- il y a 3 semaines
Catégorie
🎥
Court métrageTranscription
00:30Wir kennen das ja aus so Agentenfilmen, dass jemand einen GPS-Peilsender in die Tasche gesteckt bekommt.
00:36Aber die schockierende Realität ist, wir alle haben einen solchen Peilsender in der Tasche in Form von unseren Smartphones.
00:43Wer diese Daten hat, kann Millionen Bewegungsprofile nachvollziehen. Von Dissidentinnen.
00:48Ich kann nirgendwo hin. Die finden mich überall.
00:53Von Spitzenbeamten und Agenten.
00:57Eine neue Art der asymmetrischen Kriegsführung.
01:01Bis hin zu ukrainischen Soldaten an der Front.
01:05Ja, ja, das war unser Evakuierungspunkt. Hier bei dem Feld.
01:13Es geht um alle, die ein Smartphone nutzen.
01:16Um exakte Bewegungsprofile aus Daten, die aus den Geräten abfließen.
01:20Aus Apps, die jeder kennt. Zum Wetterchecken, Shoppen oder Zocken.
01:41Es war echt hart. Vor allem in diesem schrecklichen Moment, als ich richtig Angst bekommen habe, dass wir komplett eingekreist
01:48sind und einfach nicht mehr rauskommen.
01:54Dabei ging es gar nicht darum, dass ich Angst hatte, zu sterben.
01:58Eher die Vorstellung, einfach gefangen genommen zu werden.
02:13Ohne Angst hättest du dort keine Chance.
02:16Wenn du dich erst einmal daran gewöhnst, was dort passiert, wird es richtig gefährlich.
02:31Beim Häuserkampf habe ich verstanden, was Krieg wirklich bedeutet.
02:35Du fühlst dich wie ein gejagtes Tier.
02:39Tagelang lebte ich auf einem Haufen Müll, unten, in einem Keller.
02:43Der einzige sichere Ort.
02:58Dimitro und seine Kameraden haben den ganzen Schrecken des Krieges erlebt.
03:03In Kherson, in Solidar, in den Schützengräben im Osten der Ukraine.
03:08An der Front war ihr Handy für sie ein letztes Stück Normalität.
03:12Eine letzte Verbindung nach Hause.
03:15Ja klar, um mit deinen Liebsten in Kontakt zu bleiben.
03:22Krieg ist immer ein Wettbewerb des Willens.
03:25Und in dieser Hinsicht braucht man vor allem Dinge, die die Moral, den Kampfeswillen der Soldaten stärkt.
03:33Und da muss ich Ihnen sagen, ist das Handy vielleicht eines der wichtigsten Elemente in diesem Krieg in der Ukraine,
03:39um die Moral der Truppe quasi zu stärken.
03:42Um eine Verbindung mit der Heimat, mit der Familie, mit dem früheren zivilen Leben aufrechterhalten zu können.
03:48Daher sehe ich es sehr schwierig an, diese Handys komplett abzuschaffen.
03:51Aber wie gefährlich ist das?
03:55Was, wenn man Standorte von Soldaten wie Dmitro einfach so im Internet kaufen kann?
04:31Daher wollte er praktisch in jeden Winkel reinzoomen und hat auch dort Handyortungen gefunden.
04:37Als sie die Daten auf eine Karte übertragen, wird ihnen das ganze Ausmaß klar.
04:42Und die waren so genau, dass man nicht nur gesehen hat, da ist jemand im Gebäude, sondern auch in welcher
04:47Ecke des Zimmers eines Gebäudes wurde ein Handy geortet.
04:52Ortungsdaten von Millionen Menschen, die nicht ahnen, wie umfassend sie über ihre Handys getrackt werden.
04:58Die Journalisten erhalten Datensätze von weiteren Händlern.
05:02Insgesamt mehr als 10 Milliarden Handyortungen.
05:05Auf den ersten Blick sind die Daten anonym.
05:08Statt Namen enthalten sie IDs.
05:11Wir haben sehr schnell gelernt, dass diese Daten alles andere als anonym sind.
05:16Es fängt schon an mit zwei Ortungen.
05:19Wohnort und Arbeitsplatz.
05:21Allein diese zwei Kriterien machen uns unterscheidbar.
05:24Könnte man so zum Beispiel diese ID enttarnen?
05:2786 A 50 59 B.
05:31Die Person dahinter verbringt ihre Nächte hier, also ihr Wohnhaus?
05:36Das sind deutliche Häufungen von Standortdaten.
05:39Das sieht dann aus wie so ein Konfetti-Haufen auf der Karte, weil immer wieder auf dem gleichen Gebäude ein
05:43Handy geortet wurde.
05:45Tagsüber hält sie sich mehrere Stunden in einer Schule auf.
05:48Und tatsächlich, diese beiden Informationen allein führen zu ihr.
06:01Emma, alias 86 A 50 59 B.
06:05Emma ist 18.
06:07Bis vor kurzem nahm sie jeden Morgen den Schulbus.
06:11Was sie nicht wusste, jede ihrer Bewegungen wird getrackt.
06:16Das hier, das ist jetzt direkt die Schulrunde, also die mein Bus damals gefahren ist.
06:23Ja, das ist krass, dass man das so richtig genau nachvollziehen kann.
06:32In den Daten findet sich ihr Schulweg, ihr ganzer Alltag.
06:38Wann sie im Supermarkt war.
06:41Ja, wir fahren da regelmäßig einkaufen, meistens beim Lidl und das sieht man auch.
06:47Wo sie ihre Freunde traf.
06:50Ah, das ist McDonalds.
06:53Da war ich auch ein paar Mal, das sieht man auch auf dem Parkplatz außen.
06:59Ich finde das relativ krass, wie viele einzelne Punkte da sind, also in wie vielen Momenten da tatsächlich Daten genommen
07:04wurden,
07:06dass die das alles einfach von mir haben, von so einer normalen Person.
07:12Emma nutzt zahlreiche Apps auf ihrem Handy. Viele davon erfassen Standortdaten.
07:18Wer beim Installieren Standortdaten aktiviert, kann in Datensätzen wie dem des Händlers aus Florida enden.
