00:23Guten Tag Herr Löwe, mein Name ist Gerd Klinkmann vom Heimatverein Wetter und ich
00:28freue mich dass sie heute hier in unseren Räumen im Heimatverein uns etwas erzählen wollen aus
00:35unserem Leben. Ich freue mich auch dass ich da sein darf und ich sollte meiner Kindheit berichten.
00:41Kindergärten oder Kinderbetreuung gab es überhaupt nicht. Also nur meine Eltern haben sich um mich
00:49gekümmert. Ich wurde damals noch in einem großen Korbwagen spazieren gefahren. Mein Vater hatte
00:57wenig Zeit, er musste ja auch viel arbeiten, aber meine Mutter war immer für mich da. Spielen durfte
01:02ich zu Hause auf der Bleiche. Das war eine eingezäunte kleine Wiese. Ich hatte praktisch nur einen Puppenwagen.
01:10Es gab ja wenig Spielzeug zu der Zeit. Badezimmer hatten wir auch nicht. Mein Badezimmer war eine
01:16Blechwanne. Aber Toilettenpapier gab es damals noch nicht. Heute hat man schöne Rollen, das kannten wir
01:23nicht. Bei uns wurde eine Zeitung in kleine Vierecke geschnitten, ein Loch durchgemacht und
01:29dann mit dem Bindfaden am Nagel aufgehängt. Ist mir nicht unbekannt, ja. Der Reinigungseffekt war
01:35natürlich dementsprechend. Aber auch das war ganz normal. Ja. Wir hatten aber auch da schon gelegentlich
01:44Fliegeralarm. Und die Kinder wurden evakuiert nach Pommern. Also jetzt Polen. Wir, unsere Schulklasse,
01:54kamen nach Daber, Kreis Naugart. Heute heißt das Novograd. Und da waren wir in einem kleinen Dorf.
02:04Das heißt eine Durchgangsstraße, keine Hauptstraße, rechts und links Häuser, Bauernhäuser. Und dann ging's
02:10wieder raus. Mehr war da nicht. Die Russen rückten ja näher. Meine Mutter hatte Angst, dass wir da von
02:18den Russen überrannt wurden. Ja. Dann hätten wir gar nichts mehr nach Hause gefunden. Dann sind wir also
02:26mit dem Güterwagen, weil da nichts anderes fuhr, nach Allenstein gefahren. Wir waren tatsächlich ein paar
02:35Tage beim Onkel. Und der hatte Beziehungen. Der kannte Leute. Und der hat uns dann gegen entsprechende,
02:45ich möchte nicht sagen Bestechung, ja. Aber... Schmiergeld. Ungefähr. Scheine besorgt, Passierscheine, dass wir
02:55wieder zurück nach Hagen fahren durften. Hagen war zwischendurch weiter zerbombt worden. Aber unser Haus
03:01stand zum Glück noch. Wie immer waren die Fensterscheiben kaputt. Aber ich hatte ein Hobby,
03:09Bombensplitter zu sammeln. Aha. Die fand man dann und das war etwas, was es vorher nie gegeben hat. War ja
03:17nicht ganz ungefährlich, nehme ich an. Naja, man durfte nicht gerade suchen, wenn die Bomben fielen. Wir
03:23gingen dann hinterher hin. Aber es waren überall Bombentrichter. Und natürlich rundherum lagen auch ein paar
03:30Splitter. Und die Kinder, die da waren, haben dann Splitter gesammelt. Und man machte dann
03:35Wettbewerb, wer hat die größeren, welche waren am schönsten gezackt und so weiter. Ja. Also es war
03:42ganz interessant. Und ich hatte ein richtiges Lager, ein Regal mit Bombensplitter. In der Körnerstraße war der
03:52Hochbunker. Ja. Aber hier kam eine Bombe im Gleitflug und hat genau einen Entlüftungsschacht getroffen.
04:02Ah. Ein Luftschacht. Ja. Ist explodiert. Und durch den Luftdruck hat es über 300 Tote gegeben. Dann wurden
04:13alle Hagener aufgefordert, schaut euch die Toten an, ob ihr die identifizieren könnt. Also auch wir
04:21Kinder. Ja. Schrecklich. Immer wieder gab es auch Tiefflieger. Keine Bombengeschwader, sondern Tiefflieger, die
04:32kamen vielleicht in 50, 100 Meter Höhe angeflogen und schossen auf alles, was sich bewegte. Die Flakgeschütze haben ja auch
04:41viele Flugzeuge vom Himmel geholt. Mein Vater hat sich schon um fünf Uhr angestellt. Der hatte schon
04:50fast 100 Leute vor sich. Jeder kriegt aber nur ein Pfund, ein Pfund Brot, ein Stück, damit alle was
04:59kriegten. Die Schulen hatten keine Kohle. Und wir zu Hause hatten auch nicht viel Kohlen. Wir sind denn selber
05:09gelaufen. Wenn irgendwo ein Wagen mit Kohlen oder Brikett herfuhr, sind wir aufgesprungen, haben schnell ein paar
05:16Brikett runtergeworfen, damit wir was für die Schule hatten.
05:24Am 20. Juni 1948 gab es dann die Währungsreform. Wir hatten ja da immer noch die Reichsmark. Und da gab
05:35es dann die
05:36Deutsche Mark. Für 40 Reichsmark kriegten wir 40 Deutsche Mark. Und plötzlich gab es alles, aber 40 Deutsche Mark sind
05:49schnell ausgegeben.
05:52Und jetzt hatten wir Lebensmittel, aber kein Geld. Was immer noch funktionierte, das war die Zigarettenwährung.
06:01Der Heimatverein ist froh, dass Sie so freundlich waren, hier alles aus Ihrem Leben zu erzählen. Und wir können nur
06:11sagen Danke
06:12und alles Gute weiterhin.
06:15Gern geschehen. Ich hoffe, ich habe Ihnen damit gefreut getan.
06:19Auf jeden Fall.
06:21Und Sie können das, was ich erlebt habe, bewahren. Denn wer soll es sonst bewahren?
06:26Es gerät ja alles in Vergessenheit. Also nochmal Dankeschön, dass Sie mich überhaupt eingeladen haben.
06:46Vielen Dank.
06:47Vielen Dank.
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