum Leben erweckt würden.
04:53Ich war entsetzt.
04:54Unser schönes friedliches Dorf am Damm, das früher einem Bild aus den Märchenbüchern ähnelte,
05:01hatte sich über Nacht in einem Friedhof verwandelt.
05:06Mein Großvater brachte uns nach Teheran, wo wir in den Armen unserer Verwandten Zuflucht fanden.
05:13Aber mein Vater musste wieder zurück, um als einziger Ärzte im Dorf und Vertrauensperson für die Einheimischen da zu sein.
05:21Das brachte ein noch größeres Trauma in meinem ohnehin schon labilen emotionalen Zustand.
05:28Die Angst davor, meinen Vater zu verlieren.
05:32Das war jedoch nicht das erste Mal, dass ich in sehr jungen Alter mit dem Tod konfrontiert wurde.
06:07Untertitelung des ZDF für funk, 2017
06:09Ich wurde während des ersten Golfkrieges geboren.
06:14Als ich fünf Jahre alt war, wurde mein Vater in die Kriegsgebiete geschickt,
06:19um in einem Krankenhaus direkt an der Grenze zu arbeiten, wo die militärischen Aktionen stattfanden.
06:26Obwohl ich ein Kind war, wusste ich genau, worum es im Krieg geht.
06:31Vor allem wusste ich, dass Menschen in einer Schlacht sterben.
06:36Während mein Vater weg war, fuhren wir oft nach Teheran zu meinen Großeltern.
06:42Dort war alles anders als in unserem kleinen friedlichen Dorf, weit weg von der Grenze.
06:49Teheran ist die Hauptstadt.
06:50Das bedeutete ein Leben in ständiger Angst und Sorge.
06:55Bei jedem roten Alarm, der als Zeichen für die auf uns zukommenden Bomben ertönte,
07:01standen wir in Panik auf und rannten die Treppen des Hochhauses,
07:05in dem meine Großeltern wohnten, hinunter bis in den Bunker.
07:09Dort saßen wir zu hunderten nebeneinander und hörten den Bomben zu, die die Stadt zerstörten
07:15und immer mehr Menschen töteten, während wir beteten und hofften,
07:20dass wir dieses Mal Glück haben und den Bombenangriff überstehen würden.
07:25Manchmal saßen wir die ganze Nacht schlaflos da und warteten darauf,
07:30dass der grüne Alarm losging und wir die Bunker sicher verlassen konnten.
07:37Obwohl seit diesen Tagen 30 Jahre vergangen sind,
07:41sind die Bilder aus dem Bunker noch immer in mir präsent.
07:45Die jungen Frauen, die weinten und beteten, dass ihre Männer heil zurückkommen,
07:50während sie versuchten, ihre Babys auf dem Schoß zu beruhigen.
07:54Mütter, die zum Himmel schrien und Gott baten, diesen verdammten Krieg zu beenden
07:59und ihre geliebten Söhne zurückzubringen.
08:02Väter, die versuchten, die Mütter aufzumuntern,
08:06indem sie sagten, dass ihre Söhne für ihr Land und für Gott sterben würden.
08:11Und ich, ich bat Gott darum,
08:15meinen Vater und andere Soldaten zu beschützen und auf sie aufzupassen.
08:24Jedes Mal, wenn mein Vater uns nach einem kurzen Besuch am Wochenende verlassen wollte,
08:29klammerte ich mich an seine Beine und versuchte, ihn zurückzuhalten.
08:33Ich weinte und flehte, ihn anzubleiben.
08:36Wenn er ging, rannte ich in seinem Kleiderschrank,
08:39bedeckte mich mit seinen Kleidern,
08:41weinte und schrie mir die Lunge aus dem Leib.
08:43Ich bat Gott darum, meinen Vater heil zurückzubringen
08:46und den Krieg zu beenden.
08:50Im August 1988 war der Krieg nach acht Jahren zu Ende,
08:55aber die Erinnerungen daran sind noch immer in den Köpfen der Menschen lebendig.
09:00Einer meiner Cousins starb in diesem Krieg im jungen Alter von 18 Jahren,
09:06dem Tausenden anderer junger Leute.
09:08Ein Onkel von mir wurde schwer verletzt und überlebte nur mit viel Glück.
09:13Mein Vater hielt Leib und Seele zusammen,
09:16sah aber viele Menschen leiden und sterben.
09:20Und ich?
09:22Seitdem trage ich den Schmerz und das Trauma dieses Krieges
09:26in jeder Zelle meines Körpers.
09:29Ich war eines von Millionen Kindern,
09:32die durch menschliche Gewalt traumatisiert wurden.
09:36Krieg ist eine grauenvolle Sache.
09:40Nach dem Erdbeben zogen wir nach Teheran
09:43und kehrten zur Normalität zurück.
