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00:00Üblicherweise ist dieses Magazin unpolitisch.
00:19In Aschaffenburg gibt es jedoch einen ungewöhnlichen Ort zum Nachdenken.
00:30Wir befinden uns hier im ehemaligen Schul- und Rabbinatshaus, das einst direkt neben der Synagoge stand.
00:44Hier im Modell sehen wir den Vorgängerbau und da sieht man die ursprüngliche Situation.
00:51In dem Haus hat 1984 bereits die Stadt Aschaffenburg ein jüdisches Dokumentationszentrum eingerichtet.
01:00Das ist eines der frühesten Institutionen gewesen, die sich mit der Aufarbeitung einer jüdischen Gemeinde und ihrer Geschichte beschäftigt hat.
01:10Das ist also wirklich eine große Besonderheit.
01:13Unsere Synagoge gibt es heute nicht mehr.
01:16Die ist, wie viele andere Synagogen auch, in der Pogromnacht von 9. auf 10. November 1938 angezündet und ist niedergebrannt worden.
01:27Sie ist ein ganz imposanter Bau gewesen, diese Synagoge mit orientalischen und maurischen Architekturelementen.
01:38Und ich sage immer, wenn sie heute noch stünde, wäre es eines der Highlight-Bauwerke nach Schloss Johannesburg und Pompejanum hier bei uns in der Stadt.
01:50Persönliche Dinge oder wie dieses Firmenschild eines hiesigen Modehauses lassen die Distanz aus dem Geschichtsunterricht zu dem Geschehen vor knapp 100 Jahren verschwinden
02:02und machen es beklemmend begreifbar.
02:05Ein ganz besonderes Objekt ist der Fluchtrucksack von Helen Feingold, mit dem sie 1941 auf die Flucht gegangen ist und Deutschland verlassen hat in die USA.
02:23Sie war damals eine junge Frau.
02:24Wir sehen sie hier auch auf dem Foto.
02:26Sie war Jahrgang 1924 und ihr und ihrer Familie ist es als einer der letzten Aschaffenburger gelungen, die Stadt noch zu verlassen.
02:38Sie kam 2008 hier zu Besuch und hat uns ihren Rucksack überlassen.
02:45Sie ist erst im letzten Jahr hochbetagt mit knapp vor 100 Jahren gestorben und ich bin ihr immer noch ganz, ganz dankbar für dieses ganz außergewöhnliche Objekt.
03:032009 haben wir in Kisten im Depot Thora Wimpel gefunden.
03:08Das war eine echte Entdeckung, ein richtiger kleiner Sensationsfund.
03:12Einige davon zeigen wir hier.
03:15Was sind Thora Wimpel?
03:17Wenn ein Knabe, ein jüdischer Knabe, acht Tage alt ist, ist er früher und auch heute noch beschnitten worden.
03:24Und diese Windel, diese Stoffwindel, ein rechteckiges Stück Stoff, ist damals dreimal durchschnitten worden und diese vier Stücke sind aneinander genäht worden.
03:35Und so hat man ein langes Band bekommen, so drei, dreieinhalb Meter lang und das ist beschriftet worden.
03:42Mit dem Namen des Kindes, dem Namen des Vaters, Geburtsdatum des Kindes und einem Segensspruch.
03:49Es gibt diese Thora Wimpel bestickt und bemalt und sie haben uns einen ganz, ganz anderen, neuen Blick auf die jüdische Gemeinde hier in Aschaffenburg ermöglicht.
03:59Auch wenn dieses Kapitel deutscher Geschichte keine leichte Kost ist, ist ein Besuch hier in diesen Räumen sehr zu empfehlen.
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04:28Untertitelung des ZDF, 2020
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