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  • hace 4 meses

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Transcripción
00:00Majestad, Königin Hoheit, Excellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren.
00:08Es ist für mich eine große Ehre und zugleich eine große Freude,
00:14dass ich in dieser traditionsreichen Stadt Oviedo diese hohe Auszeichnung erhalten habe.
00:21In dem berühmten Dialog von Platon, Apologie,
00:25in dem Sokrates angesichts seines Todesurteils sich selbst verteidigt,
00:33spricht er von der Bestimmung des Philosophen.
00:38Die Rolle des Philosophen besteht darin, Athena aufzurütteln, zu kritisieren, zu irritieren, zu ermahnen,
00:50so wie eine Bremse, ein edeles, aber träges Pferd, das er mit Athen vergleicht,
00:59aufreizt, sticht und dadurch einschwormt.
01:05Ich bin ein Philosoph.
01:08Als Philosoph habe ich diese sokratische Bestimmung der Philosophie verinnerlicht.
01:14Auch meine gesellschaftskritische Schriften haben viel Irritation geschifftet,
01:22Menschen verunsichert und gleichzeitig aufgerüttelt.
01:27Bereits mit meinem Essay »Müdigkeit Gesellschaft« versuchte ich,
01:33der Bestimmung des Philosophen gerecht zu werden,
01:36nämlich die Gesellschaft zu ermahnen und wach zu rütteln.
01:41Irritieren war bereits die These, dass die grenzenlose individuelle Freiheit,
01:49die der Neoriberalismus uns suggeriert, eine Illusion ist.
01:58Wir denken heute, wir sind freier denn je.
02:01In Wirklichkeit leben wir in einem neolibalen Herrschaftsregime,
02:06das gerade die Freiheit ausbeutet.
02:09Wir leben nicht mehr in einer Disziplinargesellschaft,
02:13die vom Verbot und Befehl beherrscht ist,
02:16sondern in einer Leistungsgesellschaft,
02:20die angeblich frei ist, die vom Können bestimmt ist.
02:25Aber dieses grenzenlose Können erzeugt nur am Anfang ein Gefühl der Freiheit,
02:32weil erzeugt mehr Zwänge, also innere Zwänge, als du sollst.
02:37Man wehnt sich zwar in Freiheit, aber in Wirklichkeit beutet man sich
02:45leidenschaftlich und freiwillig aus, bis man zusammenbricht.
02:50Dieser Zusammenbruch heißt Burnout.
02:55Wir gleichen in einem Knecht, der dem Herrn die Peitsche entreißt
03:01und sich selbst peitscht, um frei zu sein.
03:06Das ist die Illusion der Freiheit.
03:11Die Selbstausbeutung ist viel effizienter als die Fremdausbeutung,
03:17weil sie mit dem Gefühl der Freiheit einhergeht.
03:21Ich habe auch vielfach auf die Gefahren der Digitalisierung hingewiesen.
03:27Ich bin überhaupt nicht gegen Smartphone oder Digitalisierung.
03:31Ich bin auch kein Kulturpessimist.
03:35Das Smartphone kann ein sehr nützliches Werkzeug sein.
03:38Es wäre ganz unproblematisch, wenn wir das Smartphone als Werkzeug benutzen würden.
03:44In Wirklichkeit sind wir aber das Werkzeug des Smartphones geworden.
03:51Das Smartphone benutzt uns und nicht umgekehrt.
03:55Und nicht das Smartphone ist unser Produkt, sondern wir selbst sind sein Produkt.
04:02Der Mensch wird oft zum Sklaven seiner eigenen Hervorbringung.
04:09Soziale Medien hätten auch ein Medium der Liebe und Freundschaft sein können.
04:16In den sozialen Medien herrschen aber Hass, Fake News und Aggression.
04:22Sie machen uns nicht sozial, sondern einsam, aggressiv und berauben uns der Empathie.
04:29Ich bin auch nicht gegen künstliche Intelligenz.
04:34Sie kann sehr nützlich sein, wenn sie für gute humane Zwecke eingesetzt werden würde.
04:43Auch in Bezug auf künstliche Intelligenz besteht eine akute Gefahr,
04:48dass der Mensch wieder zum Knecht seiner eigenen Hervorbringung wird.
