Die griechischen Inseln Kreta und Gavdos liegen offenbar auf einer neuen Fluchtroute. Mehr als 9.000 Menschen sind seit Jahresbeginn dort angekommen – viel mehr als im vergangenen Jahr. Die Bewohner befürchten negative Auswirkungen auf den Tourismus.
00:03Neben Touristen kommen Geflüchtete aus Libyen fast täglich an Ravdos Stränden an.
00:07Die Bürgermeisterin der kleinen Insel versucht den Tourismus zu retten.
00:11Die einzige Einkommensquelle der kleinen Insel, rund 40 Kilometer südlich von Kreta.
00:17Seit Anfang des Jahres sind ca. 9000 Menschen überwiegend aus Libyen ins Land gekommen.
00:22Deutlich mehr als letztes Jahr.
00:26Die Zahlen sind sehr hoch. Es gibt viel zu viele Boote.
00:29Ständig kommen neue an. Sie schaffen es nicht mal, ein Boot einzusammeln.
00:33Da werden sie schon woanders hingeschickt, um das nächste zu holen.
00:35Verstehen Sie, das übersteigt die menschlichen Möglichkeiten.
00:41Auf Abtrenngittern am Hafen hängen die Migranten ihre Kleidung auf.
00:46Sie warten in der Sonne, stundenlang, manchmal tagelang, auf die Weiterfahrt nach Kreta.
00:50Die Boote, mit denen sie kamen, sind verstreut auf der Insel, am Strand, im Wasser, am Hafen.
00:56Für Ravdos ist das kein neues Bild.
00:59Im Oktober sind es zwei Jahre, dass wir in dieser Situation leben.
01:04Mit Hochs und Tiefs, mal besser, mal schlechter, aber immer an vorderster Front.
01:11Am Hafen sehen die Touristen ein Bild, dass die heile Urlaubswelt bricht.
01:16Boote der Küstenwache, erschöpfte Menschen, eine stille Prozedur.
01:20Von Ravdos springt ein Boot der Küstenwache die Migranten in zwei Stunden nach Schweikyar im Süden Kretas.
01:27Dort werden Masken verteilt und die Menschen steigen in einen Bus, der sie zum Aufnahmelager bringt.
01:34Nach etwa anderthalb Stunden erreichen sie das provisorische Lager bei Chajna im Norden der Insel.
01:38Ein ehemaliges Ausstellungszentrum und eine von drei Notunterkünften auf Kreta.
01:44Die einzige, zu der Journalisten Zugang haben.
01:46Mit den Menschen dort sprechen, ist nicht erlaubt.
01:50Ihre Handys, Papiere und persönlichen Gegenstände wurden eingesammelt.
01:54Nach Herkunft und Ankunftsdatum sortiert, erhalten sie ein nummeriertes Armband.
01:58In der Halle gibt es vier chemische Toiletten und nur zwei Duschen.
02:03Die Menschen stehen Schlange, um sich zu waschen.
02:06Hilfsorganisationen liefern täglich Decken und Hygienekids.
02:11Während drinnen die Migranten auf ihren Transfer aufs Festland warten, liegen nicht weit entfernt Touristen am Strand.
02:17Gekommen, um abzuschalten.
02:19Die meisten wissen nicht, was auf der Insel geschieht.
02:22Manoli Stamatakis betreibt seit 15 Jahren ein Hotel in Ayerbostoli bei Chajna.
02:30Er fürchtet Einnahmeverluste angesichts der wachsenden Flüchtlingszahlen.
02:35Tatsache ist, dass es eine gewisse Unruhe gibt.
02:38Bei den Menschen, die noch kommen wollen, aber auch bei denen, die schon hier sind.
02:41Viele äußern ihre Besorgnis, auch die Reiseveranstalter.
02:44Und diese wiederum bekommen Rückmeldungen von ihren Kunden.
02:48Es herrscht Unsicherheit darüber, was passieren wird.
02:52Auch bei den Restaurantbetreibern wächst die Sorge.
02:56Noch stimmt der Umsatz.
02:57Die Angst bei Jodros ist allerdings da, der Hamafen von Chajna eine Taverne führt.
03:02Das ist Rufschädigung, wenn der Tourist kommt, um auf das Boot nach Rablos zu warten und sieht, wie illegale Einwanderer ankommen.
03:09Das ist unschön.
03:11Ein paar Meter weiter zeigen sich andere solidarisch, stellen jedoch auch praktische Fragen.
03:18Das sind Menschen wie du und ich und man sollte Mitgefühl mit ihnen haben.
03:22Sie sind durstig, erschöpft von Kriegen und all dem, was sie erlebt haben.