07:24So wie Emma.
07:28Zu sehen ist die genaue Route, die Emma nimmt, wenn sie mit ihrem Hund spazieren geht.
07:33Ich gehe meistens denselben Weg, weil das ist relativ nah.
07:39Dann bin ich direkt auf einem Feldweg eigentlich. Anfangs sind noch ein paar Häuser da.
07:43Und dann, wenn man weitergeht, eigentlich nur Felder, Bäume, Bänke.
07:53Also wenn ich spazieren gehe und dann vor allem abends und dann, wenn irgendein Mann diese Daten hätte und dann
08:00so Stalking-mäßig,
08:03das wäre natürlich sehr unvorteilhaft. Weiß man ja dann auch nicht, wie weit es geht.
08:11Das war uns eigentlich von Anfang an klar, dass es hier nicht nur ein Datenschutzproblem für Millionen Menschen gibt,
08:17sondern dass es auch ein gravierendes Sicherheitsproblem gibt, weil diese Daten natürlich missbraucht werden können auf unterschiedlichste Arten und Weisen.
08:31Was bedeutet all das zum Beispiel für Menschen, die sich bedroht fühlen?
08:39Wohin Basma Mustafa in Berlin auch geht, sicher fühlt sie sich nie.
08:48Sogar in Berlin, nachdem ich mein Leben in Ägypten zurückgelassen habe.
08:54Basma Mustafa ist Journalistin. In Ägypten wurde sie mehrfach festgenommen.
08:59Sie sei sogar gefoltert worden, erzählt sie.
09:02Aber auch in Berlin werde sie von ägyptischen Agenten verfolgt, bedrängt, bedroht.
09:11Er kam direkt auf mich zu, ganz offen. Um mir klarzumachen, die hochrangigen Männer in der ägyptischen Botschaft wissen alles
09:19über dich.
09:21Basma Mustafa fotografiert die Männer, die sie verfolgen. So wie diesen hier.
09:29Sie erinnert sich an einen besonders dreisten Vorfall.
09:34Hier am Brandenburger Tor.
09:37Ich schaute hier rüber und da war ein Mann, der mir bekannt vorkam.
09:44Ich bin im Kreis gelaufen.
09:47Und dann, als ich mich nach ihm umsah,
09:53lief er mir im Kreis hinterher.
09:57Und es bleibt nicht bei Beobachten, Auflauern, Verfolgen.
10:02Basma Mustafa berichtet, wie sie auf einer Demo gegen den Staatsbesuch des ägyptischen Machthabers Al-Sisi in Berlin geschlagen wurde.
10:10Sie wendet sich an die Polizei.
10:12Das LKA Berlin empfiehlt ihr in einem Schreiben, den Wohnort zu wechseln.
10:22Vielleicht schlagen sie mich wieder. Oder sie kidnappen mich.
10:27Es ist hart, aber ich bin daran gewöhnt. An dieses Leben.
10:43Ich frage mich wirklich, woher wissen die immer genau, wo ich bin.
10:55In Ägypten war Basma Mustafa eine Reporterin, die sich mit den Mächtigen anlegte.
11:01Sie erlebte das Ende der Mubarak-Diktatur.
11:05Die Herrschaft der Muslimbrüder.
11:07Die Machtübernahme durch die Al-Sisi-Regierung.
11:12Die Journalistin berichtet kritisch über den Mord an einem italienischen Studenten in Kairo.
11:18Über Polizeigewalt.
11:19Über die Politik in Ägypten.
11:22Bis sie im Oktober 2020 verhaftet wird.
11:28Ich war damals schwanger, als sie mich in ein Frauengefängnis brachten.
11:33Ich dachte, ich muss hier mein Kind zur Welt bringen.
11:39Das war wie ein Messer an meinem Hals.
11:44Basma Mustafa und ihrer Familie gelingt die Flucht.
11:47Über den Libanon und Kenia nach Berlin.
11:51Hier versucht sie sich ein neues Leben aufzubauen.
11:53Und fragt sich immer wieder, wie kann es sein, dass ihre Verfolger in Berlin wissen, wo sie sich aufhält?
12:00Kann es sein, dass ihr Handy sie verrät?
12:03In den Daten stecken Bewegungsmuster einer Person, die offenbar in ihrem Wohnhaus lebt.
12:09Wie sie hier zum ersten Mal sieht.
12:11Von Basma Mustafas Haus führen Handyortungen zu anderen Adressen.
12:16Ja, an dieser Adresse war ich.
12:19Das ist der Spielplatz, wo ich mit meinen Kindern hingehe.
12:25Zu einer Klinik.
12:29In dem Krankenhaus war ich oft.
12:33Einer Kita.
12:35Bei dieser Kita haben wir uns mal angemeldet.
12:39Ja, ich denke, all diese Adressen haben mit mir zu tun.
12:43Wie fühlt sich das an?
12:47Wie gehackt.
12:51Wasma Mustafas nutzt viele Apps, die Standortdaten erheben.
12:56Wetter, Shopping, News.
12:58Kann es sein, dass der ägyptische Geheimdienst solche Daten kauft, um Dissidentinnen wie sie zu verfolgen?
13:04Die ägyptische Botschaft in Berlin beantwortet diese Frage nicht.
13:10Geheimdienstexperten aber halten das durchaus für plausibel.
13:16Zweitrangige Nachrichtendienste unter Anführungszeichen, die normalerweise nicht mit den großen Geheimdiensten in den USA, in Russland, in Großbritannien, in Frankreich
13:24oder in China mithalten können,
13:26haben immer mehr Zugang zu Daten, die sie wahrscheinlich vor einigen Jahren noch nicht gehabt hätten.
13:34Aber warum werden solche Daten überhaupt gesammelt?
13:37Wer hat ein Interesse, die Standorte von Millionen Menschen zu erfassen?
13:43Willkommen zurück aus der Kaffeepause. Da sind wir wieder.
13:46Und ihr seht, die Stühlen sind aufgebaut. Es ist Panelzeit. Jetzt wird es spannend.