04:53Sie kann eingesetzt werden, um die Menschen zu steuern, zu kontrollieren und zu manipulieren.
05:02Daher bestünde die dringende Aufgabe der Politik heute darin,
05:07die technische Entwicklung zu kontrollieren und zu steuern,
05:12statt ihr hinterher zu laufen.
05:15Technik ohne politische Steuerung, Technik ohne Ethik kann eine monströse Form annehmen
05:23und den Menschen wieder versklaven.
05:28In letzter Zeit habe ich viel über den zunehmenden Verlust des Respekts in unserer Gesellschaft nachgedacht.
05:35Wenn jemand heute eine andere Meinung vertritt, erklären wir ihn schnell zum Feind.
05:43Es ist kein Diskurs mehr möglich, auf dem gerade die Demokratie beruht.
05:50Schon Alexis de Tocqueville, der ein berühmtes Buch über die US-amerikanische Demokratie verfasste,
05:58wusste, dass die Demokratie mehr braucht als formale Verfahren wie Wahlen und Institutionen.
06:16Was die Demokratie prägt, sind,
06:19auf Französisch Mörs,
06:23also Sitten und Tugenden der Bürger wie Gemeinsinn,
06:27Verantwortung, Vertrauen, Freundschaft und Respekt.
06:32Vor allem der Respekt ist ein soziales Bindemittel.
06:37Ohne diese Mörs, ohne diese Tugenden und Sitten der Bürger
06:40entleert sich die Demokratie zu einem bloßen Apparat.
06:46Wahlen verkommen zu einem leeren Ritual.
06:51Die Politik erschöpft sich in Machtkämpfen.
06:55Parlamente liefern die Bühne der Selbstinszenierung der Politiker.
07:02Und der Neovialismus hat eine große Zahl von Verlierern, Losern hervorgebracht.
07:11Die Schwere zwischen Reich und Arm wird immer größer.
07:15Abstiegsängste haben bereits den Mittelstand erreicht.
07:20Gerade diese Ängste treiben die Menschen in die Arme von Autokraten und Populisten.
07:28Wir glauben heute, dass wir in einer Gesellschaft leben,
07:31die freier ist denn je.
07:35Grenzenlos sind Optionen in jedem Lebensbereich,
07:39dank Dating-Apps auch in der Liebe.
07:43Alles ist sofort verfügbar.
07:45Die Welt gleicht einem riesigen Warenhaus,
07:48das das alles konsumierbar macht.
07:52Infini Scroll verspricht unbegrenzte Informationen.
07:56Soziale Medien machen eine grenzenlose Kommunikation möglich.
08:04Dank Digitalisierung sind wir miteinander total vernetzt,
08:09aber wir sind ohne Beziehung und Bindung.
08:13Das Soziale erodiert.
08:16Wir verlieren jede Empathie, jede Aufmerksamkeit für den Anderen.
08:25Authentizität und Kreativität heraus suggerieren eine wachsende individuelle Freiheit.
08:33Gleichzeitig haben wir aber ein diffuses Gefühl,
08:38dass wir in Wirklichkeit nicht frei sind,
08:41dass wir vielmehr von einer Sucht zu Anderen,
08:44von einer Abhängigkeit zu Anderen taumeln.
08:49Wir werden von einem Gefühl der Leere heimgesucht.
08:52Der Liberalismus hat ein Vakuum hinterlassen.
08:57Wir haben keine Werte oder Ideale mehr,
09:02mit denen dieses Vakuum gefüllt werden könnte.
09:08Es stimmt etwas nicht mit unserer Gesellschaft.
09:15Meine Schriften erheben eine teilweise massive Klage
09:20gegen unsere Gegenwartgesellschaft.
09:23Meine Kulturkritik hat nicht selten Menschen irritiert,
09:27wie jene sokratische Bremse,
09:30die das träge Pferd sticht und anspornt.
09:34Ohne Irritationen setzt sich das Gleiche fort.
09:40Unmöglich wird dadurch die Zukunft.
09:44Obwohl ich die Menschen irritiert habe,
09:47wurde ich glücklicherweise nicht zum Tode verurteilt,
09:54sondern heute mit einem schönen Preis geehrt.
09:59Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen.
10:02Vielen Dank.
10:02Vielen Dank.
10:04Vielen Dank.
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