03:26Es gibt bereits eine gewisse Anteilnahme.
03:29Gleichzeitig besteht die Sorge, dass Krankheiten oder Viren eingeschleppt werden könnten.
03:32Das ist ja auch ein Problem.
03:34Und wo sollen diese Menschen hin?
03:36Wo sollen sie schlafen?
03:37Wo die Toilette benutzen?
03:40Dass fast ausschließlich junge Männer ankommen, lehnen einige radikal ab.
03:44Sie kommen hierher und dringen ein, sie zerstören das Bild unseres Ortes.
03:50Wenn es Frauen und Kinder wären, die vor etwas fliehen und Hilfe suchen, könnte ich das ja noch verstehen.
03:54Aber wofür sind sie denn hergekommen?
03:56Wollen wir jetzt in den Krieg ziehen?
03:57Wollen sie das etwas wegnehmen?
04:00Etwa drei Autostunden östlich von Swagya, wo ein neues Lager entstehen soll, liegt das kleine Dorf Castelli.
04:06Die Stimmung dort ähnlich verärgert.
04:08Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten.
04:14Ja zur Schaffung eines Bildungs- und Kulturzentrums steht auf dem Plakat.
04:19Nein zur Einrichtung eines Migrantenlagers daneben.
04:23Die Leute werden auf die Straße gehen, aber nicht mit Plakaten und Parolen, sondern mit Pistolen, Schrotflinten und dann wird es Tote geben.
04:32Diese Einwohner plädiert für einen totalen Aufnahmestopp.
04:34Die Grenzen sollen so dichtgemacht werden, dass sie gar nicht erst nach Griechenland kommen.
04:39Eleftheria Jatragi engagiert sich ehrenamtlich für eine Hilfsorganisation für geflüchtete Menschen auf Kreta.
04:45Wir hören wieder rassistische Hassreden aufleben, wie wir sie in den letzten Jahren zwar schon kannten, aber lange nicht mehr so stark gehört hatten.
04:53Aussagen wie, die kommen um uns zu ersetzen, um Verbrechen gegen uns zu begehen.
04:57Das sind alles Männer, schaut sie euch an, sie sind gefährlich, wir sind in Gefahr.
05:01Das ganze Thema wurde so konstruiert, nicht nur in den Gemeinden, die einfach überfordert waren mit etwas völlig Neuem, sondern auch politisch von oben.
05:09Sofort hieß es illegale Einwanderer und wir hörten Begriffe, die in einer öffentlichen Debatte eigentlich nichts zu suchen haben.
05:14Politiker sollten nicht das Wort illegal benutzen, wenn sie über Menschen sprechen.
05:20Im Zentrum von Chania auf Kreta führt Steljus Michalakis ein veganes Restaurant.
05:24Für ihn ist Solidarität Teil von Menschlichkeit und Tradition.
05:27Er sagt, Mitgefühl komme zuerst.
05:31Solidarität muss es geben, von uns allen, zumal es bei uns auf Kreta zur Gastfreundschaft einfach dazugehört.
05:40Wie es für diese Menschen dann weitergeht, das hoffe ich, regeln die Politiker mit klaren politischen Lösungen.
05:45Aber wir als Menschen haben eine Verantwortung, wir müssen solidarisch sein mit diesen Leuten.
05:50Seit Jahren wird die Umsetzung von Flüchtlingslagern auf Kreta hinausgezögert, kritisiert Steljus Woryas.
06:03Wir haben vier Minister ausgetauscht, jetzt sind wir beim fünften.
06:08Der kommt, ohne mit der lokalen Bevölkerung zu sprechen.
06:12Und trifft Entscheidungen, die für uns extrem sind.
06:15Die Insel kann das nicht tragen.
06:16Nicht nur wegen des Tourismus, sondern auch wegen der mangelnden Infrastruktur.
06:20Bilder vom provisorischen Lager in Rethimnon zeigen, wie dringend Griechenland eine Lösung auf Kreta braucht.
06:29Viele Einwohner sagen, dass eine schnelle und vor allem gerechte Lösung her muss.
06:33Es könne nicht so weitergehen wie bisher, auf Kreta, wie auch auf Ravdos.
06:37Abgesehen davon, dass das Ganze endlich ein Ende finden und eine politische Lösung her muss,
06:45ist es wichtig, dass die Geflüchteten so schnell wie möglich woanders untergebracht werden.
06:49Dieses Bild von Geflüchteten auf einer Insel, die komplett von Tourismus lebt, ist einfach schwierig.
06:58Lilian Stefanagi versucht die Situation zu handhaben.
07:01Sie fragt sich, wie viele Flüchtlingsboote noch übers Mittelmeer kommen werden.
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