13:54Alles hat irgendwie mit Bewegungsdaten zu tun. Die Bewegungsdaten helfen, um zu verstehen, wer hatte Werbemittelkontakt.
13:59Gleichzeitig können wir mit den Bewegungsdaten messen, wer in der Filiale war.
14:04Also, welche Person hat die Werbung gesehen und ist dann auch tatsächlich in den Store gekommen?
14:10Die Werbemanager auf der Messe D3Con sehen in den Standortdaten großes Potenzial.
14:16Weil man damit zum Beispiel erkennt, wer wann in welchem Laden war.
14:23Und dann entsprechende Anzeigen schalten kann.
14:30Creative, creative, creative. Und wenn man das smart mit Daten verbinden kann, dann hat man, glaube ich, die absolute Winning
14:36-Formel.
14:40Standortdaten sind sehr, sehr wichtig, gerade für kleine und mittelständische Werbetreibende.
14:44Weil der Florist in München möchte keine Werbung schalten für Konsumenten, die in Hamburg wohnen oder die in Berlin wohnen.
14:50Sondern dadurch, dass es Standortdaten gibt, ist es auch für Kleinstunternehmen und kleine Unternehmen möglich, auf großen Portalen Werbung für
14:57sich zu machen.
14:58Laut dem Bundesverband Digitale Wirtschaft werden dafür aber nur unpräzise Daten genutzt.
15:03Keine exakten, metagenauen Standorte.
15:06Das wird in der Werbeindustrie eigentlich nicht verwendet.
15:09Weil dem Werbetreibenden geht es ja nicht um die Einzelperson, die irgendwo wohnt, sondern es geht immer um Gruppen von
15:15Menschen, die ich erreichen will.
15:18Ein Blick auf die Websites von Online-Werbefirmen zeigt allerdings, sie geben offen an, genau zu wissen, wo Millionen Menschen
15:26wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen.
15:31Und wer will, kann ganz einfach an solche Daten rankommen. Sie werden auf Plattformen gehandelt.
15:37Die Daten, die wir erhalten haben, die haben wir nicht auf geheimen Wegen erhalten oder indem wir besonders viel Geld
15:43geboten hätten,
15:44sondern das sind Probedatensätze, die wir ganz einfach bekommen haben, weil wir danach gefragt haben, weil wir ein paar E
15:50-Mails ausgetauscht haben.
15:51Das Ganze lief über eine Firma namens Data Raid mit Sitz in diesem Berliner Hochhaus.
15:57Der Handel mit Standortdaten ohne Zustimmung der Nutzer ist in Deutschland verboten.
16:02Aber Geschäfte mit ausländischen Datenhändlern zu vermitteln, ist erlaubt.
16:07Und genau das macht Data Raid. So nahmen die Journalisten Kontakt mit mehreren Händlern auf.
16:13Man muss es wirklich so sagen, die Datenhändler werfen potenziellen KäuferInnen diese Daten ganz einfach hinterher.
16:28Potenzielle Abnehmer gibt es genügend. Die Werbeindustrie will die richtigen Kunden im richtigen Moment erreichen.
16:38Dazu braucht es riesige Datenmengen. GPS-Standorte zum Beispiel, die von Smartphone-Apps erfasst werden.
16:51Diese Daten haben das gesamte Business-Modell verändert.
16:59Das Versprechen war, du musst dir keine Gedanken mehr machen, wo du Werbung schaltest.
17:05Du kannst jeden erreichen, der sich für dein Produkt interessieren könnte.
17:09Genau am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.
17:16Ariel Garcia war Teil des Systems, durch das solche Daten in die Hände von jedem Geheimdienst, jedem Unternehmen, aber auch
17:24jedem Kriminellen gelangen können.
17:27Mehr als zehn Jahre machte sie in New York in der Werbeindustrie Karriere.
17:31Heute deckt sie als Aktivistin die Abgründe der Branche auf.
17:39Es ist schon interessant, wie wenig Gespür die Branche dafür hat, wie sensibel diese Daten sind.
17:48Man bekommt schnell einen Tunnelblick.
17:50Hey, wir wollen ja nur die richtigen Leute mit unserer Werbung erreichen.
17:55Aber quasi als Abfallprodukt ist ein riesiger Markt mit sehr sensiblen Daten von Verbrauchern entstanden,
18:02die in den Händen von Regierungen landen können oder von Kriminellen.
18:09Und die meisten Leute in der Branche machen sich darüber gar keine Gedanken.
18:16Ist der Missbrauch der Daten durch Geheimdienste oder Kriminelle also eine Art Kollateralschaden?
18:24Nicht gewollt von der Werbeindustrie, aber in Kauf genommen?
18:28Auf jeden Fall häufen sich die Fälle, in denen Menschen genau das zum Verhängnis wird.
18:38Zum Beispiel einem hochrangigen katholischen Geistlichen in den USA.
18:44Monsignore Jeffrey Burrell wurde gegen seinen Willen als homosexuell geoutet,
18:49nachdem Reporter des katholischen Online-Mediums The Pillar Standortdaten seines Handys erworben hatten.
18:56Darunter Daten aus einer Dating-App für schwule Männer.
19:00Der Geistliche musste zurücktreten.
19:04Noch dramatischer, das Sinaloa-Drogenkartell, in ganz Mexiko gefürchtet wegen brutaler Bandenmorde,
19:12analysierte die Handy-Standortdaten eines FBI-Agenten, um herauszufinden, mit wem er Kontakt hatte.
19:19In manchen Fällen tötete das Kartell diese Menschen.
19:24Möglicherweise nutzte das Kartell ähnliche Daten wie jene, die die beiden Journalisten von einem Datenhändler aus Florida bekommen hatten.
19:32Daten von Millionen Nutzern, vor allem aus Deutschland.
19:35Daraus lassen sich Bewegungsprofile von einzelnen Menschen erstellen.
19:39Darunter ein Fall, der hohe Wellen schlägt, bis ins politische Washington.
19:44Das ist wirklich heikel, das ist sehr brisant, was wir hier sehen.
19:47Eine Person, die auf einem Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Bad Aibling zu arbeiten scheint.