09:46Es war Sommer und meine Eltern meldeten mich zu verschiedenen Kursen an,
09:51in der Hoffnung, dass mich das Auffatern und mir helfen würde,
09:55die Traurigkeit und das Trauma zu überwinden.
09:58Schwimmen war einer dieser Kurse,
10:00zu dem mich meine Eltern damals anmeldeten.
10:03Und ich liebte es.
10:05Bis ich eines Tages während des Kurses einen Unfall hatte.
10:11Ich schwamm unwissentlich in den tiefen Teil des Beckens.
10:15Die Lehrerin pfiff als Zeichen zum Umdrehen.
10:19Ich hielt an und versuchte vergeblich auf den Füßen zu stehen.
10:23Im Panik geraten sank ich im Wasser unter.
10:27Der Versuch, mir selbst zu helfen, scheiterte.
10:31Mein Körper war steif wie ein Stück Holz.
10:34Ich konnte nicht mehr schwimmen.
10:37Es dauerte eine Weile,
10:39bis die Leute draußen bemerkten, was geschah.
10:42Bis jemand kam, um mich zu retten,
10:44was eine Ewigkeit zu dauern schien,
10:47kam mir all die Bilder von den in weißen Stoffen gehüllten Leichen
10:51wieder in den Sinn, die ich vom Erdbeben
10:53und den Kriegsnachrichten im Fernsehen könnte.
10:57Das ist mein Ende.
10:59Ich werde sterben,
11:01schoss es mir durch den Sinn.
11:03Als sie mich aus dem Pool holten,
11:06schwor ich mir,
11:07nie wieder einen Fuß in ein Gewässer zu setzen.
11:10Meine Eltern und meine Tante versuchten,
11:12mir zu versichern,
11:14dass dies nur ein Unfall gewesen sei
11:16und ich meinen Schwimmkurs sicher fortsetzen könne.
11:20Aber ich hatte kein Vertrauen mehr.
11:23Alle diese Traumata und mehr
11:26hatten im Laufe der Jahre meiner Kindheit
11:29für immer mehr Ängste in meinem Leben gesorgt.
11:32Aber es gab etwas tief in mir,
11:34was verhinderte,
11:36dass ich ein ängstlicher Mensch wurde.
11:38Und das war meine Neugier,
11:40die immer viel größer war als meine Ängste.
11:43So habe ich einen Weg gefunden,
11:46meine Ängste zu überwinden.
11:49Erstens.
11:50Ich erkenne sie
11:51und hole sie zum Beispiel schreibend
11:54aus dem Unbewussten in meinem Bewusstsein.
11:58Zweitens.
11:59Ich bin ehrlich mit mir selbst
12:01und sage,
12:03ich habe Angst vor
12:04diesem oder jenem.
12:07Drittens.
12:08Ich gehe in die Angst hinein
12:10und stelle mich ihr.
12:11Ich kämpfe nicht dagegen an
12:13und leugne sie nicht.
12:15Ich nehme sie an.
12:35Die Jahre vergingen
12:36und ich hielt mein Versprechen.
12:39Als ich 17 war,
12:41versuchte ich es wieder mit dem Schwimmen,
12:43aber es klappte nicht.
12:44Ich hatte immer noch zu viel Angst.
12:47Mit Mitte 20 riss ich mich zusammen,
12:50ging ins Schwimmbad
12:51und brachte mir selbst
12:53Schritt für Schritt das Schwimmen bei.
12:56Ich bin keine große Schwimmerin,
12:59aber zumindest kann ich mich über Wasser halten.
13:02Allerdings habe ich immer noch Angst
13:04vor offenen Gewässern.
13:27Nachdem ich mit dem Schreiben fertig war,
13:29hing ich den Text an eine E-Mail an
13:32und sandte ihn an Mario mit der Nachricht,
13:36dass nicht ich,
13:37sondern mein verwundetes inneres Kind
13:39tauchen gehen würde.
13:42Die Antwort von Mario kam prompt.
13:46Ciao, Sarah.
13:48Ich habe gerade deinen Text zum Ende gelesen.
13:50Es tut mir leid,
13:52es tut mir leid zu hören,
13:52was du alles durchmachen musstest.
13:55Sicher ist es schwierig,
13:56das alles zu überwinden,
13:57was du erlebt hast.
13:59Aber ich bin zuversichtlich,
14:01dass ich dir helfen kann,
14:02das Leben im Wasser zu genießen
14:04und mit der Freiheit zu leben,
14:07mit dem Strom zu fließen.
14:10Ich bin sicher,
14:11dass deine Angst
14:13weiter Vergangenheit angehören wird.
14:15Mario
14:455
14:462
14:462
14:482
14:493
14:492
14:491
15:072
15:093
15:10Vielen Dank.