19:54Jedenfalls geht sie dort morgens jeden Morgen hin.
19:56Und was wir festgestellt haben ist, die arbeitet nicht an irgendeinem Ort auf dieser Station in Bad Aibling,
20:01sondern an einem Gebäude mit einem Wellblechdach, der sogenannten Blechdose.
20:09Das ist ein Gebäude mit einem gewissen Bekanntheitsgrad, weil an dieser Stelle der US-Geheimdienst, die NSA, zusammenarbeitet mit dem
20:17Bundesnachrichtendienst.
20:18Und genau in dieses Gebäude ist diese Person gegangen.
20:22Möglicherweise jemand, der für den US-Auslandsgeheimdienst NSA arbeitet? Ein Agent?
20:27Mit den Standortdaten lassen sich die Bewegungen genau verfolgen.
20:32Private Details, Sporthalle, Biergarten, Supermarkt.
20:38Aber auch Fahrten zu Standorten des US-Militärs in Deutschland.
20:43Ein Flug in die Niederlande zur US-Botschaft.
20:47Also all das sind Indizien, dass wir hier offenbar einer Person auf die Spur gekommen sind,
20:51die wirklich in einer wichtigen Funktion arbeitet und mit ziemlicher Sicherheit nicht genau getrackt werden möchte.
20:59Das kann enorme Auswirkungen auf die nationale Sicherheit haben.
21:03Menschen nehmen ihr Handy einfach überall mit und so liegt jeder ihrer Schritte offen.
21:08John Bolton saß jahrelang an den Schnittstellen der Macht in Washington.
21:12Er war einer der wichtigsten Berater von Präsident George W. Bush.
21:24Vertrat die USA als Botschafter bei den Vereinten Nationen.
21:28Heute ist er ein scharfer Kritiker von Donald Trump.
21:32In dessen erster Amtszeit war er noch sein nationaler Sicherheitsberater.
21:47Eines der sensibelsten Ämter in den USA, das Zugang zu Staatsgeheimnissen und Nachrichtendiensten gewährt.
21:54Nicht nur der Fall des mutmaßlichen NSA-Agenten ist für ihn ein echtes Sicherheitsrisiko.
21:59In den Daten finden sich auch detaillierte Informationen über tausende Soldaten der Bundeswehr und des US-Militärs in Deutschland.
22:07Wohnorte, tägliche Routinen.
22:14Wenn Kriminelle, Geheimdienste oder Terrororganisationen jemanden töten oder entführen wollen,
22:21dann erstellen sie, was wir im Fachjargon, Pattern of Life nennen.
22:27Was sind die Gewohnheiten der Zielperson?
22:32Geht sie jeden Tag um dieselbe Uhrzeit zur Arbeit?
22:35Nimmt sie dieselbe Route?
22:37Nutzt sie dieselbe Rolltreppe?
22:42Damit kann man Entführungen oder Tötungen planen.
22:46Diese Informationen können wirklich bedrohlich sein.
22:56Es geht um nationale Sicherheit.
22:58Wir wollen nicht, dass fremde Staaten unsere Soldaten ausspionieren.
23:02Das ist sehr beunruhigend.
23:04Eine schwerwiegende Bedrohung für die nationale Sicherheit.
23:08Die Enthüllungen des Bayerischen Rundfunks und von Netzpolitik beschäftigen 2024 das politische Washington.
23:16Datenschützer machen sich Hoffnung, dass die US-Regierung durchgreift.
23:20Und dann geschieht das.
23:54Anstatt den Datenhandel stärker zu regulieren, lässt die neue Regierung in Sachen Datenschutz alle Dämme brechen.
24:05Sie geben unsere privaten Daten an Leute, die dazu keinen Zugang haben sollten.
24:13Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Trump-Regierung für dieses Thema und den Schutz der amerikanischen Bevölkerung interessiert.
24:27In den USA spielt Datenschutz generell eine geringere Rolle als in Europa.
24:33Und aktuell sehe ich keine Anzeichen, dass die Politik ein Interesse daran hat, dieses Problem zu lösen.
24:40Das kann sich ändern, aber gerade ist der Fokus woanders.
24:47Viele Datenhändler haben ihren Sitz in den USA. Und es sieht nicht danach aus, dass ihnen nennenswerte Regulierung droht.
24:57Und in Deutschland?
24:59Hier gibt es den Versuch, zumindest bestimmte Apps stärker zu kontrollieren.
25:04Und das hat viel mit dem Datensatz des US-Händlers zu tun, den die beiden Journalisten von Netzpolitik als Gratisprobe
25:10bekommen haben.
25:11Bei der Analyse erleben sie eine böse Überraschung.
25:16Ich selbst steckte in diesem Datensatz. Wir haben Daten gefunden von mir, Standortdaten.
25:22Das heißt, eine der Apps auf meinem Telefon muss meinen Standort verraten haben.
25:27Am Ende ist er bei diesem Datenhändler gelandet.
25:30Und wir hatten relativ schnell eine App im Verdacht, die uns auch im Verlauf der Recherche immer wieder begegnet ist.
25:36Und das ist nämlich meine Wetter-App, Wetter Online.
25:40Es ist nämlich die einzige App, bei der er damals überhaupt Standortdaten aktiviert hat.
25:46Eine von zehntausenden Apps in einem Datensatz des Händlers aus Florida.
25:52Darunter sind auch die deutsche App Kleinanzeigen, das französische Pendant Le Bon Croix,
25:57die App Flightradar24 sowie zahlreiche Spiele- und Dating-Apps.
26:02Dabei gibt es große Unterschiede.
26:04Manche Apps erfassen nur sehr grobe Standortdaten, etwa den Stadtteil.
26:09Andere sind so genau, dass sich Bereiche innerhalb eines Gebäudes zuordnen lassen.
26:16Manche teilen Daten nur mit wenigen Werbepartnern.
26:19Andere mit unzähligen Firmen weltweit.
26:24Unter all den Apps sticht Wetter Online hervor.
26:27Die App teilte zwischenzeitlich Nutzerdaten mit mehr als 800 Firmen.
26:31Darunter auch präzise Standortdaten, die zeigen, wo Menschen leben, arbeiten, ihre Zeit verbringen.
26:40Die Aufsicht über Wetter Online liegt bei der Datenschutzbehörde Nordrhein-Westfalen.
26:46Und ihrer Leiterin Bettina Geig.
26:50Seit wir erfahren haben, dass Standortdaten, die Wetter Online zuzuordnen waren, gehandelt werden von Datenmaklern, waren wir natürlich alarmiert.
27:02Im Frühjahr 2025 macht die Behörde ernst.
27:06Taucht unangemeldet am Sitz von Wetter Online auf.
27:10Wir haben ein Team von vier Leuten dahin geschickt.
27:14Das Unternehmen hatte behauptet, keine genauen Standortdaten weiterzugeben.
27:21Man hat uns mitgeteilt, dass Standortdaten nur für eigene Zwecke, nämlich zum Ausspielen dieses Wetterdienstes, genutzt werden.
27:31Vor Ort erhalten die Ermittler Zugang zu den Rechnern von Wetter Online.
27:36Über Stunden suchen sie nach verdächtigen Datenabflüssen und werden fündig.
27:42Und in den Systemen haben wir dann tatsächlich eine Schnittstelle gefunden, über die Standortdaten mit Amazon ausgetauscht werden.
27:50Und man hat uns auch mitgeteilt, dass es eine weitere Schnittstelle zum Google-Dienst gibt.
27:57Amazon bestreitet auf Anfrage, sensible Standortdaten mit anderen zu teilen.
28:02Google antwortet nicht.
28:03Ob es noch mehr solcher Schnittstellen gab, kann die Behörde nicht sagen.
28:09Und Wetter Online?
28:11Mittlerweile gibt Wetter Online an, keine Standortdaten zu Werbezwecken zu erheben.
28:16Den Abfluss von Daten habe man gestoppt.
28:19Bis dahin scheinen präzise Standortdaten von Wetter Online aber durchaus in den weltweiten Datenhandel gelangt zu sein.
28:26Auch an den Händler in Florida.
28:29Ja, irgendwoher müssen die Daten ja kommen, wenn sie im Handel sind.
28:33Und grundsätzlich sehe ich ein großes Problem darin, dass Daten so leicht gehandelt werden können,
28:40dass ich Standortdaten als Ware benutze und nicht nur, um eine Dienstleistung anzubieten.
28:49Die Standortdaten aus Handy-Apps landen also nicht nur bei den App-Betreibern.
28:54Sie werden weitergegeben an Firmen, die damit zielgerichtet Werbung schalten.
29:01Und diese sind dann wieder verflochten mit anderen Firmen.
29:05Durch dieses Geflecht entsteht ein völlig neuer Markt.
29:09Händler, die nichts mehr mit den Apps oder mit Werbung zu tun haben,
29:14sammeln enorme Mengen an hochsensiblen Standortdaten.
29:18Und verkaufen sie an jeden, der bereit ist, dafür zu bezahlen.
29:33Auf Dimitros Hof in Konzeba, nördlich von Odessa, erinnern sich Swatislav und er,
29:39wie wichtig das Handy an der Front war.
29:42Als einzige Verbindung nach Hause.
30:06Swatislav, Dmitro und ihre Kameraden hielten ihre Erlebnisse an der Front fest,
30:11teilten sie mit Familien und Freunden daheim.
30:37Das Handy ist sehr wichtig, weil es moralisch unterstützt.
30:40Man kann seine Lieben zu Hause spüren, seinen Ehepartner.
30:47Es ist eine Erinnerung daran, wofür man an der Front kämpft.
30:54Das Handy als moralische Stütze, aber auch als Verräter?
31:02Im Sommer 2023 war ich mit meinem Team auf einem Brigadegefechtsstand in der Region Saburisha
31:09und habe dort mit dem gesamten Brigadestab gesprochen.
31:13Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass hier Soldaten ein- und ausgingen während der Besprechung,
31:17die alle am Handy waren, die alle irgendwelche Nachrichten weitergeleitet haben.
31:22Und ich habe mich damals schon gefragt, warum diese Handys hier überall verwendet werden,
31:28so nah an der Front.
31:29Und was tatsächlich dann passiert ist, ist dann, dass ein paar Tage später
31:33eben eine ballistische Rakete, eine russische, dort auf dem Gefechtsstand eingeschlagen hat.
31:38Könnte es sein, dass die russischen Angreifer das Ziel mit Hilfe von Standortdaten identifizieren konnten?
31:46Lässt sich verhindern, dass auch Putins Militärgeheimdienst Datensätze mit Handybewegungsprofilen ankauft?
31:53Die Branche der Unternehmen in der Werbeindustrie ist ein Sumpf.
31:58Es gibt keinen Überblick, welche Unternehmen da alle mitmischen.
32:02Das liegt auch daran, dass die sich ständig umbenennen oder fusionieren.
32:05Und niemand kann mir sagen, dass Datenschutzbehörden da irgendeinen sinnvollen Zugriff zu hätten.
32:20Es ist ein totaler Kontrollverlust, ein Kontrollverlust seitens der Nutzer,
32:25die nicht ahnen, dass ihre persönlichen Informationen weitergegeben werden.
32:30Es ist ein Kontrollverlust seitens der staatlichen Behörden.
32:34Und es ist zugleich ein Kontrollverlust dieser Branche.
32:41Martin Untersinger ist Investigativjournalist bei Le Monde.
32:46Gemeinsam mit Netzpolitik und dem Bayerischen Rundfunk hat er Standortdaten aus französischen Apps ausgewertet.
32:55Was wir herausgefunden haben, ist, dass in diesem System der Handywerbung gewaltige Datenmengen gesammelt und verwertet werden.
33:03Es gibt eine App in Frankreich, die besonders viele Werbedaten teilt.
33:07Die App Le Boncoin, die von Millionen Franzosen installiert wurde.
33:12Wir hatten außerdem viele Spiele-Apps, eine Übersetzungs-App.
33:15Wir hatten ganz unterschiedliche Anwendungen.
33:22Neben all diesen Firmen stieß er auf einen App-Anbieter, mit dem er nicht gerechnet hatte.
33:30Beim Auswerten der Daten war die erste Frage, die wir uns gestellt haben, befindet sich unsere eigene App, also die
33:37App unseres Arbeitgebers in den Daten.
33:39Und ja, sie war darin enthalten. Und zwar die Android-Version der App.
33:44In den Daten fanden sich etwa 4.500 Werbe-IDs.
33:49Le Monde erfasst keine präzisen Standortdaten seiner Nutzer.
33:53Der Fall ist also anders als Wetter Online. Die Daten sind weniger sensibel.
33:58Für den Journalisten trotz allem ein verstörender Fund. Und ein Glücksfall.
34:04Denn wenn die eigene App im Datensatz ist, würden Martin Untersinger und sein Team herausfinden können, wie die Daten dort
34:11gelandet sind.
34:13Dachte er.
34:15Weder unsere Techniker, noch unser Marketing-Team, noch unsere Rechtsabteilung hatten die leiseste Ahnung, wie diese Daten überhaupt dort gelandet
34:23sind.
34:24Wir hätten das wirklich gern aufgeklärt. Aber es war unmöglich.
34:31Das ist ärgerlich, aber gleichzeitig auch ein Sinnbild dafür, wie diese Branche funktioniert.
34:36Unmöglich zu durchschauen. Zumindest extrem kompliziert.
34:39Es gibt so viele Akteure, die miteinander verflochten sind und sich ständig verändern.
34:44Ich habe das Gefühl, es ist eine fast unlösbare Situation.
34:53Wie drastisch die Folgen für jeden Einzelnen sein können, hat der Journalist Byron Tau in den USA recherchiert.
35:01Er ist bestens vernetzt im politischen Washington, hat ein Buch über die Risiken durch öffentlich zugängliche Daten geschrieben.
35:08Bei seinen Recherchen ist er auf ein besonders dramatisches Beispiel gestoßen.
35:14Die Software LocateX der Firma Babel Street.
35:18Ich habe eine Vorführung von einer Firma namens Atlas Privacy gesehen.
35:22Die hatten Daten von Babel Street besorgt.
35:25Um aufzuzeigen, was alles möglich ist, wenn solche Handy-Standortdaten frei verkäuflich sind.
35:32Und das war ziemlich aufschlussreich.
35:38Byron Tau erkannte sofort, dass diese Daten eine echte Bedrohung für Millionen Amerikaner darstellen.
35:46Genauer, für Millionen Amerikanerinnen.
35:49Denn mit der Software LocateX lässt sich nachverfolgen, welche Handybesitzerinnen Abtreibungskliniken aufsuchen.
35:58Wir konnten ein Handy beobachten, das aus einem Staat, in dem Abtreibung komplett verboten ist, in einen anderen gefahren ist.
36:06Wahrscheinlich war das eine Person, die sich wegen einer Abtreibung medizinisch beraten lassen wollte.
36:13Babel Street, dessen Software schon heute von den US-Behörden zur Strafverfolgung genutzt wird, äußert sich dazu nicht.
36:23Seit der US-Supreme Court entschieden hat, dass Bundesstaaten Abtreibungen verbieten können, drohen Ärzten und Frauen in vielen republikanisch regierten
36:32Staaten Strafen.
36:34So auch in Texas, dem Bundesstaat von Julie Johnson.
36:42Der Zugang zu Abtreibungen in Texas ist katastrophal.
36:47Die Republikaner haben ihn für Frauen quasi unmöglich gemacht.
36:51Sie sind gezwungen, wegzugehen.
36:54Klinik machen dicht, Arztpraxen schließen.
36:58Frauen erhalten diese dringend benötigte medizinische Versorgung nicht mehr.
37:10Wer ist das?
37:12Wer ist das?
37:13Wer ist das?
37:15Mami.
37:16Mami. Und wer ist mit Mami?
37:18Henry.
37:19Henry, das ist richtig.
37:21Henry ist heute zwei Jahre alt. Und er lebt. Um ein Haar wäre alles anders gekommen.
37:27Als Lauren Miller schwanger war und zum ersten Mal zur Kontrolle zu ihrer Ärztin ging, war im Ultraschall eine Überraschung
37:34zu sehen.
37:35Sie kam mit den Ergebnissen rein und sagte, sie haben eine schwere Form von Morgenübelkeit.
37:42Das ist typisch bei Mehrlingsschwangerschaften.
37:46Meinem Mann und mir fiel die Kinnlade runter und sie sagte, sie bekommen Zwillinge.
37:54Aber die Freude währte nur kurz. Nach wenigen Wochen ist klar, nur eines der beiden Embryos ist überlebensfähig.
38:05Die Untersuchung zeigte Trisomie 18. Sein halbes Gehirn bestand nur aus Flüssigkeit.
38:12Der Arzt war so frustriert. Irgendwann zog er seine Handschuhe aus, warf sie in den Müll und sagte, dieses Baby
38:19wird es nicht bis zur Geburt schaffen.
38:20Sie müssen raus aus Texas.
38:24Die Ärzte sagen ihr, die einzige Chance, ihr gesundes Baby zu retten, ist eine Teilabtreibung, die die Schwangerschaft mit Henrys
38:32Zwillingsbruder beendet.
38:34Doch Lauren Miller lebt in Dallas, im tiefkonservativen Texas.
38:54Hier hat Lauren Miller keine Chance, so einen Eingriff durchzuführen.
39:00Abtreibungen sind illegal, auch in Situationen wie ihrer.
39:05Sie entschließt sich zu einer Abtreibung im Nachbarbundesstaat Colorado.
39:10Lauren Miller und ihr Mann erzählen niemandem von dem Plan.
39:16Ich weiß noch, wie ich mit gesenktem Kopf durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen gegangen bin.
39:21Ich hatte einen viel zu großen Pulli an, weil man bereits sehen konnte, dass ich schwanger war.
39:28Ich habe versucht, den Bauch einzuziehen. Ich hatte solche Angst, dass mich die Security rauszieht.
39:36Es war eine so bizarre Situation.
39:41Wir wollten ja niemanden umbringen, sondern mein Leben und das unseres gesunden Zwillings retten.
39:49Wir haben sogar überlegt, die Handys zu Hause zu lassen.
39:53Der Fall Babel Street zeigt, Frauen in ihrer Situation haben in den USA guten Grund, ihrem Handy zu misstrauen.
40:01Vor allem, wenn sie wie Lauren Miller Apps mit Standortdaten nutzen.
40:07Ich habe einen Haufen Apps auf dem Handy, für Reisen oder Shopping.
40:1429 nutzen Standortdaten.
40:19Wahrscheinlich befinden sich auch ihre Daten irgendwo in einem Datensatz.
40:25Wahrscheinlich könnten Behörden, genau wie radikale Abtreibungsgegner,
40:29ihre Reise zur Abtreibungsklinik in Colorado nachvollziehen.
40:35Lauren Miller hat sich entschieden, offen über ihre Geschichte zu sprechen.
40:39Viele Frauen in ihrer Lage aber wollen unter keinen Umständen, dass ihre Abtreibung bekannt wird.
40:47Und deshalb kann das so gefährlich sein.
40:50Es ist schwer greifbar, wenn man sagt, die haben meine Daten.
40:53Was heißt das? Ist doch egal.
40:58Aber wenn man versteht, wie bedrohlich solche Daten sein können, dann macht man sich schon Sorgen.
41:05Und deshalb, finde ich, sollte das reguliert werden.
41:07Man sollte nicht einfach Leute tracken können.
41:10Das ist doch ein Sicherheitsrisiko.
41:13Das ist beängstigend.
41:15Eine Verletzung der Privatsphäre.
41:17Besonders, wenn Regierungen und Strafverfolgungsbehörden ihre eigenen Bürger ausspähen.
41:23Wenn solch detaillierte Daten freikäuflich sind, unreguliert,
41:28macht das Menschen zu einem leichten Ziel für Racheakte, Straftaten.
41:33Das können wir in Amerika nicht akzeptieren.
41:40Könnten Behörden solche Daten am Ende auch für ganz andere Zwecke verwenden?
41:47Wie US-Medien berichten, könnten Standortdaten auch dazu genutzt werden,
41:52Immigranten und illegale Einwanderer zu tracken
41:55und massenhafte Verhaftungen sowie Abschiebungen durchzuführen.
42:04Wenn die US-amerikanische Politik also nichts unternimmt,
42:08könnte dem Geschäftsmodell der Datenhändler dann zumindest in Europa Einhalt geboten werden?
42:14Die EU-Kommission könnte die entscheidende Regulierungsbehörde sein.
42:18Doch in dieser Geschichte ist sie zunächst selbst betroffen.
42:22Wir sehen in den Daten sehr viele Menschen, die bei EU-Institutionen arbeiten,
42:27die dann beispielsweise in Vororte fahren von Brüssel.
42:31Leute, die beim Europäischen Parlament arbeiten, auch zu Sicherheitsthemen.
42:34Leute, die bei der Europäischen Kommission arbeiten.
42:38Zum Beispiel eine Person, die offensichtlich im Berlement ihr Büro hat,
42:43dem Gebäude der EU-Kommission.
42:46Die Daten zeigen, wo genau sie tagsüber die meiste Zeit verbringt.
42:50Jeden Abend fährt sie die gleiche Strecke.
42:53Vorbei an Restaurants, Bürotürmen, bis zu einem Haus in einem wohlhabenden Brüsseler Vorort.
43:02Auf dem Klingelschild steht der Name einer hochrangigen Person,
43:05die für die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, arbeitet
43:10und bei wichtigen Treffen dabei ist.
43:14Auch bei geheimen Treffen.
43:16Sie hat Einblick in wahnsinnig viele Prozesse und ist deshalb auch ein potenzielles Ziel.
43:22Ein Ziel für Spionage?
43:25Die EU-Kommission schreibt auf Anfrage,
43:28man sei besorgt über den Handel mit Standortdaten von Bürgern und Kommissionsmitarbeitern.
43:34Alle Firmen, die in der EU aktiv sind,
43:37müssten sich aber an geltende Gesetze wie die Datenschutz-Grundverordnung halten.
43:41In dieser Verordnung ist ganz klar geregelt,
43:45dass präzise Standortdaten in Europa nur zweckgebunden erhoben werden dürfen.
43:51Der Handel mit Standortdaten ist eigentlich verboten.
43:55Aber wie kann es dann sein, dass er trotzdem stattfindet?
44:02Marktinsiderin Arielle Garcia kennt die Tricks der Branche.
44:09Die Branche nutzt immer irgendwelche geistigen Verrenkungen,
44:13damit sie nichts Grundlegendes ändern muss.
44:18Das ist ihnen einfach egal.
44:20Alle haben angefangen, Begriffe wie datenschutzkonform,
44:24Einwilligung oder Opt-in auf die Produkte draufzuklatschen.
44:28Aber im Grunde haben alle einfach so weitergemacht wie vorher.
44:34Wir müssen dieses totale Staatsversagen beim Datenschutz,
44:38das uns alle gefährdet, abschaffen.
44:40Und zwar, indem wir weitreichende Regulierungen erlassen.
44:43Der einfachste, der weitreichendste Schritt wäre zu sagen,
44:46das Ökosystem der Online-Werbung ist so kaputt,
44:48wir verbieten das Targeted Advertising.
44:51Keine Firma sollte komplette Bewegungsabläufe
44:54und Persönlichkeitsprofile über Menschen sammeln dürfen,
44:57um Werbung zu schalten.
44:59Nach allem, was er gesehen hat,
45:01hat Ingo Dachwitz inzwischen eine klare Meinung.
45:05Und die wird von immer mehr Expertinnen und Experten geteilt.
45:09Ist ein Verbot von personalisierter Werbung also der einzige Weg?
45:14Die EU-Kommission äußert sich nicht zu dieser Frage
45:17und verweist stattdessen auf geltende Gesetze.
45:29Der Handel mit derart sensiblen Daten
45:32gefährdet die Privatsphäre von Menschen weltweit.
45:35Aber auch ihr Leben?
45:40Es ist doch klar, die russische Armee wird alles einsetzen,
45:44um uns zu kriegen.
45:48In den Daten finden sich mehrere Orte in der Ukraine,
45:52die ganz nah an der Front liegen.
45:55Zum Beispiel hier,
45:57in der Nähe eines stark umkämpften Frontabschnitts.
46:00Oder hier,
46:01in einem Industriegebiet bei Soledar.
46:04Dasselbe Haus sieht man hier auch auf Aufnahmen der Gefechte.
46:08Genau zu der Zeit,
46:10als Dimitro und seine Einheit dort kämpfen.
46:12Das Verräterische,
46:14die Daten geben nicht nur den Standortpreis,
46:16sondern auch, dass User über Starlink verbunden sind.
46:19Das Satelliteninternet,
46:21das vor allem von ukrainischen Truppen benutzt wird.
46:25Auch an diesem Punkt war Starlink.
46:30Handelt es sich bei den Punkten wirklich um ukrainische Stellungen?
46:35Erkennen die Soldaten darin ihre Einsatzorte an der Front wieder?
46:44Genau hier,
46:45bei diesem roten Punkt,
46:46da war unser Hauptquartier.
46:47Und das war der Ort,
46:48durch den alle Soldaten mussten,
46:50die nach Soledar hinein oder rauskamen.
46:58Ja, ja, das ist der Ort.
47:02Wir wurden etliche Male dort abgeholt.
47:08Das war unser Evakuierungspunkt,
47:10hier bei dem Feld.
47:11Daran kann ich mich orientieren.
47:17Natürlich ist das schlimm.
47:18Ich würde mir wünschen,
47:19dass so etwas nicht möglich wäre.
47:22Aber so können wir nur hoffen,
47:24dass wir diese Technik besser beherrschen als die Russen.
47:30Das ist absolut gefährlich.
47:32Absolut.
47:34Wenn ich als russischer Kommandant eben die Vermutung hätte,
47:37dort befindet sich ein Gefechtsstand,
47:38würde ich also so schnell wie möglich eben diesen Gefechtsstand ausschalten.
47:41Die Gefechtsstände sind quasi die Gehirne der einzelnen Einheiten,
47:45die koordinieren die Angriffe.
47:49Und nicht nur die Front.
47:51Auch Kommandozentralen, Waffenlager, Transportwege und Truppenrotationen
47:56könnte die russische Armee so ausspionieren.
48:01Wann werden Truppen durchrotiert?
48:03Das ist eigentlich immer der Zeitpunkt,
48:05wo die Frontlinie am verwundbarsten ist.
48:08Es wäre ein zusätzlicher Datenpunkt,
48:10um eben herauszufinden,
48:11wann eine nächste Rotation stattfindet.
48:13Und dann eben anzugreifen,
48:15während diese Rotation stattfindet.
48:19Standortdaten als Teil der modernen Kriegsführung.
48:22Das Handy als letzte Verbindung der Soldaten nach Hause.
48:25Und zugleich als tödliche Gefahr.
48:41Wer aber verdient letztlich am Handel mit solchen Daten?
48:45Und wo sitzen die Broker?
48:51Die Datenhändler sind weit weg vom Sterben an der Front.
48:58Ein Team des Bayerischen Rundfunks fährt zu einem Haus
49:01in einem luxuriösen Badeort in West Florida.
49:07Hier lebt der Mann, von dem der Datensatz stammt,
49:10der die Recherche ins Rollen brachte.
49:14Was sagt er zu den Gefahren,
49:16die von solchen Daten ausgehen?
49:19Tatsächlich öffnet er selbst die Tür.
49:22Ob er zu einem Interview bereit ist?
49:24Guten Tag, wir hatten Sie angeschrieben
49:27wegen eines Interviews zum Thema Datenhandel.
49:29Verlassen Sie mein Grundstück.
49:31Sofort.
49:40Einige Zeit später meldet sich ein Anwalt des Datenhändlers
49:44und weist jegliche Kritik zurück.
49:47Alle Daten seien anonym und mit Zustimmung der Nutzer erhoben worden.
49:51Man habe sie nie wissentlich an Regierungen oder Geheimdienste weitergegeben.
49:57Und was sagt die Berliner Firma,
49:59über die die Daten aus Florida bei den Journalisten von Netzpolitik landeten?
50:03Das Unternehmen fungiert als Vermittler,
50:06bringt Datenhändler und Käufer zusammen.
50:09Auch DataRate ist zu keinem Interview bereit,
50:12beruft sich schriftlich darauf,
50:14nur ein Verzeichnis für Datenhändler zu sein
50:16und selbst keine Daten anzubieten.
50:19Man verurteile jedweden illegalen Datenhandel aufs Schärfste.
50:24Und so floriert der Datenhandel immer weiter.
50:28Allein auf der Plattform DataRate
50:30tummeln sich mehrere Datenhändler wie der Mann aus Florida.
50:33Und DataRate ist wiederum nur eine von mehreren solcher Plattformen weltweit.
50:41Der Markt ist kaum zu regulieren, weil er so lukrativ ist.
50:45Dabei könnte jeder Einzelne das Teilen von Standortdaten deaktivieren.
50:50Aber das bedeutet, dass viele Apps nicht mehr richtig funktionieren.
50:54Das heißt, man hat eigentlich keine Auswahlmöglichkeiten.
50:57Man kann sich so ein Handy vorstellen wie ein Boot mit potenziell hunderten Löchern,
51:01überall tröpfeln Daten raus.
51:03Für politisch Verfolgte wie Basma Mostafa.
51:07Für Soldaten wie Dmitro und Swatislav.
51:10Und potenziell alle Handynutzer heißt das,
51:13Wer möchte, kann all ihre Bewegungen, Aufenthaltsorte und Gewohnheiten ausspionieren.
51:20Ist es das wert?
51:22Die Antwort ist nein.
51:24Nicht für die Menschen, nicht für die Gesellschaft,
51:27nicht für die Demokratie.
51:28Für Demokratie.
51:29Für Demokratie.
51:59...
Commentaires